Vier Zentimeter großes Amulett des heiligen Christophorus mit dem Jesuskind auf der Schulter aus dem 15. Jahrhundert (Foto: M. Brüggler).

Spätes Mittelalter

Ludwigsdorf - Kloster Ihlow (2004)

FdStNr. 2510/9-15, Gemeinde Ihlow, Ldkr. Aurich.

Bereits mehrfach war die Kirche des 1218/28 gegründeten und 1529 im Zuge der Reformation aufgelösten Zisterzienserklosters Ihlow in den vergangenen annähernd 30 Jahren Ziel archäologischer Untersuchungen. Diese konnten Lage und Grundriß der im 16. Jahrhundert vollständig abgetragenen Kirche weitgehend klären, während eine umfassende Aufarbeitung der damaligen Ergebnisse jedoch nicht erfolgt ist. Weitergehende Planungen der Gemeinde Ihlow zur Visualisierung der ehemaligen Kirche im Rahmen eines Tourismus fördernden Projekts erforderten jetzt erneute Ausgrabungen, die Ende Mai 2004 begannen und ab März 2005 fortgesetzt werden sollen. Ziel der Grabungen war einerseits, die Baugeschichte detailliert zu beleuchten und einem möglichen Vorgängerbau oder hölzernen Provisorium nachzugehen. Weiterhin galt es, durch die Altgrabungen nicht geklärte Fragen zur baulichen Gestalt der Klosterkirche zu untersuchen. Insbesondere bestand hinsichtlich eines zweiten, sog. Stummelquerhauses aufgrund lückenhafter Dokumentation Klärungsbedarf.

Der Grabungsschnitt von ca. 45 x 20 m Ausmaß liegt im Nordosten der Klosterkirche und umfaßt die Nordhälfte des Querhauses sowie den Ansatz des Langhauses (Abb. unten). Es wurden die sorgfältig aus großformatigen Backsteinen (29-31 x 14-15 x 8,5-9,5 cm) mit Muschelkalkmörtel gemauerten Fundamente der Kirche freigelegt. Die noch bis zu neun Lagen erhaltenen Fundamente waren am Fuß am breitesten und verjüngten sich abgetreppt nach oben, wie dies auch in der Klosterkirche des zeitgleichen Zisterzienserklosters Hude bei Oldenburg beobachtet werden konnte. Gemäß der zu tragenden Last waren die Pfeiler und Mauern unterschiedlich tief fundamentiert. So waren beispielsweise die beiden im Grabungsschnitt erfaßten Vierungspfeiler tiefer gegründet als die Pfeiler des Langhauses oder die Außenmauern.


Blick auf den westlichen Teil des Grabungsschnittes in der Nordhälfte des Querhauses der Klosterkirche (Foto: M. Brüggler)

Die gemauerten Fundamente saßen ihrerseits bis zu 1 m tiefen, mit reinem gelbem Sand gefüllten Fundamentgräben auf. Diese Fundamentgräben waren wiederum in einen künstlich angeschütteten Hügel eingetieft. Im hellen Sand der Fundamentgräben zeichneten sich deutlich Pfostengruben ab, die aufgrund ihrer regelmäßigen Setzung um die Pfeiler herum und entlang der Außenmauer als Pfostengruben für Gerüstpfosten angesprochen werden müssen.

Im Verlauf der Nordmauer wurde im Westen des eigentlichen Querhauses der Ansatz eines Stummelquerhauses erfaßt und somit die Ergebnisse der Altgrabung verifiziert.

Vom ehemaligen Kirchenfußboden fand sich nur ein geringer Rest aus diagonal verlegten, großformatigen (21 x 21 x 6 cm) Backsteinplatten, die in Sand gesetzt waren. Problematisch ist die Höhe: Der Fußbodenrest lag noch unterhalb der Oberkante der unten besprochenen Backsteinsarkophage. Er muß somit früher als diese zu datieren sein und verweist dadurch auf eine Erneuerung des Kirchenfußbodens. Nordwestlich außerhalb der Kirche, im Winkel zwischen der Westmauer des Querhauses und dem Langhaus, fand sich ein aus Dachziegeln vom Typ “Nonne” gesetzter und mit Backsteinen abgedeckter Kanal, dessen Gefälle Richtung Norden und damit von der Kirche weg führte. Er diente anscheinend zur Ableitung des Traufwassers.

An den gemauerten Fundamenten lassen sich Details zum Abbruch der Kirche nachvollziehen: Pfeiler und Mauern waren alle im nördlichen Bereich zerstört, insbesondere die nördliche Außenmauer des Querhauses war entlang einer West-Ost verlaufenden Flucht nach Norden abgekippt. Entsprechend war die Ostmauer des Querhauses nach Osten abgekippt. Dies läßt darauf schließen, daß die Fundamente gezielt von Norden bzw. Osten untergraben wurden, um die Kirche in diese Richtung zum Einsturz zu bringen – im Süden der Kirche lagen die Gebäude der Klausur, die anscheinend nach der Reformation profan weitergenutzt werden sollten.

Im mittleren Bereich des Querhauses wurden drei sich z. T. überschneidende Reihen von West-Ost ausgerichteten Gräbern aufgedeckt. Die östlichste Reihe bestand aus zwei Backsteinsarkophagen, dazwischen ein Grab mit noch fünf senkrecht an der Grubenwand gesetzten Backsteinen sowie südlich dieser drei Gräber eine Bestattung in einem Holzsarg. Hiervon waren jedoch nur noch Verfärbungen und Sargnägel nachzuweisen. Diese vier Gräber lagen in einer Reihe mit zwei weiteren, in früheren Grabungskampagnen entdeckten Gräbern, von denen das eine – ebenfalls ein gemauerter Sarkophag - exakt in der Mitte des Querhauses lag. Die Gräber der beiden westlichen Reihen störten die der östlichen Reihe teilweise, müssen also jünger als diese sein. Sie waren alle in Holzsärgen beigesetzt, von denen jedoch zumeist nur durch Verfärbungen vergangenen Holzes und Sargnägel erhalten waren. Aus einem der Gräber war am Sargboden noch Holz erhalten, bei dem es sich leider um nicht zu datierendes Nadelholz handelte (freundl. Mitteilung Frau B. Leuschner, Göttingen).

In zwei Gräbern der östlichen Reihe fanden sich am Becken einfache, runde Gürtelschnallen aus Buntmetall: Im südlichen der beiden Sarkophage lagen jeweils an der linken Hüfte und in der Beckenmitte eine Gürtelschnalle, im unmittelbar nördlich gelegenen Grab drei Gürtelschnallen, jeweils an der linken und rechten Hüfte sowie in der Beckenmitte. Dieser Befund läßt darauf schließen, daß die Toten bekleidet beigesetzt wurden. Im nördlichen Sarkophag dieser östlichen Reihe konnten zwei unmittelbar aufeinander liegende Skelette freigelegt werden. Die Bestattungen waren durch ein jüngeres Grab im Bereich des Oberkörpers völlig zerstört, so daß sie nur noch vom Becken abwärts erhalten waren. In einem der anderen Gräber wurde am linken Unterarm ein 4 cm hohes Amulett aus vergoldetem Silber entdeckt, das einen Christophorus mit Jesuskind auf der Schulter darstellt (Abb. oben links). Ikonographisch ist das fein gearbeitete Amulett in das 15. Jahrhundert zu datieren.

Die Lage dieser insgesamt neun Gräber im Querhaus der Klosterkirche, von denen vier in einer Reihe mit dem zentral in der Kirche gelegenen Grab lagen, spricht für Bestattungen von Stiftern – Klosterangehörige wurden in der Regel nicht in der Kirche beigesetzt, sondern im Kreuzgang, im Kapitelsaal sowie auf dem im Norden und Osten außerhalb der Kirche gelegenen Friedhof. Möglicherweise handelt es sich bei dem oben genannten Doppelgrab um Ocko II. tom Brok und seinen Vater Keno II. Ocko hatte in seinem Testament von 1435 verfügt, im Grab seines Vaters beigesetzt zu werden. Daß die Grablege dieser Häuptlingsfamilie in Ihlow war, ist wahrscheinlich, jedoch nicht gesichert: Das Zisterzienserkloster Ihlow war das einzige Kloster im Herrschaftsbereich dieser Familie, die zudem die weltliche Schutzherrschaft darüber innehatte.

Nach neuzeitlichem Kartenmaterial befanden sich im Bereich der Kirche, vor allem jedoch in deren südlicher Hälfte, im 18. und 19. Jahrhundert zwei Bauernhöfe. Von diesen ließen sich im südlichen Bereich der untersuchten Fläche Ständerstickungen nachweisen sowie eine deutliche Holzkohleschicht mit verziegeltem Lehm, die auf einen Brand derselben hinweist.

Das Fundmaterial stammt hauptsächlich aus den im Zuge des Abbruchs entstandenen Schuttschichten. Entsprechend handelt es sich zumeist um Baumaterial: Backsteine und Formsteine, einfache und ornamentierte Bodenfliesen, bemaltes Fensterglas, Dachziegel und Schieferplatten zur Dachdeckung, z. T. noch mit festkorrodierten, eisernen Nägeln zur Befestigung. Aus den der Erbauungszeit des Backsteinbaus zuzuordnenden Schichten stammen wenige Fragmente harter Grauware, z. T. leistenverziert, die frühestens dem beginnenden 14. Jahrhundert zuzuordnen sind und somit bezeugen, daß die Klosterkirche auch 70 Jahre nach der Gründung des Klosters – zumindest im Bereich des Querhauses - noch nicht fertiggestellt gewesen ist. Die Klärung der Frage nach einem möglichen Vorgängerbau oder Provisorium, das angesichts dieses langen Zeitraums zwischen Gründung des Klosters und Fertigstellung der Klosterkirche zu erwarten gewesen wäre, bleibt der kommenden Grabungssaison vorbehalten.

Literatur: Brüggler, M.: Von Häuptlingen und Heiligen. Archäologie in Niedersachsen 8, 2005, im Druck.

M. Brüggler

Ausgrabung Kloster Ihlow 1973
Ausgrabung Kloster Ihlow 1977
Ausgrabung Kloster Ihlow 1983
Ausgrabung Kloster Ihlow 1984
Ausgrabung Kloster Ihlow 1985
Maßnahmen Kloster Ihlow 1986
Ausgrabung Kloster Ihlow 1989
Ausgrabung Kloster Ihlow 1990

Ausgrabung Kloster Ihlow 2005
Ausgrabung Kloster Ihlow 2006
Ausgrabung Kloster Ihlow 2007

Fundchroniken  Zeittafel Jahresrückblick 2004