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Landschaft von Ostfriesland
Geschichte als Ausgangspunkt der Restaurierung |
Orgel Große Kirche Leer / Geschichte als Ausgangspunkt der Restaurierung
Ältestes Schriftzeugnis über den (Um)-Bau der Orgel im Jahre 1609 durch Marten de Mare: Chronik des Wessel Onken
Disposition der durch A.A. Hinsz erweiterten De Mare-Orgel, überliefert von Marten Jellen
Die Ansicht der De Mare-Hinsz-Höffgen-Orgel in der Gestalt nach 1850. Das Foto von Walter Kaufmann zeigt die Orgel vor dem Umbau durch Paul Ott (Anfang der 1950er Jahre)
Die Orgel nach dem Umbau durch Paul Ott (Foto: Walter Kaufmann).
Der freistehende Spieltisch von Paul Ott
Die Mechanik erforderte einen Tastendruck bis zu einem halben Kilogramm, um in Bewegung gesetzt zu werden.
Der rekonstruierte Spieltisch von Hendrik Ahrend Orgelbau am wiederhergestellten Unterbau des Hauptgehäuses
Motive des erhaltenen Schnitzwerkes von 1845-50: Glaube, Liebe, Hoffnung
Eine Lyra im Schnitzwerk, das von Emder Künstlern geschaffen wurde (1845-50)
Schnitzwerk unterhalb eines der Pedaltürme von 1845-50
Das Schnitzwerk von 1845-50, geschaffen von Holzbildhauern aus Emden, zeigt eine deutliche Verfeinerung gegenüber dem andernorts zu findenden Schnitzwerk aus Barock und Rokoko
Das Untergehäuse mit wiederhergestellter Spielanlage in historischer Bauweise
Pfeifen der Hohlflöte 8-Fuß, deren Entstehung eindeutig in das 16. Jahrhundert (De Mare-Orgel des Klosters Thedinga) zugewiesen werden kann.
Die Pfeifen der Trompete 8-Fuß, die Renaissance-Kehlen aufweist und vermutlich auf das Jahr 1609 zurückgeht.
Seitlicher Blick auf das Pfeifenwerk des Hauptwerkes
Prospektpfeifen aus Zinn (Foto: Orgelbau Ahrend), wie sie für die gesamte Prospektfront rekonstruiert werden sollen.
Der Mittelturm mit den angrenzenden Flachfeldern, der die architektonischen Züge eines Renaissance-Prospekts aufweist

Die Geschichte der Orgel -

Ausgangpunkt für ihre Restaurierung

 

Die Orgel der Großen Reformierten Kirche zu Leer kann auf eine über 400-jährige Baugeschichte zurückblicken. Im Jahre 1609 verfertigte Marten de Mare unter Verwendung einer älteren de Mare-Orgel aus dem Kloster Thedinga ein neues Instrument im Stile der Renaissance für die alte Liudgerikirche am Westerende.

Sie gilt damit als zweitälteste Orgel der reichen Orgellandschaft Ostfrieslands.

 

1763-66 wurde die De Mare-Orgel  durch den Groninger Schnitger-Nachfolger Albertus Anthoni Hinsz  zur Barock-Orgel ausgebaut. Dazu wurde sie mit neuen Windladen versehen und um ein Rückpositiv erweitert. Die neuen Klaviaturen waren waren nach Angabe des Weenerander Organisten Marten Jellen „cierlijk bewerkt“.

 

1785 wurde die Orgel von J.Fr. Wenthin annähernd unverändert in die neu erbaute Kirche transloziert. 1845 projektierte der Emder Orgelbauer J.W. Höffgen eine dringend notwendige Reparatur und Vergrößerung. Die Orgel erhielt erstmals ein eigenständiges Pedalwerk. Das Rückpositiv wurde als Oberwerk auf das Hauptgehäuse versetzt und der Prospekt mit neuer, feiner Bildhauerarbeit verziert. Höffgen starb über dem unvollendeten Projekt. Der junge Orgelbauer Brond de Grave – Winter, Sohn des damaligen Organisten J.J. Winter, führte die Orgelerweiterung erfolgreich zum Abschluss.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg war die Orgel, die nach 1850 in Anpassung an den Zeitgeschmack mehrere charakteristische Stimmen eingebüßt hatte, dringend reparatur- und restaurierungsbedürftig. In einer Phase des kirchenmusikalischen Wiederaufbaus unter Kantor Schulz wurde ein umfassender Orgelumbau geplant, mit dem der Göttinger Orgelbauer Paul Ott beauftragt wurde.

 

Das Oberwerk wurde entfernt. Stattdessen wurden zwei neue Rückpositive als jeweils eigenständige Manualwerke geschaffen, die unter Beratung von Regierungsbaurat Dietrich Müller-Stühler in die Brüstung der wenige Jahre zuvor vergrößerten Chorempore integriert wurden. Dadurch wurde die Orgel erstmals dreimanualig, das heißt, sie verfügt über drei Manualwerke.

In einer Linie mit den Rückpositiven wurde auf der Empore ein freistehender Spieltisch eingerichtet, von dem aus ein kompliziertes System von Wellen und Abstrakten die mechanischen Zugbewegungen in alle Sektionen der Orgel überträgt. Von diesem Spieltisch aus sollte die Kantorei begleitet und geleitet werden können. Leider erwies sich der Aufstellungsort für den Chor als akustisch ungeeignet, sodass sich die Entscheidung für den komplizierten freistehenden Spieltisch, der eine bis heute sehr schwergängige Spielart mit sich bringt, als gravierender Fehler herausstellte.

 

Mit der Schaffung der zwei Rückpositive, die in Annäherung an die Hauptorgel ebenfalls mit Bildhauerarbeit verziert wurden, erhielt die Orgel konzeptionell ein Alleinstellungsmerkmal in Norddeutschland. Die Umgestaltung des Prospekts mit den auf 16-Fuß-Länge erhöhten Pedaltürmen, der Wegnahme der Bekrönungen und dem Bau zweier eigenständiger Rückpositive kann im Kontext des Wiederaufbaus der 1950er Jahre als ambitionierte Leistung gewürdigt werden.

 

Allerdings erwies es sich bereits unmittelbar nach dem Orgelumbau, dass in klanglicher und technischer Hinsicht erhebliche Defizite geblieben waren. Immer wieder musste der Orgelbauer Ott gerufen werden, der die Mängel aber nicht abstellen konnte und schließlich nicht mehr anreiste. Die Gemeinde wandte sich an die jungen Orgelbauer Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema. In drei Bauabschnitten wurde die Orgel bis 1971 durch Ahrend & Brunzema klanglich und technisch konsolidiert. Sieben neue Zungenregister von hervorragender Qualität, eine Nachintonation des Pfeifenwerks sowie eine stabilisierte Windversorgung trugen zur wesentlichen Verbesserung des Instrumentes bei.

 

Dennoch musste in jener Phase der Konsolidierung durch Ahrend und Brunzema aus finanziellen Gründen manches im Stadium des Provisorischen stehen bleiben. Das Gehäuse hat unter dem Umbau durch Ott schwer gelitten, Originalsubstanz ging verloren und Ergänzungen wurden aus minderwertigen Materialien zusammengezimmert. Die Prospekt-Konsolen neigen sich bedenklich nach unten. Die Mechanik geht viel zu schwer und unpräzise. Die Substanz des historischen Pfeifenwerks wurde von Ott tiefgreifend verändert. Im Prospekt der gesamten Hauptorgel erinnern minderwertige Pfeifen aus Zink an den Materialmangel der Zwischen- und Nachkriegszeit.

 

Mehr als vierzig Jahre nach den rudimentären Konsolidierungsarbeiten durch Ahrend & Brunzema ist eine umfassende Restaurierung der wertvollen Substanz unter Berücksichtigung charakteristischer Elemente des Zuwachses dringend geboten.

 

Dies entspricht der Kernforderung einer internationalen Expertenkonferenz, die sich am 12. Januar 2012 mit der Orgel in der Großen Kirche befasste. An der Konferenz nahmen die Orgelbauer Hendrik Ahrend [D]), Bernhard Edskes [NL], Henk van Eeken [NL], Bartelt Immer [D], Heiko Lorenz [D], Friedemann Seitz [D],  Munetaka Yokota [J], die Orgelsachverständigen Winfried Dahlke [D], Koos van de Linde [NL], Johann Norrback (GOArt) [S]), Reinhard Ruge [D], Axel Unnerbäck [S] und die Orgelprofessoren Prof. Hans Davidsson [USA/S] und Prof. Edoardo Bellotti [I/USA] teil.

 

In der Expertenrunde herrschte Einigkeit darüber, dass die Hauptorgel mit Hauptwerk, Oberwerk und Pedal in dem historischen Bestand von De Mare, Hinsz und Höffgen umfassend restauriert bzw. rekonstruiert werden sollte. Der schwedische Orgeldenkmalspfleger Axel Unnerbäck und Orgelprofessor Hans Davidsson erkannten in den hinzugefügten Rückpositiven Elemente von besonderer Expressivität (Davidsson) bzw. konzeptioneller Seltenheit (Unnerbäck) und plädierten für eine Integration dieser Elemente in das Restaurierungsprojekt. Der italienische Orgelprofessor Edoardo Bellotti hob heraus, dass insbesondere die Ahrend & Brunzema – Zungenregister der Orgel „Personalität“ verliehen.

 

Die geplante Restaurierung berücksichtigt alle geschichtlichen Stationen dieser Orgelentwicklung, ohne ein einzelnes Stadium bis in die letzte Konsequenz wiederbringen zu können. Ausgehend von der Restaurierung und Rehabilitation der historischen Pfeifen aus Renaissance, Barock und der Spätphase traditionellen Orgelbaus in Ostfriesland muss das gesamte Pfeifenwerk in seiner Bauweise und Intonation darauf abgestimmt werden, dass ein charakteristisches, obertonreiches Klangbild von stilgemäßer Kraft und Schärfe wiedergewonnen wird.

 

Die vollständig restaurierte Hauptorgel wird den Zustand der „De Mare- Hinsz- Höffgen-Orgel“ von 1850 repräsentieren und um die zwei Rückpositive aus den 1950er Jahren bereichert sein. Hier finden sich viele helle und charakteristische Stimmen, die als Erwiderung auf die Romantisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert konzipiert worden waren. Sie verleihen dem Orgelklang zusätzliche Helligkeit und eine raumperspektivische Wirkung, die faszinierende Hörerlebnisse ermöglicht. Denkmalwerte Ideen und Ambitionen der Orgelbewegung werden in dieser Restaurierung bewahrt und in eine klangliche Qualität versetzt, die den Wert dieser Ideale für die kommenden Jahrhunderte bewahren hilft.

 

In einer Zeit, wo bei großen Projekten wieder der Trend wieder zur „(barock)romantischsymphonischen“ Orgel ausschlägt, auf der man (am besten von mehreren Spieltischen mechanisch und elektrisch) „alles spielen können soll“, wird in Leer die größte Barockorgel Ostfrieslands mit einem Kompendium hochqualitativer Register aus sechs Jahrhunderten ein gegenteiliges Beispiel für ein „Mehr“ an spieltechnischer Differenziertheit und klanglichem Obertonreichtum darstellen.

 

Diese einmalig konzeptionierte Stadtorgel, die hochqualitatives Pfeifenwerk aus dem 16., 17., 18., 19., 20. und 21. Jahrhundert in einer stilistischen Harmonie zusammenfasst, wird in der hervorragenden Akustik der Großen Kirche zukünftigen Generationen von Spielern und Hörern einzigartige Hörerlebnisse bieten und sie für den Reichtum des Orgelklanges begeistern.

Winfried  Dahlke

 

KALENDER
Events
Adventskonzert im ORGANEUM | 17.00 u. 20.00 Uhr Kammermusik von Johann Sebastian Bach Hajo Wienroth - Traversflöte, Arwen Bouw - Violine und Winfried Dahlke – Cembalo bringen vier kunstreiche Sonaten von Johann Sebastian Bach zu Gehör. Im Anschluss a...
Beginn: 13.12.2018 17:00 Uhr
Ende: 13.12.2018 18:30 Uhr
Adventskonzert im ORGANEUM | 17.00 u. 20.00 Uhr Kammermusik von Johann Sebastian Bach Hajo Wienroth - Traversflöte, Arwen Bouw - Violine und Winfried Dahlke – Cembalo bringen vier kunstreiche Sonaten von Johann Sebastian Bach zu Gehör. Im Anschluss a...
Beginn: 13.12.2018 20:00 Uhr
Ende: 13.12.2018 21:30 Uhr
Prof. Wolfgang Baumgratz konzertiert an der Ahrend & Brunzema- Orgel der katholischen St. Marienkirche. Auf dem Programm steht adventliche und weihnachtliche Orgelmusik von Johann Sebastian Bach, u.a. drei Choralvorspiele über den Choral "Nun komm de...
Beginn: 15.12.2018 17:00 Uhr
Ende: 15.12.2018 18:00 Uhr
Das berühmte Weihnachtsmärchen von Charles Dickens verschmilzt kleinen englischen Orgelstücken. Französische Noëls und gemeinsam gesungene Weihnachtslieder umrahmen nach Stapelmoorer Tradition das Geschehen.An der französischen Barockorgel: Reinalt K...
Beginn: 30.12.2018 19:00 Uhr
Ende: 30.12.2018 21:00 Uhr
Zum Neujahrskonzert lässt LKMD Winfried Dahlke fröhliche und selten aufgeführte Orgelwerke des Barock erklingen, die sich auf der Arp Schnitger-Orgel wunderbar entfalten und durch ihre „Neuheit“ die Ohren besonders erfreuen. Im Anschluss wird zu eine...
Beginn: 06.01.2019 17:00 Uhr
Ende: 06.01.2019 19:00 Uhr
„Musick aus allen landen, da Meister Arpen orgell-instrumenta gelieffert“ Werke vom V.Lübeck, G. Böhm, v. Noordt, J. Blow, Chr. Ritter, J.A. Coberg, J.B. Bach u.a. Es konzertiert Prof. Martin Böcker (Stade)
Beginn: 03.02.2019 17:00 Uhr
Ende: 03.02.2019 18:00 Uhr
Emmanuel Le Divellec,  Professor für Orgel und Improvisation an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, konzertiert im März in der traditionsreichsten Orgelkonzertreihe Ostfrieslands an der Arp Schnitger-Orgel der Georgskirche Weener. Eintr...
Beginn: 03.03.2019 17:00 Uhr
Ende: 03.03.2019 18:00 Uhr