OSTFRIESISCHE LANDSCHAFT - REGIONALVERBAND FÜR KULTUR, WISSENSCHAFT UND BILDUNG
DATENSCHUTZ | IMPRESSUM | TELEFONZENTRALE: +49 (0)4941 17 99 0
Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2017 |

Fundbericht 2017

 

ARCHÄOLOGISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2017

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2017, S. 54–65"

 

Archäologische Landesaufnahme und Denkmalpflege

 

 

Während der Zustand der völlig erschöpften Kapazitäten der Magazinräume des Archäologischen Dienstes/Forschungsinstituts aufgrund des in absehbare Zeiträume gerückten neuen Magazins nicht mehr verändert wird, ist die prekäre Situation des Archivs schriftlichen Grabungsdokumentationen im Berichtsjahr angegangen worden. Die langfristige Sicherung und Bereitstellung aller Grabungsdokumentationen ist eine der Kernaufgaben des Archäologischen Dienstes. Nach dem Erwerb umfassender archivfähiger Kartonagen am Jahresende wurde von Frau H. Reimann begonnen, die papierne Dokumentation archivfähig zu machen. Die bisher in Aktenordnern aufbewahrten Dokumente werden dafür zunächst von jeglichen metallenen Nadeln und Klammen befreit. In einem weiteren Schritt werden sie per Scanner digitalisiert und dann liegend in säurefreien Archivkartons verpackt. Materialien wie Diapositive und -negative, die andere Lagerungsbedingungen als Papier benötigen, werden entnommen und in einem nächsten Arbeitsschritt versorgt. Voraussichtlich ist nur für die mehr als 500 Din A 4-Ordner noch das gesamte Jahr 2018 notwendig. Noch nicht geklärt sind die komplette Umstellung auf säurefreies Papier und die Digitalisierung der durch Verfärbung und Pilzbefall gefährdeten Dias. Bereits erfolgt ist die Entnahme von Dias und anderen Medien aus den Ortsakten, die auf kurze Sicht ebenfalls digitalisiert werden müssen.

 Eine besondere Form der archäologischen Landesaufnahme stellen die nun seit 2017 vorhandenen Airborne Laserscandaten dar. Es hat sich bereits gezeigt, dass eine der Kernaufgaben des Archäologischen Dienstes, die Kartierung und Inventarisierung der archäologischen Fundstellen, mit Hilfe dieser Daten noch erneut komplett überarbeitet werden muss. Der Landesaufnahme durch Feldbegehungen muß nun aktuelle eine Sichtung der Laserscans und Überprüfung der Merkmale im Gelände zur Seite gestellt werden. In Kooperation mit Herrn J.-U. Keilmann (LGLN) wurden sowohl Betrachtungsparameter für die Punktwolken erarbeitet, um die archäologisch relevanten Ebene betrachten zu können, als auch die bekannten Fundstellen zu den Strukturen im Scan in Relation setzen zu können. Zu den im südlichen Bereich von Ostfriesland (Südgrenze bis südlich von Weener) bekannten 361 Fundstellen treten nach einer ersten Sichtung mindestens 107 neue unbekannte Strukturen. Darin sind noch keine älteren Acker- oder Grabenstrukturen, wie sie z.B. im Rheiderland sehr zahlreich zu erkennen sind, mitgezählt worden. Aus diesen Ergebnissen resultieren der Bedarf einer neuen flächendeckenden Sichtung im Laserscan und daran anschließend eine Verifizierung im Gelände. Nicht nur Bauwerke sind zu erkennen, sondern auch Wege, Gräben, Burgen, Ackersysteme, abgetragene Hügel etc. Hieraus ergibt sich eine Aufgabe für die nächsten Jahre.

 Die Zahl der Metallsondengänger hat sich weiter massiv erhöht. Nicht in allen Fällen erfolgt eine adäquate Rückmeldung der Arbeiten an den Archäologischen Dienst, so dass ein beträchtlicher Zeitaufwand zu Ermittlung der Tätigkeiten der Sondengänger notwendig ist. Zurzeit werden 32 lizenzierte oder im Kurs befindliche Sondengänger betreut, für die ein erheblicher Aufwand für die Bewertung, Dokumentation und Konservierung der an die Finder zurückgehenden Funde zu verzeichnen ist. Bei Fundmengen von mehreren hundert Objekten je Sondengänger ist eine komplette Sichtung und Dokumentation der Funde in einem kurzen Zeitraum nicht mehr möglich.

 Die Zahl der Bürger, die neue und alte Funde zu Bestimmung abgeben, hat sich stark erhöht. Das Spektrum reicht dabei von Flintknollen bis zu Keramikfragmenten der Römischen Kaiserzeit von den Inseln Spiekeroog und Norderney, die als eine kleine Sensation zu bezeichnen sind.

 Für den reformierten Friedhof in Leer Westerende und die Gemeinde Moormerland wurden sowohl Unterlagen des Projektes Memento mori zu den Aspekten des kulturellen Wandels der Bestattungskultur im deutsch-niederländischen Küstengebiet als auch speziell angefertigte Unterlagen zur Bestandaufnahme der Friedhöfe und zur Konzeptentwicklung für Sicherung und Inwertsetzung bereitgestellt. Die Gemeinde Moormerland hat mit Herrn Nils Siemen einen engagierten Wirtschaftsförderer und Touristiker eingestellt, der ausgewählte Friedhöfe in Wert setzen und präsentieren wird.

 Im vergangenen archäologischen Jahr waren 10 Ausgrabungen sowie 48 Prospektionen und 33 Baubegleitungen, 5 Bohrprospektionen sowie 6 Bearbeitungen nach Fundmeldung zu verzeichnen. In 951 Fällen fand eine Beteiligung am Bauleitverfahren statt. Bei den Verfahren handelt es sich um Bebauungs- und Flächennutzungspläne (853), Bodenabbau (15), Flurbereinigungen (7), Windparks, Windenergieanlagen, Trassen und Leitungen (7), Planfeststellungs- und Raumordnungsverfahren (17) und sonstige Verfahren (52).

 Auch 2017 nahmen zahlreiche Ehrenamtliche und Praktikanten an Ausgrabungen teil.


Ausgrabungen und Funde

 

Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit

 

Durch den ehrenamtlichen Sammler Johann Müller wurde eine bereits bekannte mesolithische Fundstelle bei Reepsholt in ihrer Ausdehnung verifiziert und kann so nun zunächst geschützt und später gezielt untersucht werden.

Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung wurde im Staatsforst in Willen der mutmaßliche Überrest eines bronzezeitlichen Grabhügels dokumentiert. Der Hügel ist von Tiergängen durchzogen, über ihn führt ein Weg für Arbeitsgeräte.

 

Römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit

 

Im Berichtsjahr wurden auf Spiekeroog, Norderney und Borkum Keramikfragmente aus den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt gefunden. Die Norderneyer und Spiekerooger Funde stammen dabei jeweils von der Nordseite der Inseln unmittelbar am Übergang zum Sandstrand oder vom landseitigen Teil des Sandstrandes. Auffällig ist der gute Erhaltungszustand der Stücke, der darauf hinweist, dass sie von den Inseln stammen und nicht angeschwemmt worden sind. Die Fragmente von Norderney sind nach Angabe der Finder aus einem dunklen Schlickpaket geborgen worden. Dieser Umstand sowie die in jüngster Zeit auffällig häufigen Funde dieser Zeitstellung lassen vermuten, dass durch die Drift der Inseln alte Oberflächen und Ablagerungen am Inselrand abgetragen werden. Jedoch ist bei solchen Einzelfunden ohne Befundzusammenhang Vorsicht bei der Interpretation geboten. Eine andere Situation stellte sich auf Borkum dar: hier wurden Leitungsarbeiten im Ortskern archäologisch begleitet. Dabei zeigte sich in der Kirchstraße in einem Profil eine dunkle Siedlungsschicht, aus der ebenfalls ein Keramikfragment der Römischen Kaiserzeit geborgen wurde. Die Insel scheint also in den ersten Jahrhunderten seit der Zeitenwende bereits besiedelt gewesen zu sein.

 

 

Mittelalter

 

Auf der bereits im Vorjahr im oberen Hangbereich prospektierten Parzelle Marienhafe, Am Markt 13, wurde im Berichtsjahr der untere Hangbereich untersucht. Die Parzelle liegt am Rand der Wurt und fällt nach Westen hin stark ab (Höhe Parzelle an der Straße +4,5 m ü NN; Höhe Parzelle am Fuß +0,7 m ü NN), am Fuß befindet sich ein kleines Gewässer. Der Prospektionsschnitt von 2016 wurde entlang der Mitte der Parzellenbreite auf der Straßenfront von der der Kirche zugewandten Seite aus über 39 m Länge hangabwärts/siedlungsauswärts geführt und zeigt so einen Querschnitt durch die Bebauungsstruktur der Parzelle. Bereits der angetroffene Gewölbekeller deutete wie auch die exponierte Lage der Parzelle in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche, darauf hin, dass hier betuchte Bürger wohnten. Um den Übergang in die Marsch und die Lage etwaiger Wasserläufe im Detail klären zu können, wurde am unteren Hang ein Baggerschnitt von 14 m Länge angelegt. Neben der Abfolge der Siedlungsaufträge konnte ein hier einst gelegener privater Bootsanleger beobachtet werden. Dieser wurde zunächst unbefestigt genutzt und daraufhin in zwei Phasen befestigt.

Am Rand des Friedhofes von Wiesens wurde bei einer Baggerprospektion eine frühmittelalterliche Siedlungsgrube mit Muschelgruskeramik angetroffen.

Die seit 2009 laufenden Ausgrabungen des frühmittelalterlichen Weilers von Brinkum im Liddenweg wurden abgeschlossen. Zu der im Süden des ausgegrabenen Areals dokumentierten mehrphasigen und dicht bebauten Siedlung tritt nun nördlich davon ein großer, wohl einst repräsentativer einzelner Hof mit zahlreichen Nebengebäuden und Speichern, die weit über die Fläche verteilt sind.

Im Frühjahr 2017 wurden am Borromäus-Hospital in Leer Ausgrabungsarbeiten notwendig. Das Baugelände inmitten der Leeraner Altstadt befindet sich in dem Bereich, in dessen Umgebung die 1421 erbaute und bereits um 1431 wieder zerstörte Fockenburg des ostfriesischen Häuptlings Focko Ukena vermutet wird. Das Areal wird geprägt durch zwei Grabenläufe, von denen einer fast 21 Meter breit ist. Hier scheint es sich um den Hauptgraben der Burg gehandelt zu haben, der das Gelände in einem Viereck umfasste. So können die heute noch zu erahnenden und auf alten Stadtplänen als Bleiche eingetragenen Gräben bei der Haneburg und dem heutigen Claas-Wolff-Pad zu diesem Konstrukt gehört haben. Der innere Graben misst in der Breite annähernd 10 m und zeigt ebenfalls Einträge einer Nutzung als Wassergraben. Da die Burg nach nur knapp zehn Jahren ihres Bestehens eingenommen und geschleift wurde, verwundert die geringe bei der Ausgrabung angetroffene Anzahl der spätmittelalterlichen Funde nicht.

Eine weitere Burganlage bzw. ein weiteres Steinhaus wurde in Borssum am Zingel angetroffen. Dort waren vier mächtige Stiepen als Fundamentsockel erhalten geblieben. Die aus Backstein errichteten vier Gebäudeecken von 1,3 x 1,3 m Größe weisen noch bis zu zehn erhaltene Steinlagen auf und erreichen damit Höhen von bis zu einem Meter. Der Abstand der Sockel untereinander beträgt ca. 2,6 m. Die Backsteine haben Maße von 30 x 15 x 9 cm und sind in Kalkmörtel versetzt. In zwei Fällen wurde ein trapezoider Unterbau von 1,5 x 1,9 bzw. 1,4 x 1,6 m Größe beobachtet. Es bestand ein Vorgängerbau, der aufgrund von erhaltenen Teilen älterer Fundamentstipen unter den vier Sockeln erkannt werden konnte.

In Hesel wurde im Ortskern eine große Parzelle flächig untersucht. Dabei zeigte sich, dass der Bereich vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart besiedelt war. Interessanterweise wurden drei mittelalterliche Siedlungsphasen angetroffen, die in einem Fall sogar durch einen Plaggeneschauftrag getrennt waren.

Im Inneren der Ludgerikirche in Norden wurden Bauarbeiten betreut, bei denen Mauerreste aus Klosterformatsteinen, Grabsteine und Gewölbekeller zu Tage kamen.

Weitere Aufschlüsse mit mittelalterlichen Schichten oder Strukturen wurden in Hamswehrum und in der Großen Straße in Emden bearbeitet. Da in einigen Fällen umfassende archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchung erfolgen, liegen noch nicht alle Ergebnisse vor. Auch am Rosentief in Emden wurden Bohrsondagen durchgeführt. Aufgrund von Bodenbelastungen musste hier unter extrem erschwerten Bedingungen gearbeitet werden. Neben einer ständigen Arbeit im Vollschutz mussten spezielle Reinigungsmaßnahmen aller Gegenstände und Kleidungsstücke durchgeführt werden.

In Ditzum wurde auf einer Parzelle an der Sielstraße, die neu bebaut werden sollte, ein Bohrraster angelegt. In den Bohrkernen zeigten sich Anzeichen für landwirtschaftliche Tätigkeit in der frühen Phase der Besiedlung auf der Wurt, die jedoch aufgrund fehlender Funde nur naturwissenschaftlich datiert werden können.

 

Neuzeit

 

Die Ausgrabungen am Steinhaus Bunderhee haben ein vielschichtigeres Bild der Anlage geliefert als angenommen. Während im südlich an das Steinhaus anschließenden Areal mittelalterliche Nebengebäude und der Wirtschaftshof erwartet wurden, zeigten sich dort massive Strukturen eines Gewässerzuges sowie Trockenlegungs- bzw. Uferbefestigungsmaßnahmen und massive Bauschuttansammlungen der frühen Neuzeit. Die obertägig sichtbaren Baumaßnahmen haben auch im Untergrund für umfangreiche Veränderungen gesorgt. Beeindruckend waren die ein einer Reihe aufgestapelten alten Dachpfannen vom Typ Mönch und Nonne.

Im Berichtsjahr wurden zahlreiche Münzen gefunden. Darunter befindet sich auch ein Stüber der Stadt Emden aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Der Stüber wurde in Westerhusen gefunden, jedoch ist im Fundareal Kriegsschutt aus Emden ausgebracht worden. Die Prägung lautet 1-EMBDER-STVi-VER und zeigt ein gekröntes Schild, darin das Wappen der Stadt Emden: die Harpyie/Jungfrauenadler über Mauer und Wellen, neben dem Wappenschild links i, rechts 8. MONE • NO • CIVITA • EMBDEN. Weiterhin wurde in Nenndorf, Ldkr. Wittmund eine 8 Reales Silbermünze aus dem bolivianischen Potosi gefunden. Diese Münze der Zeit zwischen 1572 und 1621 wurde in großen Mengen geschlagen, um das in den neuen Kolonien in großen Mengen vorhandene Silber nach Spanien zu exportieren. Die Münzen wurden dabei nicht aus Silberblechschrötlingen geschlagen sondern mehr schlecht als recht aus Barrenstücken grob gefertigt.Das Potosi-Silber führte zum Ruin des Bergbaus im Harz und in Sachsen. An der Kirche von Timmel wurde eine Münze der Stadt Braunschweig von 1558-1572 und ein mittelalterlicher Halber Groschen mit einer Harpye im Perlkreis „ENNO CO FRISIE OI´GE´TAL“ sowie einem Kreuz mit Stern und vier Lilien „DA PA CE DN´IN DIE B´NR´“ der Grafen von Ostfriesland gefunden.

Sowohl von einem Luftbilder betrachtenden Bürger als auch einem Mitarbeiter des LGLN wurde zum einen im Luftbild, zum anderen im Laserscan nördlich der Straße Detern nach Augustfehn unmittelbar östlich von Detern ein Gebäude oder ein Schanzenteil entdeckt. Bisher ist lediglich ein Quadrat von 50 m Kantenlänge zu erkennen.

Nordsee: Im Herbst 2017 hatte ein Fischer aus Ostfriesland einen wahrlich ungewöhnlichen Fang im Netz. Es handelte sich um eine komplett erhaltene Steinzeugflasche. Bei der linsenförmigen Steinzeugflasche mit dem charakteristischen langem geraden Hals und den deutlichen Drehriefen handelt es ich um ein sehr typisches Stück, das in Martincamp in der Provinz Normandie in Frankreich hergestellt wurde. Die Flasche ist insgesamt 21 cm groß, fasst exakt einen Liter und weist ein ungeklärtes kleines Loch etwas oberhalb des unteren Endes versehen auf. Flaschen dieses Typs wurden im 16. und 17. Jahrhundert hergestellt. Die Stücke wurden gern über See verhandelt und so finden sie sich heute im archäologischen Fundgut an über 100 Orten in Frankreich, Belgien, den nördlichen Niederlanden, Südengland aber auch in Estland.

KALENDER
Events