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Landschaft von Ostfriesland
WAT IS PLATT? Wetenskupp! |
PLATTDÜÜTSK / WAT IS PLATT? Wetenskupp!

„Wat heet egentlik Platt(düütsk)?“ – Was heißt eigentlich Plattdeutsch?

Der Begriff „Plattdeutsch“ ist für das Niederdeutsche, insbesondere das Niederdeutsch, das in Ostfriesland gesprochen wird, eine Bezeichnung, die oft missverstanden wird. Dies liegt daran, dass „Platt“ immer wieder mit der aktuellen, doppelten Semantik von „flach“ in Verbindung gebracht wird: „Platt“ oder „Flach“ wird zum einen aufgefasst für die Sprache eines Landes, welches eines der tiefgelegensten Deutschlands ist, oder „Platt“ oder „Flach“ wird verstanden im Sinne von „primitiv“ oder gar „dumm“. Dabei meint „Platt“ in der Bezeichnung „Plattdeutsch“ etwas ganz anderes: Die Bezeichnung, deren frühester Beleg sich in einem 1524 zu Delft gedruckten Neuen Testament findet, das laut Titel und Vorwort „in goede(n) platten duytsche“ abgefasst ist, bedeutet so viel wie „klar, deutlich, jedermann verständlich“. Die Bezeichnung verweist somit darauf, dass die Sprache eine Sprache des Volkes ist, die sich von der Sprache der Gelehrten, und das bedeutet Latein, abhebt.


Aus welchen Sprachen hat sich das Plattdeutsche entwickelt?

Das Plattdeutsche bzw. die einfache, klar verständliche Sprache hat sich aus dem Altsächsischen bzw. dem Altniederdeutschen entwickelt; die Bezeichnung „Altsächsisch“ verweist bereits auf die Sprecher: die Sachsen, ein germanischer Stamm. Überlieferte Textzeugnisse lassen Sprachhistoriker das Altsächsische auf den Zeitraum zwischen ca. 800 und 1150/1200 festlegen. Diese Zahlen sind nur vage Angaben, denn Sprache entwickelt sich langsam, sodass einzelne Sprachstufen fließend ineinander übergehen.

Zwischen ca. 1150 und 1200 entwickelte sich aus dem Altsächsischen das Mittelniederdeutsche; überlieferte Textzeugnisse ermöglichen für diese Sprachstufe die Festlegung auf den Zeitraum zwischen ca. 1200 und 1650. Die Blütezeit des Mittelniederdeutschen lässt sich innerhalb dieser Zeitspanne von ca. 1350 bis 1550 eingrenzen. Diese Zeit war wesentlich bestimmt von der wirtschaftlichen und dadurch auch politischen Macht der Hanse. Mittelniederdeutsch war die Sprache der Hansekaufleute, die sich auf Mittelniederdeutsch mündlich wie schriftlich in den Bereichen Handel, Recht und Diplomatie verständigten.

Das Hochdeutsche verdrängte ab ca. 1650 das Mittelniederdeutsche als „Hochsprache“ (= „Standardsprache“), indem es zunächst als Schrift-, dann als Umgangssprache immer mehr genutzt wurde und sich somit verbreitete. Der Norden Deutschlands wurde so zweisprachig. Dennoch entwickelte sich auch das Niederdeutsche – in regional verschiedenen Ausprägungen – weiter, sodass sich für den ostfriesischen Sprachraum das heute gesprochene ostfriesische Plattdeutsch entwickelte.

Vgl. hierzu die Entwicklung vom Indogermanischen bis zum Hoch- und Niederdeutschen inkl. diverser Wortbeispiele

Als ein Beispiel dieser Entwicklung lässt sich die Übernahme vieler französischer Wörter in das ostfriesische Plattdeutsch in der der sog. „Napoleonischen Zeit“ zwischen 1806 bis 1813 nennen: ‚Schandarm‘, ‚Pläseer‘, ‚Maneren‘, ‚Klöör‘ oder Redewendungen wie ‚Daar gifft keen Pardon för“ sind in das Platt Ostfrieslands eingegangen. Der Wortschatz wurde auf diese Weise erweitert; damit vergleichbar ist die Erweiterung des aktuellen hochdeutschen Wortschatzes durch die Übernahme englischer Ausdrücke.


Warum gibt es einen Unterschied zwischen dem Hoch- und dem Niederdeutschen?

Zwischen dem Hoch- und dem Niederdeutschen gibt es einen Unterschied, weil das Hochdeutsche im Gegensatz zum Niederdeutschen an der sog. „Zweiten Lautverschiebung“ teilgenommen hat.

Der Begriff „Lautverschiebung“ bedeutet zunächst eine regelhafte Verschiebung von bestimmten Konsonanten. Solch eine Verschiebung begann bereits in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr., als sich das Germanische aus dem Indogermanischen heraus entwickelte. Ab ca. 500 n. Chr. setzte dann der Prozess der zweiten Lautverschiebung ein. Im Gegensatz zur ersten Lautverschiebung nahm jedoch nur das südliche deutsche Sprachgebiet an diesem Prozess teil und verschob seine Konsonanten regelmäßig, der norddeutsche Sprachraum behielt den sog. „Lautstand“ zwischen der ersten und zweiten Lautverschiebung bei.  Deshalb wird die zweite Lautverschiebung auch „hochdeutsche“ Lautverschiebung genannt.

Vgl. Textbeispiel Sachsenspiegel / Deutschenspiegel

Vgl. Textbeispiel Vaterunser im diachronen Vergleich und  Ähnlichkeiten zwischen dem Niederländischen, Englischen, Schwedischen und Dänischen: Wortbeispiele


Wo wird Niederdeutsch gesprochen?

Die Differenzierung zwischen dem Hochdeutschen im Süden und dem Niederdeutschen im Norden Deutschlands aufgrund der Lautverschiebungen lässt sich auch durch Linien auf einer Landkarte abbilden. Diese Linien werden Isoglossen genannt: „Unter Isoglosse versteht man [in der Dialektologie] eine Linie auf einer Karte, entlang der ein bestimmtes sprachliches Phänomen sich in zwei Erscheinungsweisen spaltet oder auf deren einen Seite die eine Variante gilt, auf deren anderen eine andere Variante (innerhalb ein und derselben grammatischen Kategorie)“ – zitiert nach Heinrich Löffler: Probleme der Dialektologie. Eine Einführung. 3. Auflage. Darmstadt 1990 (Germanistische Einführungen).  Sie zeigen an, bis wohin sich die zweite Lautverschiebung ausgewirkt hat.

„Die Grenze zwischen Hochdeutsch (mitteldeutschem Dialektraum) und Niederdeutsch (niederdeutschem Sprachraum) wird nach dem Ort, bei dem die maken-machen-Linie den Rhein überschreitet, die Benrather Linie genannt. Sie beginnt nördlich von Aachen, überschreitet bei Benrath (Vorort von Düsseldorf) den Rhein, verläuft über Solingen, Remscheid, Waldeck, Naumburg, nördlich von Kassel, am Südrand des Harzes, südlich von Magdeburg, elbaufwärts bis nördlich von Wittenberg, durch das südliche Brandenburg und nördlich von Berlin bis oberhalb von Frankfurt/Oder“ – zitiert nach Sass, Johannes: Plattdeutsche Grammatik. Formen und Funktionen. Neumünster 2010, S. 27f.

Vgl. folgende Abbildung zur Benrather Linie

Innerhalb des Gebietes nördlich der Benrather Linie gliedert sich das Niederdeutsche in verschiedene Mundartengruppen auf:

Nordniedersächsisch / Nordniederdeutsch: Nordniedersachsen inkl. Ostfriesland, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein

Mecklenburg-Vorpommerisch: Mecklenburg-Vorpommern

Märkisch / Brandenburgisch: Brandenburg, nördliches Sachsen-Anhalt

Niederrheinisch / Niederfränkisch: Niederes Rheinland

Westfälisch: Westfalen

Ostfälisch: Südliches Niedersachsen, Sachsen-Anhalt


Wo wird ostfriesisches Plattdeutsch gesprochen?

 

Das ostfriesische Plattdeutsch wird im gesamten Gebiet von Ostfriesland gesprochen; dazu gehören die Landkreise Aurich, Leer, Wittmund und die kreisfreie Stadt Emden. Hervorgehoben seien zudem die ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog. 

 

Obgleich sich sagen lässt, dass in ganz Ostfriesland Plattdeutsch gesprochen wird, ist die Häufigkeit unterschiedlich. 2009 hat Joachim Strybny zu dieser Frage die Studie „Plattdeutsche Sprachlandschaften in Ostfriesland“ veröffentlicht, aus der zu der Frage nach dem „Sprechen“ und dem „Verstehen“ Folgendes festgestellt werden konnte:

 

è              Karte Sprechen

          Karte Verstehen

 

Zudem besteht insbesondere hinsichtlich der Frage des „Sprechens“ ein deutliches Altersgefälle, wie eine Studie des Plattdüütskbüros aus dem Jahr 2007 zeigt:

 

über 40 Jahre                  60 – 87 %

30 – 40 Jahre                    47 %

20 – 30 Jahre                    24 %

unter 20 Jahre                 21 %

 

Daneben besteht nach wie vor ein starkes Stadt-Land-Gefälle:

 

Umfrage von Dirk Gerdes, ehemaliger Leiter des Regionalen Pädagogischen Zentrums der Ostfriesischen Landschaft (RPZ), an den Berufsbildenden Schulen Aurich und Leer (1996)
Platt verstehen                93,6 %  
Platt sprechen                 66,0 %
               
Umfrage des ehemaligen Studienrats Joachim Strybny an Gymnasien in Ostfriesland (2002 -2006)
Platt verstehen                ca. 80%
Platt sprechen                 ca. 25 - 30 %


Gibt es Unterschiede im ostfriesischen Plattdeutsch?

 

Nicht überall wird gleich gesprochen – vielmehr ist das ostfriesische Plattdeutsch allerorts in Ostfriesland verschieden. Immer wieder hört man den Satz: „In jedem Ort Ostfrieslands wird anderes Platt gesprochen!“ Darum bemüht sich das Plattdüütskbüro, die Unterschiede über Tonbeispiele festzuhalten:

 

Vgl. dazu unser Projekt „Isoglossen des ostfriesischen Plattdeutsch - Unterschiede in der Aussprache anhand des Vokals /o/“

(FREISCHALTUNG FOLGT)


Literatur:

Löffler, Heinrich: Probleme der Dialektologie. Eine Einführung. 3. Auflage. Darmstadt 1990 (Germanistische Einführungen).  

Meyer, Hans-Heinrich / Seedorf, Hans Heinrich: Landeskunde Niedersachsen. Natur- und Kulturgeschichte eines Bundeslandes. Band III: Niedersachsen als Wirtschafts- und Kulturraum. Bevölkerung, Siedlungen, Wirtschaft, Verkehr und kulturelles Leben. Neumünster 1996, insbes. S. 753-768.

Paul, Hermann: Mittelhochdeutsche Grammatik. 23. Auflage. Neu bearbeitet v. Peter Wiehl u. Siegfried Grosse. Tübingen 1989 (Sammlung kurzer Grammatiken Germanischer Dialekte 2).

Sanders, Willy: Sachsensprache – Hansesprache – Plattdeutsch. Sprachgeschichtliche Grundzüge des Niederdeutschen. Göttingen 1982.

Sass, Johannes: Plattdeutsche Grammatik. Formen und Funktionen. Neumünster 2010.

Strybny, Joachim: Plattdeutsche Sprachlandschaften in Ostfriesland. Auffinden sozial definierter Sprachräume über einen Index der Sprachverwendung. Ermittelt über eine Befragung der Jahrgänge 5 bis 13 an den Gymnasien und den Kooperativen Gesamtschulen der Region. Hrsg. v. der Ostfriesischen Landschaft. Aurich 2009.

Weddige, Hilkert: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 8., durchgesehene  Auflage. München 2010.

 

Vgl. über diese Angaben hinaus eine Auswahl-Bibliographie insbesondere zum Thema „Ostfriesisches Plattdeutsch / Niederdeutsch“

 Abkürzungsverzeichnis (gängige Abkürzungen verschiedener Sprachen)

KALENDER
Events
Beginn: 20.09.2017 16:00 Uhr
Ende: 20.09.2017 18:00 Uhr
Musikalische Begleitung am Akkordeon: Susanne Feith (Esens)
Beginn: 22.09.2017 19:30 Uhr
Ende: 22.09.2017 21:00 Uhr
Beginn: 22.09.2017 20:00 Uhr
Ende: 22.09.2017 22:00 Uhr
Beginn: 25.09.2017 19:30 Uhr
Ende: 25.09.2017 21:30 Uhr
Beginn: 26.09.2017 16:00 Uhr
Ende: 26.09.2017 17:30 Uhr
mit Tee-Seminar, ostfriesischen Spezialitäten und plattdeutschen Liedern
Beginn: 27.09.2017 14:30 Uhr
Ende: 27.09.2017 17:00 Uhr
Beginn: 29.09.2017 20:00 Uhr
Ende: 29.09.2017 22:00 Uhr