Abb. 1  Reste einer Holzkonstruktion, die zu einer Brücke gehört haben dürfte.

 




Spätes Mittelalter / Frühe Neuzeit

Detern (2002)
FdStNr. 2712/7:2-3, Gemeinde Detern, Ldkr. Leer

Nördlich des alten Ortskernes von Detern wurde eine annähernd West-Ost verlaufende Umgehungsstraße gebaut. Die Erdarbeiten wurden mit Unterstützung des Landkreises Leer archäologisch begleitet, weil zu erwarten stand, dass am östlichen Ende der Straße Relikte der sog. Schlüsselburg (Slotelborch) im Boden verborgen sein würden. So waren bereits 1978 beim Bau eines Nebengebäudes im nördlichen Bereich des Molkereigeländes u.a. Backsteine gefunden und ein verfüllter Graben randlich angeschnitten worden. Dieses Gebäude wurde nun abgerissen, um der Straße Platz zu schaffen. Das eigentliche Burggelände wird auf den nördlich angrenzenden Parzellen vermutet, wo zwei deutliche Geländekuppen erkennbar sind.

Die Schlüsselburg ist Bestandteil einer ehemaligen Landwehr gegen das oldenburgische Gebiet gewesen, sie sicherte den Eingang nach Ostfriesland (van Lengen 1968). Über ihre Anfänge ist nichts bekannt. Im 15. Jahrhundert scheint sie zweimal zerstört worden zu sein, zuerst 1408 durch Keno tom Brok und zwischen 1435 und 1439 durch die Hamburger. Danach scheint sie bis 1447 durch Ulrich Cirksena wieder aufgebaut gewesen zu sein. Nach der Erbauung der Burg im benachbarten Stickhausen um 1450/51 hat die Schlüsselburg dann anscheinend ihre Funktion verloren und erscheint auch nicht mehr in den Schriftquellen. Entsprechend unklar ist, wann sie endgültig abgebrochen wurde und wo sie letztendlich lokalisiert werden soll.

Schon beim Abriss des unterkellerten Nebengebäudes zeigte sich unterhalb der Fundamente eine dunkel-humose, mit Backsteinbrocken durchsetzte Schicht, die rasch als Verfüllung des schon 1978 vermuteten Grabens identifiziert werden konnte. Da dieses Material als Baugrund für die Straße ungeeignet war, musste es im Verlauf der Trasse mit einem Bagger bis auf den gewachsenen Boden, ein pleistozäner Geschiebelehm, entfernt werden. Angesichts der besonderen Tiefe von z.T. mehr als 3,50 m vollzog sich diese Arbeit in mehreren Etappen, wobei einzelne Bereiche aus Sicherheitsgründen zwischenzeitlich wieder mit Sand verfüllt werden mussten. Trotzdem ist es gelungen, den Verlauf des Grabens auf der West- und der Südseite zu dokumentieren (Abb. 2). Bemerkenswert war die beachtliche obere Breite der Gräben, die mit rund 15 m für den westlichen und knapp 19 m für den südlichen angegeben werden kann. Im Querschnitt waren die Gräben muldenförmig.


Abb. 2  Dokumentation des Grabenverlaufs und der Befunde.

In dem südlichen Graben konnten Reste einer Holzkonstruktion freigelegt werden (Abb. 1): Zwei Paare massiver Rammpfosten hatten jeweils einen 0,28 x 0,28 m starken Erlenholzbalken (Bestimmung Fa. DELAG, Göttingen) von 4,50 bzw. 5,00 m Länge gehalten. Sie waren knapp vor ihren Enden in entsprechend ausgenommenen Stellen mit den Rammpfosten verzapft, aber durch Erddruck und den Baggereingriff aus ihrer ehemaligen Lage gebracht. Die Balken waren in Längsrichtung am Verlauf des Grabens orientiert, der südliche war zusätzlich durch zwei größere Feldsteine gesichert gewesen. Mit der Auffindung eines fünften Rammpfostens 3,50 m weiter nördlich erhärtete sich der Verdacht, dass es sich bei dieser Konstruktion um den Unterbau einer quer über den Graben verlaufenden Brücke handeln muss. Weiter südlich waren keine Beobachtungen möglich, da dort ein älterer Abwasserschacht mögliche weitere Befunde schon zerstört hatte. Es wird sich dort jedoch eine weitere Konstruktion dieser Art befunden haben, womit von einer insgesamt mindestens vierjochigen Anlage ausgegangen werden kann. Die Brücke wird ehedem nicht direkt in gerader Richtung zu erreichen gewesen sein, da wenig südöstlich von ihr ein weiterer Graben eingetieft gewesen ist, der lediglich einen etwa 8 m schmalen Zugang aus östlicher Richtung und damit parallel zum Hauptgraben gestattete. Auf das Ganze gesehen erlauben die jetzt erhobenen Befunde im Zusammenschluss mit den topographischen Gegebenheiten einen ersten Rekonstruktionsvorschlag zur Lage der Schlüsselburg (Abb. 3).


Abb. 3  Rekonstruktion der Lage der Schlüsselburg.

Sehr instruktiv sind in diesem Zusammenhang die Kleinfunde aus der Grabenfüllung zwischen den Pfostensetzungen, also unter der Brücke: Zum einen ist ein Bootshaken (Abb. 4) zu nennen, der die Schiffbarkeit des Grabens belegt, zum anderen ein Armbrustbolzen (Abb. 4 links) mit hölzernen Schaftresten, der am Wehrcharakter der Anlage keinen Zweifel mehr lässt. Weiter wurden ein Löffelbohrerbruchstück (Abb. 4 Mitte) als Hinweis auf die Anwesenheit von Handwerkern gefunden, schließlich Scherben von importiertem Steinzeug (Abb. 4 rechts), die in einer Burganlage erwartbar sind. Bei dem Steinzeug handelt es sich um Produkte aus Langerwehe und Siegburg vom Ende des 16. Jahrhunderts (Auskunft von Frau Dr. M. Roehmer, Museum Norden). Bis in diese Zeit scheint der Burggraben also noch offen gewesen zu sein. Wann die Brücke gebaut worden ist, ließ sich hingegen nicht klären, da der Versuch einer dendrochronologischen Datierung der Rammpfähle aufgrund zu geringer Jahrringanzahlen fehlschlug.


Abb. 4  Funde aus der Grabenfüllung: Armbrustbolzen, Bootshaken, Löffelbohrerspitze und Steinzeug.

Am östlichen Ende der Straßentrasse wurde ein weiterer Graben randlich angeschnitten. Bei ihm scheint es sich um den Süd-Nord verlaufenden ehemaligen „Landwehrgraben“ zu handeln, der östlich der Burg verlief und in den der Burggraben gemündet haben muss. Die Beobachtungsmöglichkeiten waren allerdings eingeschränkt, weil ein Kellerraum des vormals hier bestehenden Gasthauses „Zum Schinken“ in die Verfüllung des Grabens gesetzt worden war. Die klosterformatigen Backsteine des Kellers werden den Gebäuden der Burganlage entstammen. Der Keller des Gasthauses hat indes wenigstens einen Umbau erfahren, bevor er durch einen Neubau ersetzt worden ist. Von letzterem zeugten noch Treppenstufen (Abb. 02i) und weitere Baureste, die jedoch nicht mehr eingehend untersucht werden konnten.

Lit.: van Lengen, H., Die Entstehung der Burg Stickhausen. Ostfriesland, Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Verkehr, 1968/3, 74-83.

R. Bärenfänger

Fundchroniken Zeittafel Grabungen 2002