1 Die Gürtelschnalle aus dem Grab Bef. 704 zeigt ein eingraviertes, vierfüßiges Tier. Der Hintergrund besteht aus schwarzem Email (Foto: R. Bärenfänger).


2 Das Skelett eines 35 – 40jährigen Mannes lag in einem Faß (Foto: M. Brüggler).


3 Bestattungen mit Holzabdeckung aus der Zeit vor Errichtung der Backsteinkirche, unten die Reihe der Erlen. Oben links Fundament eines Vierungspfeilers, das die Gräber schneidet (Foto: M. Brüggler).

 

 

Spätes Mittelalter

Ludwigsdorf (Ihlow) (2005)

FdStNr. 2510/9:15, Gde. Ihlow, Ldkr. Aurich

 

Zisterzienserkloster Ihlow

Seit April 2005 wurden die Ausgrabungen im Bereich der Klosterkirche des zwischen 1228 und 1529 bestehenden Zisterzienserklosters Ihlow fortgesetzt (vgl. Fundchronik 2004). Sie waren aufgrund einer von der Gemeinde Ihlow geplanten Teilrekonstruktion der Klosterkirche als hölzernes Modell im Maßstab 1:1 im Rahmen eines Tourismus fördernden Projekts notwendig geworden. Durchgeführt wurden die archäologischen Untersuchungen von der Gemeinde Ihlow in Kooperation mit der Ostfriesischen Landschaft und der ARGE des Landkreises Aurich.

Der letztjährige Grabungsschnitt (A1), der die Nordhälfte des Querhauses umfasste, musste in alle Richtungen erweitert werden. In den Erweiterungen wurden die Fundamente der Apsis sowie die östlich angrenzenden Bereiche freigelegt und damit auch Teile des ehemaligen Klosterfriedhofs erfasst, der sich östlich und nördlich der Kirche befand. Des weiteren wurde ein neuer Grabungsschnitt an der Südwestecke der Kirche angesetzt (A2), um die Anbindung an den hier zu erwartenden Westflügel der Klausur zu klären.

Wie bereits im letzten Jahr wurden weitere, sorgfältig aus großformatigen Backsteinen (29-31 x 14-15 x 8,5-9,5 cm) mit Muschelkalkmörtel gemauerte Pfeiler- und Mauerfundamente der Kirche freigelegt. Die Erhaltung war unterschiedlich: Während an einigen Stellen aufgehendes Mauerwerk dokumentiert werden konnte, war von der Südmauer der Kirche nur noch ein Ausbruchsgraben erhalten. Zwei der neu freigelegten Pfeiler waren noch aufgehend erhalten, wenn auch dieser Teil umgestürzt war. So ließ sich die Gliederung der Pfeilersockel durch verschiedene Formsteintypen feststellen. Auch an der Außenseite der Apsis wurden noch zehn Backsteinlagen im Aufgehenden beobachtet, die eine von Rundstäben flankierte Vorlage bildeten.

Vom ehemaligen Kirchenfußboden wurde im nördlichen Seitenschiff des Langhauses ein ca. 8 m langes und 3 m breites Stück aus diagonal verlegten, großformatigen Backsteinplatten (20 x 20 x 6 cm) freigelegt.

Im nördlichen Querhaus fand sich ein Brunnen, dessen Wandung aus Torfsoden bestand. Er ist stratigraphisch eindeutig während des Bestehens der Klosterkirche angelegt worden und diente entweder der Wassergewinnung z. B. für Weihwasser, oder aber als Drainage, so dass sich hier sammelndes Grundwasser besser abgeschöpft werden konnte.

An den Fundamenten ließen sich deutliche Abrissspuren erkennen, welche die letztjährigen Beobachtungen bestätigten: Die Fundamente waren gezielt untergraben worden, um die Kirche nach der Auflösung des Klosters im Jahre 1529 zum Einsturz zu bringen. Untergraben wurde jedoch nur von Norden oder von Osten, so dass die einstürzende Kirche nicht die südlich stehenden Klausurgebäude beschädigte, welche die neuen Besitzer, die ostfriesischen Grafen, offenbar weiternutzen wollten. Dies zeigte sich besonders deutlich an der Apsis, deren Ostteil nach Osten verstürzt ist, deren Südflanke aber von Norden untergraben wurde.

Der Klosterfriedhof lag unmittelbar östlich und nördlich der Klosterkirche. Zumindest im Norden muss er bis dicht an die Nordmauer der Kirche herangereicht haben, da hier vereinzelt menschliche Knochen im Abbruchschutt der Kirche aus dem 16. Jh. gefunden wurden. Die zugehörigen Gräber sind durch die Unterminierung der Fundamente in Mitleidenschaft gezogen worden. Während der Grabung wurden auch Bereiche einer Grabung durch P. Caselitz im Jahre 1983 wieder freigelegt, über die leider keine Pläne vorliegen. Ein Teil des Friedhofs wurde durch den Graben eines Südost-Nordwest verlaufenden Starkstromkabels gestört. Der Friedhof war dicht belegt, wodurch häufig eine Störung älterer Gräber durch jüngere beobachtet wurde. Insgesamt wurden hier 208 Bestattungen und 29 sekundäre Knochendepots dokumentiert.

Wie bei christlichen Bestattungen üblich, waren die Gräber West-Ost ausgerichtet und enthielten keine Beigaben. Dennoch konnten aus einigen Gräbern Funde geborgen werden. Ein Grab enthielt eine Münze, die unter dem linken Hüftknochen lag: ein silberner Longcross-Penny des englischen Königs Henry III., der in die Zeit von 1251-1275 zu datieren ist. In einem benachbarten Grab lagen dreizehn Silbermünzen zwischen den Oberschenkeln des Skeletts. Es handelt sich überwiegend um Osnabrücker Pfennige Bischof Konrad des II. von Rietberg (1270-1297). Aufgrund ihrer Lage handelt es sich in beiden Fällen eher nicht um intentionelle Beigaben, sondern vielmehr um eine kleine Barschaft, die der Verstorbene zum Zeitpunkt seiner Beerdigung bei sich hatte.

Elf Gräber enthielten Gürtelschnallen. Dabei lagen bis zu drei Schnallen in einem Grab. Es handelt sich zumeist um einfache, runde Schnallen aus Eisen oder einer Buntmetalllegierung. Eine Schnalle fällt jedoch durch ihre aufwändige Verzierung aus der Reihe: Auf der rechteckigen Platte ist ein vierfüßiges Fabelwesen eingraviert, der Hintergrund ist mit schwarzem Grubenemail ausgefüllt (Abb. 1). Vorläufig ist das außergewöhnliche Stück in das 14./15. Jahrhundert zu datieren. Eine anthropologische Untersuchung konnte noch nicht durchgeführt werden, doch zeigten sich bei einer ersten Inaugenscheinnahme bereits interessante Details. Mehrfach wurde eine durchgebrochene Mittelohrentzündung am Felsenbein festgestellt. Ein Schädel weist eine nicht verheilte Trepanation auf. Bei einem Skelett sind alle Wirbel miteinander verwachsen, so dass die Wirbelsäule fast einen Halbkreis bildete. Sogar das Becken ist an die Wirbelsäule angewachsen. Es handelt sich um „Diffuse idiopathische skelettale Hyperostose“ (DISH), eine Krankheit, die nicht selten auf Klosterfriedhöfen konstatiert wird und besonders gut genährte, ältere Männer betrifft. Am Beinskelett eines weiteren Bestatteten wurde eine starke Knochenentzündung (Osteomyelitis) mit bis zu 6 cm großen Kloaken festgestellt. Zwei Schädel zeigen nicht verheilte Hiebspuren, u. a. wurde der Besitzer der oben genannten emaillierten Gürtelschnalle, ein ca. 30-40 jähriger Mann, von mehreren Personen angegriffen und erschlagen, wie Hiebspuren am Schädel belegen. Drei Schwerthiebe am Hinterhaupt waren nur wenig tief, ein vierter, tödlicher Schwerthieb spaltete den Schädel. An der linken Schläfe fanden sich zudem zwei Eindrücke eines spitzen Gegenstandes, vielleicht eines Morgensterns.

Am südwestlichen Vierungspfeiler, also innerhalb der Klosterkirche, wurde eine Sonderbestattung angetroffen: Das Skelett eines ca. 35-40 jährigen Mannes lag in einem liegenden Fass (Abb. 2). Das Fass war auf der oben liegenden Seite eingedrückt, eines der beiden Bretter des Fassdeckels nach innen auf die Brust des Skeletts gefallen. Der Deckel hatte auf der Außenseite vier parallele Einritzungen, die mit dem ursprünglichen Inhalt des Fasses in Zusammenhang stehen könnten.

Für die frühe Geschichte des Klosters besonders interessante Befunde konnten im Bereich der Vierung der Backsteinkirche aufgedeckt werden. Hier ließ sich ein kleiner natürlicher Hügel in dem ansonsten eher tief liegenden und feuchten Gelände nachweisen, den die ersten Mönche künstlich weiter erhöhten, wohl, um darauf provisorische Bauten zu errichten. Die Grabungen erfassten den nordöstlichen Rand des Hügels. An seinem Rand, bereits im aufgeschütteten Boden, stand eine Reihe Erlen, deren noch in situ befindliche Stümpfe durch die Grabung freigelegt wurden. In den Hügel waren mehrere Gräber eingetieft, von denen 24 erfasst werden konnten. Die Verstorbenen waren in einfachen Erdgruben beigesetzt, die mit Holzbrettern (wohl Eiche) abgedeckt waren (Abb. 3). Während die Skelette aufgrund ihrer Lage im Grundwasserbereich kaum noch erhalten waren, waren die Holzbretter in sehr gutem Zustand und müssen jetzt dendrochronologisch untersucht werden. In zwei Fällen ließ sich eine Bettung der Verstorbenen auf Mooskissen durch erhaltene Moospolster nachweisen. Die Gräber wichen in ihrer Ausrichtung deutlich von der Backsteinkirche ab. Sie müssen früher als die Backsteinkirche angelegt worden sein, da deren Fundamente mehrere der Gräber zerstörten. Die Gräber beziehen sich daher wahrscheinlich auf ein erstes, wohl hölzernes Oratorium. Dieses hat wohl im Südwesten außerhalb der Grabungsfläche gelegen, da der Hügel nach dorthin anstieg.

Für den Bau der Backsteinbasilika wurden die Bäume am Rand des Hügels gefällt und der Hügel massiv weiter aufgeschüttet. Hierauf wurde dann die Backsteinkirche gebaut. Die erwarteten dendrochronologischen Daten können jetzt Aufschluss über den Baubeginn der großen Backsteinkirche bringen und ggf. zeigen, wie lange die Mönche mit einem Provisorium Vorlieb nehmen mussten.

Mehrere Befunde bezeugen auch die nachklosterzeitliche Nutzung. An der Südwestecke der Klosterkirche ließen sich zwei aufeinander folgende Fußböden aus großformatigen Backsteinplatten nachweisen, die über dem abgebrochenen Fundament der Westmauer der Kirche lagen, also erst nach dem Abbruch der Kirche verlegt worden sein können. Gleichzeitig war der obere Fußboden gegen eine Verlängerung der Südmauer der Kirche auf Kante verlegt – die Südmauer lief über das Westende der Kirche hinaus und bildete somit die Nordfassade eines Westflügels. Dieser Befund zeigt zweierlei: Erstens ist somit die Nordostecke des Westflügels erfasst, dessen Lage noch nicht bekannt war, und zweitens belegt der nachklosterzeitliche Fußboden einen Bestand dieses Gebäudes noch über das Ende der Kirche hinaus. Das bestätigt auch der Fund einer größeren Menge grün glasierter Ofenkacheln in einer Grube in der Nähe der genannten Böden. Die Kacheln zeigen verschiedene, z. T. biblische Motive und sind nach Vergleichen in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts einzuordnen. Sie belegen damit die nachklosterzeitliche, gräfliche Nutzung des Geländes.

In einer noch späteren, bäuerlichen Nutzungsphase des 18. und 19. Jahrhunderts standen zwei Gulfhöfe im Bereich der Kirche, einer an der Südwestecke, ein weiterer im Bereich der Vierung und dem südlichen Querhaus. Diesen ließen sich mehrere Mauerzüge und Pfostengruben zuordnen. Auch fanden sich im Abbruchschutt des zuletzt genannten Gulfhofes zahlreiche Bruchstücke ornamentierter, mittelalterlicher Bodenfliesen, die eine sekundäre Nutzung dieser Fliesen nahe legen.

Zusätzlich wurden nach erfolgreichen Tests im Januar 2005 im Juni großflächige geomagnetische Untersuchungen in der Immunität des ehemaligen Klosters durchgeführt. Das Gelände bot sich für geophysikalische Prospektion an, da es heute überwiegend als Weide und Wiesen genutzt wird und bis auf ein Forsthaus aus dem 19. Jh. nicht überbaut ist. Die von der Stiftung Niedersachsen finanzierte Prospektion führte Chr. Schweitzer, Burgwedel, durch. Dabei konnten 6,4 ha innerhalb der heute noch im Gelände sichtbaren Umfassungsgräben der Immunität untersucht werden. Es zeigten sich zahlreiche Strukturen, die auf umfassende bauliche Aktivitäten schließen lassen. Unter diesen Strukturen lassen sich mehrere als Gebäude erkennen. Welche Funktion diese hatten, muss weiteren archäologischen Untersuchungen überlassen werden, die jetzt aber dank der geomagnetischen Prospektion kleinräumig und gezielt angesetzt werden können

M. Brüggler

 

Literatur: Brüggler, M. und Pieper, P.: Zwei besondere Bestattungen vom Kloster Ihlow. Archäologie in Niedersachsen 9, 2006, im Druck. Brüggler, M. u. Schweitzer, Chr.: Geophysikalische Prospektion der Klosterwüstung Ihlow. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 74, 2005, 265-269.

 

Am 28.4.2005 stattete der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff der Ausgrabung auf dem Klosterareal in Ihlow einen Besuch ab, um sich über den Stand der Entwicklung des "Archäologischen Parks" zu informieren. Wulff konnte während seines Besuches die in einem Grab gefundene und inzwischen restaurierte Christophorus-Figur in Augenschein nehmen.


Ministerpräsident Wulff auf dem Grabungsgelände, Fotos: G. Kronsweide

Ausgrabung Kloster Ihlow 2004
Ausgrabung Kloster Ihlow 2006

 

Fundchroniken  Zeittafel Jahresrückblick 2005