Abb. 2 Staketenreihe der Römischen Kaiserzeit mit Flechtwerk (Foto: F. Hirschfelder).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abb. 3 Brandbestattung mit ausgestreutem Leichenbrand und Holzkohle (Foto: F. Hirschfelder).

 

 


Abb. 4 Dieser Trichterpokal aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts stand kopfüber in einer Brandschüttungsgrube (Foto: R. Bärenfänger)

 

 

 

 


Abb. 5  Profil einer langgestreckten Grube mit auskleidender massiver Mistfülllung (Foto: H. Prison).

 

 


Abb. 6 Gedrechselter Pokal des 9. Jahrhunderts aus Ahornholz (Foto: R. Bärenfänger).


Römische Kaiserzeit

Holtgaste (2007)

FdStNr. 2710/5:38, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer

Im Zuge des geplanten Gaskavernenbaues der Firmen Wingas und EWE fanden von April bis Juli 2007 umfangreiche Prospektionen im Randbereich der Wurt Jemgumkloster statt. Direkt im Anschluss wurden von August 2007 an größere Flächen im Rahmen von Rettungsgrabungen archäologisch untersucht. Diese Grabungen werden voraussichtlich Mitte März 2008 abgeschlossen sein.

Die Wurt Jemgumkloster liegt ca. 1,5 Kilometer südlich des Ortes Jemgum auf dem linken Emsuferwall. Der östliche Bereich der Wurt wird in Teilen vom heutigen Emsdeich überlagert oder ist im Laufe der Zeit durch Erosion am Prallhang der Ems bereits verloren gegangen. Bereits 1967/68 konnten Profile im Leitungsgraben einer Erdgaspipeline beobachtet werden. Durch das damalige Institut für Marschen- und Wurtenforschung in Wilhelmshaven (heute Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung, NihK) wurden unter K. Brandt umfangreiche Bohrungen in den Jahren 1969 und 1970 durchgeführt, welche auch die ca. 700 Meter weiter südlich gelegene kaiserzeitliche Flachsiedlung Bentumersiel betrafen. Diese Bohrungen wurden durch das Anlegen eines Suchschnittes von 4 x 22 m Größe im zentralen Wurtbereich ergänzt. Aufgrund der Bohrungen konnte festgestellt werden, dass sich die ehemalige Wurt zwischen zwei alten Prielen befand, welche sich unmittelbar südlich der Siedlung zu einem einzigen Priel vereinigten. Im weiteren Verlauf erstreckte er sich mäandrierend weiter nach Süden bis nach Bentumersiel. Das keramische Fundmaterial des Suchschnittes sowie die stratigraphische Abfolge von mindestens neun Siedlungshorizonten belegte eine Besiedlung der Wurt von der älteren Vorrömischen Eisenzeit bis in das Hohe Mittelalter, wobei es mehrfach zu Siedlungsunterbrechungen kam. Diese konnten durch entsprechende Sedimentablagerungen zwischen einzelnen Siedlungsphasen nachgewiesen werden. Der Beginn des Wurtenbaues erfolgte zu Anfang der Älteren römischen Kaiserzeit. Brandt konnte den Nachweis erbringen, dass Jemgumkloster zu den ältesten bekannten Wurten im Nordseeküstengebiet zählt.

Die nun geplanten großflächigen Baumaßnahmen machten archäologische Untersuchungen unumgänglich, da die exakte Ausdehnung der Wurt festgestellt werden musste, um dieses bedeutende Bodendenkmal explizit von jeglicher Bebauung auszunehmen. Das vor allem westlich und südlich des Siedlungsplatzes in weiten Abständen gesetzte Brandtsche Bohrnetz war zu einer exakten Planerstellung nicht geeignet. Ziel der ab April durchgeführten Prospektion war es deshalb, mit Hilfe einer Vielzahl kleinerer Sondagen einen Plan des zur Bebauung vorgesehenen Geländes zu erstellen. Dieser Plan sollte aus archäologischer Sicht über unbedenkliche, eingeschränkte und absolute Tabuflächen Auskunft geben. Neben der Wurt Jemgumkloster war dabei auch der ehemalige Friedhof der Johanniterkommende Jemgum zu berücksichtigen, der beim Bau eines Radweges 2006 angeschnitten wurde und den Bereich direkt östlich der Straße nach Jemgum betraf (vgl. Fundchronik 2006).

Von April bis August 2007 wurden insgesamt 52 Sondagen im geplanten Betriebsgebiet zwischen der Landstraße Bingum - Jemgum und dem Emsdeich angelegt. Die Maßnahme wurde durch die Firmen Wingas und EWE finanziert. Die Suchschnitte umfassten meist 5 x 2 m, nur im Wurtrandbereich variierte die Länge, da situationsbedingt soweit aufgezogen wurde, bis ein Ende der Siedlungsspuren erreicht werden konnte. Analog zu den Brandtschen Ergebnissen konnten bis zu drei alte Oberflächen nachgewiesen werden: eine eisenzeitliche, eine kaiserzeitliche und eine frühmittelalterliche. Es war jedoch in keinem Suchschnitt möglich, alle drei in einem Profil zu erfassen. Dies hatte mehrere Gründe: 1. Um die Bodeneingriffe so gering wie möglich zu halten, wurde meistens nur bis auf das Niveau der zuerst auftretenden Befunde abgetieft. Diese datierten überwiegend wegen der mit Muschelgrus gemagerten Keramik in das 9./10. Jahrhundert. In weit geringerem Maße konnten auch hochmittelalterliche Siedlungsschichten aufgedeckt werden. 2. Aus Sicherheitsgründen war es sehr aufwendig, entsprechende Tiefen zu erreichen, da die Profilwände abgestuft werden mussten und somit deutlich größere Bodeneingriffe notwendig waren. 3. Der gesamte südliche Flächenbereich war in den 1950er und 1960er Jahren weitgehend ausgeziegelt worden, so dass die frühmittelalterliche Oberfläche nahezu komplett entfernt worden war. Nur die in diese Oberfläche eingetieften Befunde waren noch zu einem Teil erhalten geblieben. 4. Wo Priele verlaufen waren, hatten diese die Bildung einer Oberfläche verhindert. Trotzdem war es durch eine Korrelation der dokumentierten Profile möglich, das Niveau der Oberflächen festzustellen: In zwei Schnitten konnte sicher eine eisenzeitliche Oberfläche nachgewiesen werden. Diese lag auf einer mächtigen, bis zu 0,50 m starken graubraunen Transgressionschicht (Dünkirchen 0), in der viel Holz eingelagert war. Dabei handelte es sich um unbearbeitete Äste und Zweige, die regellos eingeschwemmt waren. Die im äußersten Norden des Untersuchungsbereiches nachgewiesenen fossilen, eisenzeitlichen Marschenoberflächen lagen bei -1,20 bzw. -1,40 m NN und damit zwischen 1,80 bzw. 2,00 m unter der aktuellen Geländeoberfläche. Diese Oberflächen erbrachten keinerlei Besiedlungsspuren und wurden von einem grauen Kleipaket überdeckt (Dünkirchen I), auf dem sich eine kaiserzeitliche Oberfläche gebildet hatte. Diese lag bei -0,80 bzw. -0,60 m NN. Auf diese Oberfläche waren im Wurtbereich mehrere Kleiaufträge aufgebracht worden, Mistaufträge konnten nicht beobachtet werden. Durch jüngere, wohl hochmittelalterliche Eingriffe war eine frühmittelalterliche Oberfläche hier nicht mehr nachzuweisen.

Die kaiserzeitliche Oberfläche konnte demgegenüber in einer Vielzahl von Profilen nachgewiesen werden. Nach dem derzeitigen Bearbeitungsstand kann vorläufig festgestellt werden, dass die kaiserzeitliche Oberfläche im Wurtenbereich am höchsten lag (zwischen -0,60 und -1,00 m NN) und nach Westen und Süden hin deutlich abfiel (bis -1,27 m NN im Westen in der Nähe der Landstraße, sowie bis zu -1,66 m NN im äußersten Süden des Untersuchungsgebietes). Damit wurde als Siedlungsplatz bewusst eine bereits natürlich vorhandene flache Erhebung ausgewählt. Die frühmittelalterliche Oberfläche weist demgegenüber keine solch starke Schwankung auf. Im nördlichen Bereich des untersuchten Gebietes lag sie zwischen ±0,00 m NN und +0,20 m NN, im Westen fiel sie bis auf -0,25 m NN ab und im äußersten Süden, wo Reste in nicht ausgeziegelten, kleineren Bereichen angetroffen wurden, lag sie zwischen -0,08 m NN bzw. -0,20 m NN (Abb. 1).


Abb. 1 Abfallende Höhenlage der verschiedenen Siedlungshorizonte von Nord nach Süd. (Grafik: G. Kronsweide)

Im Laufe der Prospektion wurde deutlich, dass sich die kaiserzeitliche Besiedlung bis an den Rand der Priele erstreckte. Für den nordwestlich die Wurt umschließenden Priel konnte in den Suchschnitten eine Uferbefestigung aus Staketen und Flechtwerk zumindest partiell nachgewiesen werden. Des Weiteren wurde festgestellt, dass die wohl gegen Ende der Kaiserzeit verlandeten Priele im frühen Mittelalter als Siedlungsflächen genutzt worden sind. Bemerkenswert war zudem der Nachweis größerer Gruben, die südlich der Wurt aufgedeckt werden konnten und mit Muschelgrus gemagerte Keramik enthielten. Zwei bemerkenswerte Befunde wurden im südwestlichen Wurtrandbereich aufgedeckt: Unweit einer Brandbestattung konnte ein intentionell deponiertes Skelett eines großen Hundes freigelegt werden.

Da sowohl die Befunde südlich der Wurt als auch die Prieluferbefestigung bisher völlig unbekannt waren, wurde daraufhin in Übereinstimmung mit den Investoren beschlossen, ab August 2007 mit einem vergrößerten Team vordringlich den südlichen Bereich flächig zu ergraben. Ab Januar 2008 soll dann der westlich der Wurt gelegene Bereich, der vor allem das westliche Prielufer betrifft, untersucht werden. Im Folgenden werden die Befunde und Funde der Prospektion und der bisherigen Grabungen zusammengefasst und chronologisch vorgestellt. Aufgrund der laufenden Maßnahme konnte dabei nur eine vorläufige Auswahl getroffen werden.

Vorrömische Eisenzeit: Befunde der vorrömischen Eisenzeit wurden bisher an keiner Stelle aufgedeckt. Aus einem Suchschnitt im westlichen Wurtrandbereich konnten einige wenige Scherben geborgen werden, darunter mehrere Randscherben einer harten, schwarz polierten Ware mit schwach S-förmigem Profil, welche ins 6./5. Jahrhundert v. Chr. datieren.

Römische Kaiserzeit: Neben etwa einem halben Dutzend kleiner Siedlungsgruben, die nur wenige Wandungsscherben und Knochen erbrachten, bilden die Reste der ehemaligen Prieluferbefestigung die bei weitem umfangreichste Befundgattung. Aufgrund der hervorragenden Erhaltungsbedingungen im feuchten Kleiboden konnten eine Vielzahl von Staketen mit Flechtwerkresten freigelegt werden. Vielfach befand sich das Flechtwerk in schlechtem Zustand, d.h. es war nur noch teilweise erhalten bzw. die Staketen waren gebrochen und verlagert. An einigen wenigen Stellen befand sich das Flechtwerk noch weitgehend in situ. Zwei Konstruktionsmerkmale konnten bisher beobachtet werden:

1. Eine einfache Staketenreihe, wobei die Einzelstaketen meist in einem Abstand von 0,30 bis 0,40 m gesetzt worden waren. Die Staketen hatten eine Länge zwischen 0,50 bis 1,00 m und einen Durchmesser zwischen 0,03 bis 0,05 m. Meist wurden gerade gewachsene Äste verwendet, etwaige Astansätze abgeschlagen und die einseitig flach angespitzten Staketen anschließend in den Kleiboden gerammt. Rinde war noch vielfach vorhanden, in deutlich geringerem Maße waren die Staketen zwei- oder mehrfach angespitzt worden. Das Flechtwerk war in mehreren Lagen S-förmig um die Staketen geschlungen. Oft waren Zweige mit einem Durchmesser von 0,02 bis 0,03 m verwendet worden (Abb. 2).

2. Eine Doppelreihe von zwei gegenüberliegenden Staketen, wobei diese meist etwas länger (bis zu 1,40 m Länge) und dicker (bis zu 0,06 m Durchmesser) waren. Auch hier herrschten Abstände von 0,30 bis 0,40 m zwischen den Staketen einer Reihe vor. Die gegenüberliegenden Staketen waren zwischen 0,10 bis 0,20 m entfernt. Das Flechtwerk war dabei entweder im Zwischenraum deponiert worden oder ebenfalls S-förmig um die Staketen geschlungen. Da vor allem das Flechtwerk meist in schlechtem Zustand war, d. h. nur schlecht und bruchstückhaft erhalten, war es schwierig, Rückschlüsse auf die genaue Konstruktion zu ziehen. Bisher wurden ca. 400 Staketen freigelegt, die zum überwiegenden Teil aus Erlenholz gefertigt waren. Reste wurden sowohl am westlichen als auch am östlichen Prielrand aufgedeckt. Nach derzeitigem Bearbeitungsstand wurde die Befestigung vermutlich einige Male ausgebessert, bzw. dem veränderten Priellauf angepasst, wenn bestimmte Bereiche aufgrund starker Sedimentation verlandet waren.

Die spektakulärsten Befunde der gesamten Maßnahme dürften zwei aufgedeckte menschliche Bestattungen sowie ein Hundegrab darstellen. Bei den Bestattungen handelte es sich um Brandschüttungsgräber. Noch während der Prospektionsphase konnte knapp südwestlich der Wurt in einem bereits verlandeten Bereich des westlichen Priels eine Tierbestattung freigelegt werden. Eine Grabgrube war nicht zu erkennen, da die Verfüllung die gleiche Farbe und Konsistenz wie der umgebende Klei hatte. Zunächst war lediglich ein geringer Teil des Beckens nach einem Überputzen in der Fläche zu erkennen. Nach und nach konnte das Skelett eines großen Hundes freigelegt werden. Auffällig waren die exakte Nord-Süd-Ausrichtung mit Kopf im Norden, die Lage auf der linken Körperseite mit leicht angewinkelten Läufen und der eingeschlagene Schädel. Das Skelett wurde im Block geborgen und anschließend in der Werkstatt des Archäologischen Dienstes der Ostfriesischen Landschaft weiter freigelegt. Aufgrund fehlender datierender Funde kann die Tierbestattung nur grob stratigraphisch zwischen später Kaiserzeit und frühem Mittelalter eingeordnet werden. Höchstwahrscheinlich ist die Tierbestattung im Zusammenhang mit einer menschlichen Brandbestattung zu sehen, welche ca. 2,50 m östlich davon aufgedeckt werden konnte. Die annähernd rechteckige flache Grabgrube mit unregelmäßig verlaufenden Rändern war ebenfalls in den verlandeten Priel eingetieft worden. Die Nordwest-Südost ausgerichtete Grube hatte eine Länge von ca. 1,95 m. Die Breite betrug annähernd 1,15 m. Wie schon bei der Tierbestattung konnte keine Grabgrube entdeckt werden, da die obere Grubenverfüllung aus dem wieder eingefüllten anstehenden Klei bestand. Erst die Aufdeckung eines schmalen Holzkohlebandes am Grubenrand gab einen Hinweis auf den Befund. In die nur ca. 0,40 m flache Grube waren locker Leichenbrand und Holzkohlestücke eingestreut (Abb. 3). Aus der Brandschüttung konnten zwei kleine sekundär gebrannte Wandungsscherben geborgen werden, die nicht näher zu bestimmen waren. Aufschluss über eine genauere Datierung geben möglicherweise die im Block geborgenen Metallobjekte, die z. Zt. noch restauriert werden.

Eine weitere Brandbestattung konnte ca. 70 m vom ersten Grab entfernt in südöstlicher Richtung dokumentiert werden. Die ca. 2,10 x 0,65 Meter breite, langrechteckige, exakt Süd-Nord ausgerichtete Grube war sorgfältig angelegt worden. Sie lag nur knapp 0,20 m unterhalb der Grasnarbe im ausgeziegelten Bereich der Fläche und war in frühere Kleiaufträge der Wurt eingetieft worden. Die Oberkante der Brandschüttung lag bei -0,12 m NN. Im Gegensatz zur ersten Bestattung war hier der Leichenbrand sorgfältig ausgelesen und in einem ovalen Knochennest von ca. 0,15 mal 0,20 m Ausdehnung im nördlichen Grubenbereich deponiert worden. Aufgrund eines kopfüber in die Brandschüttung gestellten kleinen Trichterpokals lässt sich dieses Grab in die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts datieren (Abb. 4). Metallobjekte konnten nicht nachgewiesen werden. Durch die Lage direkt unter der Grasnarbe ist es wahrscheinlich, dass ehemals weitere vorhandene Bestattungen unbeobachtet beim Ausziegeln zerstört wurden.

Das geborgene Fundmaterial der römischen Kaiserzeit umfasst hauptsächlich Keramik des 1. bis 4. Jahrhunderts und stammt nahezu ausschließlich aus dem Priel bzw. aus Kleiaufträgen der Wurt. Besondere Erwähnung verdient der Fund einer Bodenscherbe aus südgallischer terra sigillata der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts, welche aus dem Priel geborgen werden konnte. Neben dem kleinen Trichterpokal der Bestattung stellt das Bruchstück einer versilberten Fibel der Almgren Gruppe VII sicherlich den bedeutendsten Fund aus der römischen Kaiserzeit dar. Das Bruchstück lag in einer Kleischicht westlich der Wurt und datiert in die 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts.

Frühes bis hohes Mittelalter: Die überwiegende Menge des bisher geborgenen Fundmaterials gehört dem 9. bis 11. Jahrhundert an. Es stammt hauptsächlich aus rund drei Dutzend Gruben und Gräben, die sich fast ausschließlich im südlich der Wurt liegenden Bereich konzentrierten. In Jemgumkloster konnte der Nachweis erbracht werden, dass auch außerhalb der eigentlichen Wurt umfangreiche Aktivitäten stattgefunden haben. Während die Gräben wohl der Entwässerung gedient haben und teilweise mit Siedlungsabfall verfüllt worden sind, ist die genaue Funktion der Gruben bisher noch unklar. Vorläufig lassen sich drei unterschiedliche Typen voneinander abgrenzen: 1. Sehr große langrechteckige (bis zu 14 m lange, ca. 2 m breite und bis zu 1,80 m tiefe) Gruben mit massiver Misteinfüllung, welche Sohle und Grubenwände regelrecht auskleideten (Abb. 5). 2. Gruben ähnlich großen Ausmaßes (bis 10 m Länge) aber mit wenig bis keiner Mistverfüllung. 3. Deutlich kleinere, rechteckige Gruben (bis zu 6,50 m lang, 3,50 m breit und 1,60 m tief) mit und ohne Misteinfüllung. Die Grubenwände aller Gruben waren fast immer senkrecht angelegt worden, die Grubensohle war meist schwach muldenförmig. Diese sorgfältige Konstruktion und die große Tiefe sprechen gegen eine Interpretation als reine Materialentnahmegruben. Zwar waren die Gruben mit Siedlungsabfall verfüllt, aus welcher Intention heraus die Gruben ursprünglich angelegt worden sind, ist bisher noch unbekannt. Bisher ist von handwerklichen Tätigkeit auszugehen, wobei neben Textil- auch Lederverarbeitung in Frage kommt. Immer wieder anzutreffende Webgewichte und der Fund eines als Glättstein zweit verwendeten Glasbarrenbruchstückes sind erste Indizien für diese Arbeitshypothese.

Das Fundspektrum umfasst neben zahlreichen Knochen hauptsächlich Scherben Muschelgrus gemagerter Kugeltöpfe und Tüllenschalen. Deutlich seltener wurden Scherben der Harten Grauware und in Einzelfällen auch Scherben Pingsdorfer Machart geborgen. Neben einer Reihe von Webgewichten, dem bereits erwähnten Glasbarrenbruchstück sowie Mahlsteinfragmenten aus Basaltlava ist vor allem der Fund eines hölzernen Trinkpokals hervorzuheben. Das Gefäß ist – wenn auch nur noch zur Hälfte – so doch außerordentlich gut erhalten, hat eine Höhe von 0,13 m, wurde aus Ahorn gedrechselt und letztendlich in einer großen mit Mist gefüllten Grube entsorgt (Abb. 6). Aus dieser Grube stammt ausschließlich Muschelgrus gemagerte Keramik. Funde solcher Holzgefäße sind außerordentlich selten und erhalten sich nur unter besonderen Bodenbedingungen. Parallelen sind für das 9. Jahrhundert bisher nicht bekannt.

Lit.: Bärenfänger, R., Küchelmann, H.C., Prison, H.: Der Hund aus dem Klei. Archäologie in Niedersachsen 11, 2008, im Druck. Brandt, K.: Untersuchungen zur kaiserzeitlichen Besiedlung bei Jemgumkloster und Bentumersiel (Gem. Holtgaste, Kreis Leer) im Jahre 1970. Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 7, 1972, 145-163. Uerkvitz, R.: Norddeutsche Wurten-Siedlungen im archäologischen Befund. Arbeiten zur Urgeschichte des Menschen 20. Frankfurt a. M., Berlin, Bern u. a. 1996.

H. Prison

Grabung Holtgaste 2008 (2710/5:45)

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