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Landschaft von Ostfriesland
GARTEN DES HOFES HESSE/TAMMEN |
STRUKTUR / GARTEN DES HOFES HESSE/TAMMEN

Der Garten des Hofes Hesse/Tammen in Bunderhee

 

Die Landwirtschaft war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf deutscher und niederländischer Seite entlang des Dollart gesegnet mit guten Ernten und hohen Getreidepreisen. Die fruchtbaren Böden und die fetten Weiden mit den großen Viehherden machten die Bauern, deren Hofgrößen oftmals 100 Hektar und mehr betrugen, reich.

Dieser Wohlstand der „Polderfürsten“ oder „Herrenbauern“ sollte gern zur Schau gestellt werden. Prachtvolle Hausfassaden, die die Formensprache bürgerlicher Stadthäuser aufgriffen, kaschierten die Wirtschaftsteile zur Straße hin, und den Abstand zwischen Haus und Straße füllten aufwändig angelegte Gärten. Ihre Gestaltung leitete sich von den englischen Landschaftsgärten ab, nahm Wasserläufe, Geländeerhöhungen und Teiche mit weißen Brücken auf sowie besondere Einzelbäume oder Baumgruppen. Nach den geschwungenen Wegen wurden diese Gärten „Slingertuin“ genannt. Ihre Pflege war sehr arbeitsintensiv, es bedurfte zum Teil extra Personal dafür. Der Garten war Statussymbol und Visitenkarte der wohlhabenden Bauernfamilie.

Nach 1880 wurden Wohnhaus und Scheune der Familie Johann Hesse deutlich vergrößert, wie die Erhöhung der Beiträge um das 1 ½-fache an die Brandkasse anzeigt. Am 27. August 1899 kam es jedoch zu einem Brand, dessen Ursache offenbar nicht geklärt werden konnte. Nach den Zahlungen der Brandkasse konnten die Gebäude durch Wilhelm Hesse, der 1897 Eigentümer geworden war, noch bis zum Ende desselben Jahres wieder errichtet werden und zwar in noch größeren Dimensionen. In diesem Zusammenhang ist wohl auch die Idee einer Gartenanlage zu sehen. Zu den repräsentativen Gebäuden passte ein ebensolcher Garten.

Im Oldambt, den niederländischen Poldergebieten am Dollart, erarbeitete sich Gerardus Vroom aus Sappemeer einen guten Ruf mit der Gestaltung dieser bäuerlichen Variante der Landschaftsgärten. Seine Familie prägte über vier Generationen als Gartenarchitekten die Region und das auch über die niederländische Grenze hinweg. Der Enkel, Jan Vroom, entwarf um 1900 für den Hof Hesse in Bunderhee den 1 ½ Hektar großen Garten mit einem kleinen Aussichtshügel, dessen Plan erhalten ist und mit als Grundlage zu seiner Rekonstruktion diente. Im Gegensatz zu den Landschaftsgärten befinden sich die Slingertuinen vor und nicht hinter dem Haus – dort beginnt zumeist sofort der Acker. Sie leiten nicht den Blick vom Haus weg quasi fließend von der gestalteten Natur des Gartens in die Landschaft hinein, sondern lenken ihn im Gegensatz direkt auf das Haus, das sich auch schön in einem Teich spiegeln kann.

Nicht ganz üblich war, dass Vroom hier eine Verbindung von Zier- und Nutzgarten schuf, indem er in den in Medaillons geformten Beeten und Abschnitten auch Obst, unter anderem Himbeeren, und Gemüse vorsah. Die Brücke über den Teich sollte nicht weiß, sondern aus Naturholz sein.

Ab den 1930er Jahren verschwanden viele dieser Gärten wieder. Die Industrialisierung zog viele Arbeitskräfte in die Städte, andere Ausdrucksformen avancierten zu neuen Statussymbolen. Große, damals als besonders wertvoll erachtete Blutbuchen können aber auch heute noch ein Zeichen für einen einstmals vorhandenen Slingertuin sein.

1934 heiratete Wilhelmine Hesse den Landwirt Ihno Ihnen Tammen. So änderte sich der Hofname von Hesse zu Tammen. Die Landwirtschaft blieb Lebensgrundlage und wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortgeführt. Agrartechnische Innovationen fanden aber kaum den Weg auf den Hof, so blieb z.B. im Viehstall des Gulfhauses eine nachträglich eingezogene Stromleitung die einzige Neuerung. Der Garten war, als die Ostfriesische Landschaft 2006 Hof und Gelände von den Erben erwarb, stark verwildert. An eine baldige Sanierung war aber nicht zu denken, da zunächst das benachbarte Steinhaus restauriert und danach sein Umfeld gestaltet werden mussten. Ab 2016 konnte die Ostfriesische Landschaft ihre Bemühungen um Fördergelder für den Park verstärken. Ende 2018 wurden schließlich Mittel des Landes Niedersachsen bewilligt und es kamen Zuschüsse vom Landkreis Leer, der Gemeinde Bunde, der VGH-Stiftung sowie der Bingo-Umweltstiftung, so dass 2019 die Wiederherstellung der Anlage erfolgen konnte. Zusammen mit dem Steinhaus können nun die Geschichte und Lebenswelt vom spätmittelalterlichen Großbauern (Häuptling) über die frühe Neuzeit und Barockzeit bis hin zum modernen bäuerlichen Selbstverständnis in der Zeit um 1900 kontinuierlich anhand der originalen Gegebenheiten nachvollzogen werden.

 

Plan Slingertuin

 

 

 

 

 

Benutzung des Garten Tammen und des Gartens am Steinhaus Bunderhee

Benutzungsordnung

 

 

Südlich des Gartens des Hofes Hesse/Tammen befindet sich das Steinhaus Bunderhee

 

 

 

 

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