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Biographisches Lexikon für Ostfriesland ARENDS, Johann Friedrich Heinrich
geb. 12.11.1782 Emden Friedrich Arends entstammte einer alteingesessenen ostfriesischen Familie. Sein Vater, Harm Heinrich Arends, war ein angesehener, wohlhabender Bürger der Stadt Emden. Als Ausmiener (Auktionator) des Amtes Emden hatte er während seiner Amtszeit einen größeren Grundbesitz erworben. Behütet von seiner Mutter Constanzia, geb. Scherer, verlebte Friedrich Arends bis zu seinem 11. Lebensjahr eine glückliche Kinderzeit. Die Eltern konnten vollauf mit ihrem Sohn zufrieden sein; denn er war ein überaus lebhafter und vielseitig begabter Junge, der gute schulische Leistungen aufzuweisen hatte. Schon früh entwickelte sich bei ihm eine ausgesprochene Neigung zu sorgfältigem Beobachten und planmäßigem Erkunden. Er durchstreifte häufig seine Vaterstadt mit dem großen Hafengelände und beobachtete wißbegierig alles genau an Ort und Stelle, so daß er auf Grund des Erkundeten sogar einen eigenen Stadtplan anfertigen konnte. Als Elfjähriger besaß er bereits erstaunliche Kenntnisse in der Nautik. Da traf ihn völlig unerwartet ein schwerer Schicksalsschlag. Er mußte jeden weiteren Schulbesuch aufgeben, weil sein Gehör und seine Sprachorgane als Folge einer bösartig verlaufenen Erkrankung an Masern schweren Schaden genommen hatten. Trotz vielfacher ärztlicher Bemühungen verlor er schließlich sein Gehör ganz. Da er außerdem eine undeutliche Aussprache besaß, bereitete ihm die Unterhaltung mit Gesprächspartnern große Schwierigkeiten. Er benutzte deshalb zur Verständigung meist ein Schreibtäfelchen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz bildete er sich aber mit beharrlichem Fleiß autodidaktisch weiter, indem er seine bereits erworbenen Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, in Deutsch, Latein und der holländischen Sprache durch Bücherstudium erweiterte und darüber hinaus Englisch und Französisch in seine Studien einbezog. Neben seinen wissenschaftlichen Studien versuchte er sich im Drechseln und erlernte das Buchbinden.Auf Wunsch seines Vaters trat Arends mit 19 Jahren in das Berufsleben ein. Von 1801 bis 1808 war er in zwei Emder Handelshäusern als Büroangestellter tätig, zuletzt als Buchhalter. Danach wandte er sich der Landwirtschaft zu. Sein Vater hatte ihm 1808 das Landgut Tütelburg bei Marienwehr (heute Stadt Emden) gekauft. Damit ging für ihn ein alter Wunsch in Erfüllung; denn er hatte sich von Kind an nach einem Leben auf dem Lande gesehnt. Auf dem Gut richtete der junge, wenig praxiserfahrene Besitzer, der inzwischen geheiratet hatte, unter großem Kostenaufwand eine Zuckerfabrik ein. Die beabsichtigte Produktion von Zucker aus Runkelrüben gelang aber nicht. Sein Unternehmen geriet in Konkurs, und 1814 mußte Arends Tütelburg aufgeben. Vorübergehend war er wieder als Büroangestellter in Emden tätig (1815-1820), wo er in seiner Freizeit sein dreibändiges Werk "Ostfriesland und Jever" verfaßte. Danach versuchte er erneut sein Glück in der Landwirtschaft. Er kaufte 1820 den rund 40 ha großen Geest-Moorhof "Marienfeld" am Treckfahrtstief (heute Ems-Jade-Kanal) in Rahe (Kr. Aurich). Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten mußte er auch dieses Besitztum mit Verlust veräußern. Bereits vor dem Verkauf des Hofes hatte er sich 1823 an der Oldersumer Straße in Haxtum bei Aurich niedergelassen. Dort vollendete er 1824 seine "Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes." In seiner damaligen schwierigen Wirtschaftslage fand er glücklicherweise 1825 in dem nahegelegenen Aurich eine sichere, wenn auch bescheidene Anstellung als Bürogehilfe in der Königlichen Landdrostei. Obwohl er täglich einen langen Arbeitstag durchzustehen hatte, brachte er schon im folgenden Jahr zwei größere Werke heraus: "Gemählde der Sturmfluthen vom 3. bis 5. Februar 1825" und "Abhandlung vom Rasenbrennen und dem Moorbrennen." Nach einem umfangreichen Quellen- und Literaturstudium verfaßte er in Haxtum dann noch seine zweibändige "Physische Geschichte der Nordseeküste", die eine bemerkenswerte Anerkennung in wissenschaftlichen Fachkreisen fand und sogar in einer niederländischen Übersetzung erschien.Als Folge einer zu starken Beanspruchung seiner Augen, vor allem bei ungenügender Beleuchtung, zog sich Arends ein Augenleiden zu, das sich mit der Zeit verschlimmerte. Aus Sorge, er könne als fast taubstummer Mann nun auch noch erblinden, gab er nach langem Zögern 1833 seine Anstellung in der Landdrostei auf und beschloß schweren Herzens, nach Nordamerika auszuwandern, wie viele seiner Landsleute in damaliger Zeit. Mit ergreifenden Worten schildert er, wie er allein mit seinen drei noch jungen Kindern - seine Frau war 1829 gestorben - Abschied nahm von dem inzwischen liebgewonnenen "freundlichen Aurich" und seiner ostfriesischen Heimat, der ein großer Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit bis dahin gegolten hatte. In Brake ging die Familie an Bord eines Auswandererschiffes, das sie nach New Orleans brachte. Auf der siebenwöchigen Segelschiffsreise traf sie schweres menschliches Leid, da Arends älteste Tochter von einem heftigen Fieber befallen wurde und in kurzer Zeit starb. Mit ihrer Hilfe hatte der schwergeprüfte Vater bei seinem Neuanfang in Amerika ganz besonders gerechnet. Seine jüngste Tochter war erst 12 Jahre, sein Sohn gerade 15 Jahre alt.Im Staate Missouri erwarb Arends eine etwa 32 ha große Farm mit einer wassergetriebenen Sägemühle im Flußgebiet des Charington, eines Nebenflusses des Missouri. Schon nach kurzer Zeit hat er die Sägemühle veräußert, denn seine Kräfte reichten für die Verarbeitung größerer Holzblöcke nicht aus. Zeitweilig litt er sogar unter Schwächezuständen, da auch die Urbarmachung der teilweise noch bewaldeten Farmländereien mit schwerer Arbeit verbunden war. Enttäuscht gab er nach vier harten, entbehrungsreichen Jahren die Wirtschaft auf, verkaufte die Farm und kehrte 1837 ohne seine Kinder nach Ostfriesland zurück. Dort gab er bereits ein Jahr später seine "Schilderung des Mississippitales" heraus. Mit einem sicheren Blick für die natürlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten hat er diesen großen nordamerikanischen Raum in einem umfangreichen Werk dargestellt und dazu beigetragen, daß in der ostfriesischen Bevölkerung mit mancher falschen Vorstellung von dem damals bevorzugten Auswanderungsland aufgeräumt wurde.Arends war in dem Glauben nach Deutschland zurückgekehrt, daß er in Pommern preiswerten Grundbesitz erwerben könne. Als aber alle seine diesbezüglichen Bemühungen erfolglos blieben, zog er zum zweitem Mal nach Amerika. Dort hat er dann über 20 Jahre in ärmlichen Verhältnissen auf einer kleinen Farm im Staate Missouri gelebt. Die Bewirtschaftung seiner Farm litt darunter, daß er, wie gewohnt, oft seinen geistigen Interessen nachging. Die Vorschläge seiner inzwischen verheirateten Kinder, die Farmwirtschaft aufzugeben und zu ihnen zu ziehen, lehnte er aber beharrlich ab. Erst als er in seinem letzten Lebensjahr das einsame Leben wegen Krankheit und Altersschwäche aufgeben mußte, verkaufte er seine Farm und bezog ein kleines Haus neben dem Farmgebäude seiner Tochter in Polk County Missouri. Am 14. Februar 1861 ist er dort nach einem achttägigen Krankenlager im Alter von 78 Jahren gestorben.Arends hinterlassenes Werk ist bis heute bedeutsam geblieben. Es ist sein besonderes Verdienst, daß er der bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts überwiegend historisch ausgerichteten landeskundlichen Forschung in Ostfriesland neue, förderliche Impulse durch eine stärkere Betonung der naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen in seinen Arbeiten verliehen hat. Während er anfangs ein stärkeres Gewicht auf eine wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung geographischer Raumeinheiten legte, war er später bestrebt, räumliche Wirkungsgefüge unter Heranziehung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen in einer mehr ganzheitlichen Konzeption zu erfassen und darzustellen. Da er sich oft nur wenig auf schriftliche und gedruckte Quellen stützen konnte, mußten, wie er schreibt, "fast alle geographischen und topographischen Nachrichten ... durch Privatmitteilungen und vielfältige Reisen erlangt werden." Er war wie ein Forschungsreisender bis in sein hohes Alter immer wieder auf Erkundungsreisen unterwegs, zunächst in der engeren und weiteren Heimat, später dann in Nordamerika, wo er auf langen Fußwanderungen die Staaten Missouri, Arkansas und Texas bereiste.Der hohe Wert seiner Arbeiten für die ostfriesische Landeskunde beruht vor allem darauf, daß sich seine Forschungen, wenn immer nur möglich, auf eigener unmittelbarer Anschauung vor Ort stützten oder ihnen Informationen vertrauenswürdiger Personen zugrunde lagen. So enthalten seine Ostfriesland betreffenden Werke eine eingehende Darstellung ehemaliger Landschaftszustände und Wirtschaftsweisen, die in den ostfriesischen Geestgebieten großenteils noch dem im Mittelalter entstandenen bäuerlichen Siedlungs- und Wirtschaftssystem zuzurechnen sind. Seinen Schriften, und vielfach nur ihnen, verdanken wir die Kenntnis von zahlreichen inzwischen verschwundenen Landschaftselementen, wie z.B. alten Wegen, Wasserläufen, Deichen, ehemaligen Burg- und Kirchplätzen, Schanzen, Landwehren u.a. Es ist verständlich, daß ihm angesichts der Komplexität seiner Forschungsgebiete und der Breite seines Wirkens Fehler unterlaufen sind. Und sicherlich waren nicht immer die Angaben seiner Gewährsleute zuverlässig. Wenn außerdem manche seiner Erklärungen natur- und kulturlandschaftlicher Objekte und Phänomene nach unserem heutigen Erkenntnisstand nicht haltbar sind, so mindert dies alles nicht wesentlich den Wert der enormen Lebensleistung, die der schier rastlos tätige Mann trotz starker körperlicher Behinderung und tragischer Schicksalsschläge erbracht hat.WerkeFlüchtige Bemerkungen auf einer Reise von Emden nach Cassel im Nachsommer 1806, in: Gemeinnützige Nachrichten 3, 1807, S.164-168, 169-172, 177-182, 187-192, 198-200, 212-216, 236-240; Nachricht über die Aufschliekung der Spitlande beim Larrelter Kolk, in: ebd., S. 81-84; Die Polder und Groden, in: Historisch-geographisch-statistisch-literarisches Jahrbuch für Westfalen und den Niederrhein 2, 1818, S. 119-140; Die Weihnachtsfluth von 1717. Eine historische Skizze, Emden 1818; Geographisch-statistische Übersicht von Ostfriesland, in: Historisch-geographisch-statistisch-literarisches Jahrbuch für Westfalen und den Niederrhein 2, 1818, S. 1-48; Ostfriesland und Jever in geographischer, statistischer und besonders in landwirtschaftlicher Hinsicht, Band 1-3, Hannover und Emden 1818-1820 (2. Aufl. Hannover 1822, Reprint Leer 1974); Einiges über Sitten und Gebräuche der Geestbewohner, in: Der Upstalsboom 1, 1819, S.259-267; Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes, Hannover und Emden 1824 (Reprint Leer 1972); Gemählde der Sturmfluthen vom 3. bis 5. 2. 1825, Bremen 1826; Abhandlung vom Rasenbrennen und dem Moorbrennen, Hannover 1826; Die alten Wege in Ostfriesland, in: Neues vaterländ. Archiv 1, 1831, S. 36-95; Jahresgeschichte von Ostfriesland 1830, in: Ostfriesisches Volksbuch 2, 1832, S. 106-131; Physische Geschichte der Nordsee=Küste und deren Veränderungen durch Sturmfluthen seit der Cymbrischen Fluth bis jetzt. Band 1 und 2, Emden 1833 (Reprint Leer 1974, in niederländ. Übers. mit Anm. von R. Westerhoff u.d.T.: Natuurkundige geschiedenis van de kusten der Noordzee, en van de veranderingen, welke zij, sedert den Cymbrischen Vloed tot op heden, door watervloeden ondergaan hebben. Deel 1-3, Groningen 1835-37); Schilderung des Mississippithales oder des Westen der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Nebst Abriß meiner Reise dahin, Emden 1838 (Reprint Leer 1974).NachlaßVerloren.LiteraturDBA; Petrus G. B a r t e l s, Einige Nachrichten über Friedrich Arends und seine Schriften, in: Jahrbuch der Ges. für bildende Kunst und vaterländ. Altertümer zu Emden 4, H.2, 1881, S.45-57. |
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