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Fund des Monats

 

Der Archäologische Dienst und das Forschungsinstitut präsentiert ab Oktober 2013 auf seinen Seiten den "Fund des Monats". Jeden Monat zeigen wir Ihnen einen besonderen Fund, der bei aktuellen Ausgrabungen oder der wissenschaftlichen Bearbeitung entdeckt worden ist. Er wird im Original im Foyer des Forschungsinstitutes (Hafenstr. 11; 26603 Aurich) ausgestellt werden. Begleiten Sie unsere Arbeit von Monat zu Monat.

Haben Sie Anmerkungen, Anregungen oder Kritik zum "Fund des Monats", dann senden Sie uns bitte eine Nachricht an: archaeologie@ostfriesischelandschaft.de.

 

 

 

Fund des Monats - JULI 2016

Westerholt "An der Mühle": römischer Tegula (Dachziegel) (Foto: K. Hüser/Ostfriesische Landschaft)

 

„Schwer beladen in die Ferne“

 

Westerholt "An der Mühle"

2410/3:52

 

Seit 2001 ist die Ostfriesische Landschaft in der Ortschaft Westerholt (Ldkr. Wittmund) aktiv und untersucht im Neubaugebiet „An der Mühle“ eine große Siedlung der Römischen Kaiserzeit und der frühen Völkerwanderungszeit. Mehr als 7000 Befunde und 100 000 Funde wurden dabei dokumentiert und geborgen.

Im Frühjahr 2015 wurde ein Brunnen im Siedlungsbereich archäologisch untersucht, der bemerkenswerte Funde offenbarte. In der obersten Verfüllschicht des etwa 2,60 m tiefen Befundes fanden sich neben Gefäßscherben und einer kleinen, fragmentierten Glasperle auch mehrere Bruchstücke von mindestens zwei römischen Dachziegeln. Römische Funde wie hochwertige Keramik aus terra sigillata ließen sich bereits mehrfach vereinzelt aus dem Bereich der ehemaligen Siedlung bergen. Sie verweisen auf einen regen Handel mit dem römischen Imperium. Die Handelswege in das ostfriesische Gebiet verliefen vorwiegend entlang der Flüsse. Der Naturraum erschwerte durch Niederungen und ausgedehnte Moorfläche oft die Benutzung von Landwegen. Römisches Baumaterial findet sich jedoch nur selten im friesischen Küstengebiet. In Westerholt war bereits vor einigen Jahren ein kleines Fragment eines solchen Dachziegels geborgen worden. Weitere Funde sind aus dem Westerhammrich bei Leer und aus Backemoor bekannt. Diese Ziegelfragmente ließen sich durch naturwissenschaftliche Methoden vorwiegend in das 4. und 5. Jahrhundert nach Christus datieren. Lange bevor in Ostfriesland Dachziegel zum Eindecken von Dächern in Gebrauch kamen, war diese Technik bei den Römern schon bekannt. Solche Dachziegel wurden in der Römischen Kaiserzeit jedoch nicht als Baustoff verhandelt, sondern gelangten als Ballast im Bauch der römischen Handelsschiffe in den Norden. Die zunächst unscheinbar wirkenden hellroten Ziegelfragmente zeigen hier also eindrucksvoll den Handel mit dem römischen Reich über die Wasserwege. Die Route verlief mit großer Wahrscheinlichkeit durch die Rheingegend über die Ems bis an die Nordseeküste. Von der Küste aus gelangten die römischen Funde dann vermutlich über eine ehemalige Meeresbucht bis nach Westerholt.

 

(Text: K. Hüser)

 

 

 

 

Fund des Monats - Juni 2016

Kugeltopf und Grapentopf. (Foto: Sonja König/Ostfriesische Landschaft.)

Kugelboden – Grapenbeine – Kochtopf

Teil 2

 

Forlitz-Blaukirchen, Großes Meer – Brinkum – Emden, Rotes Siel

 

Bereits vor einigen Jahren wurden im Großen Meer zahlreiche Kugeltöpfe aus der Zeit zwischen 900 n. Chr. und 1300 n. Chr. gefunden. Aufgrund der Überlagerung mit Schlick des Gewässers sogar konnten diese zu großen Teilen vollständig geborgen werden. Kugeltöpfe stellen die universale Gefäßform vom 10. bis zum 13. Jahrhundert dar. Vereinzelt gibt es in dieser Zeit daneben andere Gefäßformen, doch der Kugeltopf kann für nahezu alles benutzt werden – vom Aufbewahren, Lagern, Transportieren, Essen und Trinken bis hin zum Kochen. Auch im 14./15. Jahrhundert wird der Kugeltopf noch in den Haushalten verwendet, doch sind inzwischen zahlreiche andere Gefäßformen hinzugekommen. Das Volumen von Kugeltöpfen ist, wie für ein universales Gefäß nicht anders zu erwarten, sehr variabel. Von Gefäßen, die wenige 100 ml aufnehmen können, gibt es solche mit Fassungsvermögen bis hin zu gut und gern 10 Litern und mehr. Kugeltöpfe weisen, wie ihr Name bereits erkennen lässt, einen kugeligen Boden auf. Anders als man vielleicht zunächst denken mag, weisen sie eine durchaus solide Standfestigkeit auf. Und gerade in einem offenen Holzfeuer lassen sie sich in beliebiger Neigung in die Glut schieben, was sie zu einem idealen Kochtopf macht. Bereits aus dem Frühmittelalter sind auch andere Kochgefäße bekannt, so zum Beispiel Pfannen mit einem Linsenboden und einem Tüllengriff, in den ein Stab gesteckt wurde. Doch den größten Anteil am Küchenutensil hatte der Kugeltopf. Als Kochstelle diente lange Zeit eine einfache, offene Feuerstelle. Diese befand sich entweder direkt auf dem Lehmfußboden oder auf einem Unterbau aus z.B. Steinen. Im wohlhabenden Haushalten des Spätmittelalters sind auch knöchel- oder tischhoch aufgemauerte Herdstellen vertreten. In der Zeit um 1200 kam es zu einem einschneidenden Umbruch in den Keramikformen, die danach eine viel größere Diversität aufwiesen. Ab 1200 trat so auch der Grapen oder Dreibeintopf seinen Siegeszug in die Küchen an. Dieser zumeist gehenkelte Topf auf drei Beinen verdrängte den Kugeltopf nach und nach vollständig. Im Fundmaterial vom Roten Siel in Emden aus dem 16./17. Jahrhundert finden sich als Kochtöpfe nur noch als Grapen/Dreibeintöpfe. Natürlich blieben auch Pfannen beständig im Inventar, und nicht zu vergessen ist auch, dass daneben vor allem metallene Gefäße mehr und mehr zur Verwendung kamen – Dreibein, Bratspieß, eiserner Rost, eiserner Kessel usw. Von vielen hölzernen Küchenutensilien, die es ohne Zweifel ebenfalls gab, haben leider nur sehr wenige die Zeiten überdauert.

 

 

(Text: Sonja König)

 

 

 

Fund des Monats - April 2016

Glasierte Irdenware des frühen 17. Jahrhunderts aus Emden (Foto: S. König/Ostfriesische Landschaft)

 

Glas – Glasur –Kochtopf

 

Emden

2609/1:96

 

Im Herbst 2015 wurde am Roten Siel in Emden in einer Grabenverfüllung umfangreiches Abfallmaterial aus dem Bereich Tafel, Küche und Vorratshaltung gefunden. Aufgrund eines mit Inschrift datierten Bauerntanzkruges aus dem Jahr 1587 kann dieser Abfall in die Zeit um 1600 bzw. in das frühe 17. Jahrhundert datiert werden. Die Kochtöpfe der frühen Neuzeit zeigen andere Merkmale als noch jene des Mittelalters. Während im Mittelalter die Gefäße aus Irdenware aufgrund ihrer porösen Oberfläche wasserdurchlässig waren und man wasserundurchlässiges Tafelgeschirr lediglich in Form von Steinzeug kannte, wurde von der frühen Neuzeit an vermehrt bleiglasierte Irdenware verwendet.

 

Die Entwicklung der Glasur für Keramikgefäße hat sich über einen längeren Zeitraum vollzogen. Nördlich der Alpen werden seit dem Hohen Mittelalter, ca. dem 12. Jahrhundert, keramische Gegenstände wie Spielzeugfiguren, aber auch Miniaturgefäße und später erste ganz besondere Krüge aus dem belgischen Raum glasiert. Der Anfang der Bleiglasur nördlich der Alpen liegt vermutlich im Bereich der Glashütten, wo Tiegel infolge der Glaszubereitung „glasiert“ waren. Auf diesen Ablauf weisen auch die frühen Funde von glasierten Spielzeugtieren auf Glashütten hin. Bleiglasur besteht aus gemahlenem Blei, Wasser und Ton. Sie wird vor dem Brand durch Tauche, Gießen oder Malen aufgebracht. Bleiglasur an sich ist transparent und verstärkt dann lediglich den Grundton der Keramik, kann aber z.B. durch die Zugabe von Kupfer grün gefärbt werden. Nachteilig ist, dass durch im Gefäßinhalt enthaltene Säure das Blei aus der Glasur ausgelöst werden kann und dann in die Speisen gelangt. Das Farbspektrum erstreckt sich dabei von zunächst farblos bis hin zu gelb, braun und grün.

 

Ab der Zeit um 1400 treten vereinzelt erste Gebrauchsgeschirre mit Bleiglasur auf. Während zuvor die Bleiglasur lediglich als Dekor auf der Außenseite verwendet wurde, tritt sie nun vor allem innen auf. Neben der Dekorfunktion und um das Gefäß wasserdicht zu machen, schützte die Bleiglasur die Innenseiten der Kochtöpfe vor dem Einbrennen der Speisen und gleichzeitig die Speisen vor einem Beigeschmack. Die Tendenz zu bleiglasiertem Koch- und Tafelgeschirr setzte sich im 15. Jahrhundert fort und gipfelte im 16. bis 18. Jahrhundert in der Dekor- und Formenvielfalt der entwickelten Hafnerware. Doch bereits ab dem 16. Jahrhundert kamen andere Werkstoffe hinzu, so Fayence und asiatisches Porzellan, ab dem 18. Jahrhundert europäisches Porzellan und Steingut. Auch entwickelte sich die Form des Kochtopfes beständig weiter, doch das ist eine andere Geschichte…

 

 

Fund des Monats - März 2016

Schmuckensemble aus Westerholt-Terheide (Foto: A. Hüser/Ostfriesische Landschaft)

 

Schmuck - schlicht, individuell und irgendwie auch schön

 

Westerholt-Terheide

2410/3:71

 

Muss Schmuck immer exklusiv und auffällig sein? Diese Frage stellte sich an einem Fundensemble, das bei Ausgrabungen im Sommer 2015 in Terheide bei Westerholt, Landkreis Wittmund, in einer Grube der älteren Vorrömischen Eisenzeit (ca. 700-500 v. Chr.) zu Tage kam. Die Grube enthielt zunächst wenig Spektakuläres: Keramik, Holzkohle, eine Flintklinge, das Fragment eines Spinnwirtels und Reibsteinfragmente aus Granit. Doch dann fanden sich an der Basis der gut 60 cm tiefen Grube eine gut 2 cm große Perle aus gebranntem Lehm, ein durchbohrtes Stück vulkanischer Schlacke, eine etwas über 2 cm große Bernsteinperle und ein auf natürliche Weise durchlochter Flint. Jedes einzelne dieser Stücke scheint erst einmal nicht sonderlich bemerkenswert. Da sich die Funde aber in relativer Nähe zueinander befanden, ist anzunehmen, dass sie wohl in einem – wie auch immer gearteten – Zusammenhang miteinander stehen.

Die Bedeutung dieses Fundensembles erschließt sich erst bei näherer Betrachtung. Das durchbohrte Stück Vulkanschlacke, sogenannter Bimsstein, beispielsweise ist nicht in der Region beheimatet, sondern ist über größere Entfernungen, möglicherweise aus der Vulkaneifel, nach Ostfriesland gelangt. Heute wird Bimsstein unter anderem zur Körperpflege verwendet, etwa zum Entfernen von Hornhaut. Ob man dies allerdings bei dem Stück aus Terheide erwarten darf, ist fraglich.
Der kleine Flint mit natürlich entstandenem Loch wird im Volksmund auch Hühnergott genannt. Solchen Objekten wird, als Amulett getragen, in vielen Kulturen eine Unheil abwehrende Funktion zugeschrieben. Ob der Fund aus Terheide auch einen solchen Zweck erfüllte, muss Spekulation bleiben. Alle Funde aus der Grube zusammengenommen vermitteln das Bild einer Gruppe von sehr individuellen Schmuckstücken, in der auffälliges und ortsfremdes Gestein mit einer Keramikperle und einer großes Bernsteinperle kombiniert war.

In der Grube befand sich zudem ein Objekt aus Buntmetall. Metallfunde der vorrömischen Metallzeiten sind in Ostfriesland nicht gerade häufig. Die restauratorische Behandlung des stark korrodierten Stückes ergab ein ringförmiges Bronzeobjekt mit variierender Materialstärke. Die überlappenden Enden des aus einem Metallstreifen gefertigten Objektes sind durch eine Klammer miteinander verbunden. Die Funktion des Stückes ist unklar: als Fingerring erscheint es eher fraglich. Der Fundplatz in Terheide scheint im Zusammenhang mit einem Gräberfeld der älteren Eisenzeit zu stehen. Phosphatanalysen aus ehemals dort bestehenden Holzgebäuden lassen an Totenhütten denken, auch fanden sich in unterschiedlichen Befunden vereinzelt verschlackte bzw. verglaste Knochenstücke, die auf Scheiterhaufenfeuer hinweisen. Gelegentlich konnte auch Leichenbrand in geringen Resten geborgen werden. Vielleicht handelt es sich bei den Funden aus der Grube also um ein Konvolut von Grabbeigaben.

 

(Text:Andreas Hüser)

 

 

 

Fund des Monats - Februar 2016

 

„Rechenpfennig bin ich genannt, zaig oft gros Ehr und Schand“

 

Borkum

2306/4:8

 

So lautet die Umschrift auf einem Rechenpfennig des 16. Jahrhunderts aus Österreich. Rechenpfennige, auch Raitpfennige oder Jetons genannt, sind keine Münzen, sondern dienten ausschließlich dem „Rechnen auf der Linie“. Bevor die Araber das arithmetische Rechnen nach Europa brachten, wurde mit Rechenpfennigen auf Rechenbrettern und Rechentüchern gerechnet. Auf rein mechanische Weise wurde dabei addiert, subtrahiert, multipliziert, dividiert, potenziert und die Wurzel gezogen. Rechenpfennige wurden in Europa von der Zeit um 1300 bis in das 17., zum Teil sogar bis in das 18. Jahrhundert benutzt.

 

Während der Ausgrabungen 2008 am Alten Leuchtturm auf Borkum wurde dieser halbierte Rechenpfennig gefunden. Er wurde zwischen 1550 und 1559 in Nürnberg durch Jörg Schultes oder Hans Schultes I. geschlagen. Es handelt sich um einen Apfelpfennig, der auf der einen Seite einen Reichsapfel im Dreipass und auf der anderen Seite eine Rose umgeben von drei Kronen und drei Lilien zeigt.

 

Über die Art des Rechnens sind wir dank der Bücher von Adam Ries (*1492 oder 1493 in Staffelstein, † 30. März oder 2. April 1559 in Annaberg oder Wiesa) gut unterrichtet. Adam Ries war ein deutscher Rechenmeister, der 1518 sein erstes Rechenbuch verfasste. Dieses wurde bis in das 17. Jahrhundert mindestens 120 Mal aufgelegt, zumal es auf Deutsch geschrieben war.

Adam Ries verfasste drei Rechenbücher:

  • Rechnung auff der linihen (1518): Ries beschreibt darin das Rechnen auf den Linien eines Rechenbretts. Es ist laut dem Vorwort der zweiten Auflage ausdrücklich für Kinder bestimmt.
  • Rechenung auff der linihen und federn... (1522): Neben dem Rechnen auf dem Rechenbrett beschreibt er in diesem Buch das Ziffernrechnen mit indischen/arabischen Ziffern.
  • Rechenung nach der lenge/ auff den Linihen vnd Feder/.../Mit grüntlichem unterricht des visierens. (1550): Werk mit praktischen Beispielen unterschiedlicher Methoden einschließlich der Berechnung des Inhalts von Fässern. Das Buch zeigt ein Porträt des Autors.(https://de.wikipedia.org/wiki/Adam_Ries).

 

(Text: Sonja König)

 

 

Rechenpfennig von Borkum, Vorderseite (Foto. S. Krabath/(c) Ostfriesische Landschaft)
Rechenpfennig von Borkum, Rückseite (Foto. S. Krabath/(c) Ostfriesische Landschaft)
Darstellung eines Kontors mit Rechentisch (Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e0/Rechentisch.png)
Beispiel für das Addieren großer Summen (Grafik: S. König/(c) Ostfriesische Landschaft)

Fund des Monats - Januar 2016

Schlittknochen mit glatt geschliffener Unterseite (Foto: J.F. Kegler/(c) Ostfriesische Landschaft)
Darstellung einer möglichen Verwendung.

 

Wintertied is Schöfeltied!

 

Borssum, Petkumer Str. 226

2609/5:30

 

Im Herbst 2015 wurde für den Neubau eines Hauses im Emder Stadtteil Borssum ein Haus aus den 1920er Jahren abgerissen. Da das Gebäude nicht unterkellert war, kamen noch intakte Wurtenschichten zu Tage. Das Baugrundstück liegt am nördlichen Randbereich der ursprünglich eine eigene Herrlichkeit bildenden Wurtensiedlung Klein-Borssum. Das Gelände fällt nach Norden hin um etwa einen halben Meter ab. In den Profilen deuteten sich mehrere Siedlungshorizonte der mittelalterlichen Wurt an.

 

Unter dem oberen Humusboden stand zunächst eine Kleischicht an, in der keine Befunde beobachtet werden konnten. Der oberste Siedlungshorizont ist wahrscheinlich durch die jahrhundertelange Gartennutzung immer wieder aufgearbeitet worden. Lediglich im nordwestlichen Teil der Baugrube konnte er noch erfasst werden. Hier zeigte sich eine zweiphasige Herdstelle, an die sich ein max. 6 cm starker, sehr dunkler Laufhorizont anschloss. Die Feuerstelle lag etwa mittig des auf knapp 5 m Breite erfassten Laufhorizonts, bei dem es sich wohl um die Trittschicht innerhalb eines Hauses handelt. Pfostensetzungen konnten nicht beobachtet werden.

 

Die unter dem oberen Siedlungshorizont gelegene folgende Siedlungslage erwies sich dagegen als eine sehr deutlich ausgeprägte Kulturschicht mit einem intensiveren Fundniederschlag. Die beiden Fundschichten waren durch einen Kleiauftrag voneinander getrennt. In der südöstlichen Hälfte der untersuchten Fläche befand sich ein Lehmfußboden, der nach Nordwesten hin eine deutliche Begrenzung aufwies. Hier schlossen sich auch drei als Gruben zu identifizierende Befunde an, weshalb es sich hier wohl um die Bauflucht eines Gebäudes handelt. Unklar bleibt, ob der etwa mittig gelegene verziegelte Bereich des Gebäudes als weitere Feuerstelle oder vielleicht als Hinweis auf ein Schadfeuer zu interpretieren ist. Dass sich auch nordwestlich weitere Gebäude anschlossen, ist durch einen deutlich zu erkennenden Pfosten belegt, vermutlich ist auch eine weitere Schicht als Lehmfußboden anzusprechen.

 

Der Siedlungshorizont erbrachte eine ganze Reihe von Funden. Überwiegend handelt es sich Bruchstücke von Kugeltöpfen. Die Magerung des Keramikmaterials besteht überwiegend aus Granitgrus, sandgemagerte Scherben liegen nur in sehr geringer Anzahl vor. Da Sand Granitgrus als Magerungszusatz erst am Ende des 13. Jahrhunderts weitgehend verdrängt hat, liegt hier ein erster chronologischer Ansatz vor. Dass hier ein früher Horizont aus dem 12. Jahrhundert vorliegt, ist außerdem durch die Importkeramik fassbar. Die im rheinischen Vorgebirge hergestellte, oxidierend gelb gebrannte Irdenware wurde nur bis etwa 1200 hergestellt. Der zweite Siedlungshorizont ist daher in chronologisch im 12. Jahrhundert zu verorten.

 

In den Fundschichten befand sich ein mit 32 cm Länge vollständig erhaltener Schlittknochen, ein mittelalterlicher Vorgänger des heutigen Schlittschuhs. In Mitteleuropa dienten zunächst vor allem Schweinefußknochen, die mit Lederriemen an den Füßen befestigt wurden, als Gleithilfen auf dem Eis. Davon zeugt bis heute die Bezeichnung „Eisbein“. An der glattgeschliffenen Unterseite wird die Verwendung als Kufe deutlich. Im Gegensatz zu den späteren Schlittschuhen braucht man bei der Verwendung von Schlittknochen einen Staken, um sich über das Eis zu bewegen. Im Winter gewährleistete diese Art der Fortbewegung eine erhöhe Mobilität in einer von Prielen und Gräben durchzogenen Region wie Ostfriesland. Die Länge von 32 cm entspricht etwa der heutigen Schuhgröße 42/43. Man kann daher davon ausgehen, dass es sich bei dem Benutzer um einen ausgewachsenen Mann handelte.

 

In den Zeiten ohne gut erschlossene Straßen war es in Ostfriesland üblich, sich im Winter – wenn die Arbeit in der Landwirtschaft ruhte –  über die zugefrorenen Gräben und Tiefs gegenseitig zu besuchen. Bis heute ist das „Schöfeln“ eine beliebte ostfriesische Freizeitbeschäftigung im Winter.

 

(Text: Bernhard Thiemann und Jan F. Kegler)

 

 

 

Fund des Monats - Dezember 2015

Bauerntanzkrug, gefunden am Roten Siel, Emden. 1587 in Raeren (Belgien) gefertigt. (Foto: Sonja König/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

Belgischer Bauerntanz

 

Emden 2609/1:96

 

Im Herbst 2015 wurde bei archäologischen Untersuchungen am Roten Siel in Emden ein sogenannter Bauerntanzkrug gefunden. Der noch 21 cm hohe Krug (ursprünglich ca. 27 cm) besteht aus Steinzeug und wurde 1587 in Raeren (Belgien) gefertigt. Der Krug zeigt einen breiten, zylinderförmigen Bauchfries über einer abgesetzten Standfläche und unterhalb einer abgeknickten, als breite Kehle und als Wulst abgesetzten Schulter. Der untere Teil der Wandung ist durch senkrechte Rippen in Zonen aufgeteilt. Die Schulter ist mit Kerbschnittdekor verziert. Hals, Rand und Henkel sind abgebrochen, ebenso fehlt eine Zinnmontierung.

 

Auf dem Bauchfries ist in elf Szenen ein Bauerntanz dargestellt. Auf zwei Musikanten folgen zehn tanzende Paare, darunter auch der Pastor mit der langen Soutane. Zudem gibt die Inschrift Auskunft über Darstellung und Herstellungsdatum: GERHET:DZ:MUS:DAPER:BLASEN:SO:DANNSEN:DEI:BUREN:ALS:WEREN:SI:RASENFRS VF SPRICHT PASTOR ICH VER DANS DY KAPMI   KOR / W Z   87.

(Gerhard, du musst tapfer blasen, so tanzen die Bauern, als wären sie rasend. Frisch auf, spricht Pastor, ich vertanze die Kappe, das Amict (Schultertuch) und den Chormantel). W Z 1587.

 

Eines der beliebtesten Motive auf Raerener Krügen des 16. Jahrhunderts ist der Bauerntanz. Dieses Motiv kommt auch in der Malerei dieser Zeit häufig vor und entspringt eigentlich der sich ändernden Gesellschaftsordnung. Gleichzeitig wirft es ein interessantes Bild auf die damaligen Feste und Feiern. Die Vorlagen zum Raerener Bauerntanz, den es in mehr als 30 Varianten gibt, stammen aus einer Kupferstichserie des Nürnberger Kleinmeisters Hans Sebald Beham (*1500, †1550). Mit dem Spruch, der als Spottlied über die Landbevölkerung diente, machte man sich über die ungestümen  und unanständigen Tänze der Bauern lustig. Der Spott trifft aber auch den Pastor in seiner engen Verflechtung mit dem weltlichen Brauchtum der Bauern, vertanzt dieser doch seine gesamte Amtstracht.

 

Was wurde im 16. Jahrhundert zu Festtagen gegessen? Laden Sie hier ein Menü der frühen Neuzeit zum Nachkochen herunter, als Inspiration für ein weihnachtliches Festessen.

 

Pdf-Download:fileadmin/user_upload/ARCHAEOLOGIE/PDF/Fund_des_Monats_Weihnachtsessen_2015_NeuNeu.pdf Aus dem Kochtopf des 16. Jahrhunderts!

 

Wir wünschen allen Besuchern unserer Seite eine gesegnete Weihnachtszeit und ein frohes neues Jahr 2016.

 

(Text: Sonja König)

 

 

 

 

FUND DES MONATS - NOVEMBER 2015

Farbenfroh ist die Perlenkette aus Holtgast. Neben einigen Bernsteinperlen fanden sich unterschiedliche Glasperlen. Wenige weiße oder blaue Perlen waren nicht mehr zu retten. Das Foto zeigt die Fundstücke in Fundlage (Foto: A. Hüser, Ostfriesische Landschaft).

 

Überraschung im Novembernebel

 

 

Holtgast

2311/8:134

 

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Archäologie, dass bei den Ausgrabungen die schönsten Funde kurz vor Wochenende oder – noch besser – am Ende der Arbeiten zu Tage kommen. So war es auch in Holtgast bei Esens.

Ein Team des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft untersuchte im Jahr 2014 im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in der Flur „Lederne Lampe“ in einer mehrmonatigen Ausgrabung ein Gräberfeld. Das wenige Fundmaterial deutet an, dass die Gräber in der Zeit um Christi Geburt, also in der späten Vorrömischen Eisenzeit bzw. der älteren Römischen Kaiserzeit angelegt wurden. Dabei fanden sich Bodenverfärbungen von ehemaligen Grabhügeln mit Brandbestattungen. Die landwirtschaftliche Nutzung hatte die einzelnen Grabstätten bereits stark gestört. Nur in wenigen Fällen konnten Spuren von Scheiterhaufen und Knochenbrand nachgewiesen werden. Besonderes Interesse erregte zudem der Fund eines hochmittelalterlichen Kugeltopfes des späten 11. bis 13. Jahrhunderts, der in christlicher Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach zur Deponierung einer Nachgeburt auf dem ursprünglich heidnischen Gräberfeld gedient hat.

Nachdem die Geländearbeiten Mitte November 2014 weitgehend abgeschlossen waren und die Planierraupe zum Verfüllen der Grabungsflächen bereits bestellt war, blieb noch eine letzte Bodenverfärbung zu klären. Diese war gut 2 x 0,75 m groß und ließ aufgrund der annähernd rechteckigen Form ein Körpergrab vermuten. Der Befund zeichnete sich durch eine fast 50 cm tiefe Grube ab, an deren Sohle ein sogenannter „Leichenschatten“ zu sehen war: Die Knochen der verstorbenen Person waren im kalkarmen Sand bereits völlig aufgelöst, konnten teilweise aber noch als schwache Bodenverfärbungen wahrgenommen werden.

Nachdem sämtliche anderen Grabfunde keinerlei Fundmaterial (Grabgefäße oder Grabbeigaben) lieferten, enthüllte dieses Grab jedoch sehr bald eine Überraschung. Ein Grabungsmitarbeiter untersuchte die Grubenverfüllung sehr sorgfältig Schicht für Schicht und stieß dabei auf eine große türkisfarbene Perle. In deren Umfeld fanden sich alsbald weitere kleinere Perlen aus Glas, Keramik und Bernstein. Die Lage der Funde spricht für eine Niederlegung im Unterarm- bzw. Handbereich des Toten. Weiterhin konnte ein kleines Eisenmesser geborgen werden, das zwar stark korrodiert war, dafür auf diese Weise jedoch Textil- oder Lederreste in der Rostschicht konserviert hat. Unmittelbar auf dem Boden des Grabes befand sich überdies eine Perlenkette aus 49 Bernstein- und unterschiedlich farbigen Glasperlen. Da eine Untersuchung im Gelände aufgrund der knappen Zeit, des schlechter werdenden Wetters und der teils fragmentarischen Erhaltung der Funde nicht möglich war, wurde die Kette in Form einer Blockbergung zusammen mit dem umgebenden Erdmaterial gehoben. Der Erdblock wurde mit Gipsbinden und einer Holzkiste stabilisiert und nach einer Röntgenuntersuchung von einer Restauratorin im Labor freigelegt. Nur in diesem aufwändigen Verfahren konnte das Geschmeide vor dem völligen Zerfall gerettet werden. Die sehr vorsichtig durchgeführte Freilegung unter Einsatz eines Mikroskops zeigte noch weitere Besonderheiten: Teilweise hafteten noch Textilreste an den Perlen. Auch konnten Teile einer Fibel als Gewandverschluss und der Rest wohl eines Nadelröhrchens nachgewiesen werden.

Mit Hilfe der Perlen kann das Grab in das 8. Jahrhundert und damit in das Frühmittelalter datiert werden. Für Diskussionen sorgt derzeit noch der Fund der Fibelreste: Im Zeitraum der friesischen Gräber, zu denen auch das knapp 6 km entfernt liegende bekannte Gräberfeld von Dunum gehört, sind Fibeln als Grabbeigaben unbekannt. Wurde hier vielleicht ein älteres Familienerbstück mit ins Grab gegeben? Ansonsten gehören Perlenketten, Messer und Nadelröhrchen zur typischen Beigabenausstattung von Frauengräbern des Frühmittelalters in unserer Region.

Derzeit warten die Archäologen noch 14C-Datierungen verschiedener Gräber ab, um das Gräberfeld in Holtgast endgültig zeitlich einordnen zu können. Dann wird sich zeigen, ob das Grab mit den Beigaben ein Einzelfall in Holtgast ist, oder ob sich unter den anderen Gräbern noch weitere aus dem Frühmittelalter befinden.

 

(Text: Andreas Hüser)

 

 

FUND DES MONATS - OKTOBER 2015

Flohfalle aus Kupferblech (Foto: B. Thiemann © Ostfriesische Landschaft)
Trag- und Funktionsweise der Falle nach Franz Ernst Brückmann 1727.

 

Der Franz, die Flöhe, und wie man sie fängt.

Ein ungewöhnliches Fundstück aus der Umgebung von Emden

 

 

Wolthusen

2609/5:31

 

Während der archäologischen Prospektion einer Höchstspannungsleitung wurde im Juni 2015 wenige Kilometer östlich von Emden ein kleines Röhrchen aus Buntmetall geborgen.

Das Fundstück ist sieben cm lang und weist vier Reihen von jeweils fünf Bohrungen auf. Das untere Ende ist mit einem Metallplättchen verschlossen, das obere zeigt ein innenliegendes Schraubgewinde. In das Gewinde wurde ein Stift geschraubt, der oben mit einer Schlaufe versehen war. Eine Aufhängung war notwendig, weil das Röhrchen am Körper getragen werden musste: Es handelt sich um eine Flohfalle.

Der Naturwissenschaftler Franz Ernst Brückmann (1697-1753) beschreibt die Funktionsweise einer solchen Flohfalle wie folgt:

 

„Diese ist eine kleine cylindrische Machine von weissen (...) Elfenbein gedrehet, in der Grösse wie sie in beygesetzter Figur abgebildet, voller kleiner runden Löcher, damit die Flöhe durch selbe in die cavität dieses Cylinders zu ihren Verderben und Tod einmarschiren können; in der Mitten dieser machine stehet ein kleiner bistill oder Stiel, welchen man mit frischen noch warmen Blute bestreichet, durch dessen süssen und angenehmen Geruch diese schwarze Vögelgens von weiten herzu gelocket werden,(…) so bald sie aber durch diese runde Thürgen eingekrochen, und sich an dem Blut zu divertiren und davon zu schmausen gedenken, bleiben sie daran kleben und sind also gefangen, alsdann kan man den Cylinder, welcher oben eine Schraube hat, aus dem Floh-Büchsgen herausziehen, und sie alle ermorden, ersäuffen, todtstechen, spiessen, köpfen, aufhängen, und in das unterirdische finstere Reich der Maulwürffe senden.“

 

In unserem kleinen Emder Fundstück präsentiert sich somit nicht nur ein allgemeines Problem der frühen Neuzeit, sondern auch der Versuch, diesem Herr zu werden. Wie gut die Flohfalle in der Praxis funktioniert hat, sei dahingestellt, zur „gäntzlichen Ausrottung der Flöhe“ hat ihr Einsatz jedenfalls nicht geführt.      

 

 

(Text: B. Thiemann)

 

Literatur:

Brückmann, F. E.: Die Neu-erfundene Curieuse Floh-Falle zu gäntzlicher Ausrottung der Flöhe, wird allen, so mit solchem Ungeziefer beladen communiciret von einem Anonymo. Wolfenbüttel 1727.

 

Zaunick, R.: "Brückmann, Franz Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 655 f. [Onlinefassung]; URL: www.deutsche-biographie.de/ppn118515853.html

 

 

 

"Fund des Monats" 2015

Luftaufnahme Spiekeroog

 

Nach langer Pause meldet sich der ostfriesische „Fund des Monats“ wieder. Im Frühjahr wurden im Archäologischen Dienst die Funde des letzten Jahres archiviert und die Grabungsakten bearbeitet. Nun liegen der Redaktion des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege die Beiträge für die Niedersächsische Fundchronik vor. Auch erste Ausgrabungen haben wieder begonnen und wir hoffen, Ihnen bald neue und besondere Funde aus Ostfrieslands Urgeschichte vorstellen zu können. Dabei sind wir nicht nur auf die systematische Suche der Grabungsteams angewiesen, sondern viele Funde werden von ehrenamtlichen Archäologen gemeldet. Wir nehmen den "Fund des Monats" wieder auf, mit einer Reihe zu "Strandfunden", die uns in den letzten Monaten von den ostfriesischen Inseln gemeldet wurden. Erwarten Sie Funde von den Nordseeinseln Borkum, Norderney und Juist.

 

 

Münzensuchen als Ferienspaß … besser nicht!

 

Münzen, Ringe und Kettchen am Strand zu suchen ist sicherlich eine schöne Freizeitbeschäftigung. Das geht zum Beispiel mit einem Metalldetektor. Allerdings braucht man für die Suche mit einem Metalldetektor in Niedersachen eine Genehmigung.

Die rechtliche Situation für die Suche nach Kulturdenkmälern ist in fast allen deutschen Bundesländern durch die Denkmalschutzgesetze geregelt. Für die gezielte Suche nach Bodendenkmälern und vor allem das Graben auf solchen, ist eine Grabungs- oder Nachforschungsgenehmigung erforderlich, ansonsten drohen empfindliche Strafen. Es können Geldbußen bis zu 250.000 EUR festgesetzt werden. Das gilt auch für die Suche nach Strandgut, denn seit 1990 gilt auch hier das Fundrecht. Jeder Fund, egal wie unscheinbar er auch sein mag, ist meldepflichtig.

 

Ungenehmigte Nachforschungen und Grabungen auf Bodendenkmälern werden als Raubgrabungen bezeichnet. Sie verstoßen nicht nur gegen das Denkmalrecht, sondern erfüllen in der Regel auch den Sachbestand der Unterschlagung.

 

Sondengänger mit Genehmigung können hingegen durch die Meldung von unbekannten Bodendenkmalen und das Erbringen neuer Erkenntnisse zu bekannten Bodendenkmalen wertvolle ehrenamtliche Arbeit in der Denkmalpflege leisten. Dennoch gibt es nach wie vor eine nicht kleine Zahl von Sondengängern, die ihre Funde ungemeldet hauptsächlich über den Internethandel vermarkten. Um an diese Funde zu gelangen zerstören die Raubgräber nicht selten wichtige Fundzusammenhänge, denn jede undokumentierte Grabung bedeutet eine unwiederbringliche Zerstörung des Befundes.

 

In Niedersachsen wird eine Suchgenehmigung von den unteren Denkmalschutzbehörden des Suchortes erteilt und diese ist zumeist an Auflagen gebunden. Um eine solche Genehmigung zu erlangen muss man einem Grundlagenkurs des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und einem Praxiskurs teilnehmen. Erst nach erfolgreicher Teilnahme kann man eine Genehmigung bei der Denkmalbehörde. beantragen.

 

Sollten Sie beim Strandspaziergang einen interessanten Fund machen, so melden Sie den bitte den Archäologen der Ostfriesischen Landschaft, denn dazu sind Sie verpflichtet. Dort werden Sie und Ihr Fund betreut, informiert und wertgeschätzt. Wenn Sie keine Genehmigung haben, dann lassen Sie aber Ihre Metallsonde lieber zu Hause. Urlaub ohne Ärger ist sowieso viel schöner.

 

 

 

FUND DES MONATS - SEPTEMBER 2015

Guldiner aus dem Jahr 1547 (Foto: Gerhard Kronsweide/© Ostfriesische Landschaft)

 

 

Treibgut Teil IV:

Gesunken vor Borkum

 

Borkum 2306/4:10

 

Im Herbst 2014 fand die Sammlerin Brigitte Jantz bei einem Strandspaziergang am westlichen Inselstrand eine große Silbermünze. Es handelt sich um einen Guldiner aus dem Jahr 1547. Er wurde im Bistum Regensburg geprägt und hat noch ein Gewicht von etwa 26 (ursprünglich 27) Gramm  und einen Durchmesser von 3,9 cm. Auf der Vorderseite zeigt er den Habsburgischen doppelköpfigen Adler mit der Kaiserkrone sowie dem österreichischen Wappen auf der Brust und die umlaufende Aufschrift: CAROLVUS.V.ROMA.IMP.SEM.AVGVS. Diese Seite der Münze verweist auf den damaligen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Karl den V. (*1500 †1558). Die Rückseite zeigt das Stadtwappen der Stadt Regensburg, zwei gekreuzte Schlüssel auf einem Wappenschild und das Prägedatum 1547. Die umlaufende Aufschrift benennt den Prägeort: MONETA.REIPVBLICE.RATISBONENSIS, d.h. Geld der freien Reichsstadt Regensburg.

 

Interessant ist, dass die Münze wohl längere Zeit mit anderen zusammen gelegen hat, denn auf der Vorder- und Rückseite sind Reste von mindestens zwei weiteren Münzen angesintert. Zwar sind Reste der Münzprägungen zu erkennen, jedoch lassen sich diese nicht bestimmen.

 

Ein Guldiner oder Guldengroschen aus Silber hatte den gleichen Wert wie eine Goldmünze (Gulden). Guldiner sind die Vorläufer der späteren Reichstaler oder Silbergulden und wurden bis 1566 als offizielle Großsilbermünze des Heiligen Römischen Reichs verwendet. Zu dieser Zeit wurde versucht, eine einheitliche Währung zu schaffen. Ein Guldiner sollte den Wert eines rheinischen Goldguldens haben und war in 60 Kreuzer unterteilt.

 

Bereits 1985 fand der Borkumer Evert Poppinga 10 silberne Taler unterschiedlicher Prägeorte aus den Jahren zwischen 1535 und 1546. Darunter befinden sich Münzen aus Nijmegen, Brandenburg, Sachsen, Kempten, Regensburg, Linz, Münster und Mecklenburg. Sie befinden sich heute im Heimatmuseum Borkum. Dort findet sich auch der Hinweis, dass die Münzen aus einem Bereich des nordwestlichen Strandes stammen, der nach lang anhaltenden Stürmen zu Beginn der 1980er Jahre mit Sand aus dem Fahrwasser der Westerems aufgespült worden ist. Die nun entdeckte Münze passt perfekt zu dem Münzspektrum der Funde aus dem Jahr 1985 und stammt wahrscheinlich von dem gleichen Ausgangsfund.

 

Es ist gut vorstellbar, dass ein Handelsschiff in der Mitte des 16. Jahrhunderts in der Westerems gesunken ist. Da aus dieser Zeit keine Schiffregister existieren, muss leider im Dunklen bleiben, um was für ein Schiff es sich gehandelt hat. Offensichtlich wurden Teile des Schiffes und der Ladung bei der Ufersicherung in den 1980er Jahren an den Nordstrand gespült. Stück für Stück gibt die Nordsee nun die Funde dieser Tragödie wieder preis.

 

Da solche Funde immens wichtig für das Verständnis des küstennahen Handels zu jener Zeit sind, ist der ehrlichen Fundmelderin nicht hoch genug anzurechnen, dass sie den Fund gemeldet und damit einen Puzzlestein zur ostfriesischen Geschichte beigetragen hat.

(Text: Jan F. Kegler)

 

 

FUND DES MONATS - AUGUST 2015

Englischer Longcross Penny von Norderney- Vorder- und Rückseite.
(Foto: Gerhard Kronsweide/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

 

Treibgut Teil III:

Von Glückspfennigen und Königen

 

Juist 2307/3:2

 

 

Im Juli 2014 fanden Urlauber am Hauptbadestrand von Juist eine Münze. Es handelt sich um einen Long-Cross Penny, der während der Herrschaft von Heinrich III. (1216-1272) geprägt wurde. Die Umschrift der Vorderseite mit dem Bild des Königs mit Zepter lautet HENRICUS REX III, jene der Rückseite mit dem Kreuz RIC/ARD/ONL/UND, was auf den Münzmeister Richard zu London hinweist. In Kombination mit der Gestaltung der Vorderseite lässt sich die Prägezeit der Münze damit auf die Zeit zwischen 1251 und 1253 festlegen.

In England wurden seit dem 8. Jahrhundert, erstmals unter König Offa von Mercia (757-796), Pfennige geprägt. Auf der Vorderseite trugen sie das Brustbild des Königs und auf der Rückseite ein verziertes Kreuz und den Namen des Münzmeisters. Mit der Zeit kam es zu Massenprägungen und etlichen verschiedenen Typen. Durch Verlust an Feingehalt aber auch eine unübersichtliche Typenzahl verlor der Penny an Wert, weshalb Heinrich II (1154-1189) im Jahr 1157 eine Münzreform durchführte. Mit ihr entstand eine erste langfristig beständige Münze, der Short-Cross Penny, benannt nach einem Kreuz mit kurzen Armen auf ihrer Rückseite. Diese Form war in der Zeit von 1180 bis 1247 wertstabil.

Dieser lange Nutzungszeitraum verursachte Materialverluste durch Abrieb und damit wiederum einen wenn auch unabsichtlichen Wertverlust der Münzen. Aus diesem Grund begann im Jahr 1247 unter Heinrich III. die Umstellung auf die silbernen Long-Cross Pennies, die bis 1279 geprägt wurden.

Der hier vorliegende Long-Cross Penny ist nicht der erste von der Insel Juist. Bereits 2004 wurden am Nordstrand zwischen Hammersee und der Domäne Bill ein Taler Friedrichs des Großen und ein weiterer Long-Cross Penny gefunden (Bärenfänger 2006, 107), ein dritter wird auf der Domäne Bill aufbewahrt.

 

(Text: Sonja König)

 

www.henry3.com/identification.html

http://www.numispedia.de/Long-Cross_Penny

http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_English_penny_(1154%E2%80%931485)

 

Rolf Bärenfänger, Fundbericht Nr. 145 Juist OL-Nr. 2307/2:5. Fundchronik Niedersachsen 2005, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Beiheft 12, 2006, 107.

 

 

 

FUND DES MONATS - JULI 2015

Organisch gemagerte Scherbe der römischen Kaiserzeit (Foto: Gerhard Kronsweide/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

Treibgut aus der Entstehungszeit der Ostfriesischen Inseln

Eine ungewöhnliche Tonscherbe von Borkum

 

Borkum 2307/2:5

 

Die heutigen Schwemmsandinseln vor der niedersächsischen Küste sind kaum mehr als 2000 Jahre alt. Sie sind wohl als hochwasserfreie Sandplaten entstanden, die dann nach und nach mit Dünen bedeckt wurden. Es wird angenommen, dass dies in einem starken Absinken des Meeresspiegels begründet ist (z.B. Behre 2008, 26). Eine Radiocarbondatierung eines alten Salzwiesenhorizontes auf Juist datiert diesen um Christi Geburt.

Die Ostfriesischen Inseln besitzen keinen festen Geestkern (Festlandskern) und haben sich deshalb durch Strömungseinfluss stetig verändert. Ihre ehemaligen Umrisse können daher für die Zeiten vor historischen Aufzeichnungen kaum rekonstruiert werden. Die Inseln bilden eine Barriere zwischen der Nordsee und der Küstenlinie. Sie sind durch tiefe Gezeitenrinnen, sogenannte Seegats, voneinander getrennt. Durch die Seegats strömt im Gezeitenrhythmus das Seewasser mit großer Kraft ein und aus. Die Inselreihe von Borkum bis nach Wangerooge befindet sich durch die Meeresströmung zusätzlich in ständiger Bewegung in Richtung Südsüdosten.

Eine Besiedlung durch den Menschen findet nach Ausweis archäologischer Funde erst im Mittelalter statt. Dennoch sind auf den Ostfriesischen Inseln hin und wieder Funde aus älterer Zeit zu entdecken.

 

So fand der ortsansässige Hans Donat im Januar 2015 eine etwa 11 x 9 cm große Tonscherbe am Nordstrand von Borkum. Die Scherbe lag verhältnismäßig tief etwa 5 m unterhalb der Hochwasserlinie. Der Fundort liegt ca. 1 km östlich einer großen Fundortkonzentration am Nordstrand, aus der Funde aus dem Mittelalter stammen.

Die Scherbe gehört zu einem größeren Gefäß mit einem Durchmesser von ca. 29 cm. Sie weist ein s-förmiges Profil auf und zeigt keine weiteren Oberflächenverzierungen. Die Oberfläche ist grau, der Kern der Keramik reduzierend schwarz gebrannt. Durch den Transport im Wasser sind die Kanten und Oberflächen stark abgerollt. Auffallend ist die Magerung der Keramik, denn die Scherbe weist zahlreiche Abdrücke organischer Magerungspartikel (Häcksel) auf. Weitere Magerungsbestandteile sind Granitgrus und Glimmer. Die Magerung wird benötigt, wenn der Ton zu fett, d.h. zu rein ist. Diese Anteile wirken der Schrumpfung des Tones entgegen. In der Regel handelt es sich jedoch um Sand oder zerstoßene Steine. In Ostfriesland hat man als Ausgangsmaterial in der Regel den tonigen Klei genommen.

 

Aufgrund ihrer Herstellungsweise muss für die Scherbe eine weitaus frühere Entstehungszeit vermutet werden als die zu erwartende mittelalterliche, denn organische Magerung tritt lediglich in der relativ kurzen Phase zwischen dem 1. Jahrhundert vor und dem 1./.2 Jahrhundert nach Christus im Raum rechts und links der Ems auf (vgl. Siegmüller/Struckmeyer 2014). Die Autorinnen vermuten, dass dies mit der Verwendung des geologisch jungen Marschenkleis zusammenhängt, da nur in diesem zeitlich begrenzten Horizont zwischen der jüngeren Eisenzeit und der älteren römischen Kaiserzeit dem Ton organische Bestandteile zugegeben wurden. Nach diesem Zeitraum hatte sich der Kalk im Klei abgebaut, und es wurde wieder mit Gesteinsgrus gemagert.

 

Für die Nordseeinsel Borkum ist diese Scherbe einer der älteren archäologischen Funde, der in den vermuteten geologischen Entstehungszeitraum der ostfriesischen Schwemmsandinseln verweist.

 

(Text: Jan F. Kegler)

 

 

 

Literatur:

Behre 2008:

Behre, K.-H., Landschaftsgeschichte Norddeutschlands. Umwelt und Siedlung von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Neumünster 2008.

 

Siegmüller/Struckmeyer 2014:

A. Siegmüller / K. Struckmeyer, Das keramische Fundmaterial aus der kaiserzeitlichen Siedlung „Uttumer Escher“ (Gde. Krummhörn, Lkr. Aurich) – Typologie und Analyse organisch gemagerter Ware. Archäologisches Korrespondenzblatt, Jahrgang 44, Nr. 1, Mainz 2014, 91-106.

 

 

 

Fund des Monats - Juni 2015

Bronzezeitlicher Flintdolch, gefunden auf Norderney (Foto: Gerhard Kronsweide/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

 „Treibgut aus der Bronzezeit“

Norderney 2209/7:3

 

Im Frühjahr fand Roswitha Freerks per Zufall einen Flintdolch auf der Nordseeinsel Norderney. Das Stück würde am Spülsaum in der Nähe der „Weißen Düne“ aufgelesen. Wie die meisten Fundstücke aus dem ostfriesischen Wattenmeer weist der Dolch einen dunkelgrau bis schwarzen Überzug aus Eisensulfat auf, der im chemischen Milieu des Wattenmeeres unter Luftabschluss entsteht und sich auf Objekten im Wattenmeer anlagert.

 

Nach der dänischen Terminologie (Lomborg 1973) handelt es sich um einen Flintdolch vom Typ VIb, einen (ibid., 61)„Dolch mit einem im Querschnitt spitzovalen oder ovalen Griff, der sich nicht zum abgerundeten Griffende verbreitert …“. Bei der Variante VIb ist der Griff dünner, etwa gleich dick wie das Blatt. Das Blatt selbst kann in seiner Form verschieden sein, was zum Teil durch Nachschärfungen bedingt ist.

Das Stück mit einer Länge von 13,2, einer Breite von 3,8 und einer Dicke von nur 1,0 cm ist allseitig sorgfältig flächig retuschiert und zeigt keine wesentlichen Veränderungen durch Nachschärfungen. Der von E. Lomborg beschriebene Flintdolch vom Typ VI ist einer der in Dänemärk und im nördlichen Schleswig-Holstein am weitesten verbreiteten Typen von Flintdolchen. Auch chronologisch ist er wenig sensibel. Zeitlich gehört das Stück in einen endneolithisch-frühbronzezeitlichen Kontext und lässt sich ohne Begleitfunde auch nicht weiter einengen.

Das Stück gibt Rätsel auf. Der Dolch weist keine modernen Beschädigungen auf, somit kann er nicht lange in der Brandung gelegen haben. Eine genaue Ansprache des originalen Feuersteinmaterials ist aufgrund des Eisensulfat-Überzuges nicht möglich. Es handelt sich um einen sehr homogenen nordischen Feuerstein sehr guter Qualität. Über die ursprüngliche Herkunft des Objektes lässt sich daher nur spekulieren.

 

Es ist auch nicht zu erklären, wie es an den Spülsaum Norderneys gelangt ist, da bisher keine Spuren bronzezeitlicher Siedlungen auf den ostfriesischen Inseln bekannt sind. Zumal das geologische Alter der ostfriesischen Schwemmsandinseln vermutlich nicht mehr als 2000 Jahre beträgt. Möglich ist, dass das Objekt beim Aufspülen von Sand zur Ufersicherung aus tieferen Schichten an den Strand gespült worden ist, die in der Bronzezeit noch besiedeltes Festland waren. Allerdings ist auch dies kaum wahrscheinlich. Der Meeresspiegel hat sich zwar im Vergleich zum Spätneolithikum bzw. der Frühbronzezeit, also einem Zeitraum von 4.000 Jahren „nur“ um 2 m gehoben, allerdings fehlen weitere Funde der Bronzezeit, die auf eine Besiedlung des vorgelagerten Küstensaums schließen lassen. Zudem ist der Fundort auch in der Bronzezeit „unter Wasser“ gewesen. Möglicherweise handelt es sich auch um einen „Verlierfund“, der in Zusammenhang mit küstennahem Handel in der Bronzezeit steht. Der Dolch könnte über Bord gegangen, oder sogar mitsamt einem Schiff vor der Küste untergegangen sein, um 4000 Jahre später als einziges Zeugnis wieder an Land gespült zu werden.

(Text: Jan F. Kegler)

 

Literatur:

Ebbe Lomborg, 1973. Die Flintdolche Dänemarks. Studien über die Chronologie und Kulturbeziehungen des südskandinavischen Spätneolithikums (Nordiske Fortidsminder, Serie B in Quarto, Band 1). Universitetsforlaget, Kopenhagen 1973

 

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