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Fund des Monats

 

Der Archäologische Dienst und das Forschungsinstitut präsentiert seit Oktober 2013 auf seinen Seiten den "Fund des Monats". Nach Möglichkeit jeden Monat zeigen wir Ihnen einen besonderen Fund, der bei aktuellen Ausgrabungen oder der wissenschaftlichen Bearbeitung im Fundarchiv entdeckt worden ist. Er wird im Original im Foyer des Forschungsinstitutes (Hafenstr. 11; 26603 Aurich) ausgestellt. Begleiten Sie unsere Arbeit von Monat zu Monat.

Haben Sie Anmerkungen, Anregungen oder Kritik zum "Fund des Monats", dann senden Sie uns bitte eine Nachricht an: archaeologie@ostfriesischelandschaft.de.

Wenn Sie die Bilder über den Link vergrößern, bitte anschließend sehr weit hinunterscrollen, damit Sie die Fotos genauer betrachten können.

 

 

Fund des Monats - Oktober 2020

2512/3:19 Reepsholt. Funde aus dem Grabhügel "Heseler Barg": Im Hintergrund ein Polier- oder Glättstein (links), daneben ein Klopfstein. Bei den Flintfunden im Vordergrund handelt es sich um ein Kratzer- oder Klingenfragment (ganz links), ein paar Abschläge und Trümmer (Foto: I. Reese/ Ostfriesische Landschaft).
Viele der Flintbruchstücke weisen Oberflächenrisse auf und sind stellenweise ganz weiß. Dies geschieht wenn Flint großer Hitze ausgesetzt wird. Gebrannter kalzinierter Flint tritt immer wieder in vorgeschichtlichem Grabkontext auf (Foto: I. Reese/ Ostfriesische Landschaft).

 

2512/3: 19 – Reepsholt: Fundensemble aus dem Grabhügel „Heseler Barg“

 

Das Land der verschwundenen Grabhügel

 

Streng genommen kein Titel, den Ostfriesland allein für sich verbuchen könnte. Man vermutet, dass - wie einst auch die eindrucksvollen Großsteingräber - tausende von Grabhügeln aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten das urgeschichtliche Landschaftsbild Norddeutschlands prägten. Mittlerweile sind fast alle verschwunden. Die einzigen, die sich halten konnten, waren solche, die bis heute im Wald liegen und solche, die im Laufe der Jahrhunderte eine ständige Umwidmung (Versammlungsstätte, Richtstätte, Fokus für ein Ortszentrum, oft mit einem großen, alten Baum darauf) erfuhren oder schlichtweg einfach zu groß waren, um ohne ein gewisses Bewusstsein für die Unwiederbringlichkeit des Ganzen abgetragen zu werden.Dort, wo heute noch solche Hügel zu sehen sind, sind sie für die Menschen vor Ort faszinierende und geheimnisvolle Identifikationsorte. Sie gehören zu den wenigen wirklich alten obertägigen archäologischen Hinterlassenschaften. Ihre Prominenz war aber auch ihr Untergang: Erstens waren sie weithin sichtbar und weckten in allen Zeiten Neugierde und zuweilen auch Gier, zweitens lagen sie häufig an ohnehin alten und wichtigen Routen, die im Laufe der Jahrhunderte ausgebaut und befestigt worden sind. Diesen Routen mussten die Grabhügel letztendlich vielfach weichen. Viele berühmte Funde aus Grabhügeln wurden im 19. Jahrhundert während des Chausseebaus und im frühen 20. Jahrhundert während weiterer Straßenausbauphasen entdeckt. In Ostfriesland kommt noch erschwerend hinzu, dass die Grabhügel vornehmlich dort lagen, wo auch die besten Siedlungsbedingungen vorzufinden waren: auf den höher gelegenen Geestrücken. Spätestens mit dem archäologischen Forscherdrang im 19. Jahrhundert, der oft mit der Anlage einer großen privaten oder musealen Sammlung einherging, wurden viele Hügel „getrichtert“, also von oben trichterförmig bis zur vermeintlichen Zentralbestattung angegraben, um die Beigaben der dort enthaltenen Bestattungen zu bergen. Viele auch heute ansonsten noch erhaltene Hügel tragen solche Narben. Das weitaus häufigste Schicksal eines Grabhügels ist aber die langsame Zerstörung durch das stetige Beackern. Selbst wenn er einmal einige Meter hoch gewesen sein mag, so wird er über kurz oder lang doch immer stärker eingeebnet. Auch in Ostfriesland sind auf diese Weise viele Grabhügel verloren gegangen. Ein solch überpflügtes Exemplar südlich des Knyphauser Waldes zwischen Wiesedermeer und Reepsholt war 1973 Gegenstand einer Rettungsgrabung. Was also lässt sich dann im Boden noch nachweisen? Wie hoch der Hügel ursprünglich gewesen war, ließ sich nicht mehr rekonstruieren. Zum Zeitpunkt der Grabung war er noch 1,3 m hoch bei einem Durchmesser von 12 m. Etwa in der Mitte ließ sich eine rechteckige Grube nachweisen, die bis unter die Sohle in den gewachsenen Boden reichte und so noch nicht vom Pflug betroffen war. Sie enthielt kein Knochenmaterial mehr, aber Form und Lage machen es mehr als wahrscheinlich, dass sich dort das Zentralgrab befand. Umgeben war diese Grube von einem partiell vorhandenen doppelten Pfostenkreis mit einem Durchmesser von 8 m. An einigen Stellen war noch zu erkennen, dass der Hügelkörper aus Grassoden, also „Plaggen“, aufgebaut gewesen war. Nicht mehr zu erkennen war, ob neben der zentralen Bestattung auch noch weitere, sogenannte Nachbestattungen vorhanden gewesen sind. Grabhügel enthalten in den meisten Fällen keine reichen Schätze. Es gibt sie, diese einzigartigen, einer hochgestellten Persönlichkeit vorbehaltenen Bestattungen mit vielen Beigaben aus Edelmetall, mit Schmuck und aufwändigen Einbauten und sogar Möbelstücken aus Holz. Es ist aber nicht die Regel. Weitaus häufiger sehen die Funde aus Grabhügeln aus wie in unserem Fund des Monats: ein bisschen gebrannter Flint, Flintartefakte und Geräte aus Felsgestein hier ein Klopfstein und ein Polier- oder Glättstein. Nachbestattungen erfolgten manchmal Jahrhunderte später in Form von Brandbestattungen in Urnen mit vereinzelten, oft mit dem Bestatteten verbrannten Beigaben aus Metall: einer Nadel, einer Gewandspange, einem Dolch…solch eine Bestattung werden wir uns bei einem weiteren „Fund des Monats“ in diesem Jahr anschauen.

 

Text: I. Reese

 

Fund des Monats August 2020

 

2710/9:35 Synagoge Leer

Aus den Feuern der Synagoge.

Archäologische Untersuchungen an der Synagoge in Leer.

 

Während der Novemberpogrome gegen die deutschen Juden vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch die Synagoge der jüdischen Gemeinde Leer an der Heisfelder Straße von den Nationalsozialisten niedergebrannt. Es handelte sich um einen prächtigen Kuppelbau im maurischen Baustil, der im Jahre 1885 fertig gestellt worden war. In Stadtbeschreibungen wurde er als eines der Gebäude vorgestellt, die man in Leer unbedingt gesehen haben musste. An die Synagoge war rückwärtig die Wohnung des Vorsängers (Chasan/Kantor) angebaut. 1938 war dies Josef Wolffs, der hier mit seiner Frau Ida lebte. Nach den noch vorliegenden Bauplänen befanden sich hier auch ein Heizungskeller und das rituelle Tauchbad. Quellen aus dem Archiv der Stadt Leer aus der Zeit des Brandes enthalten eine Reihe von Hinweisen auf die mögliche Erhaltung von Überresten im Untergrund. Die Synagoge soll vollunterkellert und mit einem Kappengewölbe aus Doppel-T-Trägern und Backsteinkappen errichtet worden sein. Durch Kellerfenster drang Licht ein.

 

Die Synagoge zu Leer bot einen imposanten Anblick (Foto: Nachlass A. Wehn/Ostfriesische Landschaft).

 

In der Pogromnacht wurden zunächst Ida und Josef Wolffs gewaltsam aus den Betten geholt. Anschließend verwüstete die SA die Wohnung und schleppte die Möbel auf die Straße. Es wird berichtet, der Bürgermeister Erich Drescher persönlich habe mit einer Fackel die Vorhänge in der Synagoge angezündet. Als oberster Befehlshaber von Polizei und Feuerwehr verhinderte er deren Eingreifen. Der Brand soll zudem verstärkt worden sein, indem der Dachstuhl mit einem Brandbeschleuniger (Benzin?) begossen wurde. Das Feuer wurde nicht nur nicht gelöscht, sondern soll sogar noch durch das Hineinwerfen von Möbeln in Gang gehalten worden sein. Nur der Funkenflug auf die benachbarten Häuser, deren Besitzer nicht jüdisch waren, wurde durch die Feuerwehr verhindert. Erst in den Morgenstunden wurde der Brand abgelöscht. Die im Nordosten gelegene Wohnung des Kantors/Vorsängers Josef Wolffs war durch das Feuer kaum zerstört, diese wurde erst durch den späteren Abriss niedergelegt. Schließlich blieb der Keller durch den Abriss verschont, da er zum Luftschutzraum umgebaut werden sollte.

Unmittelbar danach, am 15. November 1938 erfolgte die Abrissverfügung für die Synagoge durch den Regierungspräsidenten, wobei man vorsorglich das Grundstück enteignete als Sicherheit für die Kosten des Abrisses, die der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt wurde. Der Abriss erfolgte innerhalb eines Monats bis zum 20. Dezember 1938. In der Abrissverfügung ist nochmals ein „Keller“ erwähnt, der explizit von den Abbruchmaßnahmen ausgenommen worden ist, um später als Luftschutzraum zu dienen. Dieser Ausbau ist jedoch nicht erfolgt. 1940 wurde das Gelände an den Besitzer der benachbarten Tankstelle Johann Eidtmann verkauft – zufällig an den Brandmeister der Leeraner Feuerwehr, die die Synagoge nicht hat löschen dürfen. Bis in die 1960er Jahre lag das Gelände brach bzw. wurde als Gartenland genutzt. 1963 erfolgte die bis heute aktuelle Bebauung mit einer Autowerkstatt und einer dahinter gelegenen Waschhalle für Fahrzeuge durch die Eidtmann GmbH. Seit 2010 liegt das Gelände brach und wartet auf eine neue Bestimmung.

Als oberster Befehlshaber organisierte Bürgermeister Emil Drescher den Abtransport der jüdischen Männer Leers über Oldenburg in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Josef Wolffs kehrte aus dem Konzentrationslager nochmals nach Leer zurück und wohnte dann im Haus der Familie Mergentheim im Reformierten Schulgang 1. Ernsthafte Versuche nach Palästina auswandern waren nicht mehr von Erfolg gekrönt. Am 5.3.1940 wurden Ida und Josef Wolffs nach Berlin deportiert. Sie wurden im Ghetto und Konzentrationslager Riga im September 1942 ermordet.

 

Aus der Zeit des Baus der Werkstatt und Waschhalle liegen widersprüchliche mündliche Aussagen vor, so dass über den Erhalt von Überesten der Synagoge im Boden nur spekuliert werden konnte. So soll der damalige Baggerfahrer berichtet haben, 1963 sei dort alles entfernt und mit Sand aufgefüllt worden. Dem Sohn des Architekten Meinders zufolge seien beim Bau der Keller und das „Taufbecken“ (Anm.: vermutlich ist das rituelle Tauchbad gemeint) gefunden worden. Der Keller sei noch intakt! Zahlreiche Funde wie das „Taufbecken seien in den Keller gelegt und in gelben Sand eingebettet worden“. Es sei nicht alles zerstört worden, sondern befinde sich im Sand. Zum Bauwerk noch zuweisbare Überreste sind einzelne rote und anthrazitfarbene Fliesen, die aus dem Ritualbad stammen sollen. Sie befinden sich heute im Bestand der Gedenk- und Begegnungsstätte „Ehemalige jüdische Schule Leer“. Es handelt sich um Baukeramik des Herstellers Utzschneider & Ed(oard) Jaunez. Der Hersteller die "Thonwaarenfabrik Utzschneider & Ed. Jaunez" in Saargemünd/Lothringen (franz.: Sarreguemines), stellte zwischen 1865 und 1921 ebendiese Baukeramik her.

 

Fundamente der Synagoge während der Freilegung (Foto: Jan F. Kegler, Ostfriesische Landschaft).

Ein erster Baggerschnitt zeigt Fundamente...

 

2020 konkretisieren sich die Überlegungen für eine Neubebauung des Geländes. Ein Konsortium aus Investoren und Grundstückseigentümern legten eine Planung für einen Wohn- und Geschäftshauskomplex vor, der auch den Standort der ehemaligen Synagoge betrifft. Die Bauherren wie auch die Stadt Leer sind sich bewusst, dass mit diesem Baugrundsensibel umgegangen werden muss. Gemeinsam mit dem Archäologischen Dienst der Ostfriesischen Landschaft wurde deshalb eine Vorabuntersuchung auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge verabredet.

Zwischen Werkstatt und Waschhalle und direkt neben der Waschhalle wurden mit einem Bagger zwei kleinere Suchschnitte geöffnet. Im ersten Schnitt wurden unter modernen Füllsandschichten der Bauschutt des Abrisses der Synagoge entdeckt. Ihm folgt ein gut 10 cm mächtiger Brandhorizont aus Asche und Holzkohle, der wiederum auf Bauschutt aufliegt, der aus der Bauphase der Synagoge stammt. Ebenfalls aufgedeckt wurde das gut 60 cm breite Backsteinfundament der nördlichen Außenmauer. Es sind also sehr wohl Überreste der ehemaligen Synagoge im Boden verblieben. Ab einer gewissen Tiefe ist flächig mit dem Abbruchhorizont der Synagoge zu rechnen. Sie liegt – in durch nachfolgende Bebauung ungestörten Bereichen – unmittelbar der Brandschicht aus der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auf. Diese liegt wiederum unmittelbar auf den Resten aus der Zeit der Errichtung der Synagoge. Vermutlich bestand der Fußboden im Innenraum aus einem Holzdielenboden, dessen Überreste sich mit weiteren Brandresten aus dem Innenraum in der Brandschicht vereinen. Ihnen liegt der Abrisshorizont der Synagoge unmittelbar auf. Ein durchgehender Keller konnte hier also nicht nachgewiesen werden.

 

In Schnitt 2 sind gut die noch vorhandenen Treppen und Mauern mit Putzresten erkennbar (Foto: A. Prussat/Ostfriesische Landschaft).

Weitere Baureste im zweiten Suchschnitt...

 

Bisher ebenfalls unbekannt war, ob auch Baureste in situ im Boden verblieben waren. Anhand des zweiten Suchschnittes kann dies nun ebenfalls bejaht werden. Analog zu einem Bauplan aus dem Jahr 1907 für den Anschluss der Synagoge an die Abwasserleitung in der Heisfelder Straße konnte ein Eingangsbereich in ein Tiefparterre freigelegt werden. Laut Bauplan befand sich hier der Eingang in die Küche, den Heizungskeller und über eine außen liegende Treppe in eine Wohnstube im Obergeschoss nach Süden. Vier erhaltene Stufen führten hinab in einen kleinen Vorraum von 1,60 x 1,40 m Größe, der vollständig mit Zementestrich ausgestrichen war. Der Estrich zeigte massive Einwirkungen großer Hitze. An den aufragenden Resten des Mauerwerks waren noch Reste eines einfachen Wandverputzes erhalten. Im Boden waren noch die Aussparungen für die hölzernen Türzargen zu erkennen. Der Zementestrich zieht nach Westen und Süden unter eine Betonplatte, die als Zufahrt in die spätere Waschhalle gedient hat. Laut Bauplan wäre hier damit zu rechnen, dass weitere Einbauten der Synagoge unterhalb der Betonplatte, darunter Flure, das rituelle Tauchbad und Treppenauf- bzw. abgänge noch teilweise intakt im Boden erhalten sind.

Der Baubefund war durch eine mächtige, teilweise bis zu 0,80 m mächtige Schicht aus Brand- und Bauschutt verfüllt. In diesem durch Asche rötlich-braun gefärbten Gemenge konnten große Mengen an Funden geborgen werden. Es handelt sich um Bau- und Möbelbeschläge, wenige Bruchstücke von Porzellan und zumeist Keramikscherben. Sie waren vermengt mit Baukeramik, darunter Fliesenfragmente aus der oben genannten Manufaktur Utzschneider & Ed. Jaunez, Übereste einer Porzellanpuppe, Gebrauchs- und Fensterglas, Metallreste von Kochgeschirr, Metallteile eines Fahrrades wie ein Fahrradsattel, etc. Vermutlich handelt es sich dabei um Privatgegenstände aus der Wohnung von Ida und Josef Wolffs. Bei den Porzellanbruchstücken handelt es sich um die Überreste von Teegeschirr unterschiedlicher Hersteller wie Bavaria oder Villeroy und Boch. Als Gebrauchskeramik liegen zahlreiche weiße Steingutgefäße vor. Hier sind größeren Kummen oder Waschschalen, Teekannen und Schalen zu nennen. Die gefundenen Gegenstände sind nicht von denen aus einem anderen, zeitgleichen Geschirrschrank zu unterscheiden. Es finden sich keine Hinweise auf ein gehobenes Formenspektrum, das Schlüsse auf einen besonderen Wohlstand der Familie Wolffs zuließe. Vielmehr sind verschiedene Geschirre und Dekore auf den Scherben vermischt. Das Material zeigt damit eine Momentaufnahme eines städtischen Haushaltes der 1930 Jahre. Erschreckend deutlich wird vielmehr, dass hier eine einfache Familie aus rassistischen und politisch ideologischen Gründen von einem Moment zum anderen aus ihrem Leben gerissen wurde.

 

Porzellan, Glas, ein Kamm, der Fuß einer Porzellanpuppe: Alltägliche Gegenstände aus dem Abrissschutt der Synagoge: Zeugnisse des Schreckens (Foto: Jan F. Kegler, Ostfriesische Landschaft).
Kochgeschirr, ein Fahrradsattel, Bauteile...Alle Aspekte des Lebens finden sich im Brandschutt der Synagoge (Foto: Jan F. Kegler, Ostfriesische Landschaft).

 

Anhand eines Fundstücks lässt sich in der Archäologie nur im seltenen Einzelfall auf die Herkunft, das Selbstverständnis, Geschlecht oder Religion der ehemaligen Eigentümer schließen. Nur ausnahmsweise gelingt – in Verbindung mit historischen Quellen, wie im geschilderten Fall der Synagoge in Leer – die Zuweisung zu einer bestimmten Personengruppe. Eine Teetasse bleibt aber weiterhin eine Teetasse, und ohne den geschichtlichen Kontext wäre sie nur ein Fundstück des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

Text: Jan. F. Kegler

 

Fund des Monats - Juli 2020

2510/9:15 Ludwigsdorf, Kloster Ihlow. Die Fundsituation des Fliesenbodens während der Ausgrabung 1985 (Foto: Ostfriesische Landschaft).
2510/9:15 Ludwigsdorf, Kloster Ihlow. Detail aus dem Fliesenboden mit sechs Kachelfeldern. Gut erkennbar ist der von vorneherein sehr unterschiedliche Zustand der einzelnen Fliesen. Das zeigt sehr deutlich die Zweitverwendung der Fliesen (Foto: Ostfriesische Landschaft)
2510/9:15 Ludwigsdorf, Kloster Ihlow. Umgezeichnete Fliesentiere aus Kloster Ihlow: 1,13,16 Drachen - 2,3,11,12 Löwen oder löwenähnlich - 6,7,8,10 Hund und Katze - 4,5,9 Taube und Adler - 14,17,18.19 Fabelwesen (Grafik. G. Kronsweide/Ostfriesische Landschaft aus König 2010).

 

Drache – Blume – Taube

Die Fliesenböden aus Kloster Ihlow

Das 1218/1228 gegründete Kloster Ihlow war Zeit seines Bestehens bis zur Reformation nicht nur eines der bedeutendsten ostfriesischen Klöster, es ist auch – neben Kloster Barthe bei Hesel – das am gründlichsten erforschte. Zwischen 1973 und 2008 haben umfangreiche Ausgrabungen viele archäologische Erkenntnisse erbracht und zahlreiche schöne Funde zutage gefördert. So konnten die Lage und der Grundriss der im 16. Jahrhundert vollständig abgetragenen Kirche sowie der angrenzenden Klostergebäude geklärt werden. Anthropologische Untersuchungen der geborgenen Bestattungen auf dem Klosterfriedhof wie auch innerhalb der Kirche beantworteten Fragen zu den Lebensverhältnissen der Klosterbewohner und der Stifterfamilien.

1529 verließ der letzte Abt das Kloster. Nahezu unmittelbar nach der Schließung erfolgte der Abriss der Kirche, das Gelände wurde profan weiter genutzt. So errichtete die ostfriesische Fürstenfamilie der Cirksena im 17. Jahrhundert ein Jagdschloss, das bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts bestand.

Die Ergebnisse der Untersuchungen sind in zwei großen Monografien zusammengestellt:

Rolf Bärenfänger/Marion Brüggler (Hrsg.), Ihlow. Archäologische, historische und naturwissenschaftliche Forschungen zu einem ehemaligen Zisterzienserkloster in Ostfriesland. Mit Beiträgen von F. Bittmann, M. Brüggler, A. Burkhardt, D. Ellmers, H. van Lengen, W. Schwarz und B. Thiemann. Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen 16 (Rahden/Westf. 2012).

 

Rolf Bärenfänger/Jan F. Kegler (Hrsg.), Ihlow II. Archäologische und anthropologische Forschungen zu einem ehemaligen Zisterzienserkloster in Ostfriesland. Mit Beiträgen von B. Thiemann und M. Timmermann. Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen 21 (Rahden/Westf. 2020).

 

Bereits 1977 wurden einige wenige verzierte Bodenfliesen in der Klosterkirche entdeckt. Im Jahre 1985 wurden dann Teilbereiche der südlichen Klausur ca. 100 m von der Kirche entfernt freigelegt. In einem an die Klostergebäude angefügten Anbau befand sich ein in großen Teilen intakter Fußboden von 2,20 x 2,20 m Größe, in dem neben unverzierten auch 94 verzierte Bodenfliesen aus der Zeit zwischen dem Ende des 13. und dem Ende des 14. Jahrhunderts verlegt waren. Sie stammten nach Ansicht von W. Schwarz offensichtlich aus einem „klösterlichen Baustofflager, das Reste aus verschiedenen Bauphasen vorrätig hatte“. (Schwarz 1995, 47).

Die Gestaltung der Fliesen mit Tierdekor sind als sogenannte Inkrustation vorgenommen worden, d. h. das Dekor wird durch das Einfügen eines andersfarbigen Materials hervorgerufen. Dieses Verfahren wurde erst ab dem Mittelalter in Ton ausgeführt.

Die Bodenfliesen aus Ihlow zeigen pflanzliche, tierische und geometrische Ornamente. Bei den Tieren fällt auf, dass es sich nicht nur um real existierende Arten handelt, sondern auch um eine große Zahl von Phantasiegeschöpfen. Auf den Fliesen tummeln sich Hunde, Katzen, Adler, Tauben, Löwen, Panther, Hirsche und verschiedenste Drachen und Fabelwesen

Text: S. König

 

Literatur:

Sonja König, Fabelhafte Fliesentiere. Die Tiere und Fabelwesen auf den mittelalterlichen Fliesen des Klosters Ihlow. Archäologie in Niedersachsen 13, 2010, 71–74.

Wolfgang Schwarz: Die Relief- und Prägefliesen des Zisterzienserklosters Ihlow. In: Hajo van Lengen (Hrsg.), Collectanea Frisica. Beiträge zur historischen Landeskunde Ostfrieslands. W. Deeters zum 65. Geburtstag (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 74), Aurich 1995, 45–73.

 

Fund des Monats - März 2020

2510/3:120 Aurich, Hafenbecken. Die Hälfte eines Sattelknaufs (Foto: Wolfgang Scherwinski/Ostfriesische Landschaft).
2609/1:100 Emden, Hof von Holland, Sattelknauf des 17. Jahrhunderts (Foto: Kea Thater/Ostfriesische Landschaft).
"Ein graues Pferd in der Landschaft“ des niederländischen Malers Aelbert Cuyp zeigt einen ähnlichen Knauf am Sattel des Pferdes.

 

Gesattelt und Gespornt

 

2510/3:120 Aurich -Hafen und Emden, Hof von Holland 2609/1:100

 

Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die nicht sofort identifiziert werden können. Metallobjekte aus Kupferlegierungen erhalten sich im Boden recht gut, wie auch das Fundstück Nr. 25.5 aus dem Jahr 2011 von der Ausgrabung im Bereich des ehemaligen Auricher Hafenbeckens belegt.

Im Verfüllungsmaterial des Beckens wurde ein ca. 7 cm langer Gegenstand gefunden, der offensichtlich einmal aus zwei aneinandergefügten symmetrischen Teilen bestanden hat. Der etwa kolbenförmige hohle Gegenstand ist gerippt, hat eine seitliche Schnalle mit zwei Dornen am schmalen offenen Ende und am selben Ende einen halbkreisförmigen Fortsatz mit drei Löchern.

Im Jahr 2019 wurde ein sehr ähnlicher Gegenstand von 6,5 cm Länge bei Ausgrabungen in Emden im Bereich Hof von Holland gefunden. Das Stück unterscheidet sich nur wenig und ist erfreulicherweise nicht nur halb, sondern ganz erhalten. Nun zeigen sich zwei parallele halbrunde Flügel mit je drei Befestigungslöchern und im Inneren Holzreste.

Bei beiden Funden handeltes sich um metallene Sattelknäufe des 17. Jahrhunderts. Bisher sind aus Ostfriesland diese beiden sehr ähnliche Sattelknäufe bekannt, aus den Niederlanden stammen weitere vergleichbare Funde z.B. aus Papendrecht und Weerslo ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert. Auch sind zwei derartige einzelne Beschläge zusammen mit einem Leuchter auf einem Giebelstein des 17. Jahrhunderts aus Utrecht dargestellt. Und schließlich lassen sich die Stücke durch ein Gemälde datieren. Auf dem 91 cm x 117 cm großen Gemälde „Ein graues Pferd in der Landschaft“ des niederländischen Malers Aelbert Cuyp (*1620, †1691) ca. aus dem Jahr 1650 ist ein Schimmel dargestellt, der einen Sattel mit einem ähnlichen messingfarbenen Knauf trägt. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aelbert_Cuyp_Grey_Horse_in_a_Landscape.jpg). Das Gemälde befindet sich heute im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Oder auch auf dem 117 x 150 cm großen Gemälde „Ein Kavallerist, der sein graues Pferd schmückt mit einem liegenden Spaniel zu seinen Füßen“ von 1650-1653 ebenfalls von Aelbert Cuyp, heute im Royal Collection Trust in London.

Nicht nur die Accessoires bei der Kleidung unterliegen einem zeitlichen Wandel, sondern auch praktische Gebrauchsgegenstände, nicht zuletzt Reitzeug. Ändert sich der Reitstil oder wird das Pferd für unterschiedliche Zwecke eingesetzt, so ist auch das Reitzubehör wie Sattel und Zaumzeug angepasst. Metallene Sattelknäufe sind vor dem Jahr 1570 nicht genutzt worden, für das 17. Jahrhundert sind sie aber häufiger vor allem auf Gemälden nachgewiesen. So wird mit der Entwicklung der höfischen, barocken Reitkunst auch das Reitzeug zu einem wichtigen Stilelement.

 

Literatur: Cees van der Esch, Een onbekende bodemvondst en de ruiters van Aelbert Cuyp. Westerheem 2, 56, 2007, 89-92.

 

Text: Sonja König

 

 

Fund des Monats - Februar 2020

2609/1:100 - Emden, Faldern, Hof von Holland. Der große Krug wurde nicht bei der Ausgrabung beschädigt. Er wurde vielmehr so genutzt, wie er war (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

2609/1:100

 

Emden-Groß Faldern, Hof von Holland

 

Der zerbrochene Krug und sein zweites Leben als Doofpot

 

Nachdem letzten Monat ein mittelalterliches Beispiel für eine mögliche sekundäre Verwendung von haushaltsüblicher Gebrauchskeramik als Mäusefalle vorgestellt wurde, keimte die Frage auf, welche Arten von Verwendung es noch geben könnte, die wir in unserem Arbeitsgebiet auch schon im archäologischen Befund beobachtet haben. Die Ausgrabung 2018 auf dem Grundstück eines Bürgerhauses in Groß Faldern (vgl. auch Fund des Monats 11/2019 und 03/2019) erbrachte sehr viel Fundmaterial aber auch eine sehr komplexe Stratigraphie von Bodenpflasterungen verschiedener Zeitphasen und Mauerwerk. Im südwestlichen Teil des Grundstücks, zur Wand des Nachbarhauses hin, konnte zudem der Rest eines später unter jüngeren Pflastern verborgenen Kamins freigelegt werden. Neben dem Kamin fand sich - aufrecht stehend - ein zu einem großen Teil erhaltener großer Krug aus rottoniger Irdenware mit brauner Innenglasur. Der Krug steht auf einem leicht gewellten Standring. Er verfügte ehemals über einen Henkel, der allerdings alt abgebrochen ist. Der Henkelansatz ist recht auffällig an den Seiten mit zwei unverstrichenen daumendicken plastischen Vertiefungen verziert. Der Krug ist unten schlank und wird nach oben hin bauchig mit einem geschwungenen Schulterumbruch. Der Schulterbereich trägt horizontale Riefen. Der Hals- und Randbereich ist ebenfalls alt ausgebrochen. Der Fußbereich erscheint einseitig abgenutzt und angeschlagen. Eine genaue Entsprechung zu diesem Exemplar konnte bisher nicht gefunden werden, aber vergleichbare Krüge aus den Niederlanden datieren in das späte 16. Jahrhundert bzw. frühe 17. Jahrhundert.

 

2609/1:100 Emden, Faldern, Hof von Holland. So wurde der Krug in situ freigelegt. Im Bild unten sind die freigelegten Reste des Kamins sichtbar. Der Punkt markiert die Stelle, an der der Krug gestanden hat (Fotos: A. Palka/Ostfriesiische Landschaft).

Die räumliche Nähe zum Kamin und die Tatsache, dass er in einer Art Nische zwischen Kamin und einer Innenmauer stand, lassen vermuten, dass der Krug in der Nähe des Kamins gebraucht worden ist. Dazu kommt noch das Indiz, dass die Bruchkanten des abgeschlagenen Henkel- und Halsbereiches bereits verschliffen waren und somit noch länger genutzt worden sind, nachdem der Krug bereits zerbrochen war.

 

2609/1:100 Emden, Faldern, Hof von Holland. Der Boden des Krugs zeigt deutliche Abnutzungsspuren.

Außerdem weist auch der Standring einseitige Abnutzungsspuren auf, die darauf hindeuten, dass der Krug mehrfach über den Boden geschliffen wurde oder angeschlagen ist. Zusammen genommen scheint daher eine Zweitverwendung als Aschebehälter (niederländisch: Doofpot) für den Krug wahrscheinlich. Das wiederholte Befüllen und Leeren des Behälters könnte zu den genannten Abnutzungsspuren geführt haben.

 

Text: I. Reese

 

Fund des Monats - Januar 2020

2609/5:34 Borssum-Westerburg. Der evtl. als Mäusefalle verwendete Kugeltopf (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2609/5:34 Borssum-Westerburg. Die beiden Kugeltöpfe waren direkt in den Klei eingegraben und lagen dicht nebeneinander (Blaue Pfeile, Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2609/5:34 Borssum-Westerburg. Hier sieht man, dass der Kugeltopf mit der Mündung nach oben im Klei eingegraben worden ist (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

Mit Pötten fängt man Mäuse?

 

2609/5:34 Westerburg, Groß-Borssum, Kreisfreie Stadt Emden

 

Im Fund des Monats Oktober 2017 wurde ein großer rheinischer Steinzeugkrug vorgestellt, der bei Notbergungen an der Burg Klein-Borssum fast vollständig eingegraben im Klei gefunden worden ist. Als Handelsgut und Weinbehältnis schien er ohnehin schon mehreren Zwecken zu dienen, aber ein ähnlicher, wenn auch wesentlich älterer Fund aus Groß-Borssum eröffnet die Frage, ob der Krug noch einmal auf eine andere Art verwendet worden ist, nachdem er für seinen ursprünglichen Zweck unbrauchbar geworden war…

In der Archäologie ist es nicht zwingend der einzelne Fund, der besonders interessant oder schön erscheint, viel häufiger ist der Zusammenhang, in dem der Fund zu Tage getreten ist, das Spannende. Eine gewisse Häufung von Gemeinsamkeiten zwischen Fundzusammenhängen an unterschiedlichen Orten gibt uns manchmal einen Hinweis darauf, unter welchem Aspekt ein Objekt auch betrachtet werden kann.

Die Überreste der Westerburg in Groß-Borssum wurden 2018 beim Abriss einer Vorgängerbebauung im Ortskern unweit der Kirche auf der Warft gefunden. Ebenfalls aufgedeckt wurden sehr große Kugeltöpfe, die ohne sichtbare Grube direkt in den Klei gebettet waren. Einer dieser Töpfe konnte fast vollständig wieder geklebt werden, der andere war stärker zerscherbt und zerdrückt, ist aber wahrscheinlich auch einmal als vollständiger Topf eingegraben worden. Beide Kugeltöpfe sind mit Muschelgrus gemagert und werden um das Jahr 1000 herum verwendet worden sein.

Was hat es mit diesen Eingrabungen auf sich? Einen Anhaltspunkt liefern vielleicht archäologische Untersuchungen in den Niederlanden: Dort sind in dem modernen Stadterweiterungsgebiet Leidsche Rijn westlich von Utrecht seit 1997 bei großflächigen Ausgrabungen Befunde des hohen und späten Mittelalters gefunden worden, unter ihnen auch Kreisgräben mit eingegrabenen „muizenpotten“ (Mäusetöpfe), in denen auch Mäuseknochen geborgen werden konnten. Insgesamt 41 dieser Töpfe wurden geborgen. Die Kreisgräben umschlossen jeweils einen sogenannten Rutenberg (Niederländisch Hooiberg), also einen leichten Speicherbau für hoch und auf dem Halm gelagertes Getreide oder Raufutter für das Vieh. Die als Mäusepott verwendeten Gefäße wurden mit der Mündung nach oben so in den Boden eingegraben, dass ein kleiner Nager, sollte er in das Gefäß fallen, aufgrund der stark einziehenden Gefäßschulter nicht mehr aus diesem Loch herausklettern konnte und einging.

Sowohl im städtischen als auch ländlichen Raum ist von jeher das Getreide als ein primäres Nahrungsmittel das wichtigste Gut, und auch das Viehfutter galt es vor Verunreinigungen durch ungebetene Gäste und Mitesser wie Mäuse zu schützen. Die Deponierung der beiden Westerburger Kugeltöpfe dicht nebeneinander, entlang einer Brandschicht, lässt auch für diese Gefäße eine solche Verwendung möglich erscheinen. Allerdings konnten sterbliche Überreste von Mäusen nicht geborgen werden, so dass auch andere Verwendungen, wie z.B. als einfacher keramischer Vorratsbehälter für Getreide, nicht ausgeschlossen werden können.

 

Text: Ines Reese

 

Fund des Monats - Dezember 2019

2510/3:132 Aurich - "Alte Post". Bartmannskrug aus Waldenburger Steinzeug mit dunkel abgesetzten Augen (Foto: Ines Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

Ein Sachse in Ostfriesland

 

2510/3:132 Aurich, Grabung Alte Post, Stadt Aurich

 

In den Jahren 2018 und 2019 wurde im Bereich nördlich des Auricher Schlosses auf dem Gelände der ehemaligen Post im Vorfeld von Baumaßnahmen eine Ausgrabung durchgeführt. Aus schriftlichen Quellen war bekannt, dass vor dem 1891 errichteten Gebäude der Post auf dem Areal das 1802 errichtete Anwesen des Justiz-Commissairs Stürenburg stand und noch wesentlich früher die um 1380 erbaute alte Häuptlingsburg der tom Brok. Aufgrund der umfangreichen neuzeitlichen Bebauung war die Hoffnung auf gute Erhaltungsbedingungen der mittelalterlichen Strukturen zunächst gering. Bei den Untersuchungen konnten dann aber ab einer Tiefe von etwa 1,2 m unter der Oberfläche Reste von zwei sehr gut erhaltenen nebeneinander liegenden, aus klosterformatigen Backsteinen errichteten Hausgrundrissen dokumentiert werden. Die beiden Gebäude standen im Innenhof der Post und neben dem Stürenburgschen Gebäude, so dass sie zum Glück erhalten waren. Das noch knapp 8 mal 8 m große westliche Gebäude, das ältere der beiden, wies in der obersten Schicht bemerkenswert gut erhaltene Fußböden aus sorgfältig verlegten Backsteinen sowie zwei Innenwände auf. Bei den Fußböden handelt es ich um zwei übereinanderliegende Phasen, die beide aus klosterformatigen Backsteinen bestehen, und beide in das Mittelalter gehören. Das ältere Gebäude ist somit kein Steinhaus, sondern ein im unteren Geschoss in Backstein ausgeführtes Wohnhaus – ein seltener Befund in einer Burg in Ostfriesland. Zu den Böden und Wänden kommt ein Kamin in einer Außenwand, der insgesamt vier Bauphasen zeigt. Unter der Backsteinlage des Bodens des untersten Kamins wurde ein Keramikbruchstück geborgen. Es handelt sich um das Halsfragment eines Steinzeugkruges. Zu sehen ist ein bärtiger Mann mit einem erhaltenen dunkel abgesetzten Auge – ein Bartmannskrug. Aufgrund des benutzten Tons, der Brenntechnik und daraus resultierend der Farbe und der Oberfläche, aber auch aufgrund der eingesetzten Augen kann das Stück eindeutig der Waldenburger Töpferei zugewiesen werden. Dem Ton für die Augen wurde Eisen begemengt, das beim Brand dunkel oxidiert. In Waldenburg in Sachsen wurde vom 14. Jahrhundert bis heute getöpfert. Aufgrund der Form des Kruges und den andersfarbig abgesetzten Augen lässt sich der Krug und damit die Bauzeit des ersten Kamines um 1400 datieren. Wenn man dann bedenkt, dass die Burg um 1380 gebaut wurde, passt dieses Stück hervorragend in die Datierung der ersten Phase der Burg.

 

Text: Sonja König

 

 

Fund des Monats - November 2019

2609/1:100 Emden-Groß Faldern. Tellerfragment aus einer Schuttlage eines Emder Bürgerhauses (Foto: Alexander Wisser/Ostfriesische Landschaft).

 

Ein Tellerrest aus Werraware

 

2609/1:100 Emden-Groß Faldern

 

Im Emder Stadtkern konnte im Zuge einer Ausgrabung in Groß Faldern Abfälle der frühen Neuzeit aus einem ehemaligen Bürgerhaus geborgen werden (siehe auch Fund des Monats März 2019), unter vielen anderen Funden so auch ein auffälliges Stück Keramik. Das Bruchstück gehört zu einem Teller von 28 cm Durchmesser, der sich durch ein Dekor aus einer Kombination von Bemalung (Malhorndekor), Glasur und Ritzdekor (Sgraffitotechnik) auszeicnet. An sich ist die Keramik eine rote Irdenware, relativ dickwandig und nur auf der Innenseite/Oberseite transparent glasiert. Das Dekor ist in weiß, grün und braun mittels Malhorn aufgemalt, darauf wurde die Darstellung in der Mitte des Tellers durch Ritzlinien mit Details versehen und schließlich glasiert.

Der äußerste Rand ist mir einem einfachen schrägen parallelen Strichmuster versehen. Auf der Fahne folgt dann zunächst eine fünfzeilige Spirale. Danach folgen auf dunklem Hintergrund Bögen über denen nach außen parallele Linien mit ansteigender Länge und am linken Abschluss eien Spirale mit Zipfeln aufgebracht ist. Unter den Bögen sind in den Spitzen Büschel oder Pfeile aufgebracht. Nach innen schließt dann wieder eine Spirale an, die aus vier Umläufen besteht. Der Mittelteil des Tellers, der Spiegel, enthält ein besonders fein gezogenes Motiv mit Ritzlinien, von dem lediglich ein stehendes Bein mit Fuß eines Menschen erhalten ist. All diese Merkmale zusammen genommen ermöglichen es, den Teller der sogenannten Werraware des späten 16. bis frühen 17. Jahrhunderts zuzuordnen.

Auf den Tellern wurden verschiedenste Motive dargestellt, wie z. B. Sonnen, verschiedenste Tiere (Löwen, Hasen, Pferde, Vögel, Fische, Wildschweine, Hirsche, Fuchs mit Gans), Pflanzen (Traube/Kalebtraube, Eichel, Blumen), aber auch - wie im vorliegenden Fall - Menschen. Das konnten nicht näher zu identifizierende Damen und Herren oder auch Paare sein, manchmal auch mit einem erkennbaren christlichen Bezug (Adam und Eva, Heilige, Engel, Josua und Kaleb).

Das Einzugsgebiet der Ware, die unteren und mittleren Werra, war schon im Spätmittelalter ein entscheidendes regionales Zentrum für Töpferware. Die erste Werraware entstand bereits um 1560, hatte aber bis in die 1580er Jahre eine eher regionale Bedeutung. Wichtig für den Fernhandel wurden nachfolgend auch die Produktionsstätten in Wanfried, Witzenhausen und Hannoversch Münden - alle entlang der Werra und daher namensgebend. Am Ende des 16. Jahrhundert gewann diese Keramikgattung zunehmend an Popularität und wurde über den Weserlauf schließlich nach Norddeutschland, in die Niederlande, sogar bis nach England und Skandinavien exportiert. Ab 1602 (Patentbrief vom 20.07.1602) wurde auch in Enkhuizen in den Niederlanden Werraware hergestellt. In der Mitte des 17. Jahrhunderts endet allerdings die Produktion. Möglicherweise führte u.a. der 30jährige Krieg zum Niedergang der Werraware ab/um 1630. Letzte bekannte Stücke datieren um 1650, wobei ein erst jüngst gefundener Töpfereikomplex dieser späten Zeit aus Höxter neue Fragen aufwirft. Nach dem Exportboom der Werraware um die Jahrhundertwende gewann im ersten Viertel des 17 Jahrhunderts eine andere bleiglasierte Irdenware, die Weserware, immer mehr an Bedeutung.

 

Text: Sonja König/Alexander Wisser

 

 

 

Fund des Monats - Oktober 2019

2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer. Holzpokal aus Ahornholz nach der Konservierung (Foto: C. Kohnen/Ostfriesische Landschaft).
2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer. Nach altem Vorbild gedrechselte Replik des Holzpokals (Foto: C. Kohnen/ Ostfriesische Landschaft).

 

Na denn Prost!

2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer

 

Zwischen 2007 und 2009 wurden im Vorfeld des Baus des Gasspeichers Jemgum umfangreiche Prospektionen und Ausgrabungen südlich des Ortes Jemgum durchgeführt. Davon betroffen war auch die Wurt Jemgumkloster, deren Randbereiche und Umfeld untersucht wurden. Diese wurde um 100 v. Chr. errichtet und zählt zu den ältesten Wurten Deutschlands. Sie geht auf eine Flachsiedlung der älteren Eisenzeit zurück und war bis um 1200 n. Chr. besiedelt. Südlich der Wurt konnte im Herbst 2007 aus einer Grube des 9./10. Jahrhunderts ein Pokal aus Ahornholz geborgen werden. Die Erhaltung von organischen Materialien wie Holz, Leder oder Textilien ist sehr selten und an besondere Bedingungen gebunden, wie sie in den feuchten und von Sauerstoff abgeschlossenen Marschenböden Ostfrieslands zu finden sind.

 

Der Holzpokal war zwar im Profil komplett, aber lediglich noch gut zur Hälfte erhalten. Offensichtlich wurde er nach einer Beschädigung in der Grube als unbrauchbar entsorgt. Um ihn langfristig zu erhalten, war eine Konservierung erforderlich. Da es sich um ein außergewöhnliches Fundstück handelte, wurde –  allerdings unter Verwendung moderner Maschinen – von der Auricher Drechslermeisterin Hella Heigel eine Replik angefertigt. Der rekonstruierte Pokal hat eine Höhe von 13 cm, der Standfuß einen Durchmesser von 11,5 cm und damit den gleichen Durchmesser wie der Pokal selbst. Das Fassungsvermögen beträgt etwas mehr als 400 ml und reicht damit für einen ordentlichen Schluck. Der Pokal ist mit zwei engen Doppelrillen unterhalb der Mündung umlaufend verziert. Es handelt sich um eine äußerst qualitätvolle Arbeit. Dies wurde auch von der Drechslermeisterin bestätigt, die die Anfertigung der Replik als Herausforderung beschrieb, obwohl moderne Maschinen zur Verfügung standen. Es ist gut vorstellbar, dass der Herr der Wurt Jemgumkloster aus diesem Pokal Wein aus dem Rheinland bei entsprechenden Anlässen getrunken hat. Der Holzpokal erhellt schlaglichtartig eine ganze Fundgattung, nämlich qualitätvolles hölzernes Trink- und Tischgeschirr, welches sich nur unteren besonderen Bedingungen erhält und somit im Allgemeinen nicht bei Grabungen gefunden wird. Ein Fundstück gleicher Zeitstellung liegt bisher nur aus der Wikingersiedlung Haithabu vor.

 

Text: H. Prison

 

 

Fund des Monats - September 2019

2409/1:25 Norden, Neuer Weg, Lkr. Aurich. In der Grabgrube des Skelettes fand sich dieser fast vollständig erhaltene Suppennapf des 17. Jh. neben anderen Gefäßfragmenten dieser Zeit (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2409/1:25 Norden, Neuer Weg. Das Skelett in Fundlage in der Baugrube (Foto: Archiv/Ostfriesische Landschaft).
Oben: Intakter Atlaswirbel mit Bogen, unten der Atlaswirbel des Norder Jugendlichen mit angeborenem Defekt (Foto oben: Wikipedia Commons, unten: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

„Gott, was ist Glück!
Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen, das ist schon viel.“

Theodor Fontane (1819-1898)

 

2409/1:25 Norden, Neuer Weg

 

Was Theodor Fontane hier als „viel“ Glück beschreibt, kommt dem Protagonisten der nachfolgenden Geschichte erst nach dem Tode zu Teil. Seine Schlafstelle: Ein hölzerner Sarg. In der Grabgrube befindlich: Ein neuzeitlicher (Suppen-) Napf. Und bei Betrachtung der Knochen wird schnell klar: Schmerzfreiheit war ihm erst in seiner letzten Ruhe vergönnt…

Als die Polizei an diesem Februarmorgen 1998 zu Bauarbeiten im Haus der Sparkasse Norden gerufen wird, ist von einem Leichenfund die Rede. Schnell erkennen die Beamten, dass Ermittlungen in diesem Fall wohl überflüssig sind. Der Tote liegt hier schon längere Zeit. Vermutlich um die 350 bis 400 Jahre, wie ein in der Grabgrube befindliches Gefäß nahelegt. Der grünliche Napf ist mit einer Bleiglasur überzogen. Um seinen Bauch zieht sich ein Beerennuppenmuster, das abwechselnd braun und grün glasiert wurde. Ein solches Dekor kommt bereits im Mittelalter vor, doch die Bleiglasur und Form des Gefäßes verweisen auf die Neuzeit, genauer auf das 17. Jahrhundert.

Gegen 12.30 Uhr wird die Archäologische Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft verständigt. Als die Mitarbeiter die Baustelle erreichen, finden sie das Skelett gebettet auf einem Holzbrett, möglicherweise die Überreste eines hölzernen Sarges. Der Tote liegt in gestreckter Rückenlage, die Arme parallel zum Körper. Bald kommt den Archäologen eine Frage auf: Warum wurde ein Mensch zu dieser Zeit hier bestattet und nicht auf dem Friedhof? Das Gelände war im 17. Jahrhundert wohl ein Garten, der einem Wohnhaus zugehörte. Könnte es sich um ein Armengrab, ein Pestgrab oder gar um einen Verbrecher gehandelt haben?

Nun sind die Anthropologen am Zug: Der Tote ist männlich, verstorben im Alter von 15 bis 16 Jahren. Das Kiefergelenk schien von einer starken Entzündung betroffen zu sein, die sich vom Zahnhalteapparat bis zur Nasenwurzel und über die Jochbeine bis zur Stirn zog. Weitere Entzündungserscheinungen lassen ein rheumatisches Fieber als Todesursache vermuten. Der Junge muss vor seinem Tod schwer gelitten haben.

Und noch eine Besonderheit: An der Wirbelsäule findet sich ein angeborener Defekt: Dem ersten Wirbel, auch genannt Atlaswirbel, fehlt der nach außen gerichtete Bogen. Damit lag an dieser Stelle Nervengewebe frei, was durch Druck oder Quetschungen zu Ausfällen von Nervenfunktionen geführt haben könnte.

Die Frage, warum der Junge aber nun genau hier bestattet wurde, ist wohl kaum noch lösbar. Wollte die Familie ihren Sohn einfach bei sich haben? Wurde die Krankheit als so gefährlich und infektiös betrachtet, dass man sich für eine Bestattung an Ort und Stelle entschieden hat? Oder könnte der fehlende Atlasbogen vielleicht zu schwerwiegenden Behinderungen geführt haben, die den Jugendlichen zu dem „Außenseiter“ einer diskriminierenden Gesellschaft machten? Wurde ihm so ein Platz auf dem Friedhof verwehrt? Recherchen der Ostfriesischen Landschaft ergaben, dass die Kirche an der Bestattung nicht unbeteiligt gewesen sein muss. So ist für das Grundstück vor 1751 die Zahlung von Grundheuer an die Westerpastorei belegt.

Text: Laura-Sophie Bönemann

 

Literatur: A. Burkhardt, Im Garten verscharrt? Eine neuzeitliche Bestattung in Norden. Archäologie in Niedersachsen 1999, 146-147.

 

Fund des Monats - August 2019

2811/1:9 Collinghorst, Gde. Rhauderfehn, Ldkr. Leer. Wie ein naturalistischer menschlicher Finger mutet dieses Objekt an (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2811/1:9 Collinghorst, Gde. Rhauderfehn, Ldkr. Leer. Hier das Objekt in seiner Fundlage im Grab, zusammen mit einem Felsgesteinbeil, einem kleinen Becher und einer Bernsteinperle (Foto: S. Haß/Ostfriesische Landschaft).

 

Ein Fingerzeig der Geschichte?

 

2811/1:9 Collinghorst, Gde. Rhauderfehn, Ldkr. Leer

 

1997 wurde im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebiets in Collinghorst im Overledingerland eine Rettungsgrabung durch den Archäologischen Dienst der Ostfriesischen Landschaft durchgeführt. Betroffen war der westliche Bereich eines Sandrückens, der bis zu einer Höhe von + 5 m NN aufragt. 1966 war bei Aussandungsarbeiten im östlichen Teil des Sandrückens eine ältereisenzeitliche Brandbestattung gefunden worden. Obschon der gesamte Bereich durch Erosion und moderne Eingrabungen stark gestört war, konnten u. a. mesolithische Kochgruben, ein kleines Gräberfeld des späten Neolithikums und noch weitere Befunde dokumentiert werden. Der hier vorgestellte außergewöhnliche Fund stammt aus einem Grab des späten Neolithikums.

 

Aufgrund des gut durchlüfteten und sauren Sandbodens ist die Knochenerhaltung im Bereich der ostfriesischen Geest generell sehr schlecht. Die Größe der Grabgrube deutet auf eine ehemalige Hockerbestattung hin, wie sie typisch für die Zeit des späten Neolithikums ist. Die Datierung wird durch die mitgegebenen Beigaben, darunter ein geschweifter Becher und ein Felsgestein-Rechteckbeil, gestützt. Direkt neben dem Becher lag das fingerförmige Objekt. Es besteht aus Keramik, ist nicht vollständig erhalten und weist noch eine Länge von 5,2 cm auf. Der Querschnitt ist oval und nimmt von der „Fingerkuppe“ mit ca. 1,7 cm bis zum abgebrochenen Teil auf 2,0 cm zu. In der Seitenansicht ist die Unterseite nach innen gewölbt, während die Oberseite leicht nach außen gewölbt erscheint, wobei das letzte Drittel einen leichten Absatz aufweist ähnlich dem im Bereich des „Fingernagels“. Sollte tatsächlich ein Finger dargestellt sein, dann sind wohl die beiden äußersten Fingerknochen, d. h. die phalanx distalis und die phalanx media dargestellt. Aufgrund der unvollständigen Erhaltung ist die ursprüngliche Länge des Objekts nicht mehr nachzuvollziehen. Ob es sich wirklich um die Nachbildung eines Fingers handelt, ist fraglich. Auch eine Interpretation als Löffelgriff wurde schon vermutet. Jedoch könnte die Lage des Objekts im Bereich des Oberkörpers der bestatteten Person durchaus für einen Finger sprechen. Vielleicht handelte es sich um eine Prothese, wie sie aus Holz für einzelne Zehen von Bestatteten im alten Ägypten bekannt sind?

Was meinen Sie? Anregungen und Vorschläge dürfen gerne an folgende Adresse gesendet werden: archaeologie@ostfriesischelandschaft.de

 

Text: H. Prison

 

Lit.: Helms, Tobias; Schwarz, Wolfgang: Vier urgeschichtliche Siedlungsareale im Overledingerland, Landkreis Leer. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 77, 2008, 21-89.

 

 

Fund des Monats - Juli 2019

2711/8:2 Nortmoorer Hammrich, Gde. Jümme, Ldkr. Leer. Das Fragment zeigt typisch römische Motive und gut erkennbar sind auch die Reste der einstmals vorhandenen roten Eisenoxidengobierung (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2710/1:1, Midlum, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer. Bei diesem Fragment handelt es sich um importierte terra sigillata aus einer der Siedlungen dieser Zeit auf dem Emsuferwall. Die Muster sind bei diesem Exemplar nicht eingedrückt, sondern erhaben ausgeprägt. Auch der Überzug erwies sich als wesentlich haltbarer (Foto: G. Kronsweide/Ostfriesische Landschaft).
Beispiel für ein vollständiges Gefäss mit der dazugehörigen Formschüssel (aus: L. Wamser (Hrsg.), Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militämacht. Mainz 2000, 139, Abb. 141).

 

terra sigillata made in Ostfriesland

 

2711/8:2 Nortmoorer Hammrich, Gde. Jümme, Ldkr. Leer

 

Zwischen 1996 und 1998 fanden umfangreiche Ausgrabungen im Bereich der Nortmoorer Düne im Jümme-Niederungsgebiet statt.

Die Rettungsgrabungen konnten vor allem eine intensive Besiedlung in der Römischen Kaiserzeit vom 1. bis zum 4. Jahrhundert dokumentieren. Auch im frühen und hohen Mittelalter wurde die hoch gelegene Düne von Menschen bewohnt. Gefunden wurden mehrere Wohn-Stall-Häuser, in denen Mensch und Vieh zusammen unter einem Dach lebten. Es kamen aber auch kleine Nebengebäude und Speicher vor. Daneben gab es viele Gruben, einige Brunnen und eine große Wasserschöpfstelle.

Den Großteil der Funde machten Keramikfragmente aus, von denen insgesamt rund 31.500 Stück gefunden wurden. Unter diesen waren auch zwei zusammengehörende Stücke, die das Fragment einer sehr ungewöhnlichen Schüssel ergeben. Die stark abgegriffene Oberfläche zeigt noch Reste der ursprünglichen rot glänzenden Oberfläche und weist zudem eine Vielzahl an unterschiedlichen Motiven auf. Es handelt sich auf den ersten Blick um die Überbleibsel eines terra sigillata Gefäßes. Die rot glänzende terra sigillata wurde in den römischen Provinzen hergestellt, galt als qualitativ hochwertiges Luxusgeschirr und war auch außerhalb des Römischen Reiches sehr begehrt. Form und Verzierung weisen das Stück aus dem Nortmoorer Hammrich als Fragment einer reliefverzierten Schüssel der Form Dragendorff 37 aus. Beim zweiten Blick offenbaren sich aber deutliche Abweichungen. Die kreisförmigen Verzierungen sind unterschiedlich tief, auch andere Muster wirken uneinheitlich. Üblicherweise wurden reliefverzierte terra sigillata-Schüsseln in sogenannten Formschüsseln hergestellt. Die Motive wurden dabei mithilfe von Punzen in den Ton gedrückt, sodass ein Negativ des beabsichtigten Musters entstand. In der Formschüssel wurde dann der Ton der eigentlichen Bilderschüssel ausgedreht und nach einer kurzen Trocknung in lederhartem Zustand abgelöst, um gebrannt zu werden. Beim Fragment aus dem Nortmoorer Hammrich wurden aber die Punzen direkt in den Ton gedrückt, dadurch sind alle Motive im Negativ dargestellt. Offensichtlich hat man versucht, das römische Luxusgeschirr zu imitieren. Solche Imitationen römischer terra sigillata sind ausgesprochen selten, eine Nachbildung einer reliefverzierten Bilderschüssel in der vorgestellten Weise ist aber bisher ganz ohne Parallele. Angesichts dieser durchaus hochwertigen Nachahmung scheint hier ein sehr geschickter einheimischer Töpfer am Werk gewesen zu sein. Da er aber offensichtlich keinerlei Wissen über die Verwendung von Formschüsseln hatte, drückte er die Motive direkt in den noch weichen Ton und erzeugte so eine spiegelbildliche Kopie

 

Text: Hardy Prison

 

 

Fund des Monats - Juni 2019

2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer. Das als Glättglas verwendete Glasstück wird auch Gniedel- oder Gniddelstein bezeichnet und wurde in der Form über ein Jahrtausend bis in das 19. Jahrhundert hinein verwendet (Foto: Ines Reese/ Ostfriesische Landschaft).

 

 

Glätten mit Glas

2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer

 

Zwischen 2007 und 2009 wurden vor dem Bau des Gasspeichers Jemgum umfangreiche Prospektionen und Ausgrabungen südlich des Ortes Jemgum durchgeführt. Davon betroffen war auch die Wurt Jemgumkloster, deren Randbereiche und Umfeld untersucht wurden. Die Wurt Jemgumkloster wurde um 100 v. Chr. errichtet und zählt damit zu den ältesten Wurten Deutschlands. Sie geht auf eine Flachsiedlung der älteren Eisenzeit zurück und war bis um 1200 n. Chr. besiedelt. Südlich der Wurt wurde im Sommer 2007 aus einer Grube des 9. Jahrhunderts das Bruchstück eines rundlichen Glasstücks geborgen. Dabei handelte es sich um ein Glättglas, auch als Gniedel- oder Gniddelstein bekannt.

 Das ehemals runde Glättglas aus grauem, fast schwarzem Glas ist annähernd zur Hälfte erhalten und hat einen Durchmesser von noch 9 cm. Die Höhe beträgt ca. 2,6 cm. Seine Unterseite ist konkav, die Oberseite konvex und weist Gebrauchsspuren in Form kleiner Rillen auf. Das Glättglas wurde zum Glätten und Bearbeiten von Textilien, möglicherweise auch Leder benutzt. Damit ist es wie ein heutiges Bügeleisen verwendet worden. Die feinen Rillen stammen dabei wohl von Sandkörnern, die auf die Textilien geraten sind. Auch eine Verwendung zur Imprägnierung von Textilien mit Wachs wird vermutet. Glättgläser sind überwiegend im nordwestlichen Mitteleuropa und im westlichen Skandinavien verwendet worden. Der Schwerpunkt liegt im Zeitraum zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert und passt so gut zum Stück aus Jemgumkloster.

Text: Hardy Prison

 

Literatur:

P. Steppuhn, Der mittelalterliche Gniedelstein: Glättglas oder Glasbarren? Zu Primärfunktion und Kontinuität eines Glasobjektes vom Frühmittelalter bis zur Neuzeit. Nachrichten aus Noedersachsens Urgeschichte 68, 1999, 113–139.

 

 

Fund des Monats - Mai 2019

Kerne und Klingen aus Menstede-Coldinne (Foto: G. Kronsweide/Ostfriesische Landschaft).

 

Alles für die Steinzeit!

 

Berumerfehn und Menstede-Coldinne

 

2019 übergab die Tochter von Werner Kitz der Ostfriesischen Landschaft ein großes Konvolut steinzeitlicher Funde, die ihr Vater in lebenslanger Arbeit auf den Äckern und Fluren Ostfrieslands aufgesammelt hatte. Es handelte sich dabei um besondere Stücke, die nach dem Tod von Werner Kitz im Jahr 1991 zunächst im Familienbesitz verblieben waren. Werner Kitz war langjähriges Mitglied der Arbeitsgruppe Vorgeschichte der Ostfriesischen Landschaft. Unter anderem hat er Fundstellen bei Berumerfehn und 1979 den mittelsteinzeitlichen Siedlungsplatz bei Menstede-Coldinne entdeckt. Dieser wurde unter seiner Leitung von der Arbeitsgruppe Vorgeschichte teilweise ausgegraben, wobei zahlreiche Steinwerkzeuge im Umfeld einer Feuerstelle entdeckt wurden. Werner Kitz war jedoch nicht nur der Entdecker vieler steinzeitlicher Fundstellen, sondern publizierte seine Forschungsergebnisse auch selbst. Seine 1988 erschienene Broschüre über die „Steinzeit in Ostfriesland“ sowie die posthum veröffentlichte Arbeit über „Ostfriesland in den urgeschichtlichen Metallzeiten“ sind noch heute Standardwerke.

 

In den Magazinen der Ostfriesischen Landschaft verweisen viele Fundschachteln auf die akribische Arbeit des Sammlers. Sein Schwerpunkt lag dabei auf Funden der mittleren Steinzeit, des Mesolithikums. Dies ist die Zeitspanne nach dem Ende der letzten Eiszeit von etwa 9.600 Jahren v. Chr. und vor dem Beginn der ersten bäuerlichen Kulturen in Nordwestdeutschland bis etwa um 4.300 Jahren vor Christus. Die Lebensweise der mesolithischen Menschen im heutigen Ostfriesland war noch vom Jagen und Sammeln und der Herstellung von Steingeräten geprägt. In dieser Zeitspanne bildet sich aus der eiszeitlichen Kältesteppe, die eigentlich für Europa typischen ursprüngliche Wald- und Wiesenlandschaften heraus. In Nordwesteuropa sind diese noch zusätzlich durch die Ausbreitung großer Moore charakterisiert.

 

Beispielhaft für mesolithische Steingeräte sind besonders kleine Formen, die oftmals einen Zentimeter unterschreiten. Typische Werkzeuge sind kleine Mikrospitzen, Dreiecke und Trapeze, die vornehmlich als Pfeilbewehrung (Pfeilspitzen) gedient haben. Hinzu kommen kleine Kratzer oder Schaber. Sie wurden für die Bearbeitung von Oberflächen genutzt, wie die Bearbeitung von Fellen und Leder. Seltener sind sogenannte Stichel, dagegen sind Klingen mit feinen Retuschen zahlreicher vertreten. Diese dienten hauptsächlich zum Schneiden. Aus Ostfriesland sind nur wenige größere Geräte bekannt. Meist handelt es sich um sogenannte Scheiben- oder Kernbeile. Dies sind aus Abschlägen oder Feuersteinknollen zugerichtete Beilklingen, die wohl hauptsächlich der Holzbearbeitung gedient haben. Die Bearbeitung von Feuersteinen ist durch eine sehr feine Lamellentechnik geprägt. Durch eine präzise Schlag und Drucktechnik werden feinste Späne von Kernen abgetrennt, die dann zu Messern oder Pfeilspitzen weiterverarbeitet werden. Wahrscheinlich spielte die Bearbeitung und Verwendung von Holz ebenfalls eine große Rolle. Von anderen Fundplätzen sind Pfeile, Bögen, Netze, Harpunen, Paddel und sogar Einbäume überliefert. In Ostfriesland haben hölzerne Funde aus dem Mesolithikum die Zeiten leider nicht überdauert.

 

Von den Lagerplätzen der Menschen des Mesolithikums sind nur wenige Spuren überliefert. Selten findet man Ansammlungen von mit Holzkohlesubstrat gefüllten Gruben. Es kann sich hierbei um ehemalige Feuerstellen oder Kochgruben gehandelt haben, in denen Speisen zubereitet wurden. Ausgedehnte Siedlungen sind bisher nicht entdeckt worden. Daher wird davon ausgegangen, dass die Menschen ihre Lagerplätze oft gewechselt haben, je nachdem wo Ressourcen für die Ernährung anstanden.

 

Die Entdeckung archäologischer Fundstellen durch die ehrenamtlichen Sammler im Allgemeinen und Werner Kitz im Besonderen sind für die Wissenschaft einer Region von großem Wert. Leider zeigt sich in den letzten Jahren, dass diese Form der ehrenamtlichen Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege stetig abnimmt. Es ist zu hoffen, dass sich dies eines Tages wieder ändern wird. Das Beispiel von Werner Kitz zeigt, wie viel ein Einzelner für das Verständnis des Ganzen beitragen kann.

 

Text: Jan F. Kegler

 

 

Fund des Monats - April 2019

2710/5:10 Leer-Westerhammrich. Die kleinen Tiegel (2 bis 6 cm hoch) dienten dem Aufschmelzen von Bronze zur Herstellung kleiner Bronzegegenstände (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2710/5:10 Leer-Westerhammrich. Die Tiegel sind grob gearbeitet, mit der Hand geformt. Sie waren hohen Temperaturen ausgesetzt und die Keramik wird dadurch blasig. Von ihrer Verwendung zum Bronzeguss zeugt die vielfarbige ebenfalls blasige Glasur (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2710/5:10 Leer-Westerhammrich. Ein Tiegel von 3,5 cm Höhe zeigt noch deutlich die Fingereindrücke desjenigen, der ihn einst geformt hat. Das kleine Gefäß war offenbar unbenutzt (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2710/5:10 Leer-Westerhammrich. Ein besonders kleiner Tiegel dagegen ist durch einen sekundären Brand blasig aufgeworfen und daher auch federleicht (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

Grobe Keramik für feine Bronze

 

2710/5:10 Leer Westerhammrich

 

Der westlich von Leer gelegene Westerhammrich gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundplätzen Ostfrieslands. Die halbinselartige Geestkuppe ist in den 1960er Jahren bedenkenlos zu großen Teilen ausgesandet worden, obwohl deutliche Hinweise auf den Standort eines Megalithgrabes vorlagen. Als in den 1990er Jahren Baumaßnahmen am nördlichen Rand der Kuppe geplant wurden, führte die Ostfriesische Landschaft die notwendigen Ausgrabungen durch. Zu den besonderen Ergebnissen gehörte die Aufdeckung von 6 Brandgräbern der späten Trichterbecherkultur (Havelte-Stufe) und von 17 Körperbestattungen der Einzelgrabkultur. Dieser neolithische Horizont wurde flächendeckend von Siedlungsspuren aus der Römischen Kaiserzeit überlagert.

Während die Wohnhäuser dieser Siedlung nicht erfasst werden konnten – sie haben wohl auf der ausgesandeten Kuppe gelegen –, wurde ein nicht minder interessanter wirtschaftlich genutzter Bereich erschlossen. So existierten einige Ensembles von Gruben, die in ihrer Ähnlichkeit hinsichtlich der räumlichen Anordnung zueinander und in der wiederkehrenden Variation der Verfüllmaterialien mehrfach gleichartig ablaufende Arbeitsprozesse erkennen lassen. Hinzu kam ein Dutzend Brunnen im Umfeld dieser Gruben. Dendrochronologische Untersuchungen von Brunnenhölzern und eine aus einem der Brunnen geborgene Bronzefibel belegen eine Nutzung des Areals vom 2. bis in das 4. Jahrhundert n. Chr.

Während die Brunnen in dieser Anzahl also auf einen hohen Wasserbedarf hinweisen, lassen Holzkohle- und Aschebänder auf Feuerungsvorgänge in etlichen Gruben schließen, mehrfach belegten dabei Bruchstücke verziegelten Lehms mit Abdrücken von Flechtwerk ofenartige Überkuppelungen. Im Umfeld einer solchen Feuerungsgrube wurden sowohl Partikel von Bronzeschmelz als auch vollständige Exemplare von kleinen Schmelztiegeln gefunden. Zusammengenommen belegen diese Funde und Befunde die Herstellung von Buntmetall, insbesondere von Bronze, in diesem Areal.

 

(Aus: R. Bärenfänger, Hinweise auf Handel und Handwerk der Kaiserzeit an der unteren Ems: Ausgrabungen im Westerhammrich. In: F. Both/H. Aouni (Red.), Über allen Fronten. Nordwestdeutschland zwischen Augustus und Karl dem Großen. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 26, 1999, 39-44).

 

 

Fund des Monats - März 2019

 

Die gekrönte Rose - ein Markenzeichen

 

2609/1:100 Emden-Groß Faldern

 

In Emden Groß Faldern fand von Oktober bis Dezember 2018 im Vorfeld eines geplanten Neubauvorhabens eine archäologische Untersuchung statt. Dabei wurden Mauern und Pflasterungen von bürgerlichen Wohnhäusern freigelegt. Durch zahlreiche Funde wie Keramikscherben und Tonpfeifen kann der Fundplatz in die Zeit vom 16. bis ins 19. Jahrhundert datiert werden. In einem Befund, der vermutlich zu einem Kellerraum des Hauses gehörte, kamen die Überreste von drei Holzfässern aus verschiedenen Bauphasen zu Tage. Der vollständig erhaltene Zinnlöffel stammt aus einer Kleischicht über einem der Fässer.

2609/1:100 Emden-Groß Faldern. Der Zinnlöffel datiert der Form nach in das 17. Jahrhundert (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
2609/1:100 Emden-Groß Faldern. Die Marke auf dem Löffel besteht aus einer Rose und einer teils korrodierten Krone darüber. Schwach erkennbar ist auch der Buchstabe "T" (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

Form und Größe des Zinnlöffels weisen auf eine Datierung in das 17. Jahrhundert hin. Der Großteil dieser Löffel stammt allerdings aus dem 19. Jahrhundert, da Zinnprodukte schnell zerbrachen und Metalle in der Regel für eine Wiederverwendung eingeschmolzen wurden.

 Der Löffel misst in der Länge 16,9 cm. Der facettierte Stiel hat ein verdicktes Ende und einen runden bis ovalen Querschnitt. Ein weiteres besonderes Merkmal des Löffels ist die filigrane Zinnmarke am oberen Ende der tropfenförmigen Laffe. Sie zeigt eine Rose mit drei Lagen von Blütenblättern, die wiederum aus fünf Blüten gebildet werden. Sie trägt eine Krone, die allerdings durch Korrosion stark beschädigt und somit nicht vollständig zu erkennen ist. Die Krone ist an den Rändern mit einem Pünktchendekor verziert. Innerhalb der Krone ist auf der rechten Seite der Buchstabe „T“ schwach zu sehen

 Zinnmarken geben Aufschlüsse über die Qualität, den Hersteller oder die Herkunft des Produktes. Die Rose weist auf eine Herkunft im ostfriesischen Raum und im niederländischen Küstenbereich hin. Die Rose erinnert an das Wappen des englischen Herrscherhauses im 15. Jahrhundert und wurde zunächst in den Niederlanden als Symbol für das feine, englische Zinn übernommen. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie auch in Ostfriesland gebräuchlich. Die Krone kennzeichnet ebenfalls die Qualität des Zinns. Bei der Produktion von Zinngeräten wurde aus Kostengründen häufiger Blei beigemengt. Je höher der Bleianteil, desto giftiger und unreiner war das Zinnprodukt. Erzeugnisse von hoher Qualität wurden mit Kronen markiert. Der Buchstabe „T“ ist dabei ein Teil der Initialen des Meisters, der den Zinnlöffel angefertigt hat. Gekrönte Rosen wie in diesem Fall sind im ostfriesischen Raum geläufig und gehören zu den am häufigsten auftretenden Symbolen. Durch die Zinnmarke kann das Fundstück zeitlich näher bestimmt werden und datiert in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Damit fällt er in die Blütezeit der Zinngeräte.

 Der Stiel des Löffels war verbogen und da es sich in erster Linie um einen Gebrauchsgegenstand handelte, wurde er vermutlich wegen dieser Deformierung einfach entsorgt.

 

(Text: Agathe Palka)

 

 

Fund des Monats - Februar 2019

2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer, Seitenansicht des Schlüssels (Foto: C. Kohnen).
2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer, Detail des Schlüssels (Foto: C. Kohnen).

 

 

Schlüssel ohne Schloss

2710/5:38 Wurt Jemgumkloster, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer

 

Zwischen 2007 und 2009 wurden im Vorfeld des Baus des Gasspeichers Jemgum umfangreiche Prospektionen und Ausgrabungen südlich des Ortes Jemgum durchgeführt. Davon betroffen war auch die Wurt Jemgumkloster, deren Randbereiche und Umfeld untersucht wurden. Sie wurde um 100 v. Chr. errichtet und zählt damit zu den ältesten Wurten Deutschlands. Ursprünglich geht sie auf eine Flachsiedlung der älteren Eisenzeit zurück und war bis um 1200 n. Chr. besiedelt. Am westlichen Rand der Wurt konnte im Frühling 2007 aus einer Schicht des 11. /12. Jahrhunderts ein vollständig erhaltener Schlüssel geborgen werden. Es handelt sich um einen eisernen Hohlschlüssel, dessen Herstellungsprozess sehr gut rekonstruierbar ist. Der Schlüssel hat eine Länge von 7,8 cm. Er gehört zum Typ der Riegelschlüssel mit Bart und dürfte aufgrund seiner geringen Größe ehedem zum Öffnen einer kleinen Truhe oder eines Kastens gedient haben. Gefertigt wurde er aus einem L-förmigen Stück Eisenblech. Dieses wurde durch Hämmern und Biegen an einem Ende zu einer ovalen bis ringförmigen Schlaufe geformt, die den Griff bildete. Am anderen Ende wurde der Bart entsprechend bearbeitet um ein Schloss zu öffnen. Bei einfachen Bartschlüsseln wurde die Außenkante des Bartes mit einer oder mehreren Aussparungen versehen. Das vorliegende Stück hat zwei kleine rechteckige Aussparungen an der Außenseite des Bartes und eine weitere an der Innenseite. Im Fall des Schlüssels von der Wurt Jemgumkloster muss es sich aber um ein kompliziertes Schloss gehandelt haben, da der Schlüsselbart auch noch einen mittig liegenden Durchbruch aufweist. Entweder vor oder aber nach der Bearbeitung des Bartes wurde im letzten Herstellungsschritt das Eisenblech zwischen Griff und Bart gebogen und umgeschlagen, sodass ein hohles Röhrchen entstand. Die Stoßnaht zwischen Bart und Hohlkörper ist beim Schlüssel aus Jemgumkloster immer noch gut erkennbar. Das zum Schlüssel gehörende Schloss wurde leider nicht gefunden, so wie generell deutlich mehr Schlüssel als Schlösser überliefert wurden. Noch viel seltener haben sich die hölzernen Truhen oder Kästen erhalten. Welche Kostbarkeiten es wert waren weggeschlossen zu werden, ist für uns somit nicht mehr zu erschließen.

 

Text: Hardy Prison

 

 

Fund des Monats - Januar 2019

Flintbeil aus Holtland (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
Holtland, Gde. Hesel. Das Flintbeil ist glänzend poliert. Gut zu erkennen sind die hellen, für diesen Feuerstein typischen Einschlüsse (Foto: Ines Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

100 Gramm Helgoland

 

Ein Flintbeil aus Holtland, Gde. Hesel

 

Im Jahr 2003 wurde auf einem Acker nicht unweit des Geestortes Holtland ein kleines Feuersteinbeil gefunden.

Die kleine, genau 100 Gramm schwere Beilklinge (L: 82 mm, B: 46 mm, D: 18 mm) besitzt zwei Besonderheiten, die es vom Spektrum der üblichen Oberflächenfunde unterscheiden: Es weist erstens keinerlei Beschädigungen auf und besteht zweitens aus einem in Ostfriesland ungewöhnlichen Rohmaterial. Der Silex ist fleischrot mit hellrötlichen Schlieren und vielen kleinen hellen Punkten. Er hat darüber hinaus weißlich-beige Einschlüsse, die von einem schlierigen Hof umgeben sind. Dies sind die typischen Merkmale für den hier extrem seltenen sogenannten roten Helgoländer Flint. Bisher sind von der Ostfriesischen Halbinsel nur sehr wenige Einzelstücke bekannt. Hauptsächlich datieren diese in die jüngeren Steinzeiten oder die Bronzezeit, eine Zeitspanne, in der die Hochseeinsel Helgoland bereits nur noch per Schiff zu erreichen war. Dennoch ist der weitaus häufiger auftretende, jedoch schwerer zu erkennende, graue Helgoländer Feuerstein weit verbreitet und ist gerne für die Herstellung von Beilen, Sicheln und Dolchen verwendet worden.

Nach der Beiltypologie von K. H. Brandt ist das Beil als dünnblattiges Rechteckbeil anzusprechen. Die Schwierigkeit bei dieser Ansprache besteht jedoch darin, dass die unterschiedlichen Beilformen oft fließend ineinander übergehen. Bei dem vorliegenden Stück sind die Vorder- und Rückseite vollständig überschliffen, während die Seiten sauber herausretuschiert worden sind. Die noch kantenscharfe Schneide ist exakt mittig und gerade angesetzt und leicht ausgestellt. Der Nacken hingegen ist durch einige grobe Retuschen herausgearbeitet. An dem Beil erkennt man mindestens drei Zurichtungsphasen: zunächst die grobe Formgebung durch eine Flächenretusche – auf einer Seite haben sich einige besonders tiefe Negative erhalten – und als zweites ein flächenhafter Schliff, der in exakter Längsrichtung des Stückes angelegt worden ist. Als dritte Phase folgte eine (sukzessive?) Nachschärfung der Schneide auf einem feinkörnigeren Schleifstein, die eine fast glänzende Politur hinterlassen hat. Dass das Stück benutzt worden ist, lässt sich anhand von auf der Vorder- und Rückseite ausgebildeten Politurflächen erkennen. Sie sind durch die Bewegung der Beilklinge in der Schäftung entstanden.

Leider gibt es bisher noch keine weiteren Funde von der Fläche, die eine genaue Datierung des Beiles ermöglichen würden. Jedoch lässt sich anhand der Formgestaltung ein neolithisches, möglicherweise trichterbecherzeitliches Alter schätzen. Dazu würde auch das seltene Rohmaterial gut passen, dessen Auftreten in die Zeitspanne zwischen dem Paläolithikum und der ausgehenden Bronzezeit fällt. Wie es nach Ostfriesland gelangt ist, bleibt jedoch leider im Verborgenen.

 

Text: Jan F. Kegler

 

Literatur:

Bittmann, F. u.a. (Hrsg.) 2014: Flint von Helgoland – Die Nutzung einer einzigartigen Rohstoffquelle an der Nordseeküste. Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 37 (2014). Rahden/Westfalen.

Ulrike Weller 2014: Äxte und Beile. Erkennen, bestimmen, beschreiben. Bestimmungsbuch Archäologie 2 (2014). München.

 

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