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Landschaft von Ostfriesland
Fundchronik 1997 |

Fundchronik 1997

 

Ostfriesische Fundchronik
Emder Jahrbuch Bd. 77, 1997

 

von Rolf Bärenfänger und Wolfgang Schwarz

mit einem Beitrag von Johann Müller

 

 

Die Ostfriesische Fundchronik berichtet in Kapitel A über die wichtigsten archäologischen Funde und Fundstellen, die im Berichtsjahr entdeckt und von der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft bearbeitet wurden. Die Fundchronik listet außerdem im Kapitel B die neuesten wissenschaftlichen Publikationen auf, die hiesige Funde und Fundstellen behandeln, und ordnet ferner die Funde in Kapitel C nach Zeitstufen. Die Ostfriesische Fundchronik gibt Hinweise auf die nicht schriftlich fixierte Besiedlungsgeschichte vergangener Zeitstufen in Ostfriesland.

 

 

 

A. Ausgrabungen und Funde in Ostfriesland

 

1. Collinghorst FStNr. 2811/1:9, Gde. Rhauderfehn, Ldkr. Leer
Urgeschichtliches, jungstein- bis eisenzeitliches Gräberfeld

Eine bis auf 6 m über NN aufragende, recht markante Sandkuppe nördlich des Ortes ist in den 60er Jahren zur Hälfte ausgesandet worden. Die dabei gemachten Urnenfunde der vorrömischen Eisenzeit waren der Anlaß, vor der anstehenden Bebauung des Geländes Sondierungsschnitte anzulegen, danach konnte mit Unterstützung der Gemeinde Rhauderfehn eine Fläche von gut 2000 qm untersucht werden (örtliche Leitung: Stephan Haß M.A.). Es kamen 33 undatierte, mit mehr oder weniger Holzkohle gefüllter Gruben sowie Pfostengruben zutage, die sich allerdings keinen baulichen Strukturen zuordnen ließen. Im höchsten Bereich des Areals wurde der westliche Rand eines spätneolithischen und bronzezeitlichen Gräberfeldes erfaßt. Ansätze von Umfassungsgräben, die an der Aussandungsgrenze endeten, belegten die ehemalige Existenz weiterer, damals zerstörter Gräber.

 

Eng beieinander, in Abständen von maximal 5 m, wurden fünf beigabenführende Bestattungen der Einzelgrabkultur (EGK) aufgefunden, eine weitere, ebenso annähernd West-Ost ausgerichtete Grube konnte in Ermangelung einschlägiger Funde nur unter Vorbehalt als Grab angesprochen werden. Zwei der insgesamt nur flach eingebrachten EGK-Bestattungen waren von einem Kreisgraben umgeben, der größere besaß einen Durchmesser von 5,20 bis 5,60 m, in der durch einen Sandentnahmegraben z.T. gestörten Grabgrube fand sich ein geschliffenes Flintbeil. Der zweite Kreisgraben maß im Durchmesser lediglich 2,40 m, die Grabgrube barg außer einem Becher mit Fischgrätverzierung und einem Rechteckbeil aus grünlichem Felsgestein einen außergewöhnlichen keramischen Gegenstand in Form eines menschlichen Zeigefingers in natürlicher Größe sowie eine halbe Bernsteinperle.

 

In größerer Distanz, 13 m südlich des erstgenannten Kreisgrabens, kam eine weitere Bestattung zutage. Ihre wenig exakt ausgehobene, eher Nordwest-Südost gerichtete Grabgrube wurde von einem Kreisgraben mit etwa 4,40 m Durchmesser umgeben. Im nordöstlichen Viertel der Grabgrube stand aufrecht ein mit Zahnstockstempeln verzierter Glockenbecher, und daneben lagen zwei fein gearbeitete Flintpfeilspitzen mit Schaftdorn und Flügeln knapp oberhalb der Grabgrubensohle. Der Glockenbecher ist 17,7 cm hoch und zeigt drei Verzierungszonen aus Zahnstockstempelab-drücken, eine am Hals, eine auf der Schulter und eine unterhalb des Bauchumbruches auf dem Fußteil. Die drei Verzierungszonen sind gleich gestaltet; sie bestehen abwechselnd aus schraffierten und glatten Bändern, letztere treten in der Randzone sogar plastisch hervor. Die Verzierung reiht den Becher zwischen die Typen 2Ib und 2Ic der niederländischen Formenreihe ein; sie gehen dem einheimischen Veluwe-Typ voraus.

 

Der Kreisgraben des Glockenbechergrabes wurde im Westen von einem insgesamt etwa 12,50 m langen und bis zu 6 m breiten, Süd-Nord gerichteten Rechteckgraben überlagert. Er wies im Norden gerundete Ecken und auf der südlichen Schmalseite anscheinend eine zugangartige Unterbrechung auf. Innenseitig war das Gräbchen z.T. von Gruben flankiert, besonders vor dem nördlichen Ende wurde eine Anzahl unregelmäßig verteilter Pfosten beobachtet, da aber klare Hinweise auf tragende Elemente ausblieben, scheint es sich insgesamt nicht um ein Totenhaus gehandelt zu haben, der Graben war vielmehr letzter Überrest einer Grabhügeleinfassung. Annähernd im Zentrum der Anlage wurde eine Süd-Nord gerichtete, 2,00 x 0,95 m große Grube freigelegt, die trotz Beigabenlosigkeit als Beleg für eine Körperbestattung gewertet werden kann. An ihrem westlichen Rand lag zudem ein kompaktes Leichenbrandlager, das ebenfalls beigabenlos war. Zwei weitere Knochenbrandlager lagen wie die zentrale Grabgrube auf der mittleren Längsachse innerhalb des Grabens, eines etwa 1 m südlich, das andere 5 m nördlich von ihr. Bis naturwissenschaftliche Daten vorliegen, sei als Datierungsvorschlag für diese Gräber die jüngere Bronzezeit angegeben.

 

Das kleine Gräberfeld von Collinghorst belegt eine Siedlungskontinuität in diesem Gebiet vom Spätneolithikum bis in die Vorrömische Eisenzeit. Leider ist von dem Gräberfeld nur noch ein kleiner Teil erhalten geblieben, während der östliche Teil bereits durch eine Aussandung zerstört worden war. Dies ist leider typisch für diese Denkmalgruppe auf der ostfriesischen Geest.

 

2. Esens FStNr. 2311/6:150, Gde. Stadt Esens, Ldkr. Wittmund

Siedlungsplatz der Römischen Kaiserzeit und des Mittelalters

Auf dem Geestrand nordöstlich von Esens wurde das Wohnbaugebiet "Unteres Jüchen" erschlossen. Nachdem in der nördlichen Hälfte des Areals in zwei Straßentrassen umfängliche Siedlungsbefunde, darunter eine gut 35 m lange palisadenartige Anlage, zutage gekommen und untersucht waren, konnte mit großzügiger Unterstützung der Stadt Esens eine 6400 qm große Fläche abgeschoben werden. Da bis zum Ende des Berichtsjahres erst das Planum dokumentiert ist und noch wenige Befunde geschnitten sind, lassen sich nur vorläufige Ergebnisse mitteilen.

 

Insgesamt wurden über 900 Befunde erfaßt, die mehreren bäuerlichen Gehöften zuzurechnen sein werden. Schmale Wandgräbchen scheinen die Standorte von Häusern anzuzeigen, bei sieben größeren Verfärbungen wird es sich um Brunnen und Wasserentnahmestellen handeln. Bemerkenswert ist eine Vielzahl von breiteren, weitläufigen Gräbchen, von denen noch zu klären ist, ob sie einzelne Hofplätze umgaben oder ob sie als Viehpferche fungierten. Im weiteren sind einige Siedlungs- und Werkgruben zu nennen, in der westlichen Straßentrasse fand sich eine, die größere Brocken von Ton, eine verziegelte Lehmschicht sowie stark überhitzte Keramikscherben aufwies, weshalb hier vielleicht ein Töpferofen angenommen werden darf.

 

Anhand der Keramikfunde lassen sich zwei Siedlungsphasen bestimmen. Die Ältere datiert in die Jahrzehnte vor und nach der Zeitenwende, es handelt sich also um eine älterkaiserzeitliche Geestrandsiedlung. Dagegen gehört die jüngere Siedlungsphase gehört in das frühe Mittelalter, und zwar in die Zeit der Wiederaufsiedlung des Landes im 7. Jahrhundert. Dafür spricht die wiederholte Auffindung grob gemagerter, dickwandiger sogenannter Eitöpfe, wie sie bisher in der Marsch aus Warften und Grabfunden bekannt geworden sind. Nun liegen erstmalig Befunde dieses Zeitraumes vom Geestrand vor, wobei durch das bisherige Ausbleiben von muschelgrusgemagerter Ware auch für diesen Siedlungshorizont nur eine kurze Dauer angegeben werden kann.

 

3. Großheide FStNr. 2410/4:20, Gde. Großheide, Ldkr. Aurich

Mesolithische Geröllkeule

 

Am Rande des Weges zum eigenen Hof wurde von Chr. Wirdemann eine Geröllkeule gefunden. Sie stammt vielleicht aus der nahegelegenen, kleinen Sandgrube des Hofes, mit deren Sand der Weg mehrfach ausgebessert wurde. Die Gröllkeule ist 10,4 cm lang und von rund-ovaler Form (Form IV, Hulst/Verlinde). Die beiden Enden der Längsachse sind alternierend abgestoßen. Die Durchlochung ist sanduhrförmig eingepickt mit einem scharfen Grat in der Mitte. Der Loch-Dm beträgt 1,5 cm und der Mulden-Dm 4,0 cm.

Datierung und Funktion dieser Geräte, die in einiger Zahl auch in Ostfriesland gefunden wurden, sind nicht endgültig geklärt. Es könnte sich sowohl um Nußknacker als auch um Beschwersteine für Grabstöcke und Keulen handeln.

 

4. Hesel FStNr. 2611/8:48, Gde. Hesel, Ldkr. Leer

Spätbronze- und früheisenzeitliche Siedlungsspuren

Südöstlich des Ortes hat die Gemeinde Hesel ein Baugebiet von mehr als 20 ha Größe ausgewiesen. 1997 wurde die Erschließung des ersten Abschnitts von etwa 8 ha Ausdehnung archäologisch begleitet, vorrangig wurden die weit verzweigten Straßentrassen als Suchschnitte bearbeitet, in drei Bereichen mit Häufung von Befunden wurden größere Flächen freigelegt. Der Name des Gebietes "Auf der Gaste" wurde von einem kleineren Flurstück auf das gesamte Terrain übertragen, gleichwohl fanden sich in großen Teilen des Areals mehr oder wenige starke Humusauflagen als Zeugnis mittelalterlicher und neuzeitlicher Plaggendüngung.

 

Die untersuchten Flächen erbrachten zahlreiche spätbronze- und früheisenzeitliche Siedlungs- und Pfostengruben, einige davon könnten auch in das Mesolitikum datieren. Bemerkenswert ist eine größere Grube, deren Füllung Keramikscherben, u.a. von einer zweifach durchbohrten, flachen Schale, und Holzkohle beinhaltete, außerdem kamen ein medaillonartiger sowie ein bommelförmiger Anhänger, beide aus gebranntem Ton, zutage. Es scheint, als seien mit diesen Gegenständen metallene Vorbilder nachgeahmt worden, was vielleicht als Rückschluß auf eine nicht überragende wirtschaftliche Situation der Siedlung zu werten ist. Einige Keramikscherben zeigen, daß für diese Grube als Zeitansatz das Ende der älteren Eisenzeit angegeben werden kann.

 

Im Osten des Geländes zeigten sich kleinere Sandkuppen und ein vermehrtes Aufkommen von Keramik- und Flintartefakten. Hier wurden auf einer 1300 qm großen Fläche isoliert liegende Pfostengruben und andere Eintiefungen, darunter eine flache Mulde mit hohem Anteil verkohlter Getreidekörner, freigelegt. In einem Teil dieser Fläche zeigte sich ein bisher bei den großflächigen Grabungen in Hesel noch nicht festgestelltes Phänomen, das in der östlich angrenzenden Straßentrasse dann auf knapp 60 m Länge im Profil erfaßt werden konnte: Über dem pleistozänen Sand lag ohne trennende Humusschicht Flugsand von bis zu 0,40 m Mächtigkeit. Dieser Sand enthielt vor allem im unteren Bereich zahlreiche Flint- und Keramikfunde, meist sehr kleine, also oftmals umgelagerte Bruchstücke. Es scheint sich um angewehten Sand zu handeln, der ständigem anthropogenem Einfluß, vielleicht der Beackerung ohne Düngung, unterlegen war. Auf dieser Schicht bildete sich anscheinend durch eine Grasvegation ein humoser Horizont, darüber lagerte der eingangs genannte Plaggenesch.

 

Vorbehaltlich der noch genau zu bestimmenden Zeitstellung dieses Flugsandhorizontes kann vorerst angenommen werden, daß hier erstmalig in Ostfriesland ein landschaftsgeschichtlich relevantes Relikt aus der Zeit des Wüstfallens der Geest während der vorrömischen Eisenzeit dokumentiert worden ist. Während die spärlichen Befunde eine eher saisonale, aber doch lang andauernde Nutzung, wohl Bewirtschaftung des Areals anzeigen, belegt der Flugsand eine hier zunehmende Unwirtlichkeit, die letztendlich dem Ackerbau den Boden entzog.

 

5. Hesel FStNr. 2711/2:136-3, Gde. Hesel, Ldkr. Aurich

Eisenzeitliche und mittelalterliche Siedlungsspuren

Anläßlich einer Baustellenuntersuchung "Im Wehrden" kamen auf der 1800 qm großen Fläche einige früheisenzeitliche Verfärbungen zutage, darunter einige Doppelpfosten eines Gebäudes. Außerdem sind zwei kleine und zwei große Gruben im nördlichen Bereich des Geländes zu nennen, letztere mit diversen Keramikfunden. Auffälligster Befund war ein frühmittelalterlicher, 0,40-0,70 m breiter Graben, der schon von den beiden südlich benachbarten Grundstücken bekannt war, sein Verlauf läßt sich nun auf einer Länge von 150 m nachvollziehen. Da die bisher in Hesel aufgedeckten frühmittelalterlichen Gehöfte allesamt westlich dieses Grabens bzw. der von ihm angezeigten Flucht gelegen haben, kam ihm vielleicht eine Funktion als Grenzmarkierung des Siedlungsareals zu.

 

6. Leer FStNr. 2710/5:10, Gde. Stadt Leer, Ldkr. Leer

Siedlungsspuren der Römischen Kaiserzeit

Die Bauvoruntersuchungen im Westerhammrich am westlichen Stadtrand wurden fortgesetzt. Eines der im Vorjahr geborgenen neolithischen Brandgräber (Bef. 604) konnte mittels Holzkohle auf ein konventionelles Alter von 4235±70, was einem kalibrierten Alter von cal BC 2910-2700 entspricht, datiert werden. In der mit Unterstützung der Stadt Leer neu eröffneten Fläche von etwa 3000 qm Größe wurden indes keine weiteren neolithischen Gräber gefunden. Wie im Vorjahr wurde eine Anzahl von Werk- und Vorratsgruben der Römischen Kaiserzeit dokumentiert, zudem kamen fünf Brunnenanlagen zutage, drei davon waren mit Flechtwerkkonstruktionen ausgekleidet, zwei mit einem ausgehöhlten Baumstamm. Einer der beiden Baumstämme (Bef. 1278) war mit weiteren Hölzern stabilisiert, weshalb sich hier die Möglichkeit einer dendrochronologischen Untersuchung ergab, es wurde ein Fälldatum "nach 206" ermittelt; in eine der Flechtwerkkonstruktionen (Bef. 1284) waren Spalthölzer integriert, für das jüngste Stück wurde ein abgeleitetes Fälldatum von "300 -2/+2" ermittelt. Aufgrund der Feuchtigkeit des Bodens gelang in einer der Vorratsgruben knapp oberhalb ihrer Sohle bei -0,10 m NN der Nachweis einer rundlichen Flechtwerkaussteifung. Einige der Werkgruben zeichneten sich durch Einschlüsse größerer Mengen verziegelten Lehms und Holzkohle aus, in mehreren Fällen muß hier an überkuppelte Ofenanlagen gedacht werden, wobei im Gegensatz zum knapp 200 m weiter östlich gelegenen Teil des Geländes die Hinweise auf Buntmetallverarbeitung noch vage blieben. Erneut bemerkenswert ist im Fundgut der hohe Anteil von provinzialrömischer Importware, besonders Drehscheibenkeramik, auch Terra Nigra, fällt auf, als hervorstechender Fund ist das 0,08 m hohe Bruchstück einer Bronzestatuette zu nennen, die wohl den römischen Kriegsgott Mars darstellt.

 

Knapp vor dem Ende des genannten sandigen Areals kam eine 1,80 m lange und 0,80 m breite, Süd-Nord orientierte Grube zutage, in der schon nach wenigem Abtiefen letzte Reste von Knochensubstanz erkennbar wurden. Vor allem die Auffindung von Zähnen sowie ein Beigefäß im südlichen Bereich der Grube beweisen hier eine menschliche Bestattung, der Tote muß in leichter Hockstellung mit angezogenen Beinen auf der rechten Körperseite gelegen haben, im Winkel zwischen Bauch und Oberschenkel war ein größerer Feldstein deponiert. Überraschend ist die Zeitstellung dieses Süd-Nord-Grabes, sie kann anhand des Beigefäßes wohl nur mit 2. Jahrhundert angegeben werden, womit ein ausgesprochen früher Beleg für das Wiedereinsetzen der Körperbestattungssitte im norddeutschen Küstenraum gewonnen ist.

 

7. Marx FStNr. 2512/9:31, Gde. Friedeburg, Ldkr. Wittmund

Steinzeitliche Spitzhaue

1996 fand der Landwirt Pflüger auf seinem Acker eine Spitzhaue. Der Acker befindet sich auf der Höhe eines Sandrückens 500 m südlich des Friedeburger Tiefs. Die Spitzhaue ist 13,7 cm lang und besteht aus einem hellgrauen quarzitischen Sandstein (bzw. Quarzit). Sie besitzt eine schlanke symmetrische Form (Brandt: B-2; Hulst/Verlinde: Form c), die durch sorgfältige Pickung der Oberfläche entstanden ist. Die sanduhrförmige Durchlochung mißt 1,9 cm und die Mulde 3,3 cm im Durchmesser. Der Mittelgrat im Loch ist sorgfältig abgeschliffen worden, so daß sich eine etwa 2 cm breite polierte Zone im Schaftloch befindet. Der abgeplattete Nacken zeigt Klopfnarben, und auch die symmetrische Spitze ist rauher als die übrige Oberfläche. Dagegen sind die Schmalseiten beiderseits der Lochung deutlich glatter als die übrige Oberfläche.

 

Obwohl mehrere Spitzhauen in Ostfriesland gefunden wurden, ist diese spezifische Form bisher einmalig. Gewöhnlich werden Spitzhauen ins Mesolithikum datiert, aber die Datierung ist problematisch, da sie in der Regel ohne Fundzusammenhang auf Äckern gefunden werden. Diese gut gearbeitete, symmetrische Form stammt wahrscheinlich aus dem Neolithikum oder der Bronzezeit.

 

8. Norden FStNr. 2309/7:41, Gde. Stadt Norden, Ldkr. Aurich

Hochmittelalterlicher Siedlungsplatz

Im Baugebiet Looger Weg - Hoog Ses, nördlich der alten Ortschaft Ekel, kamen bei den Baggerarbeiten für die Straßentrassen mittelalterliche Siedlungsspuren zutage, die in einer sechstägigen Fundbergung dokumentiert wurden. Neben verschiedenen Siedlungsgruben, die mittelalterlichen Aktivitäten zuzuschreiben sind, wurden drei Brunnen entdeckt.

 

Der Brunnen 1 zeichnete sich zunächst nur durch seine Versturzgrube ab, die sehr viel Keramik enthielt. Der Rest war noch knapp 60 cm tief. Der aus Torfsoden erbaute Brunnenschacht gründete auf einem Quadrat aus bearbeiteten Hölzern. Eines davon wies Bearbeitungsspuren und Bohrungen auf, so daß es als Rest einer Wagenachse gedeutet werden kann. Die Hölzer lagen bei 0,88 m über NN bzw. 1,03 m unter der heutigen Oberfläche. Der Brunnen 4 war 1,15 m tief und reichte bis 0,53 m über NN bzw. bis 1,62 m unter heutige Oberfläche hinab. Der Brunnenschacht bestand aus Torfsoden, die über im Quadrat verlegten, kantig bearbeiteten Hölzern aufgeschichtet waren. Der Brunnen 11 besaß keine Holzsubstruktion. Sein Torfsodenschacht war mit 0,76 m unter heutiger Oberfläche relativ flach gegründet und hat vermutlich deshalb auch nicht lange gehalten.

 

Pfostenspuren belegen eine Siedlung auf dem Sandsporn, der in die Marsch des Norder Wischers vorstößt. Die Tonscherben des 10. Jahrhunderts aus der Füllung des Brunnens 1 zeigen die Vielfalt der Randformen von muschelgrus- und granitgrusgemagerten Kugeltöpfen der Endphase des frühen Mittelalters. Die mittelalterliche Siedlung hat aus mindestens zwei gleichzeitig oder nacheinander existierenden bäuerlichen Gehöften bestanden. Vermutlich handelt es sich um eine Vorgängersiedlung der Ortschaft Ekel, wie das Beispiel Dunum lehrt.
Dieser Fundplatz ist für die Siedlungsgeschichte des Norder Landes von großer Bedeutung, weil die nahegelegene Marsch in derselben Zeitstufe besiedelt war und sich die Frage stellt, ob es eine Kooperation der Gehöfte in den unterschiedlichen Siedlungsgebieten gegeben hat. Eventuell war die bäuerliche Produktion der Geest und der Marsch hier derart aufeinander bezogen, daß sie eine Vorraussetzung zur Gründung der Stadt Norden bildete. Die Beantwortung der Fragen über die Siedlungsstruktur auf der Geest und in der Marsch sowie über die Potenz der bäuerlichen Wirtschaft in dieser Zeit würde das Dunkel um die Entstehung der Stadt Noden lichten helfen. Eine ausreichende Untersuchung der Fundstelle wurde nicht ermöglicht.

 

9. Nortmoor FStNr. 2711/8:2, Gde. Nortmoor, Ldkr. Leer

Siedlungsspuren der Römischen Kaiserzeit

Auf der Geestkuppe im Nortmoorer Hammrich wurden die Ausgrabungen im Vorwege des Sandabbaues fortgesetzt und abgeschlossen. Insgesamt ist eine Fläche von etwa 1,5 ha archäologisch erfaßt worden, 1290 Befunde wurden dokumentiert.

 

Im Gegensatz zum Vorjahr wurden im nun bearbeiteten westlichen Bereich des Areals keine mittelalterlichen Siedlungsreste beobachtet, die neu aufgedeckten Strukturen datieren allesamt in die Römische Kaiserzeit, schwerpunktmäßig in das 2. und 3. Jahrhundert. Sie konzentrierten sich auf den etwa 35 m breiten, West-Ost verlaufenden Kamm der Sandkuppe. Die bekannte Situation mit langen Zäunen, Pfostenkonzentrationen im Bereich größerer Häuser und Speicher setzte sich fort, wenngleich nun größere Lücken zwischen diesen Bereichen festgestellt wurden. Auch der an den Flanken der Kuppe ausstreichende Klei war bei weitem nicht mehr so stark mit Fundstücken durchsetzt wie im östlichen Teil des Geländes. Für den im Vorjahr ergrabenen, das Siedlungsareal im Süden abschließenden Zaun von gut 85 m Länge ließ sich inzwischen eine dendrochronologische Datierung erzielen, es wurde ein abgeleitetes Fälldatum von "136-10/+10" ermittelt (Gutachten Fa. Delag).

 

10. Reepsholt FStNr. 2512/3:47, Gde. Friedeburg, Ldkr. Wittmund

Mesolithischer Fundplatz

Am Südhang einer sandigen Anhöhe im Upschörter Moor wurden von Johann Müller auf dem Acker im Laufe mehrerer Jahre Feuersteinartefakte aufgelesen: insgesamt 29 Abschläge sowie 1 Schaber, 15 Klingen sowie 2 schrägendretuschierte Klingen, 3 Trapezspitzen und 1 Querschneide (Trapez) und schließlich 1 Klingenkern. Die Artefakttypen datieren die Fundstelle ins Mesolithikum.

 

11. Reepsholt FStNr. 2512/3:60, Gde. Friedeburg, Ldkr. Wittmund

Meso- und neolithischer Fundplatz

Auf einem Acker, der auf einer Anhöhe im ehemaligen Adder Moor liegt, las Johann Müller in der Nähe eines zerstörten Grabhügels etliche Feuersteinartefakte auf. Es fanden sich 6 Abschläge sowie 4 verschiedene Schaber und 1 ausgesplitterter Schaber, 27 Klingen sowie 1 Großklinge, 1 einfache Spitze, 3 Trapezspitzen und 1 Klinge mit stumpfer Endretusche, 2 Kernpräparationsabschläge sowie eine Kante von einem geschliffenen Beil. Die Artefakttypen zeigen, daß der Fundplatz vermischt ist. So datieren die aus Klingen gefertigten Spitzen die Besiedlung der Anhöhe ins Mesolithikum, während die Großklinge und die Beilkante wahrscheinlich aus dem Neolithikum stammen und vielleicht weniger auf eine Ansiedlung als vielmehr auf zerstörte Gräber hinweisen. Für diese Interpretation spricht ferner, daß der Artefaktbestand hauptsächlich die Produktion von Klingen belegt, und die Artefakte der Kerngerätproduktion deutlich unterrepräsentiert sind.

 

12. Schirum FStNr. 2511/4:138, Gde. Stadt Aurich, Ldkr. Aurich

Einzelfund eines Steinbeiles

Bei der Beobachtung der Ausschachtungsarbeiten für ein Feuchtbiotop am Rande des Kroglitzer Tiefs wurde ein Steinbeil im gelben Sand unterhalb der Mutterbodenschicht entdeckt. Es wurde etwa 10 m westlich des Wasserlaufes gefunden, ohne daß sich ein Befund im Boden abzeichnete. Daher ist zu vermuten, daß das 9,5 cm lange Fint-Rechteckbeil der Einzelgrabkultur nicht aus einem zerstörten Grab stammt, sondern in der breiten und flachen Niederungszone des Gewässers beim Arbeiten verlorenging oder deponiert wurde.

 

13. Wiesedermeer FStNr. 2512/1:7, Gde. Friedeburg, Ldkr. Wittmund

Mesolithischer Fundplatz

In den vergangenen Jahren hat Johann Müller die Feldbegehung am Rande eines trockengelegten Binnensees fortgesetzt (s. Beitrag Müller in diesem Band) und eine Vielzahl an neuen Feuersteinartefakten und vor allem auch neue Artefakttypen gefunden. Dabei handelt es sich um 25 Abschläge sowie 5 Schaber, 31 Klingen sowie 1 langschmales Dreieck, 7 einfache Spitzen, 2 rückengestumpfte Klingen und 1 Querschneide. Ferner fanden sich 10 Abschläge der Kernpräparation, 12 Klingenkerne und 15 Trümmer, von denen 6 Abschlagbahnen aufweisen und einer schaberartig zugerichtet ist. Insgesamt gesehen weist der Fundkomplex besonders viele Artefakte der Klingenproduktion auf, nämlich Kernsteine und Klingen, Abschläge zur Präparation von Klingenkernen und Klingengeräte. Er ist in das jüngere Mesolithikum zu datieren, weil keine breiten Dreiecke, dagegen aber überwiegend schlanke Spitzen und ein langschmales Dreieck auftreten. Die Querschneide scheint auch auf eine späte Datierung hinzuweisen.

 

14. Wiesedermeer FStNr. 2512/1:8, Gde. Friedeburg, Ldkr. Wittmund

Mesolithischer Fundplatz

Nur 200 m von dem vorgenannten Fundplatz entfernt, liegt an dem trockengelegten Binnensee in Kleinwiesedermeer eine weitere Fundstelle, die von Johann Müller entdeckt wurde (s. Beitrag Müller in diesem Band). Es wurden 17 Abschläge sowie 18 Schaber, 62 Klingen sowie 8 Klingenschaber, 2 partiell kantenretuschierte und 2 kantenretuschierte Klingen bzw. Rückenmesser, 1 langschmales Dreieck, 13 einfache Spitzen und 1 Querschneide bzw. Trapez gefunden. Auch dieser Fundkomplex ist durch die Dominanz der Klingenproduktion gekennzeichnet und weist überwiegend schlanke Spitzen auf, während breite Dreiecke fehlen. Daher ist er ins späte Mesolithikum zu datieren, wofür auch die Querschneide spricht.

 

15. Wiesedermeer FStNr. 2512/1:12, Gde. Friedeburg, Ldkr. Wittmund

Mesolithischer Fundplatz

Am Südwestrand einer Sandzunge, die ins Hochmoor vorstößt, fand Johann Müller (s. Beitrag Müller in diesem Band) bei mehrjährigen Feldbegehungen zahlreiche Feuersteinartefakte: 40 Abschläge sowie 6 Schaber, 33 Klingen sowie 1 Trapezspitze und 1 Klingenschaber, 1 Kernpräpatationsabschlag, 10 Klingenkerne sowie 1 meißel- und 1 kernbeilähniches Kerngerät, 3 Schaber aus Trümmern. Außerdem wurde ein zerbrochener Klopfstein aus Felsgestein aufgelesen. Die Artefakte der Klingenproduktion - Klingen, Klingenkernsteine und Präparationsabschläge - und auch der Klingenschaber sowie die Trapezspitze weisen darauf hin, daß der Fundplatz in das Mesolithikum datiert. 

 

 

B. Veröffentlichungen aus dem Arbeitsgebiet der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft

Bärenfänger, R.: Neolithische Brandbestattungen in Ostfriesland. - Archäologie in Deutschland 2/1997, 47.

Bärenfänger, R.: Neu entdeckt: Die ältesten Brandbestattungen Ostfrieslands. - Kiek mal rin! Nachrichten aus Museen und Sammlungen in Ostfriesland, Nr. 40, Sept. 1997; 14-15.

Bärenfänger, R.: Ein vergessenes Keramikschiffchen aus Pogum, Landkreis Leer. - Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 66(1), 1997, 299-302.

Bärenfänger, R.: Archäologisches zum Beginn der Backsteinbauweise in Ostfriesland. - Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 17, Heft 1, 1997, 18.

Bärenfänger, R.: Rezension zu: Stephan Flint et al., Ein Haus aus der Steinzeit. - Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 66(1), 1997, 316-317.

Bärenfänger, R.: Neues von den mittelalterlichen Klöstern Ostfrieslands. - Unser Ostfriesland Nr. 20, Beilage zur Ostfriesen-Zeitung vom 30.10.1997.

Bärenfänger, R.: Größere Ausgrabungen und Fundbergungen der Ostfriesischen Landschaft im Landkreis Leer; Größere Ausgrabungen und Fundbergungen der Ostfriesischen Landschaft im Landkreis Wittmund. - Nachrichten des Marschenrates 34, 1997, 21-26.

Bärenfänger, R.: Fundberichte Nrn. 22, 79, 179, 190, 194, 233, 257, 280, 299, 320, 323, 348, 391, 436. - Niedersächsische Fundchronik 1995, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 65(2), 1996 (1997), passim.

Bärenfänger, R.: Aus der Geschichte der Wüstung "Kloster Barthe" Landkreis Leer, Ostfroesland. Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen in den Jahren 1988 bis 1992. Mit Beiträgen von A. Burkhardt, W. Löhnertz und P. Weßels. - Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 24, 1997, 8-252.

Bärenfänger, R., Burkhardt, A., Carli-Thiele, P., Freund, H., Grefen-Peters, S. u. Schultz, M.: Völkerwanderungszeitliche Körpergräber aus dem ostfriesischen Wattenmeer - archäologischer, anthropologischer, paläopathologischer und paläoethnobotanischer Befund. - Studien zur Sachsenforschung 10, 1997, 1-47.

Bärenfänger, R., Schwarz, W., Stutzke, R.: Ostfriesische Fundchronik 1996. - Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands 76, 1996 (1997), 205-229.

Freund, H.: Pollenanalytische Untersuchungen zur Vegetations- und Siedlungsentwicklung beim Kloster Barthe, Ldkr. Leer (Niedersachsen), unter besonderer Berücksichtigung des Weichsel-Spätglazials. - Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 24, 1997, 253-273.

Haiduck, H.: Fundbericht Nr. 362. - Niedersächsische Fundchronik 1995, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 65(2), 1996 (1997), 386.

Kronsweide, G.: Fundbericht Nr. 378. - Niedersächsische Fundchronik 1995, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 65(2), 1996 (1997), 396.

Rosenplänter, P.: Neue archäologische Untersuchungen zu den spätmittelalterlichen Ausbausiedlungen im Jümmiger Hammrich. Unveröff. Magisterarbeit Universität Göttingen 1997.

Schwarz, W.: Fundstellen der Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit im Küstengebiet des Landkreises Wittmund, Niedersachsen. - Studien zur Sachsenforschung 10, 1997, 265-274.

Schwarz, W.: Fundberichte Nrn. 253, 389, 400-403. - Niedersächsische Fundchronik 1995, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 65(2), 1996 (1997), passim.

Schwarz, W.: Hausgrundrisse der Bronzezeit in der Gemarkung Hesel, Landkreis Leer.- J. J. Assendorp (Hrsg.), Forschungen zur bronzezeitlichen Besiedlung in Nord- und Mitteleuropa, Internationale Archäologie 38, 1997, 75-86.

Stutzke, R.: Fundberichte Nrn. 39, 90-91, 115, 148, 152, 261, 328-329, 483. - Niedersächsische Fundchronik 1995, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 65(2), 1996 (1997), passim.

 

C. Liste der Zeitstufen

1. Mittelsteinzeit: 3, 7, 10, 11, 13, 14, 15.

2. Steinzeit, unbestimmt: 7.

3. Trichterbecherkultur: 6.

4. Einzelgrabkultur: 1, 11, 12.

5. Jungstein- und Bronzezeit, unbestimmt: 1, 7.

6. Ältere und Mittlere Bronzezeit: 1.

7. Jüngere Bronzezeit: 1, 4.

8. Ältere und Mittlere Vorrömische Eisenzeit: 1, 4, 5.

9. Bronze- und Eisenzeit, unbestimmt: 4.

10. Späte Vörrömische Eisen- und ältere Römische Kaiserzeit: 2, 6, 9.

11. Jüngere Römische Kaiserzeit: 6, 9.

12. Eisenzeit und Römische Kaiserzeit, unbestimmt:

13. Völkerwanderungszeit:

14. Frühes Mittelalter: 2, 5, 8.

15. Hohes Mittelalter:

16. Spätes Mittelalter:

17. Mittelalter, unbestimmt:

18. Neuzeit: -

19. Unbestimmt: -

 

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