Doppelspirale von der Lehmgußform einer Glocke.

Spätes Mittelalter und Neuzeit

Norden - Kloster Marienthal (2004)

FdStNr. 2309/7:31, Stadt Norden, Ldkr. Aurich.

Der Neubau von Altenwohnungen auf dem Gelände des ehemaligen Benediktinerdoppelklosters Marienthal in Norden machte eine archäologische Voruntersuchung notwendig. Nachdem im Februar 2004 in Suchschnitten mehrere Gräber aufgedeckt worden waren, wurde von Anfang Juli bis Mitte Dezember ein ca. 180 qm großer Schnitt im Bereich eines geplanten Kellers angelegt. Dieser erlaubte den Aufschluß einer 2 m mächtigen Stratigraphie. Die Kosten der Ausgrabung übernahmen der Bauträger, der AWO Kreisverband Norden e. V., und die Bundesagentur für Arbeit in Norden. Es handelt sich um die erste archäologische Untersuchung auf dem Areal des Klosters (Abb. unten).

Die erste urkundliche Erwähnung Marienthals, bei dem es sich nach zeitgenössischen Angaben um das schönste Kloster zwischen Weser und Ems gehandelt haben soll, fällt in das Jahr 1255. An der Wende zur Neuzeit war es das Hauskloster der ostfriesischen Häuptlings- und Grafenfamilie Cirksena, die hier von 1464 bis 1548 ihre Grablege hatte. Die Reformation führte um die Mitte des 16. Jahrhunderts zur Auflösung des Konventes. Nachfolger war ein im 16. Jahrhundert begründetes Armenhaus. Im 19. Jahrhundert war das Gelände Standort einer Schule und des sogenannten Kreiswohlfahrtsheims. Einem dieser späteren Komplexe ist ein Fundament aus Zement zuzuordnen, das während der Ausgrabung angeschnitten wurde.

Anhand der archäologischen Untersuchung kann eine mehrphasige Entwicklung nachgewiesen werden: Einige Pingsdorfer Keramikscherben belegen eine Nutzung des Geländes vor 1200. Welcher Art diese war und ob sie bereits mit dem Kloster in Verbindung steht, kann bislang nicht gesagt werden. Zwei Gräben, ein schmales Gräbchen und mehrere Pfostengruben ergeben noch kein aussagekräftiges Bild. Vermutlich im 13. Jahrhundert wurde das Gelände um 0,90 bis 1,40 m mit feinem, beigefarbenen Sand aufgeschüttet. In diesen künstlichen Hügel wurden im Bereich des Grabungsschnittes vier Fundamentgräben aus mindestens zwei Phasen eingetieft (Abb. 032). Die in Ost-West-Richtung verlaufenden Gräben sind vermutlich einem Kirchenbau zuzuweisen.

Bei zwei 1,20 bis 1,40 m und 2,60 m breiten Fundamentgräben kann eine Gleichzeitigkeit bisher nicht belegt werden. Beide Gräben sind schichtweise mit grobem und feinem Sand verfüllt. Auf der Sohle des Schmaleren fanden sich Bruchstücke von Formsteinen und Kleinquadern aus Tuff. Da die Steine keine Mörtelanhaftungen aufwiesen, sollten sie bei diesem Bau wohl erstmalig Verwendung finden. Einer späteren Phase gehören zwei weitere Fundamentgräben an. Beide sind schichtweise mit Bauschutt verfüllt, der vermutlich aus dem Abbruchmaterial des Vorgängerbaus stammt. Im Norden des Grabungsschnitts konnte einer dieser Gräben auf einer Länge von ca. 10 m verfolgt werden. Auf diesem Graben waren an einer Stelle bis zu neun Lagen einer Backsteinmauer in Versturzlage erhalten. Auch in dieser Mauer fanden sich sekundär verwendete Steine. Der ca. 1,50 m breite Fundamentgraben besitzt an der Nordseite drei etwa 2,00 m lange und bis zu 1,60 m breite Fundamente für Wandvorlagen für Strebepfeiler im lichten Abstand von ca. 3,50 m. Anhand dieser Strebepfeiler, die in der Regel an den Maueraußenseiten sitzen und Parallelen in Hinte, Groothusen, Larrelt oder am Chor von St. Ludgeri in Norden aufweisen, kann das Fundament als nördliche Kirchenaußenmauer angesprochen werden. Sowohl die Parallelen als auch die Keramik in der Fundamentgrube legen eine Datierung in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts nahe. Möglicherweise zur südlichen Kirchenaußenmauer gehörte ein Fundamentgraben, der in der Südecke des Schnitts auf einer Länge von 3,20 m angeschnitten werden konnte. Die beiden Fundamentgräben mit Backsteinverfüllung haben einen lichten Abstand von ca. 11 m. Der Großteil des Grabungsschnitts ist also im Innenraum der ehemaligen Klosterkirche zu lokalisieren - unklar ist bislang allerdings, ob im Bereich des Chores oder des Kirchenschiffs.

Etwa 30 Bestattungen konzentrieren sich auffälligerweise auf die südliche Hälfte des mutmaßlichen Kircheninnenraums. Neben Sargbestattungen konnten mehrere Backsteinkisten freigelegt werden. Markant ist eine Reihe von vier aneinander angrenzenden Backsteinkisten, die in mehreren Zügen entstanden ist und deren einzelne Abschnitte unterschiedliche Bautechniken aufweisen. Drei der Kisten besitzen einen Backsteinboden, der entweder in Mörtel oder in Sand gesetzt ist. In einer der beiden mittleren Kisten fanden sich über dem Skelett einer erwachsenen Person die Nachbestattungen eines ca. 5 bis 6 jährigen Kindes und eines Säuglings. Eine genauere anthropologische Untersuchung steht jedoch noch aus. Vor allem bei den einfachen Bestattungen gab es zahlreiche Grabüberschneidungen. In zwei Fällen konnte die Wiederdeponierung von älteren Langknochen und Schädelteilen in einer eigenen Grube unter oder neben der jüngeren Bestattung nachgewiesen werden. Ein Teil dieser Bestattungen wird in Zusammenhang mit dem Armenhaus (Gasthaus) zu bringen sein.

Bislang einmalig für Ostfriesland ist der archäologische Nachweis von Glockenguß: In einer Grube in der Südecke des Schnitts konnten neben Bronzeflitter zahlreiche Teile einer Glockengussform aus Lehm geborgen werden. Die bis zu 25 x 30 cm großen, zertrümmerten Formteile lassen die Rekonstruktion einer Glocke mit einem Durchmesser von 50 bis 60 cm zu. Aus der Wandung ließ sich eine kleine Doppelspirale herauspräparieren (Abb. links oben), die vermutlich Teil eines in Wachsfadentechnik aufgelegten Ornamentbandes ist. Die Grube wird durch einen der beiden mit Bauschutt verfüllten Fundamentgräben geschnitten, gehört also einer früheren Phase an. Die eigentliche Glockengussgrube wurde nicht gefunden, muß aber in unmittelbarer Nähe gelegen haben.

Der Reichtum des Klosters Marienthal spiegelt sich in den Funden wider, die während der Ausgrabung geborgen werden konnten. Einem der Bestatteten wurde ein Rosenkranz aus Bein mit einer facettierten Bergkristallperle beigegeben. Andere Gräber enthielten eine Gürtelschnalle aus Bronze und eine Silbermünze des Fredo, Häuptling von Wangerland, aus der Zeit vor 1376. Ein zweiter, 2,5 cm großer Bergkristall, der unter einer Backsteinkiste gefunden wurde, zierte ursprünglich vermutlich einen Buchdeckel, ein Kreuz oder ein Reliquiar. In den Kontext der Klosterausstattung ist auch eine bronzene Buchschließe zu stellen. Zum Schmuck der Klosterkirche sind hingegen Funde von Formsteinen, bemaltem Fensterglas, Bleiruten, dekorierten sowie grün und gelb glasierten Bodenfliesen oder rotbemalten Wandputzfragmenten zu zählen.

Der Beginn der Bauarbeiten ist für das Frühjahr 2005 angesetzt. Die Bauarbeiten außerhalb der untersuchten Fläche werden weitere baubegleitende archäologische Beobachtungen notwendig machen. In deren Verlauf wird hoffentlich die Größe und genaue Gestalt der Klosterkirche geklärt werden können.

Literatur: Potthoff, T.: Glockenguß und Rosenkranz. Archäologie in Niedersachsen 8, 2005, im Druck.

T. Potthoff

 

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