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Fund des Monats

 

Der Archäologische Dienst und das Forschungsinstitut präsentiert ab Oktober 2013 auf seinen Seiten den "Fund des Monats". Jeden Monat zeigen wir Ihnen einen besonderen Fund, der bei aktuellen Ausgrabungen oder der wissenschaftlichen Bearbeitung entdeckt worden ist. Er wird im Original im Foyer des Forschungsinstitutes (Hafenstr. 11; 26603 Aurich) ausgestellt werden. Begleiten Sie unsere Arbeit von Monat zu Monat.

Haben Sie Anmerkungen, Anregungen oder Kritik zum "Fund des Monats", dann senden Sie uns bitte eine Nachricht an: archaeologie@ostfriesischelandschaft.de.

 

 

 

Fund des Monats September 2017

Gut zu erkennen: Die reihig aufgestapelten Dachziegel in Fundlage. Vorne die Nonnenziegel mit Dorn zur Auflage auf der Latte, im Bildhintergund Mönchsziegel mit einer Nase als Widerlager (Foto: A. Prussat/Ostfriesische Landschaft).
Oben: Mönchsziegel (Länge: 42 cm, Breite:verjüngt sich von etwa 16 auf 10 cm, Materialstärke: 1,5 cm, Gewicht: 2,5 kg). Unten: Nonnenziegel (Länge: 45 cm, Breite: zwischen 16 und 19 cm, Materialstärke: 1,9 cm, Gewicht: 3,65 kg) (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft)

 

 

Frisch eingetroffen! Dachpfannen des 14. Jahrhunderts

 

2709/9:015 Bunderhee, Steinhaus

 

Mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz untersucht die Ostfriesische Landschaft am Steinhaus Bunderhee das Umfeld des spätmittelalterlichen Wohnturms. Das Steinhaus Bunderhee stammt in seinen ältesten Teilen, dem Wohnturm, vermutlich aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. An der Westseite ist 1712 ein Anbau realisiert worden, der 1735 zu seiner heutigen Ausdehnung erweitert worden ist. Bei dem Gebäudekomplex handelt es sich um ein sehr wertvolles Baudenkmal, da es die Bauform des Wohn- und Verteidigungsturmes aus dem 14. Jahrhundert fast unverändert im vorhandenen Bestand repräsentiert. In Ostfriesland ist es hiermit einzigartig.

Das Steinhaus Bunderhee ist Identifikationsort für die ostfriesische Häuptlingskultur, einer aus der mittelalterlichen friesischen Freiheit entstandenen Machtposition von nobiles, die aus den genossenschaftlich organisierten „universitatis“ durch Reichtum herausstachen. Ausdruck der Machtposition waren unter anderem aus Backsteinen errichtete Gebäude, sogenannte Steinhäuser. Das Steinhaus dient seit einer aufwendigen Sanierung 2009 und 2010, auch mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, als Ausstellungszentrum zur ostfriesischen Häuptlingskultur, als kulturelle Begegnungsstätte (für Lesungen, Konzerte, Führungen) und seit Juni 2016 zudem auch für standesamtliche Hochzeiten.

Seit August 2017 finden südlich des Steinhauses Ausgrabungen statt. Denn bisher ungeklärt sind die Fragen zum Umfeld der Anlage. Zum Bauensemble eines spätmittelalterlichen Steinhauses gehören aus Holz errichtete Wirtschaftsgebäude. Dieser Frage wird nun durch eine angepasste archäologische Untersuchung nachgegangen. Ziel der Untersuchungen soll es sein, eindeutige Belege für den Standort und die Datierung der mittelalterlichen Hofgebäude zu erhalten.

Bereits in den ersten Tagen der Ausgrabung sind Schichten zu Tage getreten, die massiv mit historischem Bauschutt verfüllt sind und scheinbar einen Bezug zu einem im Westen liegenden Graben haben, der parallel zur heutigen Steinhausstraße liegt. Es wurde schon früh vermutet, dass das Steinhaus eine zentrale Rolle im örtlichen Handel gespielt haben muss und deshalb über einen schiffbaren Zugang zur Meeresbucht Dollart verfügte. In den Verfüllungsschichten ist nun ein einzigartiger Befund zu Tage getreten: Ordentlich aufgereiht liegen dort mehrere Lagen gut erhaltener Dachpfannen vom sogenannten Typ „Mönch und Nonne“. Einige wurden durch die Auflast zerdrückt. „Mönch und Nonne“-Dacheindeckungen sind typisch für repräsentative Gebäude des Mittelalters. Sie bestehen aus konvexen Dachpfannen (Nonne), auf die konkave Pfannen (Mönch) gelegt werden. Aktuell liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei diesen Dachpfannen um die originale Dacheindeckung aus der Bauzeit des Steinhauses handelt. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde das Steinhaus zu einem Wohnhaus umgebaut und erhielt in diesem Zuge seine heutige Gestalt mit einem Satteldach, größeren Fenstern und Kaminen in den Innenräumen. Die Dachpfannen mögen hier für eine spätere Verwendung aufgestapelt, jedoch schon bald überwuchert worden sein. Die untere Lage zu bergen erschien nicht lohnend, so dass sie im Boden verblieb.

Am Tag des offenen Denkmals am 10. September 2017 besteht die Möglichkeit, den Befund und selbstverständlich das Steinhaus selbst zu besichtigen. Am diesem Tag werden außerdem Führungen sowie Aktivitäten für Kinder angeboten sowie eine Häuptlingsfigurine mit der rekonstruierten Kleidung eines ostfriesischen Häuptlings gezeigt

 

https://maps.tag-des-offenen-denkmals.de/#/denkmal/94476040?_k=al37zy

 

Text: J. F. Kegler

 

 

Fund des Monats August 2017

Westerholt, 2410/6:1. Die Sicheln wurden zusammen als Hort niedergelegt (Foto: Christina Kohnen/Ostfrieische Landschaft).

 

Zeit zu ernten

 

2410/6:1 - Westerholt

 

Zwischen den Ortschaften Westerholt und Tannenhausen wurden 1900/1901 sechs Flintsicheln entdeckt. Der Fund datiert in die Jüngere Bronzezeit in den Zeitraum 1.300 v. Chr. bis 750 v. Chr. Die Sicheln lagen an einer Stelle zusammen – ein Hortfund. Das bedeutet, dass sie mit einer Absicht niedergelegt worden sind. Nicht unbedingt um sie längerfristig dort zu verbergen oder gar zu opfern, sondern evtl. um sie an diesem bestimmten Ort zu lagern und zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder abzuholen. Dies ist aus welchen Gründen auch immer nicht gelungen und die Funde verblieben bis zu ihrer Entdeckung im Boden.

 

Flintsicheln wurden sowohl am Ende der Jungsteinzeit als auch durch die gesamte Bronzezeit hindurch zur Ernte von Getreide genutzt. Die gebogene Flintklinge wurde dazu in eine hölzerne Schäftung eingesetzt und wie eine heutige Sichel benutzt. Man griff die Ähren mit der einen Hand und schnitt unterhalb der Ähre den Halm ab. Die unterschiedlichen Erntehöhen in den verschiedenen Zeitepochen lassen sich dadurch erkennen, dass je nach Erntehöhe unterschiedlich hoch wachsende Unkräuter mit geerntet wurden und so im Erntegut bei Ausgrabungen gefunden werden.

Ob eine der Flintsicheln benutzt worden ist, lässt sich recht gut erkennen: Durch das Schneiden von Gräsern, so auch von Getreide und Schilf, tritt aus den Halmen beim Schnitt kieselsäurehaltiger Saft aus und führt zu einer hochglänzenden, wie lackiert wirkenden Oberfläche, dem sog. Sichelglanz. So ist nicht nur zu erkennen, ob die Sichel benutzt wurde, sondern auch der Bereich zu sehen, der als Schneide aus der Schäftung herausragte.

 

Der Fund der Sicheln zeigt, dass die Kulturlandschaft südlich von Westerholt bereits in der Bronzezeit auch von Getreidefeldern geprägt wurde.

 

In der nordischen Bronzezeit wurden keinesfalls alle Alltagsgegenstände aus Bronze gefertigt. Dafür lag Ostfriesland abseits der Warenströme und verfügt auch nicht über die für die Herstellung von Bronze notwendigen Lagerstätten von Kupfer und Zinn. Vielmehr verbreitete sich das neue Material erst allmählich und verdrängte nach und nach den Feuerstein. Tatsächlich erlebt die Kunst der Feuersteinbearbeitung in der Bronzezeit eine letzte Blüte. Kennzeichnend ist, dass besonders Schmuck und Kleidungsaccessoires ebenso wie Waffen bevorzugt aus Bronze hergestellt wurden. Für Alltagsobjekte hingegen, wie z.B. Sicheln für die Ernte, wurden weiterhin Flintobjekte verwendet. Diese Tradition hielt sich bis an das Ende der Bronzezeit, bevor sie nach und nach verstärkt durch bronzene Exemplare ersetzt wurden.

 

Text: Sonja König

 

 

Fund des Monats Juli 2017

Das Hayungshaus in den 50er Jahren (oben) und im März 2016 (Foto oben: Burkert 1999, S. 170; unten: A. Prussat/Ostfriesische Landschaft).
In Riepe an der Hauptstraße. Vom ehemaligen Standort eines Gulfhofes zeugen nur noch die noch vorhandenen Giebellinden (Foto: W. Schwarze/Ostfriesische Landschaft).
Zwei der vier Brunnen waren während der Baubegleitung in der Fläche besonders gut zu sehen. Erkennbar ist auch, wie ein älterer Brunnen von der Baugrube des jüngeren Brunnens geschnitten wird (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
Exemplarisch drei der Funde aus der archäologischen Maßnahme am Hayungshaus (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

 

Was vom Tage übrig blieb...

 

Funde der archäologischen Baubegleitung am „Hayungshaus“

 

2311/5:34 – Esens-Sterbur

 

Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet…

Paul Cézanne
(1839 - 1906), französischer Maler*

 

Die Archäologie ist eigentlich eine Wissenschaft, die sich mit Vergangenem auseinandersetzt, mit Dingen, die im Boden verborgen sind oder Dingen, die sogar schon wieder zu Erde geworden sind. Aber es gibt auch eine Archäologie der Gegenwart, die sich dadurch auszeichnet, dass wir Prozesse des Vergehens live miterleben, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Unser Fund des Monats ist solch einem Phänomen gewidmet: dem Gulfhof. Diese besondere Bauform, ein Wohnstallhaus, das unterschiedlichste Funktionen unter seinen teilweise riesigen Dachflächen verbirgt, prägt wie kaum eine andere das Bild der ostfriesischen Landschaft.

Wer aber heute mit offenen Augen über die Landstraßen Ostfrieslands fährt, sieht schnell, dass viele dieser Höfe in einem desolaten Zustand sind: die Fassaden vermoost, die Dachflächen unregelmäßig und die großen Scheunen halb verfallen. In dem Maße, in dem sich bei uns die Landwirtschaft verändert und größere Flächen von immer weniger Betrieben bewirtschaftet werden können, werden viele dieser Gebäude langsam aber sicher verschwinden. Ihre Größe ist teilweise auch ihr Verhängnis: Kaum jemand, der aufs Land möchte und in Erwägung zieht, einen solchen Hof zu kaufen, kann für die Gulfscheune eine sinnvolle Nutzung finden. Für andere, auch durchaus kleinere Höfe bedeutet nicht selten ihre Lage das Aus: Mit dem zunehmenden Ausbau des Straßennetzes innerhalb der letzten 60 Jahre sind manche Höfe, sowohl in den Ortskernen als auch als Einzelhof, so dicht an schnell befahrenen Straßen gelegen, dass ein potentieller Käufer bestimmt nicht mehr an Landidyll denken mag. Auch Nutzungen durch kulturelle oder soziale Einrichtungen sind u. a. Grenzen in der Finanzierung gesetzt, die teilweise kaum zu leisten ist, so dass für viele Gebäude letztlich ein Erhalt nicht in Frage kommt.

So kommt es, dass der Archäologische Dienst immer häufiger mit Baumaßnahmen konfrontiert ist, an deren Ende eine Zerstörung und Überprägung eines Gulfhofes steht. Unlängst geschah dies Ende Oktober/Anfang November 2016 in Esens-Sterbur mit dem „Hayungshaus“ – einem Esenser Wahrzeichen, das eindrucksvoll auf einer künstlich erhöhten Sandkuppe am Benser Tief den nordwestlichen Randbereich von Esens geprägt hat. Zwar kommt an die Stelle des alten ein dem alten Stile verbundener Neubau, doch trotz allem ist ein kleines Stück Vergangenheit verloren gegangen.

Das Auskoffern der Baugrube wurde archäologisch begleitet, um sicherzustellen, dass Spuren einer etwaigen Vorgängerbebauung nicht übersehen werden und fachgerecht dokumentiert werden können. Im Laufe der gut zwei Wochen andauernden Maßnahme wurde recht schnell deutlich, dass eine Vorgängerbebauung vom Bau des 19. Jahrhunderts überprägt worden ist. Interessante Befunde bildeten die mindestens vier neuzeitlichen Brunnen aus Torfsoden und/oder Formbacksteinen mit und ohne Holzeinbau. Einer von ihnen reichte 6,5 m unter die heutige Geländeoberfläche. Auch das aus einzelnen Gruben und Schichten geborgene Fundmaterial entstammt hauptsächlich der Neuzeit. Die archäologische Baubegleitung am Hayungshaus brachte nur wenig Fundmaterial zu Tage, ein Zeugnis dafür, dass mit den vorhandenen Alltagsgegenständen sorgfältig umgegangen worden ist und wenig zurück gelassen wurde.

Das keramische Fundensemble, das für diesen Monat unsere Vitrine schmückt, besteht aus dem Bodenteil eines grautonigen Steinzeugkruges des 16. Jh. und dem Randfragment eines Topfes aus innen gelbglasierter weißbrennender Keramik mit plastischer Fingertupfenleiste und auffälliger rotbrauner Engobierung (Tonschlickerglasur), die schwerpunktmäßig ab dem 16. Jh. hergestellt wurden und aus dem niederländischen Raum stammt. Der Rand könnte zu einem kleinen Dreibeingefäß gehört haben.

Aus Basaltlava ist das Fragment einer Handdrehmühle. Handmühlen dieser Art sind sowohl geographisch als auch zeitlich recht unscharf und wurden nahezu unverändert vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert verwendet. Sie waren unverzichtbarer Bestandteil eines bäuerlichen Haushalts.

Bildquelle: Steffen Burkert (Hrsg.), Esens zu Großvaters Zeiten, Bad Bentheim 1999.

*aus: Hinweis aus Versuch einer Ankunft: Peter Handkes Ästhetik der Differenz von Alexander Huber (Zitat genannt in Émile Bernard, Erinnerungen an Paul Cézanne 1904—1906 [1982], S. 88.)

 

(Text: I. Reese/Ostfriesische Landschaft)

 

 

Fund des Monats - Juni 2017

Flaschen dreier ehemaliger Auricher Brauereien (v. lks. nach rechts): Ostfriesische Actien Brauerei, Ulferts Brauerei und Kronenbrauerei (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
Reliefverzierte Flaschen der Ostfriesischen Actien Brauerei Aurich und der nachfolgenden Bavaria-St.Pauli Bauerei, Hamburg (ganz rechts) (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).
Unterschiedlich dekorierte Flaschenböden (von lks. nach rechts: Typ3, Variante 1, Typ 3, Variante 2, Typ 4 (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft).

 

 

Bier! Von der Flasche zur Frage

 

Aurich, Alter Hafen  2510/3:120

 

2013 wurden bei der Sanierung der historischen Altstadt Aurichs weite Teile des alten Hafens archäologisch untersucht. An seinem südlichen Abschnitt mündete einst ein Speisegraben ein, der den Hafen mit frischem Wasser versorgte. In diesem Bereich war das ehemalige Hafenbecken mit Ziegelschutt und Flaschen verfüllt. Einige der Flaschen waren noch vollständig intakt. Sie stammen von heute nicht mehr existierenden, ehemals in Aurich ansässigen Brauereien wie der Ostfriesischen Actien Brauerei Aurich (1853–1923), der Kronenbrauerei Aurich (1896–1908) und der Ulferts Brauerei (1908–1965).

Der Fund von drei weiteren vollständigen Glasflaschen der Ostfriesischen Actien Brauerei Aurich bei Renovierungsarbeiten eines privaten Hauses in Aurich aus dem letzten Jahr veranlasste den Archäologischen Dienst, sich die Flaschen einmal genauer anzusehen und mit den Funden aus dem Auricher Hafen zu vergleichen. Üblicherweise werden Funde des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts allgemein als „neuzeitlich“ bezeichnet. Solche Funde lassen sich in der Regel kaum genauer zeitlich fassen, unter anderem, weil sie eine lange Zeit in großer Zahl hergestellt worden sind, ohne die Form zu verändern. Die Archäologie beschäftigt sich mit den Hinterlassenschaften der Menschen, dazu gehört in großer Zahl das verwendete Geschirr. Die Veränderungen an den Gefäßen lassen sich beschreiben, in Typen und Varianten gliedern und schließlich auch in zeitliche Abläufe einbetten. Die einzelnen Gefäßformen sind somit „Leitfossilien“ für bestimmte Zeiten ermöglichen damit eine zeitliche Einordnung.

An den nun vorliegenden sieben vollständigen Flaschen der ehemaligen Ostfriesischen Actien Brauerei Aurich lassen sich einige allgemeine Beobachtungen durchführen und damit die Arbeitsweise der Archäologie erklären: Alle Flaschen repräsentieren frühe Exemplare, die in die frühe Zeit der industriellen Glasproduktion fallen. Die Glasrohmasse wurde in Glasformen gefüllt und in einer Hohlform ausgeblasen. Erkennbar ist dies an einer Naht, an der die Formschalen aufeinanderlagen. Da die Reliefverzierung und die Flaschenböden sehr deutlich ausgeprägt sind, handelt es sich um frühe Erzeugnisse aus sog. Glasmaschinen. Solche halbautomatischen Maschinen wurden schon recht früh nach der Patentierung, beispielsweise in der Glasfabrik Hermann Heye in Nienburg ab 1905 eingesetzt.

Die vorliegenden Flaschen wurden – mit einer Ausnahme – aus einem grünen, durchscheinenden Glas hergestellt. Die Flaschen nehmen durchschnittlich 250 ml Flüssigkeit auf. Sie sind zwischen 24,7 und  25,5 cm hoch und haben einen Durchmesser von 6,0 bis 6,3 cm. Ihre Form entspricht der sogenannten Vichy-Flasche, einer gängigen Flaschenform für Biere mit lang ausgezogenem Hals ohne deutlichen Übergang vom Bauch über die Schulter in den Flaschenhals. Ausnahme ist die einzige Flasche aus Klarglas. Sie ist 21,5 cm hoch mit einem Durchmesser von 6,5 cm und entspricht mit der deutlichen Schulter zwischen dem Flaschenhals und dem Bauch dem heutigen Typ einer „Longneck“-Flasche. Alle vorliegenden Flaschen waren mit Porzellanzapfen und einer Drahtfeder verschlossen. Auch bei den Verschlüssen lassen sich zwei Arten unterscheiden: zum einen der Klappdeckelverschluss oder „Seltersverschluss“ und der auch heute noch verwendete Drahtbügelverschluss.

Aus den vorliegenden vollständigen Flaschen der ehemaligen Ostfriesischen Actien Brauerei Aurich lassen sich vier Typen anhand ihrer Form, ihres Verschlusses und des Reliefs auf dem Bauch der Flasche unterscheiden:

Typ 1:

Glasflasche aus Klarglas mit geringen Lufteinschlüssen in der Form einer „Longneck“-Flasche. L: 21,5 cm; Dm: 6.5 cm. Der Verschlussmechanismus ist noch erhalten in Form des Verschlussdrahtes und eines länglichen Porzellanzapfens mit „Nase“ zur Aufnahme der Schlaufe des Drahtverschlusses. Die Flasche ist vorn auf dem Bauch mit einem Relief verziert. Die Verzierung besteht aus einer einfachen Kartusche (Rahmen) mit geradem Boden und segmentförmigem Bogen. Darin befindet sich im oberen Drittel ein achtzackiger Stern aus zwei Quadraten, die um einen Mittelpunkt gedreht sind (Oktagramm). Darüber steht segmentförmig in Großbuchstaben die Aufschrift „OSTFRIESISCHE“, unterhalb des Sterns horizontal die Aufschrift „ACTIENBRAUEREI“, darunter wiederum die Aufschrift „AURICH“. Den unteren Abschluss bildet eine geschwungene Linie mit nach oben ausragenden breiteren Enden und einer Schlaufe in der unteren Mitte. Von ihr gehen links und rechts zwei Dreiecke aus.

 

Typ 2:

Glasflasche aus transparentem grünem Glas mit geringen Lufteinschlüssen in der Form einer „Vichy“-Flasche. L: 25,5 cm; Dm: 6,2 cm. Die Flasche weist eine Nut für die Aufnahme eines Drahtverschlusses für einen Klappdeckel auf. Der Verschlussmechanismus ist nicht erhalten.

Die Flasche ist vorn auf dem Bauch mit einem Relief verziert, das ausschließlich aus einer Aufschrift wie bei Typ 1 besteht.

 

Typ 3 – Variante 1:

Glasflasche aus transparentem grünem Glas wie Typ 2. L: 25,5 cm; Dm: 6,3 cm.

Die Flasche ist am Hals, auf dem Bauch und der Unterseite reliefverziert.

Am Flaschenhals befinden sich zwei umlaufende Linien im Abstand von 3,4 cm. Darin befinden sich je auf der Vorderseite und der Rückseite zwei sechseckige Sterne aus zwei Dreiecken, die um einen Mittelpunkt gedreht sind (Hexagramm) von 2,1 cm Größe. Die Verzierung auf dem Flaschenbauch besteht aus einer einfachen Kartusche (Rahmen) mit geradem Boden und segmentförmigem Bogen. Darin befindet sich die Aufschrift und Stern wie bei Typ 1. Auf dem eingezogenen Flaschenboden befindet sich mittig ein sechszackiger Sterne aus zwei Dreiecken, die um einen Mittelpunkt gedreht sind (Hexagramm) von 2,6 cm Größe.

 

Typ 3 – Variante 2: Wie Typ 3 - Variante 1, mit folgendem Unterschied:

Die Verzierung am Flaschenhals ist deutlich flacher ausgeprägt und auf dem eingezogenen Flaschenboden befindet sich mittig ein sechszackiger Sterne aus sechs einzelnen Elementen von 1,8 cm Durchmesser.

 

Typ 4:

Glasflasche aus transparentem grünem Glas, wie Typ 2. L: 24,7 cm; Dm: 6,0 cm. Die Flasche weist zwei gegenüberliegende Vertiefungen für die Aufnahme eines Bügelverschlusses für einen Drahtbügelverschluss auf. Der Verschlussmechanismus ist nicht erhalten.

Die Flasche ist am Hals, auf dem Bauch und der Unterseite reliefverziert, mit verzierung am Hals wie Typ 3 – Variante 2 und Verzierung am Bauch wie Typ 3. Auf dem eingezogenen Flaschenboden befindet sich mittig ein sechszackiger Sterne aus sechs einzelnen Spitzen und frei gebliebenem Zentrum von 2,5 cm Durchmesser.

Zur Ostfriesische Actien Brauerei Aurich und der Herstellung der Flaschen:

 

Aus dem Handelsregister im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Aurich geht hervor, dass die Ostfriesische Actien Brauerei Aurich 1885 als Nachfolgerin der Buß’schen Brauerei an der Fockenbollwerkstraße gegründet wurde. Sie hat in Aurich bis 1923 bestanden und wurde dann von der St.-Pauli-Brauerei aus Hamburg übernommen, die die Brauerei als Abteilung Aurich ab 1923 noch weiter betrieb. In der Nachfolge wurde sie als Bavaria- St.-Pauli-Brauerei GmbH bezeichnet. Das Brauereienkonvolut der Bavaria- St.-Pauli-Brauerei GmbH, der späteren Brau und Brunnen AG, wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte hin und her verkauft und endete dann 1998 in der Holsten-Gruppe, die dann wiederum von der Carlsberg-Gruppe übernommen wurde.

Hinweise auf das genaue Alter der Flaschen könnten die Verschlüsse geben. In den USA erhielt Charles de Quillfeldt am 5. Januar 1875 ein Patent für den Bügelverschluss. Zeitgleich entwickelte in Berlin Carl Dietrich 1875 einen Drahtbügelverschluss, der zwei Jahre später vom Berliner Nicolai Fritzner weiterentwickelt wurde. Dies führte zur Gründung einer Fabrik für Bügelverschlüsse. Ab 1885 wurden im Flaschenhals zwei gegenüberliegende Vertiefungen angebracht, in denen der Bügel sicher verankert werden konnte. 1877 wurde auch der Klappdeckelverschluss des  Magdeburgers Hermann Grauel patentiert. Dieser wurde von Otto Kirchhoff weiterentwickelt indem er den bis dahin gebräuchlichen runden Verschluss zu einem länglichen Kopf mit „Nase“ änderte und als 1896 eingetragenes Gebrauchsmuster schützen ließ. Beide Verschlusstypen waren also zeitgleich in Gebrauch und können nicht für eine genaue Datierung herhalten. Da aber am Alten Hafen auch eine Flasche der ab 1923 nachfolgenden Bavaria-Brauerei vorliegt, die einen Drahtbügelverschluss aufweist, liegt die Vermutung nahe, dass dieser Verschlusstyp jünger sein kann. Rein aus typologischen Erwägungen scheint die Flasche Typ 2 wegen der weniger aufwendig ausgeprägten Verzierungen älter zu sein. Zudem ist ihr Hals in der Längsachse der Flasche leicht asymmetrisch, was für eine manuelle Entnahme der noch heißen Flaschen aus den Formen spricht. Die beiden Varianten des Typs 3 sowie die Klarglasflasche Typ 1 scheinen anhand der einheitlichen Reliefverzierung in der Bauchkartusche mehr oder weniger zeitgleich zu sein. Der Unterschied in der Glasfarbe – für Klarglas muss neues, reines Glas verwendet werden – kann im Inhalt begründet sein. Gleiche Flaschentypen aus Tschechien wurden beispielsweise für Limonade oder Mineralwasser verwendet. Der Typ 4 rückt aufgrund der Vertiefungen für die Aufnahme eines Drahtbügelverschlusses näher an die Bavaria-Flasche heran. Zudem ist die Bavaria-Flasche wohl schon in einer moderneren automatisierten OWENS-Glasmaschine entstanden, die ab 1905 in Nienburger Glasfabrik H. Heye Verwendung fanden. Darauf lässt die Glasmarke auf dem Flaschenboden, in Form eines dreiblättrigen Kleeblattes schließen.  Somit wäre die rein typologische Abfolge wie folgt zu rekonstruieren: Auf Typ 2 folgt Typ 3 bzw. Typ 1, gefolgt von Typ 4.

 

Die Unterscheidung der im frühindustriellen Zeitalter hergestellten Flaschen muss aber nicht zwingend ausschließlich chronologisch vorzunehmen sein, sondern es kann sich auch um unterschiedliche Chargen oder verschiedene Hersteller handeln, die ein Gebrauchsmuster variiert haben. Leider haben aktuelle Recherchen bei den Nachfolgebesitzern der Ostfriesische Actien Brauerei Aurich keine Ergebnisse gebracht, wo die Flaschen damals bestellt wurden, da sie keine Archive vorhalten. Somit wäre ein nächster Schritt, bei damals tätigen Glasflaschenherstellern zu recherchieren, ob noch die Auftragsbücher vorhanden sind. Beispielsweise stellten in Nienburg die Glashütten „H. Heye Glasfabrik“ ab 1873 bzw. ab 1891 „Himly, Holscher & Co“ einen Großteil der verwendeten Glasflaschen her. Da die Flaschen der Ostfriesische Actien Brauerei Aurich in automatisierten Verfahren hergestellt wurden, müssen sie irgendwann zwischen 1905 und 1923 produziert worden sein.

 

Es mag sein, das wir noch bei weitem nicht alle Flaschenformen kennen. Wenn Sie vielleicht zu Hause noch Flaschen der Ostfriesische Actien Brauerei Aurich haben, wären wir daran interessiert, einen Blick darauf zu werfen. Bitte schreiben Sie uns: archaeologie@ostfriesischelandschaft.de

 

Text: Jan F. Kegler

 

 

 

Fund des Monats - Mai 2017

Die Fussspuren während der Ausgrabung am 14.11.1955. Links der Lehrer Mensing, unten rechts Dr. Marschalleck, oben rechts vorn der Finder Joh. Folkerts (Foto: (c) Niedersächsisches Institut für Historische Küstenforschung, Wilhelmshaven).
Links die Fußspuren 5 und 6 für das Foto angerissen, rechts die Spur 5 nach dem Aushöhlen (Fotos: (c) Niedersächsisches Institut für Historische Küstenforschung, Wilhelmshaven).
Das Fundensemble mit dem Gipsabguss der Spur 5, den Erdproben und dem etwas eigenwilligen Fundbehältnis für die Erdproben: einer Zigarrenschachtel (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).
So ähnlich mag es ausgesehen haben, als der Gipsabdruck der Spur 5 gerade hergestellt worden war. Von oben ist die Form des menschlichen Fußes erkennbar (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).
In dieser invertierten Darstellung des Gipsabgusses sind Ballen und Ferse, sowie die beiden großen Zehen erahnbar (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).

 

 

Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand…

 

Funnix

 

2312/9:3

 

Im April 2017 erreichte das Archäologische Forschungsinstitut eine kuriose telefonische Anfrage. Eine Zeitzeugin erinnerte sich an eine Untersuchung in ihrer Kindheit in Osterhusen, etwa 400 Meter östlich der Dorfwurt Funnix. Zu dieser Zeit, im November 1955, wurde für den Neubau einer Tankstelle eine Baugrube ausgehoben. Der Berdumer Arbeiter Johann Folkerts entdeckte dort in etwa drei Meter Tiefe vier gut erhaltene menschliche Fußspuren, die er umsichtig mit Dachpfannen abdeckte. Er unterrichtete seinen Arbeitgeber, den Maschinenhändler und Gastwirt Johann Classen, von dem Fund, der wiederum umgehend Dr. Marschalleck von der damaligen Landesstelle für Marschen- und Wurtenforschung in Wilhelmshaven benachrichtigte. Claassen hatte seinen Arbeitern bereits im Vorfeld der Arbeiten eingeschärft, auf Funde und Besonderheiten zu achten. Dr. Marschalleck fuhr noch am Abend des 11. November 1955 mit seinem Kraftrad von Jever nach Funnix. Im Schein einer Taschenlampe präsentierte ihm Johann Claassen die Fußspuren. Bereits am nächsten Tag wurde in der 12 mal 7 Meter großen Grube eine kleine Ausgrabung durchgeführt, bei der im auch als Wattenschlick bezeichneten tonigen Klei zwei weitere Fußspuren entdeckt wurden. Gefüllt waren die Spuren mit einem Sand, der Muschelschalen enthielt. Ganz oben befand sich zerriebener Torf, dessen dunkle Färbung den Arbeiter erst auf die Spuren aufmerksam machte. Die Spuren hatten jeweils eine Länge zwischen 26 und 27 cm, was einer heutigen Schuhgröße von 41 bis 43 entspricht. Sie waren etwa 10 cm tief in den weichen Boden eingedrückt und zeigten eine Schrittlänge von durchschnittlich 70 – 71 cm. Von diesen Untersuchungen erhalten hat sich in einem alten Archivkarton noch ein Gipsabguss, der von einem Fußabdruck genommen wurde. Man erkennt gut, wie sich der Fuß im weichen Boden abgestoßen hat. Der Fußballen hat sich tief in den Schlick eingedrückt, während die Ferse kaum ausgeprägt ist. Sogar die Zehen sind zu erkennen. Dr. Marschalleck vermutete anhand der Abdrücke, dass der Mensch entweder Schuhe getragen haben muss, oder aber die Füße mit Stoff umwickelt waren, da sonst die Zehen noch deutlicher ausgeprägt gewesen sein müssten. Ein Jahr später, im Dezember 1956, nahmen die Doktoren Dechend und Lang von geologischen Landesamt in Hannover Proben aus der Schicht der Fußspuren, um sie mit der Radiokarbonmethode zu datieren. Dies war eine sehr frühe Anwendung der Messung radioaktiver Kohlenstoffisotope, die erst 1948 bis 1950 in den USA von Willard Libby entwickelt wurde. Leider wissen wir nicht, zu welchem Ergebnis die Untersuchungen gekommen sind.

Das Studium der Schichtenfolge oberhalb der Fußspuren führte Dr. Marschalleck jedoch zu der Interpretation, dass sie um 1000 n. Chr., also im frühen Mittelalter, nach dem Einbruch der Harlebucht entstanden sein müssen. Spätere Klei- und Sandablagerungen haben die Fußspuren überdeckt. Neben dem Gipsabdruck  sind im archäologischen Fundmagazin der Ostfriesischen Landschaft einige Glasröhrchen mit Bodenproben erhalten, die Dr. Marschalleck aus den verschiedenen Bodenschichten entnommen hat

Als Miszelle ist vielleicht im Rahmen der Entdeckungsgeschichte die damalige Vorgehensweise von Dr. Marschalleck interessant. Im Anschluss an seine Arbeiten schickte er an die Ostfriesische Landschaft zwei Kurzmitteilungen, die noch im Original vorliegen. Er bittet hier um die Erstattung von Auslagen in Höhe von 17,- DM für Fahrkosten mit seinem Kraftrad, Telefonate und Prämien für die Arbeiten in Form von Zigarillos und Zigaretten. Ein Jahr später erstattete die Ostfriesische Landschaft die Kosten für die Anlage eines drei Meter tiefen Loches, das ein Arbeiter für die Untersuchung von Dr. Lang und Dr. Dechend angelegt hatte, 20.- DM steuerte der „Anzeiger für Harlingerland“ bei, verbleibende 36,25 DM kamen von der Ostfriesischen Landschaft.

Auch wenn heute Prämien nicht mehr üblich sind, ist diese Fundgeschichte auch nach 62 Jahren noch spannend. Sie zeigt auch, dass im archäologischen Archiv der Ostfriesischen Landschaft noch der eine oder andere vergessene Schatz schlummert, der auf seine Wiederentdeckung wartet.

 

Text: Jan F. Kegler

 

 

 

Fund des Monats - April 2017


2410/9:31 – Fläche A1, Fd.-Nr. 63: Flächenretuschierte Pfeilspitze. Aus einem langgezogenen Graben (Befund 234) stammt eine beidseitig flächenretuschierte, 22 mm lange und breite Pfeilspitze aus grauem Feuerstein. An der Basis ist ein kurzer Stiel ausgearbeitet. Solche Objekte werden aufgrund der Formgestaltung als bronzezeitlich angesprochen, jedoch kommen Pfeilspitzen dieser Art bereits im späten Neolithikum (Glockenbecherkultur) vor (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).
2410/9:31 – Fläche A2, Fd.-Nr. 338: Bernsteinperle. Aus einer großen Grube (Bef. 231) stammt diese fein gearbeitete Bernsteinperle aus der Vorrömischen Eisenzeit. Sie hat eine ovale Form (L: 22mm; B: 19mm) und ist allseitig gut geschliffen und poliert. Zentral weist sie eine 2 mm dicke Durchlochung auf. Es handelt sich aufgrund der Form vielleicht um einen Knopf eines besonders prächtigen Kleidungsstückes. Ein weiterer Fund aus dieser Grube ist der hölzerne Pflugbestandteil (Ard), der in der Ausstellung im EEZ zu sehen ist (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).
2410/9:31 – Fläche A2, Fd.-Nr. 86: Urne. Ein noch 15 cm hoch erhaltenes, jedoch sehr stark fragmentiertes Gefäß datiert ebenfalls in die Vorrömische Eisenzeit. Es wurde aus gut 80 Einzelteilen wieder zusammengesetzt. Es stammt aus einer im Durchmesser etwa 30 cm großen Grube, die mit einem stark holzkohlehaltigen Substrat verfüllt war. Es scheint sich daher um eine Urne zu handeln, die zusammen mit den Resten des Scheiterhaufens vergraben worden ist. Knochenpartikel und vielleicht ehemals vorhandene Grabbeigaben haben sich leider nicht erhalten (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).
2410/9:31 – Fläche A2, Fd.-Nr. 162.4.3 Keramikperlen. Diese drei Keramikperlen von etwa 14 bis 18 mm Durchmesser stammen aus einer ovalen Grube. Die Perlen sind regelmäßig geglättet und weisen 2–3 mm große zentrale Durchlochungen auf. Die gut gebrannten Stücke wurden aus einem mit Granitgrus gemagerten Ton hergestellt. Wahrscheinlich gehörten sie zu einem Schmuck, dessen ursprüngliche Gestalt sich nicht rekonstruieren lässt. Eine Datierung dieser Perlen ist aufgrund fehlender charakteristischer Merkmale nicht möglich. Sie lagen jedoch gemeinsam mit Keramikscherben in der Grube, die sich aufgrund ihrer Verzierung als eisenzeitlich ansprechen lassen (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).

 

Großprojekt Aurich Sandhorst:

Ausstellung „Vergangene Zeit unter moderner Welt“ vom 01.04. bis 03.05. 2017 im EEZ, Aurich.

 

Zwischen 2009 und 2012 untersuchte der Archäologische Dienst der Ostfriesischen Landschaft etwa 120 Hektar Fläche für das neue Industriegebiet Aurich-Sandhorst.

 

Die Untersuchungen wurden mit Baggerprospektionen begonnen. Dabei nahmen drei Teams in über das gesamte Areal verteilten Testschnitten den Oberboden ab und prüften, an welchen Stellen Befunde im Boden erhalten waren. So wurde sichergestellt, auf welchen Flächen Ausgrabungen stattfinden mussten. Nach den Prospektionsteams folgten dann bis zu drei Ausgrabungsteams, welche die dreizehn in der Prospektion erkannten Areale mit erhaltener Denkmalsubstanz ausgegraben haben.

 

In Sandhorst waren über einen Zeitraum von vier Jahren über 50 Personen tätig. Für eine Ausgrabung benötigt man nicht nur Archäologen, vielmehr ist eine Vielzahl von Berufen und Tätigkeiten notwendig: Vermesser, Tiefbauer, Baggerfahrer, Kampfmittelräumer, Grabungstechniker, Grabungshelfer, Zeichner, Restauratoren, Botaniker, Zoologen, Physiker für 14C-Untersuchungen, Chemiker für Phosphatanalysen usw.

 

Damit handelt es sich um eine außergewöhnlich große Ausgrabung. Insgesamt wurden 120 ha zusammenhängende Fläche untersucht, von denen 18 ha ausgegraben wurden. Es konnten 7522 Befunde und unzählige Funde dokumentiert werden. So kann nun die Geschichte dieses Gebietes in Sandhorst von der Jüngeren Altsteinzeit vor 14.000 Jahren bis heute geschrieben werden.

 

Ein erstes Resumée zieht nun die Ostfriesische Landschaft gemeinsam mit der Stadt Aurich. Wir präsentieren die schönsten und interessantesten Funde in einer Ausstellung im Energie-Erlebnis-Zentrum in Sandhorst. Beispielhaft dafür steht der Fund des Monats April, der einige Schlaglichter auf die ehemalige Besiedlung der Region wirft

 

Um sich einen Eindruck über die Arbeit der ostfriesischen Archäologen und die Reichhaltigkeit der geschichtlichen Tiefe des heutigen Sandhorst zu machen, laden wir Sie herzlich in das EEZ nach Aurich zu einem Besuch der Ausstellung „Vergangene Zeit unter moderner Welt“ vom 01.04. bis 03.05.2017 ein.

 

Mehr Informationen hierzu finden Sie unter: www.eez-aurich.de/ausstellung/sonderausstellung.html

 

(Text: Jan F. Kegler und Sonja König)

 

 

 

Fund des Monats - März 2017

Diesen Backstein aus Marienhafe hat eine Ziege - vielleicht auf der Suche nach Futter? - überquert, bevor er trocknen konnte (Foto: S. König, Ostfriesische Landschaft).

 

Hund – Katze – Maus

 

Marienhafe

 

2409/8:21

 

Bei Ausgrabungen in unmittelbarer Nachbarschaft zur mittelalterlichen Kirche in Marienhafe wurden 2016 einzelne Backsteine von einem zum Teil abgebrochenen Gebäude gefunden. Auf diesen sind die Hufabdrücke von Schafen oder Ziegen zu sehen. Immer mal wieder werden mittelalterliche Backsteine gefunden, auf denen seltsame Eindrücke zu erkennen sind, die sich bei genauerer Betrachtung als Trittspuren von Tieren zu erkennen geben. Die Trittsiegel gehören zu großen und kleinen Hunden, Katzen und Schweinen, aber auch Schafen oder Ziegen und müssen vor dem Brennen der Backsteine entstanden sein.

Es ist bekannt, dass mittelalterliche Backsteine nahe der Nutzungsstelle bzw. des Bauwerkes hergestellt wurden, bei dem sie gebraucht wurden. Im Mittelalter gab es noch keine Ziegeleien, deshalb wurde der nasse formbare Ton vor Ort in rechteckige hölzerne Model gestrichen, so geformt aus diesen herausgeklopft und zum Trocknen vor dem Brand ausgelegt. Und dieses Auslegen brauchte Platz. Während die Backsteine trockneten, fegte dann auch schon mal eine wilde Jagd aus Tieren und manchmal auch Kindern über die noch nassen Backsteine und hinterließ dort ihre Spuren. Die Pfotenabdrücke sind also gleichsam Momentaufnahmen aus der Entstehungszeit der mittelalterlichen Gebäude in Marienhafe, denn sowohl an der Kirche als auch bei den Gebäuden um den Kirchplatz herum werden immer wieder Backsteine mit Tierspuren gefunden.

Die Datierung in das Mittelalter ist bei Backsteinen über die Größe möglich. Dabei gilt: je größer das Format, umso älter ist der Stein. Die ältesten Steine gehören zum Typ der Klosterformatsteine mit sehr großen Ausmaßen: 30 x 15 x 8 cm; 31 x 15 x 8,5 cm oder auch 32 x 15 x 8 cm. Diese Steine waren entsprechend ihrer Größe so schwer, dass sie beim Vermauern mit zwei Händen weitergereicht und aufgesetzt werden mussten. Mit der Zeit wurden immer kleinere und leichtere und damit bequemer zu handhabende Backsteine hergestellt.

 

(Text: Sonja König)

 

 

Fund des Monats - Februar 2017

Auf dem Fragment sind Teile eines typischen Landschaftsmotives erkennbar (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).

 

 

 

Bunte Bilder für Bürger und Bauern

 

Leer-Steinburgsgang 11

 

2710/9:33

 

Archäologie in der Stadt beginnt direkt unterhalb der wieder und wieder überbauten Flächen, und der Versuch, die Geschichte einer städtischen Parzelle zu rekonstruieren, führt zunächst unweigerlich in die jüngere Vergangenheit der letzten drei oder vier Jahrhunderte. Die schon seit dem 17. Jh. fast industriell organisierte keramische Manufakturproduktion schlägt sich in einem gewissen Wiedererkennungswert der verschiedenen Fundstücke nieder: Da gibt es Mineralwasserflaschen und andere Gefäße aus Steinzeug, Bruchstücke von Pfeifenstielen und sehr viel rötlich oder bräunlich glasierte Irdenware. In einem solchen Ensemble aus Alltagsgegenständen sticht eine bildliche Darstellung sofort ins Auge, wie z. B. das hier vorgestellte Fragment einer mit einem Landschaftsmotiv bemalten Fayenceschale. Sie konnte bei einer baubedingten Vorabuntersuchung in unmittelbarer Nähe des Borromäus-Hospitals in Leer aus einer Grube geborgen werden.

 

Der Begriff der Fayence leitet sich von einem in der italienischen Stadt Faenza seit der Renaissance gebräuchlichen Verfahren ab, mithilfe einer opaken hellen Zinnglasur die poröse Oberfläche von Keramik gegen Wasser undurchlässig zu machen. Der helle Untergrund wurde in den folgenden Jahrhunderten immer kunstvoller und detailreicher bemalt und konnte sich in ganz Europa lange Zeit gegen das noch sehr exklusive und teuer importierte Porzellan behaupten. Viele Stücke haben sich bis heute erhalten und sind beliebte Sammelobjekte.

Besonders bekannt ist die sogenannte Delfter Fayence, die die verschiedensten Motive aus Mythologie, Seefahrt und Alltag in blauer oder brauner Bemalung auf weißem Grund zeigt und in Form von Wandfliesen auch viele ostfriesische Haushalte geschmückt hat. Das 17. Jh. war in den Niederlanden eine Hochzeit dieser Handwerkskunst, und neben den Delfter Manufakturen gab es noch weitere in Holland, u.a. in Rotterdam, Utrecht und Haarlem. Später konnten sich auch im friesischen Norden Werkstätten etablieren.

 

Das Bruchstück aus Leer kann aufgrund der Farbe und Ausführung des Motives am ehesten einer dieser nordniederländischen Manufakturen zugeordnet werden: es handelt sich vermutlich um die Harlinger Werkstatt. Auffällig ist, dass sie eine Bemalung aus mehr als einer Farbe zeigt und das Motiv in einer etwas flüchtigen, fast aquarellartigen Linienführung entstanden ist. Die in Harlingen gerne eingesetzte sogenannte polychrome Scharfeuerglasur konnte neben den bei unserem Stück sichtbaren Blau-, Orange- und Gelbtönen auch Grün enthalten. Diese farbenfrohe Kombination war besonders im 18. und 19. Jh. beliebt. Unser Fragment stammt dagegen mit ziemlicher Sicherheit aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Das darauf erkennbare Motiv zählt zu den Landschaftsmotiven, deren Bildsprache und -komposition sich höchstwahrscheinlich an der niederländischen Landschaftsmalerei dieser Zeit, aber auch an den vielen Landschaftsradierungen orientiert hat.

Die Teller, Schalen und Fliesen mit diesen Motiven zeigen in der Regel eine Zusammenstellung von in der Höhe gestaffelten Gebäudetypen in unterschiedlichen, aber doch recht ähnlichen Varianten. Sie verleihen damit dem Landschaftsmotiv einen schematisch anmutenden Charakter. Das lag einerseits an dem begrenzten Platz, der für die Bemalung zur Verfügung stand, lässt andererseits aber auch schon die Gesetze der Massenproduktion durchscheinen. Trotzdem spiegeln diese Darstellungen von Gehöften oder Dörfern auf Warften oder an Küsten und Flüssen gelegen, kombiniert mit Mühlen, Kirchen, Klappbrücken, Steinhäusern und sogar Burgruinen sehr eindrücklich wider, was damals und heute das Aussehen der friesischen Landschaft geprägt hat.

 

Die Fayencen mit ihrer vielgestaltigen Bildsprache waren – ob in Form von Geschirr oder als Wandfliese im Kamin- und Küchenbereich – für die reicheren Bewohner von Stadt und Land der Neuzeit und auch für diejenigen, die es werden wollten, zugleich ein Stück Identität, ein schön gestaltetes Element des Alltags und zu einem nicht zu unterschätzenden Grad auch Prestigeobjekt.

 

Text: I. Reese

 

 

 

Fund des Monats - Januar 2017

Pfeilschaftglätter aus Sandstein, geborgen auf einer Grabung in Filsum. Hier zu sehen die deutliche Rille auf der Oberseite (Foto: I. Reese, Ostfriesische Landschaft).

 

 

 

Bronzezeitliche Bogenschützen

 

Filsum 2711/6:16

 

Im Frühjahr 2016 wurde in der Nähe der Ortschaft Filsum im Landkreis Leer eine etwa 0,4 ha große Fläche für einen Legehennenstall bis auf den anstehenden Sand abgezogen. Bereits bei ersten archäologisch begleiteten Suchschnitten wurden zahlreiche Pfostengruben erkannt. Insgesamt wurden 375 archäologische Befunde auf der Baufläche dokumentiert. Nach den oberflächennahen Funden zu urteilen, datieren sie in den Übergang der Bronzezeit zur Eisenzeit.

 

Klare Siedlungsbefunde ließen sich bei den Untersuchungen nicht erkennen, doch erweckten zahlreiche Befunde mit verbrannter Knochensubstanz in den Verfüllungen den Eindruck, dass es sich um einen Bestattungsplatz handeln könnte. So befand sich in der Nordwest-Ecke der Baufläche ein Kreisgraben mit zentraler, allerdings durch einen Meliorationsgraben gestörter Bestattung. Im und um den Kreisgraben von etwa 11 Meter Außendurchmesser wurden fünf Körpergräber dokumentiert, in denen allerdings keine menschlichen Überreste mehr festgestellt werden konnten. Der Kreisgraben überdeckt einen annähernd runden Befund. Aus ihm stammen neben einigen kleineren Fragmenten grob gemagerter, jedoch gut geglätteter Keramik ein Abschlagkratzer sowie ein halber, zerbrochener Sandstein gröberer Körnung.

 

Dieser Stein weckt auf den ersten Blick das Interesse, denn auf seiner Ober- wie auf seiner Unterseite befindet sich jeweils eine Rille. Der Stein ist 69 mm breit, 58 mm lang und 28 mm dick. Im Querschnitt ist er D-förmig und weist somit eine glatte Unterseite auf, während die Oberseite unregelmäßig gewölbt ist. In der Mitte der flachen Unterseite verläuft in der Längsachse eine regelmäßige 9 bis 10 mm breite und 4 mm tiefe, halbrunde Rille. Ihr auf der Oberseite gegenüberliegend befindet sich eine V-förmige, wenig regelmäßig angelegte weitere Rille von ebenfalls 9 bis 10 mm breite, aber nur 2 mm Tiefe.

 

Objekte dieser Art werden als Pfeilschaftglätter bezeichnet. Sie bestehen in der Regel aus einem grobkörnigen Sandstein. Die regelmäßigen Rillen werden in den Stein eingepickt und dann ausgeschliffen.

Solche Steine werden oft paarweise gefunden. Es ist daher zu vermuten, dass sie mit den Unterseiten aneinandergelegt wurden, um den Pfeilschaft durch den so entstandenen Hohlraum führen zu können. Der grobe Sandstein hatte dann eine schmirgelnde Wirkung.

 

Die Breite der Rille entspricht gut dem bekannten Durchmesser von hölzernen Pfeilschäften der Bronzezeit, die zwischen 6 und 11 mm liegen.

Da Pfeilspitzen aus Metall in der Bronzezeit Ostfrieslands sehr selten waren, werden die meisten wohl zu dieser Zeit immer noch aus Feuerstein bestanden haben. In einem Grabhügel – ebenfalls bei Filsum – wurde vor einigen Jahren bei einer Ausgrabung eine geflügelte Pfeilspitze aus Zahnbein gefunden.

Mit dem Pfeilschaftglätter aus Filsum liegt damit ein indirekter Nachweis der Herstellung von Pfeilschäften aus Holz und der Jagd der Bronzezeit in Ostfriesland vor.

 

(Text: Jan F. Kegler)

 

 

 

Fund des Monats - Dezember 2016

Terra Sigillata-Fragmente aus Westerholt. Es sind noch Reste der glänzenden Versiegelung vorhanden (Foto: S. König, Ostfriesische Landschaft)

 

 

„Leute kauft Töpfe – kauft römische Töpfe“

 

Westerholt

2410/3:52

 

Bei Ausgrabungen in Westerholt wurden in den Jahren 2001 bis 2016 Teile einer Siedlung aus Römischen Kaiserzeit und der frühen Völkerwanderungszeit ausgegraben, also aus der Zeit der ersten fünf Jahrhunderte nach Christi Geburt. Darunter befanden sich Grundrisse von über 20 Häusern, zugehörigen Speichern, Grubenhäusern und Brunnen. Unter den Fundstücken sind einige bemerkenswerte Objekte, die Kontakte der einheimischen Bevölkerung in das Römische Reich eindrucksvoll unterstreichen. So auch mehrere Fragmente von Terra-Sigillata-
Schalen, einer Keramik, die aus dem Römischen Reich importiert wurde. Das als Terra Sigillata bezeichnete römische Geschirr ist aus hellenistischen
Geschirrformen hervorgegangen und wurde in weiten Teilen des Römischen
Reichs nachgeahmt und weiterentwickelt, so um 30 v. Chr. in Italien, ab 5 n. Chr. auch mehr und mehr in den Provinzen, z. B. Südgallien, Mittelgallien, Germanien bis an den Rhein, Britannien und Spanien. Terra Sigillata zeichnet sich durch eine glatte, glänzende rote Oberfläche aus sowie oft durch eine reliefierte, figürlich oder ornamental verzierte Oberfläche. Zur Herstellung des verzierten Tafelgeschirrs wurde zunächst eine Formschüssel hergestellt, in die auf der Innenseite das zukünftige Dekor eingestempelt wurde. Nach dem Brennen war diese für zahlreiche Ausformungen nutzbar. Das Gefäß wurde dann auf der Töpferscheibe in die Form eingedreht und wurde nach dem Trocknen/Schrumpfen entnommen So konnten zügig größere Serien der aufwändig verzierten Gefäße hergestellt werden. Vor dem Brennen wurden die Gefäße in roten Tonschlicker getaucht, um die typische rote glänzende Farbe zu erzielen.

Was aber wurde in diesen Gefäßen denn so serviert? Ein paar leckere römische Rezepte haben wir für Sie zusammen gestellt.

 

Pdf-Download: Aus römischen Schalen

 

Wir wünschen allen Besuchern unserer Seite eine gesegnete Weihnachtszeit und ein frohes neues Jahr 2017.

 

 (Text: Dr. S. König)

 

 

 

Fund des Monats - November 2016

Porzellanpfeife aus der Evenburg, Loga. Detail des Wappens der Familie von Boeselager (Foto: Sonja König/Ostfriesische Landschaft)

 

Pfeife rauchen in cognito!

 

Loga 2710/9:21

 

Als im Jahre 2015 die Gräben um das Schloss Evenburg in Loga gereinigt wurden, gab es das eine oder andere Fundstück zu begutachten.

 

Auffälligstes Stück war eine Porzellanpfeife mit bunter Bemalung. In Gold und Blau, aber auch mit etwas Rot ist das Wappen derer von Boeselager dargestellt. Es zeigt zwei mit dem Blatt nach oben gerichtete gekreuzte blaue Schaufeln auf einem goldenen Wappenschild, darüber ein prächtiger Helm mit blauer und goldener Decke und auf dem Helm drei Lilienstäbe in den Farben Gold, Blau, Gold.

 

Auf der Rückseite befindet sich ein Text:

Th. Frhr. von Boes[…]

s/m   v/n

E. Graf Wedel

z. fr. Erg.

Bonn 1881-82

Somit: „Th. Freiherr von Boeselager seinem verehrten E. Graf von Wedel zur freundlichen Erinnerung Bonn 1881-1882“.

 

Bei dieser Pfeife handelt es sich um eine aus mehreren Teilen bestehende sogenannte Gesteckpfeife. Von dem vorliegenden Stück ist lediglich der ca. 14 cm lange als Stummel bezeichnete Pfeifenkopf erhalten, in dem der Tabak verbrannt wurde. Darauf gehörte ursprünglich noch ein metallener Deckel. Der Pfeifenkopf wurde bis fast zur Ferse in einen Saftsack aus Porzellan oder Holz gesteckt. Dieser Saftsack diente dazu, dass das beim Rauchen entstehende Kondensat nicht in den Pfeifenkopf und damit den Tabak gelangte. Erst an den Saftsack wurde das lange Rohr mit dem Mundstück aus Holz oder Horn gesteckt.

 

Im 19. Jahrhundert war es sehr üblich, als Erinnerung Tabakspfeifen zu verschenken, dies geschah in studentischen Verbindungen, wie bei dem Stück von der Evenburg, ebenso wie z. B. bei Männergesangsvereinen und bei Reservisten. Selbstverständlich wurde dann das Wappen der Verbindung, des Vereins oder der Schenkenden aufgemalt sowie die Namen der so freundschaftlich Verbundenen oder der Vereinsmitglieder.

 

Der Beschenkte ist eindeutig Georg Erhard Graf von Wedel-Gödens (*2.1.1861, †4.12.1931), er wurde 1881 Mitglied der Verbindung Corps Borussia in Bonn. Soweit ist klar, wer da in der Evenburg sein Pfeifchen rauchte. Dieses zerbrach ihm jedoch, und man kann sich bildlich vorstellen, wie er die leider zerbrochene Pfeife schwungvoll aus dem Salon im ersten Stock der Evenburg in den Wassergraben warf. Dass sein Name auf der Pfeife nicht als „G.“ Wedel, sondern als „E.“ Wedel genannt wird, wundert nicht, denn innerhalb von Studentenverbindungen wurden gern verdeckte oder veränderte Namen benutzt. Die Identität des Schenkenden bleibt indes im Dunklen, findet sich doch in der Ahnenliste derer von Boeselager kein „Th.“. So bleibt es zunächst ein Rätsel, wessen zerborstenes Andenken Graf Wedel da schwungvoll in den Wassergraben beförderte.

 

(Text: Dr. Sonja König)

 

 

 

Fund des Monats - Oktober 2016

Goldgulden Karl v. Egmonds, gefunden bei Wrisse (Foto: I. Reese/Ostfriesische Landschaft)

 

Seeräubergold?

 

Wrisse 2511/8:46

 

Im Jahre 1978 staunte ein Landwirt in Wrisse nicht schlecht, als er seine Kühe von der Weide in den Stall holte. Die Tiere gingen täglich zweimal diesen Weg, doch an jenem Tag brachten sie etwas Besonderes mit: vor dem Stall blieb etwas golden Blinkendes zurück, das sich bei genauerem Hinsehen als eine Goldmünze zu erkennen gab. Die Familie des Landwirtes hat sich nach fast 40 Jahren entschlossen, das Fundstück der Ostfriesischen Landschaft als Dauerleihgabe zu überlassen. Diesen besonderen Fund stellen wir als Fund des Monats Oktober 2016 vor.

 

Die Münze zeigt auf der Vorderseite einen Ritter zu Pferd mit gezogenem Schwert und auf der Rückseite ein Wappen auf Lilienkreuz mit zwei sich gegenüberstehenden Löwen. Demnach handelt es sich um einen Goldgulden des Karl von Egmond (*1492, †1538). Die Vorderseite zeigt ihn selbst als Herzog von Geldern. Die Umschrift lautet KAROLVS.DVX.GELR.IVL.C.ZV (KAROLVS DVX GELRiae JVLiaci Comes ZVtphaniae = Karl Herzog von Geldern und Jülich, Graf von Zutphen). Unter dem Pferd werden die Buchstaben GEL wiederholt. Auf der anderen Seite ist das Wappen von Geldern, bestehend aus einem goldenen und einem schwarzen Löwen, den Löwen von Geldern und von Jülich, vor einem Blütenkreuz dargestellt. Die Umschrift lautet MONE.NOVA.AVREA.DVCIS.GELRE.

 

 

Wie kommt nun eine geldrische Goldmünze in das zentrale Ostfriesland? Hier hilft ein Blick in die Geschichtsbücher. Zur Lebenszeit Karls von Egmond wurde in Ostfriesland zwischen dem ostfriesischen Grafenhaus der Cirksena unter Enno II. und Johann gegen den Häuptling der Herrlichkeiten von Esens, Wittmund und Stedesdorf Balthasar von Esens (†1540) gestritten. Anlass war, dass der streitlustige Balthasar die Vorherrschaft der Cirksena nicht anerkannte. So versuchte er, sich des Jeverlandes zu bemächtigen und überfiel die Herrlichkeit von Dornum. In mehreren Feldzügen versuchten die Cirksena, Balthasar zur Räson zu bringen, was schließlich 1530 zur Belagerung von Esens führte. Balthasar musste sich den Cirksena beugen und verlor einen Großteil seines Herrschaftsgebietes. Diese Auseinandersetzungen zwischen dem ostfriesischen Grafenhaus und Balthasar von Esens mündeten zwischen 1531 und 1534 in der sogenannten Geldrischen Fehde, denn Balthasar floh zu seiner Schwester Onna in die Grafschaft Rietberg. Er schmiedete eine Allianz mit seiner Cousine Maria von Jever und dem Herzog von Geldern, Karl von Egmond. Da Karl katholisch und ein erklärter Feind der protestantischen ostfriesischen Grafen war, hatte Balthasar starke Verbündete gefunden. Mit Hilfe von deren Söldnern fiel er in Ostfriesland ein und zog mit 2000 Mann von Esens in das Reiderland und verheerte dabei das Land. In der entscheidenden Schlacht von Jemgum 1533 schlugen die geldrischen Truppen die zahlenmäßig überlegenen gräflichen Söldner von Enno und Johann Cirksena. Nach der Schlacht gewann Balthasar zwar das Harlingerland unter seine Herrschaft zurück, wurde aber de facto Lehnsmann Karls von Egmond.

 

Da er weiterhin streitlustig blieb und vornehmlich Handelsschiffe der Hansestadt Bremen enterte, hatte sich Balthasar mit dem protestantischen schmalkaldischen Bund bald neue Feinde geschaffen. Als Karl von Egmond schließlich 1537 starb, verlor er seinen schützenden Lehnsherren. Da er aber nicht von der Seeräuberei lassen konnte, folgte 1538 rasch die Reichsacht, was wiederum die Bremer dazu veranlasste, gegen das Harlingerland vorzugehen. 1540 verstarb Balthasar während der Belagerung seiner Burg in Esens an einer Krankheit.

 

Wie die Münze auf den Acker kam, muss offen bleiben. Es befand sich keine Burg oder herrschaftliches Anwesen in der Nähe von Wrisse, aus deren Ruinen die Münze hätte stammen können. Es ist daher vorstellbar, dass ein Söldner die Münze während der Feldzüge und Verheerungen in Ostfriesland verloren hatte. Nur ein glücklicher Zufall brachte vor fast 40 Jahren das Stück wieder ans Tageslicht.

 

(Text Sonja König und Jan F. Kegler)

 

 

 

Fund des Monats - September 2016

Fragment eines Lederschuhs aus Utarp, Ldkr. Wittmund (Foto: Jan F. Kegler/Ostfriesische Landschaft)

 

Auf leisen Sohlen…

 

Utarp 2310/9:88

 

Nördlich der Ortschaften Westerholt, Schweindorf und Utarp wurde in den letzten Jahren ein großer Windpark ausgebaut. Entlang dieser Linie verläuft der nördliche Rand der zentralen Ostfriesisch-Oldenburgischen Geest, der höherliegenden, aus glazialen Ablagerungen bestehenden Sandlandschaft. Nach Norden bis zur heutigen Küstenlinie dehnt sich die Nordseemarsch aus. Auch schon in der Vergangenheit befand sich hier eine natürliche Linie zwischen der höheren und trockeneren Geest und den niedrigeren, dafür aber sehr fruchtbaren Kleiflächen. Hier reihen sich zahlreiche Fundstellen der Vorrömischen Eisenzeit, Römischen Kaiserzeit und späterer Zeitstellungen auf. 2016 wurde nördlich der Ortschaft Utarp durch die Norderland Realisierungs GmbH ein neuer Teilbereich des Windparks erschlossen. Eine der Windenergieanlagen sollte an einer ca. 3 m NN hohen Erhebung in dem sonst bei 0,9 m NN Höhe liegenden Umland errichtet werden. Im Zuge von Voruntersuchungen konnten auf dem Baufeld und den Baueinrichtungsflächen über 200 archäologisch relevante Befunde dokumentiert werden. Unmittelbar an die Voruntersuchung schloss sich eine dreimonatige Ausgrabungs- und Dokumentationskampagne an. So konnten zahlreiche Pfostengruben freigelegt und dokumentiert werden, die die Rekonstruktion von mindestens einem Gebäude zulassen. Die Ausgrabungsfläche ist weiterhin durch eine sehr hohe Anzahl an Gräben charakterisiert, die offensichtlich zum Abführen von Oberflächenwasser wiederholt in Stand gesetzt wurden. Schließlich konnten auch noch zwei Brunnen ausgegraben werden. Offensichtlich wurde auf dem Geländesporn bei Utarp in Teilen eine ehemalige Siedlung erfasst. Nach Ausweis der bisher noch nicht gänzlich ausgewerteten Keramikfunde datiert diese Siedlung in den Zeitraum zwischen der älteren Vorrömischen Eisenzeit und der Römischen Kaiserzeit. Aus dem Brunnen „Befund 45“ der Siedlung stammt der Fund des Monats September 2016.

 

Bei dem 2,3 cm hohen und 4,1 cm breiten Objekt handelt es sich um ein Fragment aus Leder. Auf den ersten Blick unscheinbar, erwies es sich als der leicht eingerollte Rest eines Schuhs. Zu erkennen sind sieben kurze Riemchen von im Schnitt 3 mm Breite. Das Objekt wurde nicht bei der Ausgrabung selbst entdeckt, sondern erst später in der Nachbearbeitung. Aus der untersten Schicht der Brunnenschachtverfüllung wurden während der Ausgrabung Bodenproben für eine archäobotanische Untersuchung entnommen und im Innendienst ausgeschlämmt. Hierbei wurden das Fragment des Schuhs sowie weitere Lederfragmente entdeckt, für die aufgrund der Keramikfunde aus dem Brunnen 45 eine römisch-kaiserzeitliche Zeitstellung (etwa 0 bis 200 n. Chr.) angenommen wird. Leider lässt die geringe Größe des Stückes keine genaue Einordnung des Schuhtyps zu. Ebenso wenig kann gesagt werden, ob es sich um ein linkes oder rechtes Exemplar handelt. Aufgrund ähnlicher Funde aus der Vorrömischen Eisenzeit bzw. Römischen Kaiserzeit kann wohl davon ausgegangen werden, dass der Schuh ursprünglich aus einem einzigen Lederstück gefertigt worden ist. Für einen solchen Schuhtyp wird umgangssprachlich der Begriff Bundschuh verwendet. In der Archäologie findet der terminus technicus „Carbatina“ Anwendung, der einen einteiligen Schuh bezeichnet, dessen Oberleder bzw. Sohle aus einem Stück Leder gefertigt worden ist (vgl. Gräf 2015).

 

Ein vollständiger germanischer Lederschuh, der allerdings in den Übergang zur Völkerwanderungszeit datiert, wurde bereits 2002 bei der Ausgrabung der Siedlung Westerholt „An der Mühle“ ebenfalls in einer Siedlungsgrube entdeckt. Auch dieser Bundschuh/Carbatina besteht aus einem Stück Leder, das in einzelne Riemen geschnitten worden ist. Dieses Exemplar ist zudem mit eingedrückten Linien, Kreisaugen und Punkten kunstvoll gestaltet worden (Bärenfänger 2003).

(Text: Jan. F. Kegler)

Literatur:

Bärenfänger, R.: Ein germanischer Schuh aus Ostfriesland. Archäologie in Niedersachsen 6, 2003, 105-106.

Gräf, J.: Lederfunde der vorrömischen Eisenzeit und römischen Kaiserzeit aus Nordwestdeutschland. Studien zur Landschafts- und Siedlungsgeschichte im südlichen Nordseegebiet 7. Rahden/Westfalen 2015.

 

 

 

Fund des Monats -August 2016

Kaiserzeitliche Perle aus einem Grab in Westerholt, Ldkr. WTM (Foto: Jan Kegler/(c) Ostfriesische Landschaft)
Dieselbe Perle in Fundsituation (Foto: Matthias Kastrop/(c) Ostfriesische Landschaft)
Rekonstruierte römische Schuhe (Foto: Kirsten Hüser/(c) Ostfriesische Landschaft)

 

 „Mit fremden Federn geschmückt"

 

Westerholt "An der Mühle"

2410/3:52

 

Mitten im Bereich der seit 2001 kontinuierlich ausgegrabenen kaiserzeitlich bis frühvölkerwanderungszeitlichen Siedlung in Westerholt „An der Mühle“ wurde im Sommer 2013 ein Körpergrab entdeckt, das einige Überraschungen bereit hielt. Die annähernd rechteckige Grube enthüllte beim Ausgraben einige ungewöhnliche Beigaben: Zunächst ließ sich das Fragment einer einzelnen bunt verzierten Glasperle mit umlaufendem rotem Streifen und aufliegenden gelben Augen bergen. Die fast 2 cm große Perle wurde möglicherweise als Anhänger getragen oder hatte eine besondere Bedeutung inne. Vergleichbare Perlen datieren schwerpunktmäßig in die Zeit des 2. und 3. Jahrhunderts. Weiterhin konnten eine stark korrodierte Gürtelschnalle und der Rest einer möglichen Gewandspange sowie sehr wenige Keramikfragmente geborgen werden. Im südöstlichen Bereich der Grabgrube fand sich zudem eine ungewöhnlich hohe Anzahl von kleinen Eisennägeln, die den Ausgräbern zunächst Rätsel aufgaben. Die Nägel lagen auf einer Fläche von etwa 20 cm2 eng beieinander und wiesen an den Nagelköpfen einen Durchmesser von 0,8 bis 1,0 cm auf. Nach der Restaurierung der knapp 100 Objekte erwiesen sich diese als Schuhsohlennägel, wie sie sich an den Laufsohlen von römischen Schuhen oder Sandalen finden. Eine solche Benagelung bot einerseits Schutz vor frühzeitiger Abnutzung, andererseits diente sie auch der besseren Stabilität der Laufsohlen. Die Art der Benagelung war je nach Bedarf und Geldbeutel des Trägers unterschiedlich gestaltet. Auf unbefestigten Wegen hinterließen die genagelten Sohlen deutliche Abdrücke und waren daher zum Teil sogar dekorativ gestaltet.

Die außergewöhnlichen Beigaben in diesem Körpergrab der Römischen Kaiserzeit sind aus der Ferne nach Ostfriesland gelangt. Sowohl Schuhmode und Schmuck der bestatteten Person gehören nicht zur typisch einheimischen Tracht dieser Zeit.

 

(Text: K. Hüser)

 

Literatur:

Carol van Driel-Murray, Römisches Schuhwerk. Römer zwischen Alpen und Nordmeer, S. 150 – 154.

Jutta Göpfrich, Römische Lederfunde aus Mainz. Saalburg-Jahrbuch 42, 1982, 5-67.

Magdalena Tempelmann-Maczynska, Die Perlen der römischen Kaiserzeit und der frühen Phase der Völkerwanderungszeit im mitteleuropäischen Barbaricum (Mainz 1985).

 

 

 

Fund des Monats - Juli 2016

Westerholt "An der Mühle": römischer Tegula (Dachziegel) (Foto: K. Hüser/Ostfriesische Landschaft)

 

„Schwer beladen in die Ferne“

 

Westerholt "An der Mühle"

2410/3:52

 

Seit 2001 ist die Ostfriesische Landschaft in der Ortschaft Westerholt (Ldkr. Wittmund) aktiv und untersucht im Neubaugebiet „An der Mühle“ eine große Siedlung der Römischen Kaiserzeit und der frühen Völkerwanderungszeit. Mehr als 7000 Befunde und 100 000 Funde wurden dabei dokumentiert und geborgen.

Im Frühjahr 2015 wurde ein Brunnen im Siedlungsbereich archäologisch untersucht, der bemerkenswerte Funde offenbarte. In der obersten Verfüllschicht des etwa 2,60 m tiefen Befundes fanden sich neben Gefäßscherben und einer kleinen, fragmentierten Glasperle auch mehrere Bruchstücke von mindestens zwei römischen Dachziegeln. Römische Funde wie hochwertige Keramik aus terra sigillata ließen sich bereits mehrfach vereinzelt aus dem Bereich der ehemaligen Siedlung bergen. Sie verweisen auf einen regen Handel mit dem römischen Imperium. Die Handelswege in das ostfriesische Gebiet verliefen vorwiegend entlang der Flüsse. Der Naturraum erschwerte durch Niederungen und ausgedehnte Moorfläche oft die Benutzung von Landwegen. Römisches Baumaterial findet sich jedoch nur selten im friesischen Küstengebiet. In Westerholt war bereits vor einigen Jahren ein kleines Fragment eines solchen Dachziegels geborgen worden. Weitere Funde sind aus dem Westerhammrich bei Leer und aus Backemoor bekannt. Diese Ziegelfragmente ließen sich durch naturwissenschaftliche Methoden vorwiegend in das 4. und 5. Jahrhundert nach Christus datieren. Lange bevor in Ostfriesland Dachziegel zum Eindecken von Dächern in Gebrauch kamen, war diese Technik bei den Römern schon bekannt. Solche Dachziegel wurden in der Römischen Kaiserzeit jedoch nicht als Baustoff verhandelt, sondern gelangten als Ballast im Bauch der römischen Handelsschiffe in den Norden. Die zunächst unscheinbar wirkenden hellroten Ziegelfragmente zeigen hier also eindrucksvoll den Handel mit dem römischen Reich über die Wasserwege. Die Route verlief mit großer Wahrscheinlichkeit durch die Rheingegend über die Ems bis an die Nordseeküste. Von der Küste aus gelangten die römischen Funde dann vermutlich über eine ehemalige Meeresbucht bis nach Westerholt.

 

(Text: K. Hüser)

 

 

 

 

Fund des Monats - Juni 2016

Kugeltopf und Grapentopf. (Foto: Sonja König/Ostfriesische Landschaft.)

Kugelboden – Grapenbeine – Kochtopf

Teil 2

 

Forlitz-Blaukirchen, Großes Meer – Brinkum – Emden, Rotes Siel

 

Bereits vor einigen Jahren wurden im Großen Meer zahlreiche Kugeltöpfe aus der Zeit zwischen 900 n. Chr. und 1300 n. Chr. gefunden. Aufgrund der Überlagerung mit Schlick des Gewässers sogar konnten diese zu großen Teilen vollständig geborgen werden. Kugeltöpfe stellen die universale Gefäßform vom 10. bis zum 13. Jahrhundert dar. Vereinzelt gibt es in dieser Zeit daneben andere Gefäßformen, doch der Kugeltopf kann für nahezu alles benutzt werden – vom Aufbewahren, Lagern, Transportieren, Essen und Trinken bis hin zum Kochen. Auch im 14./15. Jahrhundert wird der Kugeltopf noch in den Haushalten verwendet, doch sind inzwischen zahlreiche andere Gefäßformen hinzugekommen. Das Volumen von Kugeltöpfen ist, wie für ein universales Gefäß nicht anders zu erwarten, sehr variabel. Von Gefäßen, die wenige 100 ml aufnehmen können, gibt es solche mit Fassungsvermögen bis hin zu gut und gern 10 Litern und mehr. Kugeltöpfe weisen, wie ihr Name bereits erkennen lässt, einen kugeligen Boden auf. Anders als man vielleicht zunächst denken mag, weisen sie eine durchaus solide Standfestigkeit auf. Und gerade in einem offenen Holzfeuer lassen sie sich in beliebiger Neigung in die Glut schieben, was sie zu einem idealen Kochtopf macht. Bereits aus dem Frühmittelalter sind auch andere Kochgefäße bekannt, so zum Beispiel Pfannen mit einem Linsenboden und einem Tüllengriff, in den ein Stab gesteckt wurde. Doch den größten Anteil am Küchenutensil hatte der Kugeltopf. Als Kochstelle diente lange Zeit eine einfache, offene Feuerstelle. Diese befand sich entweder direkt auf dem Lehmfußboden oder auf einem Unterbau aus z.B. Steinen. Im wohlhabenden Haushalten des Spätmittelalters sind auch knöchel- oder tischhoch aufgemauerte Herdstellen vertreten. In der Zeit um 1200 kam es zu einem einschneidenden Umbruch in den Keramikformen, die danach eine viel größere Diversität aufwiesen. Ab 1200 trat so auch der Grapen oder Dreibeintopf seinen Siegeszug in die Küchen an. Dieser zumeist gehenkelte Topf auf drei Beinen verdrängte den Kugeltopf nach und nach vollständig. Im Fundmaterial vom Roten Siel in Emden aus dem 16./17. Jahrhundert finden sich als Kochtöpfe nur noch als Grapen/Dreibeintöpfe. Natürlich blieben auch Pfannen beständig im Inventar, und nicht zu vergessen ist auch, dass daneben vor allem metallene Gefäße mehr und mehr zur Verwendung kamen – Dreibein, Bratspieß, eiserner Rost, eiserner Kessel usw. Von vielen hölzernen Küchenutensilien, die es ohne Zweifel ebenfalls gab, haben leider nur sehr wenige die Zeiten überdauert.

 

 

(Text: Sonja König)

 

 

 

Fund des Monats - April 2016

Glasierte Irdenware des frühen 17. Jahrhunderts aus Emden (Foto: S. König/Ostfriesische Landschaft)

 

Glas – Glasur –Kochtopf

 

Emden

2609/1:96

 

Im Herbst 2015 wurde am Roten Siel in Emden in einer Grabenverfüllung umfangreiches Abfallmaterial aus dem Bereich Tafel, Küche und Vorratshaltung gefunden. Aufgrund eines mit Inschrift datierten Bauerntanzkruges aus dem Jahr 1587 kann dieser Abfall in die Zeit um 1600 bzw. in das frühe 17. Jahrhundert datiert werden. Die Kochtöpfe der frühen Neuzeit zeigen andere Merkmale als noch jene des Mittelalters. Während im Mittelalter die Gefäße aus Irdenware aufgrund ihrer porösen Oberfläche wasserdurchlässig waren und man wasserundurchlässiges Tafelgeschirr lediglich in Form von Steinzeug kannte, wurde von der frühen Neuzeit an vermehrt bleiglasierte Irdenware verwendet.

 

Die Entwicklung der Glasur für Keramikgefäße hat sich über einen längeren Zeitraum vollzogen. Nördlich der Alpen werden seit dem Hohen Mittelalter, ca. dem 12. Jahrhundert, keramische Gegenstände wie Spielzeugfiguren, aber auch Miniaturgefäße und später erste ganz besondere Krüge aus dem belgischen Raum glasiert. Der Anfang der Bleiglasur nördlich der Alpen liegt vermutlich im Bereich der Glashütten, wo Tiegel infolge der Glaszubereitung „glasiert“ waren. Auf diesen Ablauf weisen auch die frühen Funde von glasierten Spielzeugtieren auf Glashütten hin. Bleiglasur besteht aus gemahlenem Blei, Wasser und Ton. Sie wird vor dem Brand durch Tauche, Gießen oder Malen aufgebracht. Bleiglasur an sich ist transparent und verstärkt dann lediglich den Grundton der Keramik, kann aber z.B. durch die Zugabe von Kupfer grün gefärbt werden. Nachteilig ist, dass durch im Gefäßinhalt enthaltene Säure das Blei aus der Glasur ausgelöst werden kann und dann in die Speisen gelangt. Das Farbspektrum erstreckt sich dabei von zunächst farblos bis hin zu gelb, braun und grün.

 

Ab der Zeit um 1400 treten vereinzelt erste Gebrauchsgeschirre mit Bleiglasur auf. Während zuvor die Bleiglasur lediglich als Dekor auf der Außenseite verwendet wurde, tritt sie nun vor allem innen auf. Neben der Dekorfunktion und um das Gefäß wasserdicht zu machen, schützte die Bleiglasur die Innenseiten der Kochtöpfe vor dem Einbrennen der Speisen und gleichzeitig die Speisen vor einem Beigeschmack. Die Tendenz zu bleiglasiertem Koch- und Tafelgeschirr setzte sich im 15. Jahrhundert fort und gipfelte im 16. bis 18. Jahrhundert in der Dekor- und Formenvielfalt der entwickelten Hafnerware. Doch bereits ab dem 16. Jahrhundert kamen andere Werkstoffe hinzu, so Fayence und asiatisches Porzellan, ab dem 18. Jahrhundert europäisches Porzellan und Steingut. Auch entwickelte sich die Form des Kochtopfes beständig weiter, doch das ist eine andere Geschichte…

 

 

Fund des Monats - März 2016

Schmuckensemble aus Westerholt-Terheide (Foto: A. Hüser/Ostfriesische Landschaft)

 

Schmuck - schlicht, individuell und irgendwie auch schön

 

Westerholt-Terheide

2410/3:71

 

Muss Schmuck immer exklusiv und auffällig sein? Diese Frage stellte sich an einem Fundensemble, das bei Ausgrabungen im Sommer 2015 in Terheide bei Westerholt, Landkreis Wittmund, in einer Grube der älteren Vorrömischen Eisenzeit (ca. 700-500 v. Chr.) zu Tage kam. Die Grube enthielt zunächst wenig Spektakuläres: Keramik, Holzkohle, eine Flintklinge, das Fragment eines Spinnwirtels und Reibsteinfragmente aus Granit. Doch dann fanden sich an der Basis der gut 60 cm tiefen Grube eine gut 2 cm große Perle aus gebranntem Lehm, ein durchbohrtes Stück vulkanischer Schlacke, eine etwas über 2 cm große Bernsteinperle und ein auf natürliche Weise durchlochter Flint. Jedes einzelne dieser Stücke scheint erst einmal nicht sonderlich bemerkenswert. Da sich die Funde aber in relativer Nähe zueinander befanden, ist anzunehmen, dass sie wohl in einem – wie auch immer gearteten – Zusammenhang miteinander stehen.

Die Bedeutung dieses Fundensembles erschließt sich erst bei näherer Betrachtung. Das durchbohrte Stück Vulkanschlacke, sogenannter Bimsstein, beispielsweise ist nicht in der Region beheimatet, sondern ist über größere Entfernungen, möglicherweise aus der Vulkaneifel, nach Ostfriesland gelangt. Heute wird Bimsstein unter anderem zur Körperpflege verwendet, etwa zum Entfernen von Hornhaut. Ob man dies allerdings bei dem Stück aus Terheide erwarten darf, ist fraglich.
Der kleine Flint mit natürlich entstandenem Loch wird im Volksmund auch Hühnergott genannt. Solchen Objekten wird, als Amulett getragen, in vielen Kulturen eine Unheil abwehrende Funktion zugeschrieben. Ob der Fund aus Terheide auch einen solchen Zweck erfüllte, muss Spekulation bleiben. Alle Funde aus der Grube zusammengenommen vermitteln das Bild einer Gruppe von sehr individuellen Schmuckstücken, in der auffälliges und ortsfremdes Gestein mit einer Keramikperle und einer großes Bernsteinperle kombiniert war.

In der Grube befand sich zudem ein Objekt aus Buntmetall. Metallfunde der vorrömischen Metallzeiten sind in Ostfriesland nicht gerade häufig. Die restauratorische Behandlung des stark korrodierten Stückes ergab ein ringförmiges Bronzeobjekt mit variierender Materialstärke. Die überlappenden Enden des aus einem Metallstreifen gefertigten Objektes sind durch eine Klammer miteinander verbunden. Die Funktion des Stückes ist unklar: als Fingerring erscheint es eher fraglich. Der Fundplatz in Terheide scheint im Zusammenhang mit einem Gräberfeld der älteren Eisenzeit zu stehen. Phosphatanalysen aus ehemals dort bestehenden Holzgebäuden lassen an Totenhütten denken, auch fanden sich in unterschiedlichen Befunden vereinzelt verschlackte bzw. verglaste Knochenstücke, die auf Scheiterhaufenfeuer hinweisen. Gelegentlich konnte auch Leichenbrand in geringen Resten geborgen werden. Vielleicht handelt es sich bei den Funden aus der Grube also um ein Konvolut von Grabbeigaben.

 

(Text:Andreas Hüser)

 

 

 

Fund des Monats - Februar 2016

 

„Rechenpfennig bin ich genannt, zaig oft gros Ehr und Schand“

 

Borkum

2306/4:8

 

So lautet die Umschrift auf einem Rechenpfennig des 16. Jahrhunderts aus Österreich. Rechenpfennige, auch Raitpfennige oder Jetons genannt, sind keine Münzen, sondern dienten ausschließlich dem „Rechnen auf der Linie“. Bevor die Araber das arithmetische Rechnen nach Europa brachten, wurde mit Rechenpfennigen auf Rechenbrettern und Rechentüchern gerechnet. Auf rein mechanische Weise wurde dabei addiert, subtrahiert, multipliziert, dividiert, potenziert und die Wurzel gezogen. Rechenpfennige wurden in Europa von der Zeit um 1300 bis in das 17., zum Teil sogar bis in das 18. Jahrhundert benutzt.

 

Während der Ausgrabungen 2008 am Alten Leuchtturm auf Borkum wurde dieser halbierte Rechenpfennig gefunden. Er wurde zwischen 1550 und 1559 in Nürnberg durch Jörg Schultes oder Hans Schultes I. geschlagen. Es handelt sich um einen Apfelpfennig, der auf der einen Seite einen Reichsapfel im Dreipass und auf der anderen Seite eine Rose umgeben von drei Kronen und drei Lilien zeigt.

 

Über die Art des Rechnens sind wir dank der Bücher von Adam Ries (*1492 oder 1493 in Staffelstein, † 30. März oder 2. April 1559 in Annaberg oder Wiesa) gut unterrichtet. Adam Ries war ein deutscher Rechenmeister, der 1518 sein erstes Rechenbuch verfasste. Dieses wurde bis in das 17. Jahrhundert mindestens 120 Mal aufgelegt, zumal es auf Deutsch geschrieben war.

Adam Ries verfasste drei Rechenbücher:

  • Rechnung auff der linihen (1518): Ries beschreibt darin das Rechnen auf den Linien eines Rechenbretts. Es ist laut dem Vorwort der zweiten Auflage ausdrücklich für Kinder bestimmt.
  • Rechenung auff der linihen und federn... (1522): Neben dem Rechnen auf dem Rechenbrett beschreibt er in diesem Buch das Ziffernrechnen mit indischen/arabischen Ziffern.
  • Rechenung nach der lenge/ auff den Linihen vnd Feder/.../Mit grüntlichem unterricht des visierens. (1550): Werk mit praktischen Beispielen unterschiedlicher Methoden einschließlich der Berechnung des Inhalts von Fässern. Das Buch zeigt ein Porträt des Autors.(https://de.wikipedia.org/wiki/Adam_Ries).

 

(Text: Sonja König)

 

 

Rechenpfennig von Borkum, Vorderseite (Foto. S. Krabath/(c) Ostfriesische Landschaft)
Rechenpfennig von Borkum, Rückseite (Foto. S. Krabath/(c) Ostfriesische Landschaft)
Darstellung eines Kontors mit Rechentisch (Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e0/Rechentisch.png)
Beispiel für das Addieren großer Summen (Grafik: S. König/(c) Ostfriesische Landschaft)

Fund des Monats - Januar 2016

Schlittknochen mit glatt geschliffener Unterseite (Foto: J.F. Kegler/(c) Ostfriesische Landschaft)
Darstellung einer möglichen Verwendung.

 

Wintertied is Schöfeltied!

 

Borssum, Petkumer Str. 226

2609/5:30

 

Im Herbst 2015 wurde für den Neubau eines Hauses im Emder Stadtteil Borssum ein Haus aus den 1920er Jahren abgerissen. Da das Gebäude nicht unterkellert war, kamen noch intakte Wurtenschichten zu Tage. Das Baugrundstück liegt am nördlichen Randbereich der ursprünglich eine eigene Herrlichkeit bildenden Wurtensiedlung Klein-Borssum. Das Gelände fällt nach Norden hin um etwa einen halben Meter ab. In den Profilen deuteten sich mehrere Siedlungshorizonte der mittelalterlichen Wurt an.

 

Unter dem oberen Humusboden stand zunächst eine Kleischicht an, in der keine Befunde beobachtet werden konnten. Der oberste Siedlungshorizont ist wahrscheinlich durch die jahrhundertelange Gartennutzung immer wieder aufgearbeitet worden. Lediglich im nordwestlichen Teil der Baugrube konnte er noch erfasst werden. Hier zeigte sich eine zweiphasige Herdstelle, an die sich ein max. 6 cm starker, sehr dunkler Laufhorizont anschloss. Die Feuerstelle lag etwa mittig des auf knapp 5 m Breite erfassten Laufhorizonts, bei dem es sich wohl um die Trittschicht innerhalb eines Hauses handelt. Pfostensetzungen konnten nicht beobachtet werden.

 

Die unter dem oberen Siedlungshorizont gelegene folgende Siedlungslage erwies sich dagegen als eine sehr deutlich ausgeprägte Kulturschicht mit einem intensiveren Fundniederschlag. Die beiden Fundschichten waren durch einen Kleiauftrag voneinander getrennt. In der südöstlichen Hälfte der untersuchten Fläche befand sich ein Lehmfußboden, der nach Nordwesten hin eine deutliche Begrenzung aufwies. Hier schlossen sich auch drei als Gruben zu identifizierende Befunde an, weshalb es sich hier wohl um die Bauflucht eines Gebäudes handelt. Unklar bleibt, ob der etwa mittig gelegene verziegelte Bereich des Gebäudes als weitere Feuerstelle oder vielleicht als Hinweis auf ein Schadfeuer zu interpretieren ist. Dass sich auch nordwestlich weitere Gebäude anschlossen, ist durch einen deutlich zu erkennenden Pfosten belegt, vermutlich ist auch eine weitere Schicht als Lehmfußboden anzusprechen.

 

Der Siedlungshorizont erbrachte eine ganze Reihe von Funden. Überwiegend handelt es sich Bruchstücke von Kugeltöpfen. Die Magerung des Keramikmaterials besteht überwiegend aus Granitgrus, sandgemagerte Scherben liegen nur in sehr geringer Anzahl vor. Da Sand Granitgrus als Magerungszusatz erst am Ende des 13. Jahrhunderts weitgehend verdrängt hat, liegt hier ein erster chronologischer Ansatz vor. Dass hier ein früher Horizont aus dem 12. Jahrhundert vorliegt, ist außerdem durch die Importkeramik fassbar. Die im rheinischen Vorgebirge hergestellte, oxidierend gelb gebrannte Irdenware wurde nur bis etwa 1200 hergestellt. Der zweite Siedlungshorizont ist daher in chronologisch im 12. Jahrhundert zu verorten.

 

In den Fundschichten befand sich ein mit 32 cm Länge vollständig erhaltener Schlittknochen, ein mittelalterlicher Vorgänger des heutigen Schlittschuhs. In Mitteleuropa dienten zunächst vor allem Schweinefußknochen, die mit Lederriemen an den Füßen befestigt wurden, als Gleithilfen auf dem Eis. Davon zeugt bis heute die Bezeichnung „Eisbein“. An der glattgeschliffenen Unterseite wird die Verwendung als Kufe deutlich. Im Gegensatz zu den späteren Schlittschuhen braucht man bei der Verwendung von Schlittknochen einen Staken, um sich über das Eis zu bewegen. Im Winter gewährleistete diese Art der Fortbewegung eine erhöhe Mobilität in einer von Prielen und Gräben durchzogenen Region wie Ostfriesland. Die Länge von 32 cm entspricht etwa der heutigen Schuhgröße 42/43. Man kann daher davon ausgehen, dass es sich bei dem Benutzer um einen ausgewachsenen Mann handelte.

 

In den Zeiten ohne gut erschlossene Straßen war es in Ostfriesland üblich, sich im Winter – wenn die Arbeit in der Landwirtschaft ruhte –  über die zugefrorenen Gräben und Tiefs gegenseitig zu besuchen. Bis heute ist das „Schöfeln“ eine beliebte ostfriesische Freizeitbeschäftigung im Winter.

 

(Text: Bernhard Thiemann und Jan F. Kegler)

 

 

 

Fund des Monats - Dezember 2015

Bauerntanzkrug, gefunden am Roten Siel, Emden. 1587 in Raeren (Belgien) gefertigt. (Foto: Sonja König/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

Belgischer Bauerntanz

 

Emden 2609/1:96

 

Im Herbst 2015 wurde bei archäologischen Untersuchungen am Roten Siel in Emden ein sogenannter Bauerntanzkrug gefunden. Der noch 21 cm hohe Krug (ursprünglich ca. 27 cm) besteht aus Steinzeug und wurde 1587 in Raeren (Belgien) gefertigt. Der Krug zeigt einen breiten, zylinderförmigen Bauchfries über einer abgesetzten Standfläche und unterhalb einer abgeknickten, als breite Kehle und als Wulst abgesetzten Schulter. Der untere Teil der Wandung ist durch senkrechte Rippen in Zonen aufgeteilt. Die Schulter ist mit Kerbschnittdekor verziert. Hals, Rand und Henkel sind abgebrochen, ebenso fehlt eine Zinnmontierung.

 

Auf dem Bauchfries ist in elf Szenen ein Bauerntanz dargestellt. Auf zwei Musikanten folgen zehn tanzende Paare, darunter auch der Pastor mit der langen Soutane. Zudem gibt die Inschrift Auskunft über Darstellung und Herstellungsdatum: GERHET:DZ:MUS:DAPER:BLASEN:SO:DANNSEN:DEI:BUREN:ALS:WEREN:SI:RASENFRS VF SPRICHT PASTOR ICH VER DANS DY KAPMI   KOR / W Z   87.

(Gerhard, du musst tapfer blasen, so tanzen die Bauern, als wären sie rasend. Frisch auf, spricht Pastor, ich vertanze die Kappe, das Amict (Schultertuch) und den Chormantel). W Z 1587.

 

Eines der beliebtesten Motive auf Raerener Krügen des 16. Jahrhunderts ist der Bauerntanz. Dieses Motiv kommt auch in der Malerei dieser Zeit häufig vor und entspringt eigentlich der sich ändernden Gesellschaftsordnung. Gleichzeitig wirft es ein interessantes Bild auf die damaligen Feste und Feiern. Die Vorlagen zum Raerener Bauerntanz, den es in mehr als 30 Varianten gibt, stammen aus einer Kupferstichserie des Nürnberger Kleinmeisters Hans Sebald Beham (*1500, †1550). Mit dem Spruch, der als Spottlied über die Landbevölkerung diente, machte man sich über die ungestümen  und unanständigen Tänze der Bauern lustig. Der Spott trifft aber auch den Pastor in seiner engen Verflechtung mit dem weltlichen Brauchtum der Bauern, vertanzt dieser doch seine gesamte Amtstracht.

 

Was wurde im 16. Jahrhundert zu Festtagen gegessen? Laden Sie hier ein Menü der frühen Neuzeit zum Nachkochen herunter, als Inspiration für ein weihnachtliches Festessen.

 

Pdf-Download:fileadmin/user_upload/ARCHAEOLOGIE/PDF/Fund_des_Monats_Weihnachtsessen_2015_NeuNeu.pdf Aus dem Kochtopf des 16. Jahrhunderts!

 

Wir wünschen allen Besuchern unserer Seite eine gesegnete Weihnachtszeit und ein frohes neues Jahr 2016.

 

(Text: Sonja König)

 

 

 

 

FUND DES MONATS - NOVEMBER 2015

Farbenfroh ist die Perlenkette aus Holtgast. Neben einigen Bernsteinperlen fanden sich unterschiedliche Glasperlen. Wenige weiße oder blaue Perlen waren nicht mehr zu retten. Das Foto zeigt die Fundstücke in Fundlage (Foto: A. Hüser, Ostfriesische Landschaft).

 

Überraschung im Novembernebel

 

 

Holtgast

2311/8:134

 

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Archäologie, dass bei den Ausgrabungen die schönsten Funde kurz vor Wochenende oder – noch besser – am Ende der Arbeiten zu Tage kommen. So war es auch in Holtgast bei Esens.

Ein Team des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft untersuchte im Jahr 2014 im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in der Flur „Lederne Lampe“ in einer mehrmonatigen Ausgrabung ein Gräberfeld. Das wenige Fundmaterial deutet an, dass die Gräber in der Zeit um Christi Geburt, also in der späten Vorrömischen Eisenzeit bzw. der älteren Römischen Kaiserzeit angelegt wurden. Dabei fanden sich Bodenverfärbungen von ehemaligen Grabhügeln mit Brandbestattungen. Die landwirtschaftliche Nutzung hatte die einzelnen Grabstätten bereits stark gestört. Nur in wenigen Fällen konnten Spuren von Scheiterhaufen und Knochenbrand nachgewiesen werden. Besonderes Interesse erregte zudem der Fund eines hochmittelalterlichen Kugeltopfes des späten 11. bis 13. Jahrhunderts, der in christlicher Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach zur Deponierung einer Nachgeburt auf dem ursprünglich heidnischen Gräberfeld gedient hat.

Nachdem die Geländearbeiten Mitte November 2014 weitgehend abgeschlossen waren und die Planierraupe zum Verfüllen der Grabungsflächen bereits bestellt war, blieb noch eine letzte Bodenverfärbung zu klären. Diese war gut 2 x 0,75 m groß und ließ aufgrund der annähernd rechteckigen Form ein Körpergrab vermuten. Der Befund zeichnete sich durch eine fast 50 cm tiefe Grube ab, an deren Sohle ein sogenannter „Leichenschatten“ zu sehen war: Die Knochen der verstorbenen Person waren im kalkarmen Sand bereits völlig aufgelöst, konnten teilweise aber noch als schwache Bodenverfärbungen wahrgenommen werden.

Nachdem sämtliche anderen Grabfunde keinerlei Fundmaterial (Grabgefäße oder Grabbeigaben) lieferten, enthüllte dieses Grab jedoch sehr bald eine Überraschung. Ein Grabungsmitarbeiter untersuchte die Grubenverfüllung sehr sorgfältig Schicht für Schicht und stieß dabei auf eine große türkisfarbene Perle. In deren Umfeld fanden sich alsbald weitere kleinere Perlen aus Glas, Keramik und Bernstein. Die Lage der Funde spricht für eine Niederlegung im Unterarm- bzw. Handbereich des Toten. Weiterhin konnte ein kleines Eisenmesser geborgen werden, das zwar stark korrodiert war, dafür auf diese Weise jedoch Textil- oder Lederreste in der Rostschicht konserviert hat. Unmittelbar auf dem Boden des Grabes befand sich überdies eine Perlenkette aus 49 Bernstein- und unterschiedlich farbigen Glasperlen. Da eine Untersuchung im Gelände aufgrund der knappen Zeit, des schlechter werdenden Wetters und der teils fragmentarischen Erhaltung der Funde nicht möglich war, wurde die Kette in Form einer Blockbergung zusammen mit dem umgebenden Erdmaterial gehoben. Der Erdblock wurde mit Gipsbinden und einer Holzkiste stabilisiert und nach einer Röntgenuntersuchung von einer Restauratorin im Labor freigelegt. Nur in diesem aufwändigen Verfahren konnte das Geschmeide vor dem völligen Zerfall gerettet werden. Die sehr vorsichtig durchgeführte Freilegung unter Einsatz eines Mikroskops zeigte noch weitere Besonderheiten: Teilweise hafteten noch Textilreste an den Perlen. Auch konnten Teile einer Fibel als Gewandverschluss und der Rest wohl eines Nadelröhrchens nachgewiesen werden.

Mit Hilfe der Perlen kann das Grab in das 8. Jahrhundert und damit in das Frühmittelalter datiert werden. Für Diskussionen sorgt derzeit noch der Fund der Fibelreste: Im Zeitraum der friesischen Gräber, zu denen auch das knapp 6 km entfernt liegende bekannte Gräberfeld von Dunum gehört, sind Fibeln als Grabbeigaben unbekannt. Wurde hier vielleicht ein älteres Familienerbstück mit ins Grab gegeben? Ansonsten gehören Perlenketten, Messer und Nadelröhrchen zur typischen Beigabenausstattung von Frauengräbern des Frühmittelalters in unserer Region.

Derzeit warten die Archäologen noch 14C-Datierungen verschiedener Gräber ab, um das Gräberfeld in Holtgast endgültig zeitlich einordnen zu können. Dann wird sich zeigen, ob das Grab mit den Beigaben ein Einzelfall in Holtgast ist, oder ob sich unter den anderen Gräbern noch weitere aus dem Frühmittelalter befinden.

 

(Text: Andreas Hüser)

 

 

FUND DES MONATS - OKTOBER 2015

Flohfalle aus Kupferblech (Foto: B. Thiemann © Ostfriesische Landschaft)
Trag- und Funktionsweise der Falle nach Franz Ernst Brückmann 1727.

 

Der Franz, die Flöhe, und wie man sie fängt.

Ein ungewöhnliches Fundstück aus der Umgebung von Emden

 

 

Wolthusen

2609/5:31

 

Während der archäologischen Prospektion einer Höchstspannungsleitung wurde im Juni 2015 wenige Kilometer östlich von Emden ein kleines Röhrchen aus Buntmetall geborgen.

Das Fundstück ist sieben cm lang und weist vier Reihen von jeweils fünf Bohrungen auf. Das untere Ende ist mit einem Metallplättchen verschlossen, das obere zeigt ein innenliegendes Schraubgewinde. In das Gewinde wurde ein Stift geschraubt, der oben mit einer Schlaufe versehen war. Eine Aufhängung war notwendig, weil das Röhrchen am Körper getragen werden musste: Es handelt sich um eine Flohfalle.

Der Naturwissenschaftler Franz Ernst Brückmann (1697-1753) beschreibt die Funktionsweise einer solchen Flohfalle wie folgt:

 

„Diese ist eine kleine cylindrische Machine von weissen (...) Elfenbein gedrehet, in der Grösse wie sie in beygesetzter Figur abgebildet, voller kleiner runden Löcher, damit die Flöhe durch selbe in die cavität dieses Cylinders zu ihren Verderben und Tod einmarschiren können; in der Mitten dieser machine stehet ein kleiner bistill oder Stiel, welchen man mit frischen noch warmen Blute bestreichet, durch dessen süssen und angenehmen Geruch diese schwarze Vögelgens von weiten herzu gelocket werden,(…) so bald sie aber durch diese runde Thürgen eingekrochen, und sich an dem Blut zu divertiren und davon zu schmausen gedenken, bleiben sie daran kleben und sind also gefangen, alsdann kan man den Cylinder, welcher oben eine Schraube hat, aus dem Floh-Büchsgen herausziehen, und sie alle ermorden, ersäuffen, todtstechen, spiessen, köpfen, aufhängen, und in das unterirdische finstere Reich der Maulwürffe senden.“

 

In unserem kleinen Emder Fundstück präsentiert sich somit nicht nur ein allgemeines Problem der frühen Neuzeit, sondern auch der Versuch, diesem Herr zu werden. Wie gut die Flohfalle in der Praxis funktioniert hat, sei dahingestellt, zur „gäntzlichen Ausrottung der Flöhe“ hat ihr Einsatz jedenfalls nicht geführt.      

 

 

(Text: B. Thiemann)

 

Literatur:

Brückmann, F. E.: Die Neu-erfundene Curieuse Floh-Falle zu gäntzlicher Ausrottung der Flöhe, wird allen, so mit solchem Ungeziefer beladen communiciret von einem Anonymo. Wolfenbüttel 1727.

 

Zaunick, R.: "Brückmann, Franz Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 655 f. [Onlinefassung]; URL: www.deutsche-biographie.de/ppn118515853.html

 

 

 

"Fund des Monats" 2015

Luftaufnahme Spiekeroog

 

Nach langer Pause meldet sich der ostfriesische „Fund des Monats“ wieder. Im Frühjahr wurden im Archäologischen Dienst die Funde des letzten Jahres archiviert und die Grabungsakten bearbeitet. Nun liegen der Redaktion des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege die Beiträge für die Niedersächsische Fundchronik vor. Auch erste Ausgrabungen haben wieder begonnen und wir hoffen, Ihnen bald neue und besondere Funde aus Ostfrieslands Urgeschichte vorstellen zu können. Dabei sind wir nicht nur auf die systematische Suche der Grabungsteams angewiesen, sondern viele Funde werden von ehrenamtlichen Archäologen gemeldet. Wir nehmen den "Fund des Monats" wieder auf, mit einer Reihe zu "Strandfunden", die uns in den letzten Monaten von den ostfriesischen Inseln gemeldet wurden. Erwarten Sie Funde von den Nordseeinseln Borkum, Norderney und Juist.

 

 

Münzensuchen als Ferienspaß … besser nicht!

 

Münzen, Ringe und Kettchen am Strand zu suchen ist sicherlich eine schöne Freizeitbeschäftigung. Das geht zum Beispiel mit einem Metalldetektor. Allerdings braucht man für die Suche mit einem Metalldetektor in Niedersachen eine Genehmigung.

Die rechtliche Situation für die Suche nach Kulturdenkmälern ist in fast allen deutschen Bundesländern durch die Denkmalschutzgesetze geregelt. Für die gezielte Suche nach Bodendenkmälern und vor allem das Graben auf solchen, ist eine Grabungs- oder Nachforschungsgenehmigung erforderlich, ansonsten drohen empfindliche Strafen. Es können Geldbußen bis zu 250.000 EUR festgesetzt werden. Das gilt auch für die Suche nach Strandgut, denn seit 1990 gilt auch hier das Fundrecht. Jeder Fund, egal wie unscheinbar er auch sein mag, ist meldepflichtig.

 

Ungenehmigte Nachforschungen und Grabungen auf Bodendenkmälern werden als Raubgrabungen bezeichnet. Sie verstoßen nicht nur gegen das Denkmalrecht, sondern erfüllen in der Regel auch den Sachbestand der Unterschlagung.

 

Sondengänger mit Genehmigung können hingegen durch die Meldung von unbekannten Bodendenkmalen und das Erbringen neuer Erkenntnisse zu bekannten Bodendenkmalen wertvolle ehrenamtliche Arbeit in der Denkmalpflege leisten. Dennoch gibt es nach wie vor eine nicht kleine Zahl von Sondengängern, die ihre Funde ungemeldet hauptsächlich über den Internethandel vermarkten. Um an diese Funde zu gelangen zerstören die Raubgräber nicht selten wichtige Fundzusammenhänge, denn jede undokumentierte Grabung bedeutet eine unwiederbringliche Zerstörung des Befundes.

 

In Niedersachsen wird eine Suchgenehmigung von den unteren Denkmalschutzbehörden des Suchortes erteilt und diese ist zumeist an Auflagen gebunden. Um eine solche Genehmigung zu erlangen muss man einem Grundlagenkurs des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und einem Praxiskurs teilnehmen. Erst nach erfolgreicher Teilnahme kann man eine Genehmigung bei der Denkmalbehörde. beantragen.

 

Sollten Sie beim Strandspaziergang einen interessanten Fund machen, so melden Sie den bitte den Archäologen der Ostfriesischen Landschaft, denn dazu sind Sie verpflichtet. Dort werden Sie und Ihr Fund betreut, informiert und wertgeschätzt. Wenn Sie keine Genehmigung haben, dann lassen Sie aber Ihre Metallsonde lieber zu Hause. Urlaub ohne Ärger ist sowieso viel schöner.

 

 

 

FUND DES MONATS - SEPTEMBER 2015

Guldiner aus dem Jahr 1547 (Foto: Gerhard Kronsweide/© Ostfriesische Landschaft)

 

 

Treibgut Teil IV:

Gesunken vor Borkum

 

Borkum 2306/4:10

 

Im Herbst 2014 fand die Sammlerin Brigitte Jantz bei einem Strandspaziergang am westlichen Inselstrand eine große Silbermünze. Es handelt sich um einen Guldiner aus dem Jahr 1547. Er wurde im Bistum Regensburg geprägt und hat noch ein Gewicht von etwa 26 (ursprünglich 27) Gramm  und einen Durchmesser von 3,9 cm. Auf der Vorderseite zeigt er den Habsburgischen doppelköpfigen Adler mit der Kaiserkrone sowie dem österreichischen Wappen auf der Brust und die umlaufende Aufschrift: CAROLVUS.V.ROMA.IMP.SEM.AVGVS. Diese Seite der Münze verweist auf den damaligen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Karl den V. (*1500 †1558). Die Rückseite zeigt das Stadtwappen der Stadt Regensburg, zwei gekreuzte Schlüssel auf einem Wappenschild und das Prägedatum 1547. Die umlaufende Aufschrift benennt den Prägeort: MONETA.REIPVBLICE.RATISBONENSIS, d.h. Geld der freien Reichsstadt Regensburg.

 

Interessant ist, dass die Münze wohl längere Zeit mit anderen zusammen gelegen hat, denn auf der Vorder- und Rückseite sind Reste von mindestens zwei weiteren Münzen angesintert. Zwar sind Reste der Münzprägungen zu erkennen, jedoch lassen sich diese nicht bestimmen.

 

Ein Guldiner oder Guldengroschen aus Silber hatte den gleichen Wert wie eine Goldmünze (Gulden). Guldiner sind die Vorläufer der späteren Reichstaler oder Silbergulden und wurden bis 1566 als offizielle Großsilbermünze des Heiligen Römischen Reichs verwendet. Zu dieser Zeit wurde versucht, eine einheitliche Währung zu schaffen. Ein Guldiner sollte den Wert eines rheinischen Goldguldens haben und war in 60 Kreuzer unterteilt.

 

Bereits 1985 fand der Borkumer Evert Poppinga 10 silberne Taler unterschiedlicher Prägeorte aus den Jahren zwischen 1535 und 1546. Darunter befinden sich Münzen aus Nijmegen, Brandenburg, Sachsen, Kempten, Regensburg, Linz, Münster und Mecklenburg. Sie befinden sich heute im Heimatmuseum Borkum. Dort findet sich auch der Hinweis, dass die Münzen aus einem Bereich des nordwestlichen Strandes stammen, der nach lang anhaltenden Stürmen zu Beginn der 1980er Jahre mit Sand aus dem Fahrwasser der Westerems aufgespült worden ist. Die nun entdeckte Münze passt perfekt zu dem Münzspektrum der Funde aus dem Jahr 1985 und stammt wahrscheinlich von dem gleichen Ausgangsfund.

 

Es ist gut vorstellbar, dass ein Handelsschiff in der Mitte des 16. Jahrhunderts in der Westerems gesunken ist. Da aus dieser Zeit keine Schiffregister existieren, muss leider im Dunklen bleiben, um was für ein Schiff es sich gehandelt hat. Offensichtlich wurden Teile des Schiffes und der Ladung bei der Ufersicherung in den 1980er Jahren an den Nordstrand gespült. Stück für Stück gibt die Nordsee nun die Funde dieser Tragödie wieder preis.

 

Da solche Funde immens wichtig für das Verständnis des küstennahen Handels zu jener Zeit sind, ist der ehrlichen Fundmelderin nicht hoch genug anzurechnen, dass sie den Fund gemeldet und damit einen Puzzlestein zur ostfriesischen Geschichte beigetragen hat.

(Text: Jan F. Kegler)

 

 

FUND DES MONATS - AUGUST 2015

Englischer Longcross Penny von Norderney- Vorder- und Rückseite.
(Foto: Gerhard Kronsweide/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

 

Treibgut Teil III:

Von Glückspfennigen und Königen

 

Juist 2307/3:2

 

 

Im Juli 2014 fanden Urlauber am Hauptbadestrand von Juist eine Münze. Es handelt sich um einen Long-Cross Penny, der während der Herrschaft von Heinrich III. (1216-1272) geprägt wurde. Die Umschrift der Vorderseite mit dem Bild des Königs mit Zepter lautet HENRICUS REX III, jene der Rückseite mit dem Kreuz RIC/ARD/ONL/UND, was auf den Münzmeister Richard zu London hinweist. In Kombination mit der Gestaltung der Vorderseite lässt sich die Prägezeit der Münze damit auf die Zeit zwischen 1251 und 1253 festlegen.

In England wurden seit dem 8. Jahrhundert, erstmals unter König Offa von Mercia (757-796), Pfennige geprägt. Auf der Vorderseite trugen sie das Brustbild des Königs und auf der Rückseite ein verziertes Kreuz und den Namen des Münzmeisters. Mit der Zeit kam es zu Massenprägungen und etlichen verschiedenen Typen. Durch Verlust an Feingehalt aber auch eine unübersichtliche Typenzahl verlor der Penny an Wert, weshalb Heinrich II (1154-1189) im Jahr 1157 eine Münzreform durchführte. Mit ihr entstand eine erste langfristig beständige Münze, der Short-Cross Penny, benannt nach einem Kreuz mit kurzen Armen auf ihrer Rückseite. Diese Form war in der Zeit von 1180 bis 1247 wertstabil.

Dieser lange Nutzungszeitraum verursachte Materialverluste durch Abrieb und damit wiederum einen wenn auch unabsichtlichen Wertverlust der Münzen. Aus diesem Grund begann im Jahr 1247 unter Heinrich III. die Umstellung auf die silbernen Long-Cross Pennies, die bis 1279 geprägt wurden.

Der hier vorliegende Long-Cross Penny ist nicht der erste von der Insel Juist. Bereits 2004 wurden am Nordstrand zwischen Hammersee und der Domäne Bill ein Taler Friedrichs des Großen und ein weiterer Long-Cross Penny gefunden (Bärenfänger 2006, 107), ein dritter wird auf der Domäne Bill aufbewahrt.

 

(Text: Sonja König)

 

www.henry3.com/identification.html

http://www.numispedia.de/Long-Cross_Penny

http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_English_penny_(1154%E2%80%931485)

 

Rolf Bärenfänger, Fundbericht Nr. 145 Juist OL-Nr. 2307/2:5. Fundchronik Niedersachsen 2005, Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Beiheft 12, 2006, 107.

 

 

 

FUND DES MONATS - JULI 2015

Organisch gemagerte Scherbe der römischen Kaiserzeit (Foto: Gerhard Kronsweide/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

Treibgut aus der Entstehungszeit der Ostfriesischen Inseln

Eine ungewöhnliche Tonscherbe von Borkum

 

Borkum 2307/2:5

 

Die heutigen Schwemmsandinseln vor der niedersächsischen Küste sind kaum mehr als 2000 Jahre alt. Sie sind wohl als hochwasserfreie Sandplaten entstanden, die dann nach und nach mit Dünen bedeckt wurden. Es wird angenommen, dass dies in einem starken Absinken des Meeresspiegels begründet ist (z.B. Behre 2008, 26). Eine Radiocarbondatierung eines alten Salzwiesenhorizontes auf Juist datiert diesen um Christi Geburt.

Die Ostfriesischen Inseln besitzen keinen festen Geestkern (Festlandskern) und haben sich deshalb durch Strömungseinfluss stetig verändert. Ihre ehemaligen Umrisse können daher für die Zeiten vor historischen Aufzeichnungen kaum rekonstruiert werden. Die Inseln bilden eine Barriere zwischen der Nordsee und der Küstenlinie. Sie sind durch tiefe Gezeitenrinnen, sogenannte Seegats, voneinander getrennt. Durch die Seegats strömt im Gezeitenrhythmus das Seewasser mit großer Kraft ein und aus. Die Inselreihe von Borkum bis nach Wangerooge befindet sich durch die Meeresströmung zusätzlich in ständiger Bewegung in Richtung Südsüdosten.

Eine Besiedlung durch den Menschen findet nach Ausweis archäologischer Funde erst im Mittelalter statt. Dennoch sind auf den Ostfriesischen Inseln hin und wieder Funde aus älterer Zeit zu entdecken.

 

So fand der ortsansässige Hans Donat im Januar 2015 eine etwa 11 x 9 cm große Tonscherbe am Nordstrand von Borkum. Die Scherbe lag verhältnismäßig tief etwa 5 m unterhalb der Hochwasserlinie. Der Fundort liegt ca. 1 km östlich einer großen Fundortkonzentration am Nordstrand, aus der Funde aus dem Mittelalter stammen.

Die Scherbe gehört zu einem größeren Gefäß mit einem Durchmesser von ca. 29 cm. Sie weist ein s-förmiges Profil auf und zeigt keine weiteren Oberflächenverzierungen. Die Oberfläche ist grau, der Kern der Keramik reduzierend schwarz gebrannt. Durch den Transport im Wasser sind die Kanten und Oberflächen stark abgerollt. Auffallend ist die Magerung der Keramik, denn die Scherbe weist zahlreiche Abdrücke organischer Magerungspartikel (Häcksel) auf. Weitere Magerungsbestandteile sind Granitgrus und Glimmer. Die Magerung wird benötigt, wenn der Ton zu fett, d.h. zu rein ist. Diese Anteile wirken der Schrumpfung des Tones entgegen. In der Regel handelt es sich jedoch um Sand oder zerstoßene Steine. In Ostfriesland hat man als Ausgangsmaterial in der Regel den tonigen Klei genommen.

 

Aufgrund ihrer Herstellungsweise muss für die Scherbe eine weitaus frühere Entstehungszeit vermutet werden als die zu erwartende mittelalterliche, denn organische Magerung tritt lediglich in der relativ kurzen Phase zwischen dem 1. Jahrhundert vor und dem 1./.2 Jahrhundert nach Christus im Raum rechts und links der Ems auf (vgl. Siegmüller/Struckmeyer 2014). Die Autorinnen vermuten, dass dies mit der Verwendung des geologisch jungen Marschenkleis zusammenhängt, da nur in diesem zeitlich begrenzten Horizont zwischen der jüngeren Eisenzeit und der älteren römischen Kaiserzeit dem Ton organische Bestandteile zugegeben wurden. Nach diesem Zeitraum hatte sich der Kalk im Klei abgebaut, und es wurde wieder mit Gesteinsgrus gemagert.

 

Für die Nordseeinsel Borkum ist diese Scherbe einer der älteren archäologischen Funde, der in den vermuteten geologischen Entstehungszeitraum der ostfriesischen Schwemmsandinseln verweist.

 

(Text: Jan F. Kegler)

 

 

 

Literatur:

Behre 2008:

Behre, K.-H., Landschaftsgeschichte Norddeutschlands. Umwelt und Siedlung von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Neumünster 2008.

 

Siegmüller/Struckmeyer 2014:

A. Siegmüller / K. Struckmeyer, Das keramische Fundmaterial aus der kaiserzeitlichen Siedlung „Uttumer Escher“ (Gde. Krummhörn, Lkr. Aurich) – Typologie und Analyse organisch gemagerter Ware. Archäologisches Korrespondenzblatt, Jahrgang 44, Nr. 1, Mainz 2014, 91-106.

 

 

 

Fund des Monats - Juni 2015

Bronzezeitlicher Flintdolch, gefunden auf Norderney (Foto: Gerhard Kronsweide/ (c) Ostfriesische Landschaft)

 

 „Treibgut aus der Bronzezeit“

Norderney 2209/7:3

 

Im Frühjahr fand Roswitha Freerks per Zufall einen Flintdolch auf der Nordseeinsel Norderney. Das Stück würde am Spülsaum in der Nähe der „Weißen Düne“ aufgelesen. Wie die meisten Fundstücke aus dem ostfriesischen Wattenmeer weist der Dolch einen dunkelgrau bis schwarzen Überzug aus Eisensulfat auf, der im chemischen Milieu des Wattenmeeres unter Luftabschluss entsteht und sich auf Objekten im Wattenmeer anlagert.

 

Nach der dänischen Terminologie (Lomborg 1973) handelt es sich um einen Flintdolch vom Typ VIb, einen (ibid., 61)„Dolch mit einem im Querschnitt spitzovalen oder ovalen Griff, der sich nicht zum abgerundeten Griffende verbreitert …“. Bei der Variante VIb ist der Griff dünner, etwa gleich dick wie das Blatt. Das Blatt selbst kann in seiner Form verschieden sein, was zum Teil durch Nachschärfungen bedingt ist.

Das Stück mit einer Länge von 13,2, einer Breite von 3,8 und einer Dicke von nur 1,0 cm ist allseitig sorgfältig flächig retuschiert und zeigt keine wesentlichen Veränderungen durch Nachschärfungen. Der von E. Lomborg beschriebene Flintdolch vom Typ VI ist einer der in Dänemärk und im nördlichen Schleswig-Holstein am weitesten verbreiteten Typen von Flintdolchen. Auch chronologisch ist er wenig sensibel. Zeitlich gehört das Stück in einen endneolithisch-frühbronzezeitlichen Kontext und lässt sich ohne Begleitfunde auch nicht weiter einengen.

Das Stück gibt Rätsel auf. Der Dolch weist keine modernen Beschädigungen auf, somit kann er nicht lange in der Brandung gelegen haben. Eine genaue Ansprache des originalen Feuersteinmaterials ist aufgrund des Eisensulfat-Überzuges nicht möglich. Es handelt sich um einen sehr homogenen nordischen Feuerstein sehr guter Qualität. Über die ursprüngliche Herkunft des Objektes lässt sich daher nur spekulieren.

 

Es ist auch nicht zu erklären, wie es an den Spülsaum Norderneys gelangt ist, da bisher keine Spuren bronzezeitlicher Siedlungen auf den ostfriesischen Inseln bekannt sind. Zumal das geologische Alter der ostfriesischen Schwemmsandinseln vermutlich nicht mehr als 2000 Jahre beträgt. Möglich ist, dass das Objekt beim Aufspülen von Sand zur Ufersicherung aus tieferen Schichten an den Strand gespült worden ist, die in der Bronzezeit noch besiedeltes Festland waren. Allerdings ist auch dies kaum wahrscheinlich. Der Meeresspiegel hat sich zwar im Vergleich zum Spätneolithikum bzw. der Frühbronzezeit, also einem Zeitraum von 4.000 Jahren „nur“ um 2 m gehoben, allerdings fehlen weitere Funde der Bronzezeit, die auf eine Besiedlung des vorgelagerten Küstensaums schließen lassen. Zudem ist der Fundort auch in der Bronzezeit „unter Wasser“ gewesen. Möglicherweise handelt es sich auch um einen „Verlierfund“, der in Zusammenhang mit küstennahem Handel in der Bronzezeit steht. Der Dolch könnte über Bord gegangen, oder sogar mitsamt einem Schiff vor der Küste untergegangen sein, um 4000 Jahre später als einziges Zeugnis wieder an Land gespült zu werden.

(Text: Jan F. Kegler)

 

Literatur:

Ebbe Lomborg, 1973. Die Flintdolche Dänemarks. Studien über die Chronologie und Kulturbeziehungen des südskandinavischen Spätneolithikums (Nordiske Fortidsminder, Serie B in Quarto, Band 1). Universitetsforlaget, Kopenhagen 1973

 

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