Frühes Mittelalter

Timmel-Sportpark (2007)

FdStNr. 2611/4:24, Gde. Großefehn, Ldkr. Aurich

Die Rettungsgrabung auf einer etwa 1,7 ha großen Fläche im Bereich des geplanten Reit- und Sportzentrums konnte den Winter über fortgesetzt und zum Ende des Februar abgeschlossen werden (s. Fundchronik 2006). Die Erhaltungsbedingungen für die überwiegend flachen und unscheinbaren frühmittelalterlichen Befunde waren denkbar schlecht, vor allem, weil jüngere, durchschnittlich 5 m breite Ackerbeetgräben im Abstand von etwa 6 m das gesamte Areal durchzogen. Im Verlauf dieser Gräben sind kaum noch Siedlungsspuren zu dokumentieren gewesen. Trotzdem lassen sich anhand von Pfostengruben und Wandgräbchen sieben Hausplätze ausmachen, dazu kommen geringe Reste dreier weiterer, die nicht genügend gefaßt werden können (Abb. 1).


Abb. 1 Ausschnitt aus dem Grabungsplan. M. 1:800. (Zeichnung: G. Kronsweide, H. Reimann, A. Süßen)

Wie für Siedlungsplätze dieser Zeitstellung in Ostfriesland üblich, sind auf dem Gelände nach und nach zahlreiche Gräbchen eingebracht worden, deren Verlauf mit z. T. wechselnden Breiten als linear, bogenförmig oder winklig mit wechselnder Ausrichtung zu beschreiben ist. An Kreuzungspunkten oder Zusammenläufen existierten bisweilen größere flache Gruben, die wohl als Wasserentnahmestellen oder Viehtränken dienten. Ein Graben muß zudem einen großen Brunnen mit Oberflächenwasser versorgt haben. Die genannte Überprägung mit den neuzeitlichen Ackerbeetgräben läßt aber kein geschlossenes Bild erkennen, aus dem Parzellenstrukturen oder Wirtschaftsbereiche abzulesen wären. Eine Ausnahme stellt eine rechteckige, 8 x wenigstens 12 m große Fläche im Ostteil der Grabungsfläche dar.

Anhand der Keramikfunde läßt sich eine gewisse Dynamik und damit ein zeitlicher Ablauf in der Besiedlung des Platzes erkennen: Im Osten und Nordosten der untersuchten Fläche lieferten die Befunde fast ausschließlich Scherben der Weichen Grauware, und zwar Ränder von Ei- als auch solche von frühen Kugeltöpfen. Außer mehr als einem halben Dutzend an Siedlungsgruben unbekannter Funktion kam dort auch eine Feuerstelle mit verziegeltem Lehmboden zutage (Bef. 20). 4 m östlich von ihr gaben Wandgräbchen den Hinweis auf ein Gebäude, das aufgrund seiner geringen Breite von höchstens 3,30 m kaum als Wohnstallhaus anzusprechen ist (Haus 1). Knapp 45 m südwestlich davon hatte sich ein größerer Grundriß von mindestens 14 m Länge und 5 m Breite erhalten (Haus 2). Seine Ausrichtung von Westsüdwest nach Ostnordost wich deutlich von der der übrigen Häuser ab, die allesamt westlich eines mehrfach veränderten Grabensystems gelegen haben. Keramikfunde aus diesen Gräben gehören ebenso wie einige aus einem Graben, der den Standort des Hauses 2 überlagerte, der Muschelgrusware an. Nach der Fundverteilung werden die Häuser 1 und 2 sowie die sie umgebenden Befunde einem früheren Horizont zuzuordnen sein als die Häuser 3 bis 7, in deren Umfeld die Muschelgrusware dominierte.

Die Häuser 3 bis 7 zeigten ebenfalls nur fragmentarisch erhaltene Spuren von flachen Wandgräbchen und keine Innenpfosten. Sie lagen in engem Abstand wie aufgereiht nebeneinander, wobei zwischen den Häusern 4 und 5 noch ein weiteres existiert haben könnte. Allerdings fand sich dort keine weitere Wasserstelle, wie sie in Gestalt von kleineren Gruben und größeren Flachbrunnen jeweils an einer Ecke der übrigen Häuser charakteristisch waren. Die Reihe der Häuser wurde im Norden von einem Kreisgraben mit einem Durchmesser von knapp 10 m abgeschlossen. Da er mittig tief von einem jüngeren Ackerbeetgraben durchschnitten worden ist, sind in seinem Inneren keine Befunde erhalten gewesen, die Auskunft über seine ursprüngliche Funktion geben könnten.

Die frühmittelalterlichen Häuser von Timmel lassen sich als gut 5 m breite einschiffige Wandpfostenhäuser beschreiben. Bei den Häusern 4 und 5 fallen jeweils im Osten zwei kräftigere Pfosten im Abstand von knapp 1 m auf, die anscheinend die Mitte der Giebelwand anzeigen. Diese Bauweise ist bereits von Häusern in Hesel, Ldkr. Leer (Bärenfänger 1998, 47 f.) bekannt. Dort gehörten regelmäßig Speicherbauten – Rechteckspeicher und Rutenberge – zu den Gehöften, die in Timmel offensichtlich fehlen. Nur fünf kräftigere Pfosten im Bereich des Hauses 5 und eine unregelmäßige Pfostensetzung südwestlich des Hauses 1 könnten Überreste von Erntespeichern sein. Solche sind angesichts der geringen Größe der Häuser in einer ländlichen Siedlung durchaus zu erwarten. Vielleicht hat auch der Kreisgraben einen obertägig angelegten Speicherkomplex umgeben und vor gefräßigen Nagern geschützt.

Abb. 2  Gefäßscherben der Weichen Grauware (1-6), der Muschelgrusware (7-14), außerdem 
Badorfer Import (15) und eine granitgrusgemagerte Handhabe (16) (Zeichnung: P. Schamberger).

Zur Datierung der Siedlung lassen sich Keramikfunde heranziehen. Von der weichen Grauware liegen Scherben von Eitöpfen (Abb. 2,1-3) und von frühen Kugeltöpfen (Abb. 2,4-6) vor. Die nachfolgende Muschelgrusware ist ebenfalls mit Kugeltöpfen (Abb. 2,7-9) sowie mit einem seltenen Kumpf (Abb. 2,10) vertreten. Besonders erwähnenswert sind randständige Henkel (Abb. 2,11-14), die in dieser Weise wohl noch nie bei der Muschelgrusware beobachtet worden sind. In diesem Zusammenhang ist auf die gute Qualität hinsichtlich Feinheit der Magerung und dem guten Brand der Timmeler Muschelgrusware hinzuweisen. Vielleicht hat hier ein besonders versierter Töpfer sein Handwerk betrieben. Als einziges Importstück ist der Boden eines derben Topfes Badorfer Machart (Abb. 2,15) zu nennen. Als Unikum ist ferner ein granitgrusgemagerter gelochter Griff (Abb. 2,16) anzusehen, der vielleicht zu einer weitmündigen Schale gehört hat. Anhand dieses Fundspektrums und vor dem genannten Hintergrund der Verteilung der Warenarten auf dem Gelände läßt sich nach einem Beginn der Siedlung in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts eine Verlagerung der Hausplätze weiter nach Westen in der Zeit um 800 postulieren. Da jedwede jüngere Keramikfunde ausblieben, müssen die Hofstellen wohl noch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts an einen bisher unbekannten Ort umgezogen sein.

Lit.: Bärenfänger, R. 1998: Von der Steinzeit bis zum Mittelalter: Ergebnisse archäologischer Forschung in Hesel. In: Gemeinde Hesel (Hrsg.), Hesel - Wüste Fläche, dürre Wildnis und magere Heidepflanzen. Der Weg eines Bauerndorfes in die Moderne. Weener 1998, 19-72.

R. Bärenfänger

Ausgrabung Timmel 2006

 

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