Abb. 1 Ehemaliges Wasserschöpfloch
 
(Foto: T. Potthoff).


Abb. 2 Holzreif eines Daubengefäßes auf der Sohle eines Wasserschöpflochs (Foto: T. Potthoff).


 

 

 

 

 


Abb. 3 Wandung eines Rennfeuerofens. 
(Foto: T. Potthoff)



Kugeltopf mit
Gitterstempelverzierung 
(Zeichnung: P. Schamberger).

 

Frühes Mittelalter

Norden (2007)

FdStNr. 2309/7:30, Stadt Norden, Ldkr. Aurich

Die frühmittelalterliche „Wurt 30“ liegt im als „Süder Hooker“ bezeichneten Teil der Marsch im Nordosten der auf einer Geestinsel errichteten Stadt Norden. Es handelt sich um einen stark verflachten Hügel mit einer Ausdehnung von ca. 90 x 70 m, der sich unmittelbar benachbart der größeren Wurt 20 im Gelände abzeichnet. Da die Wurt im Bereich der geplanten Trasse der neuen Umgehungsstraße B 72 liegt, wurde nach Prospektionen im Jahre 2003 (vgl. Fundchronik 2003, 98-99, Kat.-Nr. 181) eine flächenhafte archäologische Untersuchung unumgänglich. Die Arbeiten begannen im Mai 2007 und sollen Ende Februar 2008 abgeschlossen sein. Das untersuchte Areal besitzt eine Ausdehnung von ca. 40 x 80 m.

Neben einer spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Nutzung des Platzes kann eine frühmittelalterliche Besiedlung gefasst werden, die anhand zahlreicher Fragmente von Muschelgruskeramik ungefähr ab dem 9. Jahrhundert anzusetzen ist. In dieser Zeit handelte es sich jedoch noch nicht um eine Wurt, sondern um eine Flachsiedlung auf einer natürlichen Sandkuppe. Anhand von Befundüberschneidungen können mindestens drei Phasen herausgearbeitet werden. Aufgrund der homogenen Zusammensetzung der Keramik ist allerdings nicht von einer allzu langen Nutzung auszugehen. Neben den überwiegenden Fragmenten von Muschelgrusware konnten nur einzelne jüngere Keramikscherben geborgen werden.

Aufgrund der für eine ländliche Siedlung ungewöhnlichen Struktur des Fundplatzes ist anzunehmen, dass es sich um ein Wirtschaftsareal gehandelt hat. Trotz einzelner Pfostengruben konnten Hausgrundrisse bislang nicht festgestellt werden. Statt dessen lassen sich bislang 16 kreisrunde, meist 0,70 m bis 1,20 m tiefe Gruben mit senkrechten Wänden fassen, die in den anstehenden Sand eingetieft sind und sich wohl als Wasserschöpflöcher deuten lassen (Abb. 1). Zudem könnten sie teilweise auch der Sandentnahme gedient haben. Der hohe Grundwasserstand machte die Anlage tieferer Brunnen überflüssig. Obwohl die Gruben keinerlei Befestigungen aufwiesen, gibt es nur wenige Spuren von Einstürzen. Das weist darauf hin, dass sie jeweils nur für kurze Zeit genutzt worden sind. Auf der Sohle einer dieser Gruben konnte ein mit Ruten zusammengebundener Holzreif geborgen werden, der vermutlich beim Wasserschöpfen von einem hölzernen Daubeneimer oder -gefäß abgefallen ist (Abb. 2).

Das Areal wurde im Nordwesten durch einen unterbrochenen Graben in West-Ost-Richtung und im Westen durch zwei parallel in Nordwest-Südost-Richtung verlaufende Gräben begrenzt und entwässert. Die Stratigraphie macht jedoch deutlich, dass diese nicht gleichzeitig waren. Vom äußeren der beiden parallelen Gräben am Rand der Grabungsfläche zweigten rechtwinklig zwei schmalere Gräben nach Südwesten ab. Sie könnten möglicherweise Feldfluren eingefasst haben, die sich im Westen an das Grabungsareal anschlossen. Der von den Gräben begrenzte Bereich wurde in Nordwest-Südost-Richtung teilweise durch zwei nur flach erhaltene parallele Rinnen durchzogen. Fünf ebenfalls nur sehr flach erhaltene, langrechteckige Gruben mit Nordost-Südwest-Ausrichtung entziehen sich bislang einer genaueren Deutung. Da nahezu sämtliche frühmittelalterlichen Befunde erst im anstehenden Sand dokumentiert werden konnten, ist im Verbund mit der teilweise nur flachen Erhaltung zu überlegen, ob hier möglicherweise ein Geländeabtrag, z. B. zur Aufschüttung der angrenzenden Wurt 20, erfolgt sein könnte.

Das Keramikspektrum umfasst neben einigen Tüllenschalen vornehmlich die für die Muschelgrusware typischen Kugeltöpfe. Mehrfach konnte ein Dekor aus Gitterstempeln oder wellen- bzw. s-förmigen Einritzungen beobachtet werden. Funde von Webgewichten, Mahlsteinbruchstücken aus Mayener Basaltlava und Tierknochen belegen land- und hauswirtschaftliche Aktivitäten. Schlacken, ein mögliches Tiegelchen und andere Funde lassen analog zu einem Fundplatz im nahegelegenen Lütetsburg (Heun 1995) auf einen Bezug zu einer Eisenverhüttung oder -verarbeitung schließen. Dies wird durch einen in Sichtweite liegenden Verhüttungsbezirk bestätigt, der ebenfalls im Bereich der zukünftigen Straßentrasse dokumentiert werden konnte (s.u.). Der frühmittelalterliche Fundplatz Wurt 30 ist wahrscheinlich als Wirtschaftsareal der benachbarten Wurt 20 zu deuten. Das genaue Verhältnis zueinander ist ohne Untersuchung beider Siedlungshügel jedoch nicht zu klären. Über den frühmittelalterlichen Befunden zeichnete sich ein dünnes Humusband ab, das stellenweise Anzeichen einer Podsolierung aufwies.

Einzelne Gräben und Gruben belegen landwirtschaftliche Aktivitäten im späten Mittelalter bzw. in der frühen Neuzeit. Hervorzuheben ist der Fund eines 2,60 m tiefen Brunnens bislang ungeklärter Zeitstellung mit Wänden aus Klei- und Torfsoden über einem rechteckigen Holzrahmen. Der Brunnen beinhaltete zahlreiche Hölzer, die dort vermutlich entsorgt worden sind. Hierzu zählen unter anderem verschiedene Bauhölzer. Bemerkenswert ist der Fund von mehreren Bootsteilen, unter anderem einer Planke mit erhaltenen Nieten und Resten einer Kalfaterung, die sich eindeutig einem Boot in Klinkerbauweise zuweisen lässt.

Auch die eigentliche Wurtenaufschüttung scheint zumindest teilweise jüngerer Zeitstellung zu sein. Dies bedarf jedoch noch einer abschließenden Klärung. Die Aufschüttung erfolgte in zwei Schichten aus Klei, die gemeinsam eine Höhe von bis zu 0,40 m erreichten. Aufgrund der geringen Höhe und des auffälligen Fehlens von Befunden an ihrer Oberfläche ist jedoch davon auszugehen, dass ein Teil der Aufschüttung fehlt bzw. eingeebnet worden ist.

Parallel zu den Untersuchungen des Fundplatzes Wurt 30 wurden die Bauarbeiten im Bereich der weiteren Straßentrasse begleitet. Im Zuge dessen wurde ca. 150 m nordwestlich des eigentlichen Grabungsareals ein kleiner Eisenverhüttungsplatz angetroffen. Die Entdeckung eines Rennfeuerofens am Rand der eigentlichen Trasse führte zur Aufdeckung eines ca. 180 qm großen Eisenverhüttungsareals an der Stelle eines geplanten Lärmschutzwalls. Es konnte parallel zur laufenden Ausgrabung von Ende Juli bis Mitte Oktober 2007 untersucht werden. Da das Areal stark durch neuzeitliche Gräben gestört ist, konnten keine weiteren Öfen in situ angetroffen werden (Abb. 3). Es wurden jedoch drei Halden von gebranntem Lehm abgebrochener Ofenwandungen dokumentiert, die mit mindestens zwei oder drei weiteren Öfen rechnen lassen. Drei Wasserschöpflöcher in unmittelbarer Nähe der Halden belegen, dass die kreisrunden Gruben tatsächlich in Zusammenhang mit einer Eisenproduktion gestanden haben. Hier konnte ein vollständig zu restaurierender Kugeltopf mit Gitterstempeldekor geborgen werden, der wohl als Schöpfgefäß Verwendung fand (Abb. 4). Zum Einen konnten die Gruben der Materialentnahme dienen, zum Anderen konnte das sich in ihnen sammelnde Wasser beim Ofenbau und dem sich anschließenden Produktionsprozess Verwendung finden. Neben der auch hier in großer Zahl auftretenden Muschelgrusware kamen Funde jüngerer Keramik häufiger vor, so dass eine etwas spätere Zeitstellung als für Wurt 30 angenommen werden kann.

Der neu entdeckte Fundplatz liegt 50 m entfernt von der weitestgehend durch den Pflug zerstörten Wurt 19 (FdSt.-Nr. 2309/7:19). Eine Begehung dieses Siedlungshügels förderte weitere Fragmente von Muschelgrusware und Schlackebröckchen zu Tage. Ein Zusammenhang von Wurt 19 und dem Verhüttungsplatz ist also durchaus möglich.

Die archäologische Untersuchung von Wurt 30 und der Straßentrasse zeigt deutlich, dass in der Umgebung von Norden neben Landwirtschaft im frühen Mittelalter vor allem die Produktion von Eisen eine wichtige wirtschaftliche Rolle gespielt hat. Damit konnte ein wichtiger Beitrag zur Klärung der frühmittelalterlichen Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt Norden und ihres Umlandes geleistet werden.

Lit.: Heun, S. 1995: Archäologische Untersuchungsergebnisse auf dem Hüttenplatz in Lütetsburg, Ldkr. Aurich. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 18, 1995, 87-110. Schwarz, W. 2005: Morsaten, Moorsiedler im frühmittelalterlichen Norder- und Brokmerland. In: H. Schmidt et al. (Hrsg.), Tota Frisia in Teilansichten. Festschrift für Hajo van Lengen zum 65. Geburtstag. (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 82) Aurich 2005, 13-40.

T. Potthoff

Ausgrabung Norden 2008

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