Abb. 1 Dreischiffiges Wohnstallhaus vom 
Typ Gasselte B (Foto: M. Kanczok).

 


Abb. 2 Grubenhaus mit Sodenwänden und
tiefreichenden Pfosten
(Foto: M. Kanczok).

 

 


Abb. 3 Profilschnitt durch zwei nacheinander 
angelegte Sodenbrunnen
(Foto: M. Kanczok).

 

 

 

 

Mittelalter

Remels (2007)

FdStNr. 2612/8:34, Gde. Uplengen, Ldkr. Leer

In dem Geestort Remels hatten Suchschnitte im Jahre 2006 mittelalterliche Siedlungsspuren aufgedeckt. Sie waren im Vorwege der Planungen zur Errichtung eines Supermarktes mit Parkplätzen und weiteren Gebäuden angelegt worden. Das Gelände liegt in unmittelbarer Nähe östlich der Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Von der Baumaßnahme sollte neben bereits bebauten Flächen auch eine größere bisherige Ackerfläche betroffen sein. Im Berichtsjahr wurde mit Hilfe des Zentrums für Arbeit, Leer, der Gemeinde Uplengen sowie finanzieller Unterstützung durch die Fa. Lidl zunächst in dem ca. 1 ha großen Brachland eine Flächengrabung aufgenommen. Danach sollen in einer zweiten Kampagne die Flächen unter den abzubrechenden Gebäuden freigelegt werden. Auch dort steht ein mächtiger Plaggenesch an, der die Befunde konserviert hat.

Schon beim Öffnen der ersten Quadranten zeigte sich, dass mit einer viel größeren Befundmenge gerechnet werden musste, als es die Untersuchungen des Vorjahres hatten vermuten lassen. Um relativ zügig die Befundsituation erfassen zu können, wurde der Plaggenesch in einer Mächtigkeit zwischen 0,90 - 1,20 m mit dem Bagger abgetragen. Durch diesen hohen spätmittelalterlichen Humusauftrag waren die Befunde weitgehend von den modernen Pflugarbeiten verschont geblieben. Lediglich sog. Wölbackergräben überdeckten einige Befunde und störten sie im oberen Bereich. Bisher konnten ca. 2400 Befunde in der Fläche aufgedeckt werden. Vorrangig handelt es sich um ein- und mehrphasige Pfostengruben, Siedlungsgruben, Grubenhäuser, Brunnen und verschiedene Gräben.

Die Fläche in Remels enthält eine große Anzahl an Pfostenlöchern, die z.T. in Reihen liegen. Bisher konnte ein Hausgrundriß identifiziert werden: Haus I (Abb. 1) ist ein dreischiffiges Wohnhaus mit leicht schiffsförmigem Grundriss, der wohl dem Typ Gasselte B entspricht. Es war West-Ost ausgerichtet, 15 m lang und 7,75m (W) bzw. 5,75 m (O) breit. Zusätzlich besaß es einen Anbau am Westende von 2,50 m Länge. Innerhalb des Hauses gab es eine schmale rechteckige Grube von 3,75 x 0,50 - 0,75 m Ausdehnung. Obwohl sie zuerst als Jaucherinne angesprochen wurde, ergab ihre Tiefe von über 0,50 m und das Fehlen einer Fortsetzung der Rinne über das östliche Hausende heraus keine weiteren Hinweise dazu. Die Grube war abgesehen von einigen unbearbeiteten Feldsteinen fundleer.

Im Nordwesten der Grabungsfläche wurde ein erstes Grubenhaus (Bef. 416) freigelegt (Abb. 2). Seine Verfüllung zeichnete sich als annähernd quadratische, 5,00 x 4,60 m große Verfärbung in unterschiedlichen Grau- bis Schwarztönen ab. Das Haus ist etwa 0,50 m in die damalige Oberfläche eingetieft gewesen. Die Wände des Grubenhauses sind aus Gras- bzw. Erdsoden errichtet gewesen. Sie waren als Rechtecke von 0,30 x 0,20 m bis 0,50 x 0,50 m Größe mit Humus- und Bleichsandanteilen erkennbar. Die Westwand zeigte eine doppelte Sodenreihe. In den Ecken und auf der Mitte dreier Wände wurden 0,70 - 1,00 m tiefe Pfostengruben dokumentiert. Die Südwand besaß derer zwei, die im Abstand von 1,00 m (Innenmaß) zueinander lagen. Vielleicht befand sich dort etwa mittig die Eingangstür. Die massiven Pfosten innerhalb der Wände hatten anscheinend ein schweres Dach zu tragen. Grauschwarze Verfärbungen von herunter gefallenen Soden innerhalb des Hauses deuten darauf hin, dass auch das Dach des Grubenhauses entsprechend bedeckt gewesen ist. Weiterhin ist eine rechteckige Grube (Bef. 416.42) zu nennen, die sich in der Hausmitte befand. Im Planum erschien sie als oval-rechteckige wannenförmige Lehmlage in bzw. auf einer rechteckigen Grube mit einer dunkelhumosen Verfüllung. Diese Lehmwanne bestand aus unterschiedlich hart verziegeltem Material und mutete zunächst wie der Rest einer Feuerstelle an. Unterhalb des verziegelten Lehms befand sich allerdings eine relativ große, 0,52 m tiefe, leicht V-förmige Grube, gefüllt mit stark humosem Material, Holzkohleanteilen sowie noch nicht näher bestimmten Pflanzenresten. Ob das Grubenhaus als Werk- oder Wohnhaus genutzt wurde, ist noch unklar. Ein weiteres Grubenhaus ist im südöstlichen Bereich der Grabungsfläche aufgedeckt, aber noch nicht abschließend untersucht worden. Allem Anschein nach darf hier mit doppelreihigen Sodenwänden gerechnet werden, was noch weitere Auskünfte über diese Konstruktionsart erwarten lässt.

Des Weiteren wurden zahlreiche Siedlungsgruben unterschiedlicher Größe und Form festgestellt. Eine Kategorie sind im Profil linsenförmige, unregelmäßig getreppte und Gruben mit unterschiedlich stark geneigten Wänden. Sehr häufig traten wannenförmige Gruben mit leicht welliger oder sehr gerader Sohle auf. Sie sind mit homogenem dunklem oder stark marmoriertem Material verfüllt. Größe und Tiefe dieser Gruben variieren stark zwischen 0,60 und 2,00 m Breite und 0,17 - 0,40 m Tiefe oder mehr. Neben vielen Einzelgruben kommen häufig ineinander verschachtelte Grubenkomplexe vor.

Die Wasserversorgung der Siedlung wurde durch verschiedene Brunnen gewährleistet. Sie zeichnen sich in der Fläche als runde bis ovale dunkelbraune Verfärbungen mit Durchmessern von 2,00 - 4,60 m ab. Bisher können sieben potentielle Brunnen lokalisiert werden, von denen drei bereits ausgegraben werden konnten. Darunter ist Bef. 1114, der sich als rund-ovale Grube mit einem Durchmesser von 4,64 m in der Fläche abzeichnete. Er lag unmittelbar westlich des Hauses I, lässt sich also auf dieses beziehen. Beim Schneiden zeigte sich rasch, dass hier zwei Brunnen nacheinander angelegt worden sind (Abb. 3). Der Ältere besaß einen rechteckigen Brunnenkasten, der in Blockbauweise konstruiert wurde. Um diese Holzkonstruktion sind schon auf der Sohle der Baugrube Grassoden plaziert worden. Der Holzkasten hatte eine Länge von 1,80 m und eine Breite von 1,60 m. Oberhalb des Kastens stand der Brunnenschacht aus Grassoden an, der mit einer Höhe von 1,96 m fast bis zur Grubenoberkante dokumentiert werden konnte. In dem jüngeren, unter Planum rund 2,00 m tiefen Brunnen befand sich ebenfalls ein Holzeinbau. Allerdings ist dort versucht worden, mit gebogenen Hölzern eine annähernd runde Form zu erreichen. Dazu wurden die Hölzer lagenweise an- und aufeinander gelegt, ohne die Kanten miteinander zu verzapfen. Als Stabilisatoren wurden schwere Steine außen an die Brunnenwand gelegt. Nach der Nutzung des Brunnens ist der Schacht mit Feldsteinen zugeschüttet worden.

Als Zwischenbilanz kann festgehalten werden, dass die Rettungsgrabung im Ortskern erstmalig einen Blick in die frühe Siedlungsgeschichte des Geestortes Remels gestattet. Dabei belegen die Keramikfunde, so etwa Muschelgrus- und Badorfer Ware aus dem Grubenhaus, einen Siedlungsbeginn an dieser Stelle im 9. Jahrhundert. Während sich die frühmittelalterlichen Befunde bisher im Nordwesten der Grabungsfläche konzentrieren, dominieren weiter südöstlich die hoch- und spätmittelalterlichen Siedlungsphasen. In Erstere wird das Haus I zu datieren sein. Zum Fundgut gehören neben der zahlreichen Keramik mehrere Brocken Eisenschlacke, ein Mahlsteinrest aus Basaltlava und ein Wetzstein. Besonders hervorzuheben ist die für Ostfriesland bisher einmalige Auffindung einer vergoldeten Heiligenfibel mit Emaileinlage, die der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts zuzuordnen ist.

M. Kanczok

Ausgrabung Remels 2008

 

Fundchroniken  Zeittafel Grabungen 2007