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Spätes Mittelalter Emden Kirchstraße
(2002) Auf Grund der ergebnisreichen Arbeit im vorangegangenen Jahr wurde die Ausgrabung in der Kirchstraße fortgesetzt. Die besondere Güte der Befunde und die große Menge der Funde wurde den Emder Bürgern in grabungsbegleitenden Führungen und durch eine intensive Pressearbeit vorgestellt. Die Förderung der Ausgrabung durch die Stadt Emden wurde auch vom Arbeitsamt mit der Bereitstellung von sechs Grabungsarbeitern und einem Techniker honoriert. Trotz der Kanalisationsarbeiten in anderen Straßen der Stadtwurt fokussierte sich die Tätigkeit des Grabungsteams auf diese stationäre Ausgrabung, die am Übergang von der Stadt- zur Kirchwurt liegt. Da die Zuwegung zur Johannes a Lasco-Bibliothek, zur Stadtverwaltung und zur Innenstadt gewährleistet werden musste, wurde die Fläche des Jahres 2001 um bis zu 6 m vom Chor der Großen Kirche aus nach Osten zurückgenommen. Auch die Teilfläche südlich der Einmündung der Pelzerstraße in die Kirchstraße konnte nicht weiter untersucht werden. Daher beschränkten sich die Ausgrabungen in der Kirchstraße im Jahre 2002 auf eine Fläche von ca. 22 x 8 m. Aus diesem Grunde war es nicht möglich, die Häuserfront an der Kirchstraße weiter zu ergraben. Im Laufe des Jahres wurde die Grabungsfläche von +3,42 m NN auf durchschnittlich +1,80 m NN abgetieft. Im Nordteil der Fläche wurde zunächst ein aus Backsteinen errichteter Mauerrest abgetragen, der einem z.T. mit Backsteinbruch durchsetztem, mit Klei verfülltem Fundamentgraben aufsaß. Nördlich davon verliefen die ebenfalls aus dem Vorjahr bekannten mächtigen Holzbalken. Diese waren übereinander gelagert und ineinander verzahnt. Aus einem der Balken konnte mittlerweile eine dendrochronologische Probe bestimmt werden. Danach hat das Fälldatum kurz nach 1362 gelegen (Fa. DELAG, Göttingen). Auf der Südseite wurde diese aufwendige Konstruktion von senkrecht in den Boden gerammten Pfählen unterstützt. Nur wenige Pfähle saßen unter den Hölzern. Im Bereich unterhalb der heutigen Kirchstraße setzte sich die Pfahlreihe fort, ohne dass sich Reste der Balkenkonstruktion erhalten hatten. Es handelt sich wahrscheinlich um die Südwand eines früheren Hauses an der Ecke Kirch- und Schulstraße, wobei nicht sicher gesagt werden kann, ob dieses Holzgebäude noch gestanden hat, als das südlich davon gelegene Backsteingebäude errichtet worden ist. Beide markieren indes die aus Karten bekannte alte Parzellierung. Ein weiteres dendrochronologisches Datum erbrachte ein massiver Balken, der zur Fundamentierung einer Backsteinmauer im Südteil der Fläche an der Ecke Kirch- und Pelzerstraße gedient hat. Er konnte auf das Jahr 1396±10 datiert werden. Da er aber sekundär verwendet war, kann er nicht zur absoluten Datierung der Backsteinmauer herangezogen werden. Im Nordteil der Fläche wurden dann Reste zumindest eines abgebrannten Gebäudes freigelegt, das mit der Giebelseite zur Kirchstraße hin orientiert war (Abb. links oben). Die hervorragende Holzerhaltung im feuchten Kleiboden ermöglichte, dass sogar aufrecht stehende Teile einer Innenwand dokumentiert werden konnten. Die Wand war ohne Substruktion in den Klei gesetzt und aus astdicken Rundhölzern und Brettern gefertigt. In einem Fall war ein solches Wandbrett in die Nut des tragenden Pfostens eingesetzt. Dieser konnte dendrochronologisch bestimmt werden: Das Fälldatum des Baumes hat nach 1143 gelegen. Während sich die nördliche Außenwand des Gebäudes in der Fläche sehr gut nachweisen ließ, scheint die südliche Außenwand durch jüngere Eingrabungen völlig zerstört zu sein. Die nördliche Wand konnte durch einen ca. 4 m langen Balken nachgewiesen werden, der auf der Oberfläche nur 0,10 m breit war, aber eine Stärke von mindestens 0,27 m hat. Wahrscheinlich hat er als Schwellbalken gedient. Nur 0,60 m nördlich von diesem lag ein gleich ausgerichtetes Kantholz der gleichen Machart. Beide wurden durch Zangenpfosten in ihrer Lage gehalten. Zwischen beiden befand sich eine Schicht stark verkohlten Materials. Die beiden Langhölzer bildeten wahrscheinlich die Sohlbereiche der Außenwände zweier Häuser. Zwischen beiden lag eine Traufgasse, die eventuell mit Reisig gestreut war, welches die starke Brandschicht erklären würde. Westlich eines Profilsteges setzte sich diese Befundsituation fort. Die Brandschicht war hier jedoch nicht so stark. Dort legt der Fund zweier in Laufrichtung ausgerichteter Daubenbretter nahe, dass die Gasse hier mit Holz ausgelegt war. Die Außenwand des nördlichsten Hauses ließ sich dort nur noch in der Ausbruchsgrube des Langholzes nachweisen. Im Südteil der Fläche, direkt an der Kirchstraße, wurde ein Brunnen entdeckt, der nur mit Wasser vollgelaufen war. Er reicht bis auf ein Niveau von ca. -1,65 m NN hinab und erreicht damit die Basis der Kirchwurt. Soweit von oben zu beurteilen ist, weist er zumindest zwei Bauphasen auf, die aus übereinander gestellten Fässern bestehen und durch kastenförmig gesetzte Hölzer begrenzt werden. Im obersten Niveau deutet sich im jetzigen Freilegungszustand ein Brunnenkasten an und auch der Rest eines Brunnengalgens scheint erhalten zu sein. Neben der großen Menge an Kugeltopfkeramik und vielen Steinzeugfragmenten Siegburger Machart ist die große Menge der Tierknochenfunde erwähnenswert. Diese werden zusammen mit den Emder Altfunden im Rahmen einer Dissertation am Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven aufgearbeitet. Als besonderer Neufund ist eine 11,5 cm lange, aus einem Röhrenknochen geschnitzte Flöte zu nennen, die auf Grund der Fundsituation sicher als mittelalterlich anzusprechen ist (Abb. links). Diese Datierung gilt auch für eine Knochennadel, die einen weiteren Bereich des Alltagslebens nachweist (Abb. links). Ein Knochenknebel ist mit drei parallelen Strichen markiert, die von einem X überkreuzt werden (Abb. links unten). Ob es sich hierbei um eine Hausmarke oder um ein Zählzeichen handelt, ließ sich bisher nicht klären. Funde einiger Schuhsohlen und andere Lederverarbeitungsreste legen nahe, dass in der näheren Umgebung der Ausgrabungsfläche eine umfangreiche Lederverarbeitung stattgefunden hat. B. Rasink
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