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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2018 |

 

ARCHÄOLOGISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2018

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2018", S. 44-53"

 

Archäologische Landesaufnahme und Denkmalpflege

Die langfristige Sicherung und Bereitstellung aller Grabungsdokumentationen, eine der Kernaufgaben des Archäologischen Dienstes, wurden im Berichtsjahr weiter fortgesetzt. Nachdem das Verpacken der Ausgrabungsdokumentation in säure- und metallfreie Kartonagen abgeschlossen war, wurde von Heike Reimann die gesamte Dokumentation per Scanner digitalisiert und somit gesichert und bereitgestellt. Für weitere Materialien wie die ca. 150.000 durch Verfärbung und Pilzbefall gefährdeten Diapositive und -negative, die andere Lagerungsbedingungen als Papier benötigen, ist noch keine Lösung gefunden worden. Diese müssten vollständig digitalisiert werden, was aus logistischen und finanziellen Gründen nicht im Hause durchgeführt werden kann. Solange diese Probleme nicht gelöst sind, müssen die Bilder möglichst kühl und trocken gelagert werden. Bereits erfolgt ist die Trennung von Dias und anderen Medien aus den papierenen Akten.

Die seit 2017 vorhandenen Airborne Laserscandaten konnten noch nicht für eine zweite archäologische Landesaufnahme genutzt werden. Aufgrund der ungeklärten Kostenfrage ist die Nutzung durch die Datenbank des Landesamtes für Denkmalpflege (ADABweb) noch nicht gesichert. Einzelne Flächen konnten bereits für Projekte oder Bauleitverfahren gekauft werden. Eine flächendeckende Nutzung und Auswertung steht aber noch aus.

 Der Landesaufnahme durch Feldbegehungen muss nun aktuell eine Sichtung der Laserscans und Überprüfung der Merkmale im Gelände zur Seite gestellt werden. In Kooperation mit Jens-Uwe Keilmann (LGLN) wurden sowohl Betrachtungsparameter für die Punktwolken erarbeitet, um die archäologisch relevanten Ebenen betrachten sowie die bekannten Fundstellen zu den Strukturen im Scan in Relation setzen zu können. Zu den im südlichen Bereich von Ostfriesland (Südgrenze bis südlich von Weener) bekannten 361 Fundstellen treten nach einer ersten Sichtung mindestens 107 neue unbekannte Strukturen. Darin sind noch keine älteren Acker- oder Grabenstrukturen, wie sie z.B. im Rheiderland sehr zahlreich zu erkennen sind, eingerechnet worden. Aus diesen Ergebnissen resultieren der Bedarf einer neuen flächendeckenden Sichtung im Laserscan und daran anschließend eine Verifizierung im Gelände. Nicht nur Bauwerke sind in den Laserscans zu erkennen, sondern auch Wege, Gräben, Burgen, Ackersysteme, abgetragene Hügel etc. Hieraus ergibt sich eine Aufgabe für die nächsten Jahre.

Die Zahl der Metallsondengänger bleibt weiterhin massiv hoch. Dies betrifft ebenso die nach einer Genehmigung Ersuchenden wie auch die bereits zertifizierten Sondengänger. Für die Betreuung der Sondengänger selbst, aber auch ihrer Tätigkeiten ist ein beträchtlicher Zeitaufwand notwendig. Zurzeit werden 46 lizenzierte oder im Kurs befindliche Sondengänger betreut. Weiterhin ist die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die neue und alte Funde zu Bestimmung abgeben, gleichbleibend hoch. Das Spektrum reicht dabei von unbearbeiteten Flintknollen bis zu Keramikfragmenten aller Zeitepochen. Mit dem Fund steinzeitlicher menschlicher Unterkiefer von den Inseln Baltrum und Spiekeroog sind bei der Bevölkerung nun auch Knochenfunde von den Spülsäumen der Inseln in den Fokus gerückt. Da eine Expertise zur Bestimmung von anthropologischen Funden beim Archäologischen Dienst nicht vorgelegt werden kann, werden die meisten solcher Funde in Kooperation mit der Anthropologin Dr. Silke Grefen-Peters, Braunschweig, bearbeitet.

Im vergangenen Jahr hat der Aufwand für die archäologische Begutachtung von Bauverfahren und die darauf folgenden archäologischen Maßnahmen nochmals erheblich zugenommen. So war die Abteilung Archäologie an 5 Ausgrabungen, 65 Prospektionen, 25 Baubegleitungen sowie 9 Bearbeitungen nach Fundmeldung beteiligt. Außerdem wurde je eine geophysikalische Untersuchung und eine Feldbegehung durchgeführt. In 1.650 Fällen fand eine Beteiligung am Bauleitverfahren statt. Bei den Verfahren handelt es sich um Bebauungs- und Flächennutzungspläne (1.531), Bodenabbau (20), Flurbereinigungen (4), Windparks, Windenergieanlagen, Trassen und Leitungen (12), Planfeststellungs- und Raumordnungsverfahren (30) und sonstige Verfahren (46).

Auch 2018 nahmen zahlreiche Ehrenamtliche, Praktikantinnen und Praktikanten an Ausgrabungen teil.

 

Ausgrabungen und Funde

 

Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit

2018 fand der Urlauber Christian Groger am Baltrumer Nordstrand einen menschlichen Unterkiefer. Er erkannte darin ein menschliches Fossil und setzte sich mit dem Forschungsinstitut der Ostfriesischen Landschaft in Verbindung. Dieses nahm die Entdeckung zum Anlass, einen bereits 2016 auf Spiekeroog ebenfalls am Strand gefundenen Unterkiefer untersuchen zu lassen. Beide Unterkiefer stammen vermutlich von männlichen erwachsenen Individuen und weisen einen archaischen Charakter auf. Eine mit Mitteln der Inselgemeinde Baltrum finanzierte 14C-Datierung der Funde fiel überraschend alt aus: Der Spiekerooger Unterkiefer stammt demnach aus dem 6. Jahrtausend vor Christus, der Baltrumer Unterkiefer mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem 4. Jahrtausend v. Chr.

Zwei Oberflächenfunde aus Holtland datieren ebenfalls in die jüngere Steinzeit. Von einem Acker in der Nähe der Ortschaft stammt ein ca. 13 cm langes Felsgesteinbeil aus Amphibolit-Hornblendeschiefer. Die Entdeckung dieses Beiles motivierte einen Nachbarn des Finders, ein bereits 2003 entdecktes vollständiges Feuersteinbeil dem Archäologischen Dienst zu übergeben. Das Stück wurde aus dem seltenen sogenannten roten Helgoländer Flint gefertigt. Anhand der Formgestaltung lässt sich ein neolithisches, möglicherweise trichterbecherzeitliches Alter schätzen.

Mittelalter

Am Südwestrand einer bekannten Fundstelle wurden bei der Untersuchung eines Baugrundstücks in Middels-Westerloog auf einem nach Norden und Westen abfallenden Geestrücken Teile einer wahrscheinlich frühmittelalterlichen Siedlung entdeckt. In dem nur kleinen Flächenausschnitt wurden zumeist Gruben und Gräben entdeckt, aus denen Muschelgrusware und Fragmente von Mahlsteinen aus Basaltlava geborgen werden konnten.

In der Ortschaft Jemgum wurden bei nicht genehmigten Bodeneingriffen auf der nördlichen Langwurt Erdarbeiten durchgeführt, die bis in eine Tiefe von 4 m reichten. Leider konnten lediglich Funde aus dem Abraum geborgen werden, da sich eine Untersuchung aus Sicherheitsgründen verbot. Das geborgene Fundmaterial besteht hauptsächlich aus Keramik. Es überwiegen Fragmente von Kugeltöpfen der harten Grauware des 13./14. Jahrhunderts. Eine leistenverzierte Wandscherbe datiert ins 14. Jahrhundert, es sind aber auch ältere Stücke des 11./12. Jahrhunderts sowie auch muschelgrusgemagerte Keramik des 9./10. Jahrhunderts vorhanden.

Im Januar 2018 wurden die Ausgrabungen im Ortskern von Hesel abgeschlossen, die durch die geplante Errichtung einer Seniorenwohnanlage notwendig waren. In dem gut 5.500 m² umfassenden Areal wurden vor allem verschiedenste Siedlungsspuren des frühen und hohen Mittelalters entdeckt.

Während der östliche Teil der Grabungsfläche teilweise stark von der rezenten Bebauung gestört war, konnten im westlichen Bereich fast ungestörte Reste der mittelalterlichen Siedlung aufgenommen werden. Die frühesten Spuren dieser Siedlung datieren in das Ende des 8. Jahrhunderts. In Logabirum wurde eine seit längerem vorgesehene Ausgrabung begonnen. Bereits im April wurde durch Suchschnitte der Nachweis eines spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Gehöftes erbracht. Die archäologische Dokumentation dieser Befunde wird im Frühjahr 2019 abgeschlossen. Hinweise auf die frühe Häuplingszeit ergaben sich bei Voruntersuchungen in Borssum. Im Zuge des Abrisses eines Wohnhauses auf der Dorfwurt wurden Mauerzüge aus Klosterformatbacksteinen freigelegt, die anschließend mit Unterstützung der Bauherrin dokumentiert wurden.

Hierbei kam eine Mauerecke einer größeren Anlage ans Licht, die in ältere Wurtenschichten eingebaut war. Funde deuten auf einen spätmittelalterlichen Bau hin. Mehrere mit Muschelkalkmörtel vermauerte Lagen aus Backsteinen liegen einer Holzsubstruktion auf. Da sich trotz der dokumentierten Länge der Nordmauer von 14 Metern keine weitere Mauerecke hat feststellen lassen, überschreitet das Bauwerk die sonst üblichen Maße eines Steinhauses in Ostfriesland deutlich. Es handelt sich vermutlich um die Überreste der ehemaligen Westerburg.

Im Oktober begannen die Ausgrabungen im ehemaligen Postareal in Aurich. In dem großen Baufeld waren erhebliche Bereiche durch Gebäude ab der Zeit um 1800 gestört, ebenso wie durch den einstigen Schlossgraben. Das Areal konnte aufgrund von Schriftquellen und Flurgrenzen bereits im Vorfeld der Untersuchungen als Burgareal angesprochen werden. Diese den tom Brok zuzuweisende Burg war der Vorgängerbau der weiter südlich neu erbauten Burg der Cirksena im heutigen Schlossbereich. In einem ungestörten Bereich von ca. 25 x 15 m fand sich ein noch ca. 8 x 8 m großes Gebäude aus Klosterformatsteinen mit vier Räumen. In einem der Räume waren zwei Kamine integriert. Das Gebäude weist mindestens drei Nutzungs- bzw. Umbauphasen auf. Damit ist ein äußerst gut erhaltener Teil der ehemaligen Burganlage nachgewiesen. Die Ausgrabungen werden erst im Folgejahr abgeschlossen.

Neuzeit

Im Anschluss an eine 2013 durchgeführte archäologische Ausgrabung in Stapelmoor wurde eine gut 5.000 m² umfassende Fläche in wenigen Wochen untersucht. Hier wurde das Umfeld eines mittelalterlichen Steinhauses vermutet, das durch einen Graben bereits nachgewiesen war und welches vermutlich im 15. oder 16. Jahrhundert abgebrochen wurde. Bei der Ausgrabung zeigte sich – trotz gegenteiliger Prospektionsergebnisse – das untersuchte Areal weitgehend frei von Baubefunden. Stattdessen erwies sich, dass der Bereich bereits seit dem Mittelalter intensiv landwirtschaftlich genutzt wurde, wobei teils enormer Aufwand zur Wasserableitung betrieben wurde. Der Graben des Steinhauses wurde bei der Maßnahme erneut angetroffen. Neue Erkenntnisse ließen sich daraus allerdings nicht gewinnen.

Bereits 2016 kamen beim Abriss eines Gebäudes auf einem Grundstück an der Ecke Hof von Holland/Bollwerkstraße im Emder Stadtteil Großfaldern Backsteine im Klosterformat zutage. Nach langwierigen Planungen wurde eine kurze Ausgrabung verabredet, da das geplante neue Gebäude vollständig unterkellert werden sollte. Bei den Ausgrabungen kamen unter schwierigen Bedingungen mehrere übereinanderliegende Hausgrundrisse zum Vorschein. Die ältesten datieren in das 16. Jahrhundert. Von diesen Gebäuden waren in Teilen Keller erhalten, die wohl als Gerberräume gedient haben. Aufgrund der guten Erhaltungsbedingungen im feuchten Untergrund waren auch hölzerne Konstruktionselemente und -einbauten erhalten.

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