Abb. 1  massiver Holzunterbau eines Hauses mit
Rammpfählen (Foto: S. Busch-Hellwig).

 

 

 

 

 

 

 

 


Abb. 2 Die holzverschalte Zisterne mit tangierendem
Faßschacht. Darüber befindet
sich die aus Sandstein
gefertigte Wasserrinne
(Foto: S. Busch-Hellwig).


Abb. 3 Detail der Zisterne mit erhaltener äußerer
Verschalung
(Foto: S. Busch-Hellwig).


Abb. 4 Übereinandergestapelte Holzfässer als
Fassschacht. Daneben sind die Bretter der
holzverschalten Zisterne (Abb. 7) erkennbar 
(Foto: S. Busch-Hellwig).


Abb. 5 Grünglasiertes Tierköpfchen aus weißlichem
Ton (Foto: R. Bärenfänger).

Neuzeit

Emden-Faldern (2007)

FdStNr. 2609/1:74, Gde. Stadt Emden, KfSt. Emden

Im Gegensatz zur Altstadt von Emden, eine bis in die Zeit um 800 zurückzuverfolgende Wurtensiedlung, die sich während des Mittelalters zur Stadt entwickelte, ist von Mittelfaldern so gut wie nichts bekannt. Mittelfaldern, als Teil des heutigen Stadtzentrums zwischen der Altstadt und den beiden ehemaligen Dörfern und heutigen Stadtteilen Groß- und Kleinfaldern gelegen, bildete einst eine Halbinsel zwischen den beiden ältesten Häfen Emdens – dem Ratsdelft im Westen und dem Falderndelft im Osten.

Als die Stadt beschloss, die tief liegenden Rohre für Brauch- und Regenwasser in der Oldersumer Straße, die von Ost nach West quer durch Mittelfaldern führt, zu erneuern, geriet die angesichts dieser Lage im Boden zu erwartende Denkmalsubstanz in Gefahr, so dass die Ostfriesische Landschaft in Abstimmung mit dem Ostfriesischen Landesmuseum und der Stadt Emden die archäologische Betreuung der Bauarbeiten im Sommer 2007 übernahm.

Die Oldersumer Straße ist bereits auf dem ersten bekannten Stadtplan von Braun & Hogenberg aus dem Jahre 1575 eingezeichnet. Sie verbindet heute die Neutorstraße mit der Straße Am Brauersgraben, wird im Osten von der Wallstraße und auf halber Länge von der Daalerstraße gekreuzt. Ungefähr 40 m südlich befand sich einst das 1317 gegründete Franziskanerkloster, in welchem der ostfriesische Landeshäuptling Ulrich Cirksena 1464 vom Kaiser zum Reichsgrafen erhoben worden ist.

In den beiden 150 m bzw. 157 m langen, jeweils 1,20 m breiten Rohrgräben und den jeweiligen Anschlüssen in die Wall- und Daalerstraße konnten an einigen Stellen mehr oder weniger ungestörte Auftragsschichten bis in eine Tiefe von 4,50 m (-1,60 m NN) dokumentiert werden, wobei der anstehende Boden nirgends erreicht wurde. Anhand von Bohrungen ließ sich jedoch zeigen, dass es sich bei den untersten im Rohrgraben erfassten Schichten um die ersten Aufträge handelt, die zumeist aus festem grünlich-grauen Klei, vereinzelt auch aus Darg (mit Schlick durchsetzter Brackwassertorf) oder Schutt bestanden. Angesichts der daraus geborgenen Backsteinfragmente im Klosterformat dürften die Schichten bereits im 14./15. Jahrhundert aufgeschüttet worden sein.

In den etwas höher gelegenen Schichten wurde westlich der Daalerstraße nahezu die gesamte Häuserflucht der Vorkriegsbebauung in Ausschnitten erfasst, so dass hier über den Vergleich mit älteren Plänen und Ansichtskarten sicherlich weitergehende Informationen gewonnen werden können. Die Befunde lassen somit den ehemaligen Straßenverlauf erkennen, der entsprechend mindestens 1,50 m nördlicher als heute gelegen haben muss. Die Fundamente befanden sich zumeist im Südprofil des Rohrgrabens, so dass sie größtenteils erhalten werden konnten. Auf der Höhe des im Westen gelegenen Ostfriesischen Landesmuseums – der ehemals engste Bereich der Oldersumer Straße – hat sich die Front der einstigen Bebauung bereits ca. 5 m weiter nördlich befunden. Deshalb war es hier möglich, Gebäude- bzw. Kellerfußböden aus hochkant verlegten Backsteinen, die sich im Schnitt in einer Tiefe von ca. 2 m unter der Oberfläche fanden, sowie diverse wohl innerhalb der Häuser gelegene Mauerzüge in Ansätzen zu dokumentieren. Östlich der Daalerstraße verlief der Rohrgraben etwas weiter im Norden, so dass die einstige Bebauung hier nicht mehr zu fassen war. Lediglich in den südlich davon gelegenen Hausanschlussschächten zeigte sich flachgründiges Mauerwerk ohne erkennbare Zusammenhänge. Zudem fand sich an der Einmündung zur südlichen Daalerstraße ein Mauerwerk mit erhaltenen Teilen eines Fußbodens aus flach verlegten Backsteinen. Diese Verbindung zur Kleinen Brückstraße muss ehemals sehr eng gewesen sein – die Lücke zwischen den Fundamenten betrug gerade einmal 1,10 m. Auch die Wallstraße lag nach Ausweis der Befunde 1,80 m westlicher als heute.

Die in einer Tiefe von durchschnittlich 1,50 m unter der Oberfläche aufgedeckten Hausfundamente bestanden größtenteils aus massiven, dem Straßenverlauf folgenden Eichenbalken, die, um dem Druck der aufsitzenden, im Läufer- oder Blockverband konstruierten Mauerzüge standhalten zu können, von quer verlegten Hölzern unterzogen und oft auch von kleineren, oben eingelassenen Balken oder Bohlen zusammengehalten wurden (Abb. 1). Diese Konstruktionen hat man, dem instabilen Boden entsprechend, zumeist mit senkrechten Pfählen gerammt.

Einige dieser teilweise vor allem aus dem skandinavischen Raum importierten Hölzer konnten durch das Dendrochronologische Labor Göttingen (DELAG) datiert werden. Fundamente westlich der Daalerstraße erbrachten Fälldaten (von West nach Ost): „nach 1525“, „nach 1538“, „nach 1515“,  „1526 -6/+8“, „1523 -6/+8“ und „nach 1529“, wobei die ersten beiden Daten zu einem Gebäude gehört haben können. Eines dieser älteren, mit Muschelkalkmörtel vermauerten Häuser war bereits abgerissen und durch ein jüngeres Gebäude mit Betonfundament ersetzt worden. Das Datum „1526 -6/+8“, welches für einen bereits 2003 unter dem Ostfriesischen Landesmuseum geborgenen Balken ermittelt wurde, lässt sich hier nahtlos einreihen. Hausfundamente, die auf Höhe der Daalerstraße lagen und vermutlich zu dem genannten Gebäude mit Fußboden gehören, wurden zudem aus Eichen errichtet, die „1545 -6/+8“ gefällt worden sind. Stark verstürzte Fundamentbalken, die im Osten der Oldersumer Straße zu Tage traten, erbrachten ebenfalls ein Datum von „1545 -4/+8“. Die zeitliche Einordnung weiterer Baustrukturen konnte nur anhand der Backsteine erfolgen, deren Formate grob in die frühe Neuzeit verweisen. Nur in einem Fall wurden spätmittelalterliche Backsteine im Klosterformat, allerdings in sekundärer Verwendung vermauert. So legen hauptsächlich die auf naturwissenschaftlichem Wege gewonnenen Daten eine recht rasche Aufsiedelung der Oldersumer Straße von West, d. h. von der Altstadt ausgehend, nach Ost nahe. Da nicht in jedem Fall eine sekundäre Verwendung der Bauhölzer auszuschließen ist, sind die Daten mit einem gewissen Vorbehalt zu betrachten.

Nach den Schriftquellen begann Emden als Ziel hauptsächlich westfälischer Einwanderer bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts über seinen spätmittelalterlichen Siedlungsraum hinauszuwachsen, und zwar zunächst nach Norden und über den Ratsdelft nach Osten, nach Mittelfaldern. Um die Mitte der 30er Jahre erfasste ein allgemeines wirtschaftliches Wachstum die Stadt und hielt mehr oder weniger intensiv nahezu vier Jahrzehnte an. Dieser Entwicklung, die mit einer deutlichen Zunahme der Bevölkerung einherging, kamen die immer wieder aufbrechenden Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und den Habsburgern zu Gute, in deren Folge sich ökonomisch orientierte, ab 1544 zunehmend auch religiös motivierte Flüchtlinge nun v. a. aus den Niederlanden in Emden niederließen. Diese Zuwanderungswelle verdichtete sich nach 1567 nochmals, so dass um 1570 mindestens 15000 Menschen die Stadt bewohnten, wogegen Emden im Jahre 1530 nicht mehr als 4000 Einwohner vorzuweisen hatte. So wurden nach Mittelfaldern auch Groß- und Kleinfaldern als Besiedlungsraum immer begehrter und in das Stadtgebiet integriert.

Vor diesem Hintergrund verweisen die Befunde in der Oldersumer Straße auf einen nahezu planmäßigen Siedlungsausbau als Folge der genannten politischen und ökonomischen Entwicklung. Folglich dürfte das bereits 1368 mittels einer über den Ratsdelft führenden Brücke mit der Altstadt verbundene Mittelfaldern, vom mittelalterlichen Franziskanerkloster abgesehen, erstmals mit Beginn des 16. Jahrhunderts besiedelt und um die Mitte des Jahrhunderts vollständig mit dicht an dicht stehenden Gebäuden bebaut gewesen sein.

Neben den Hinweisen zu den besiedlungsgeschichtlichen Abläufen lieferten die baubegleiteten Maßnahmen auch Aufschlüsse zur Wasserversorgung Emdens in der frühen Neuzeit. Wie in mittelalterlichen Städten üblich, wurde auch in Emden Wasser aus flach angelegten Brunnen geschöpft. Dennoch war das standortbedingt v. a. in tieferen Horizonten stark kalk-, eisen- und salzhaltige Wasser nicht zum Trinken geeignet. Deshalb war man schon früh auf Regenwasser angewiesen, welches seit dem Mittelalter in Zisternen (sog. Backen) gesammelt worden ist.

Vier solcher Anlagen, darunter eine Doppelzisterne, konnten im Verlauf der Oldersumer Straße in Teilen ausgegraben werden. Dazu kommen drei Objekte, die nur unter Vorbehalt als Zisternen angesprochen werden können. Hilfreich war das Aufbaggern von Gräben für die Hausanschlüsse, die einen dreidimensionalen Blick auf die zumeist nur im Rohrgrabenprofil erkennbaren Befunde zuließen. Die 1,60 - 2,50 m langen, 1,30 - 2,00 m breiten und 1,70 - 2,40 m hohen Zisternen orientierten sich West-Ost mit nur wenigen Zentimetern Abstand an die südlich gelegene Häuserflucht. Schlüsse aus deren Verteilung zu ziehen verbietet sich hier, da nur die außerhalb der Gebäude liegenden Befunde erfasst werden konnten und sich derartige Anlagen oft auch im Inneren der Häuser befunden haben. Zudem besaßen sicher nicht alle Einwohner der Stadt eine gemauerte Zisterne; ärmere Bevölkerungsteile mussten sich wohl eher mit einfachen Holzfässern zufrieden geben. Die sämtlich mit einem Tonnengewölbe ausgestatteten Bauten zeigen eine recht ähnliche Konstruktion. Zumeist wurden die annähernd 1 m unter dem Asphalt gelegenen Zisternen mit einem leichten Unterbau aus Holz in die Siedlungsschichten eingetieft. Die Böden lagen oft etwas höher als die Unterkante der Zisternenwände. Das Mauerwerk im einfachen Läuferverband wurde in den meisten Fällen mit Muschelkalk vermörtelt und hauptsächlich im oberen, vermutlich oberirdisch gelegenen Bereich verputzt. Im Innenraum treten Verschalungen aus verputzten kleinen gelben Backsteinen – „Friese geeltjes“ genannt – und / oder gelb- und grünglasierten Fliesen auf. Zudem hat sich bei einer Anlage der viereckige, auf das Gewölbe aufsitzende Zisternenhals erhalten. Einmal wurde in einer späteren Phase verstärkendes, bereits zementvermörteltes Mauerwerk auf das Gewölbe angebracht. Überraschenderweise wurden in einem Fall die zum Bau benötigten Spundwände im Boden belassen (Abb. 2). Diese Zisterne fiel zudem aufgrund ihrer äußeren Holzverschalung auf (Abb. 3). Die teilweise importierten Kiefernhölzer erbrachten als jüngstes und damit relevantes Datum „≥ 1579“. Neben Mauerzügen, die wohl eine Gebäudeecke bildeten, verlief über der Zisterne eine Wasserrinne aus Sandstein, die auf ein ehemaliges Straßenniveau 0,85 m unter der heutigen  Oberfläche verweist. Einen Datierungsansatz für die übrigen Anlagen lieferten die vereinzelt mitvermauerten, bereits erwähnten „Friese geeltjes“, die aus dem niederländischen Raum um Harlingen stammen dürften und frühestens in das zweite Viertel des 17. Jahrhunderts gehören.

Auffällig sind die in drei Fällen im Profil erfassten, jeweils im Abstand von nur wenigen Zentimetern zu einer Zisterne gelegenen Schächte aus übereinander gestapelten Holzfässern, die eine gewisse Zusammengehörigkeit suggerieren (Abb. 4). Dazu treten drei Fässer, die zwar nur im Planum zu erkennen waren, angesichts ihrer analogen Position aber vermutlich ebenfalls Bestandteil solcher Schächte gewesen sein dürften. Ein Weiteres wurde neben einem Hausfundament entdeckt. Oft wurden die Dauben der Fässer von Weidenrutenreifen zusammengehalten. Einige weisen zudem Fassmarken auf. Zweimal konnte die Unterkante der Schächte bei -0,98 m NN bzw. bei -0,04 m NN dokumentiert werden. Die anderen Befunde reichten über die Rohrgrabensohle hinaus. An keiner Stelle war es möglich, das zeitliche Verhältnis der Schächte zu den Zisternen zu klären, zumal die Holzfässer aufgrund ihrer sekundären Verwendung nicht beprobt wurden. Die Funktion der Schächte konnte ebenfalls nicht abschließend geklärt werden. Da die Zisternen jünger als die zugehörigen Gebäude zu sein scheinen, handelt es sich eventuell um Brunnen, die später von den Zisternen abgelöst worden sind. Vielleicht dienten sie aber auch als Drainage, um den Grundwasserspiegel im Bereich der Zisternen so zu senken, dass keine Verschmutzung derselben durch pflanzliche Verwesungsprodukte aus den durchstoßenen Dargschichten erfolgen konnte. Daneben ist ein gleichzeitiges Bestehen nicht auszuschließen.

Den jüngsten Befund stellt die der nördlichen Oldersumer Straße folgende, vor 1879 errichtete städtische Riole 4 (Abwasserkanal) mit ihren Abzweigungen in die Wall- und die nördliche Daalerstraße samt einem Hausanschluss dar. Dazu treten zwei Anschlüsse der ebenfalls vor 1879 errichteten Privatriole 7. Die Hauptriole weist einen runden Querschnitt bei einem Durchmesser von 0,88 m auf, wogegen die kleineren Hausanschlüsse mit Tonnengewölbe konstruiert worden sind. Sie entwässerte in das Osterpiepentief, welches einst die Verlängerung des Falderndelftes bildete. Dabei wurde durch die Niveaudifferenz des Hoch- und Niedrigwassers eine sehr wirksame Spülung bewirkt. In den gleichen funktionalen Kontext gehört ein im äußersten Osten der Oldersumer Straße in 3 m Tiefe entdeckter, auf 4,40 m erfasster viereckiger Abwasserkanal aus Kiefernbohlen, der, mit Eichenbrettern abgedeckt, ebenfalls sehr stark zum Osterpiepentief abfällt.

Das umfangreiche Fundmaterial, darunter diverse Bruchstücke von Steinzeuggefäßen und ein aus Knochen gefertigter Pulverhornaufsatz, stammt nahezu ausschließlich aus den Auftragsschichten und ist hauptsächlich dem 16. und 17. Jahrhundert zuzuweisen. In diesen Zeitraum gehört auch ein grün glasiertes Tierköpfchen aus weißlichem Ton (Abb. 5).

Lit.: Damm, A., Edzards, R., Hoffmann, G.: Regenwasser als Trinkwasser – und was dann? Zur Problematik der Wasserversorgung im Einflussbereich des Meeres am Beispiel der Stadt Emden . In: G. M. Veh u. H.-J. Rapsch (Hrsg.), Von Brunnen und Zucken, Pipen und Wasserkünsten. Die Entwicklung der Wasserversorgung in Niedersachsen. Neumünster 1998, 270-275. Schmidt, H.: Geschichte der Stadt Emden von 1500-1575. Geschichte der Stadt Emden I. Ostfriesland im Schutze des Deiches 10. Leer 1994, 162-269. Rasink, B.: Fundchronik Niedersachsen 2003. 227: Emden OL 2609/1:65. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte Beiheft 10, 2004, 138.

S. Busch-Hellwig

Fundchroniken  Zeittafel Grabungen 2007