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Biographisches Lexikon für Ostfriesland
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HEKTOR, Enno Wilhelm

geb. 21.11.1820 Dornum
gest. 31.1.1874 Nürnberg
luth
Bibliothekar, Schriftsteller; Dr. phil

Die Familie von Hektor war in Dornum ansässig; sein Vater hatte sich vom Schuster zum Schreiber am gräflich Münsterschen Patrimonialgericht in Dornum emporgearbeitet, und seine Mutter trug als Hebamme zum Lebensunterhalt der großen Familie bei. Neben dem Besuch der Dorfschule in Resterhafe wurde Hektor auch von seinem Vater, der ein strebsamer und für seine Zeit recht gebildeter Mann war, sowie von dem Pastor Schönebeck unterrichtet. Im Alter von zwölf Jahren begann Hektor eine Lehre als Schreiber bei dem Rechtsanwalt Gittermann in Dornum, bei dem er bis 1837 tätig war. In den Jahren 1838 bis 1842 übte Hektor seinen Beruf dann bei dem Auktionator Rulffes in Pewsum aus. Hier fand der literarisch interessierte Hektor gleichgesinnte Freunde, mit denen er 1840 den "Convent zum immergrünen Trifolio" gründete und anregende Jahre verbrachte. Schon vorher hatte er hochdeutsche lyrische Dichtungen sowie Gelegenheitsgedichte geschrieben, die im Nachlaß unter dem Titel "Rumpelkammer eines Wahnwitzigen, genannt Enno Hektor" gesammelt sind. Doch diese poetischen Erzeugnisse weisen noch nicht die einige Jahre später so stark hervortretenden satirischen Züge auf.Nach dem Tod seines Vaters 1842 mußte Hektor dessen Stelle als Schreiber am Gericht von Dornum übernehmen, um die Familie zu versorgen. In jenen Jahren begann Hektor, hochdeutsche Gedichte in den Zeitschriften "Frisia" und "Ostfriesisches Unterhaltungsbuch" zu veröffentlichen. In jenen Jahren machte er auch seine erniedrigenden Erfahrungen mit der örtlichen Honoratiorenwelt, die in einem Schreiber nur einen besseren Dienstboten sah und dies den jungen, gebildeten Hektor auch fühlen ließ, der seinerseits mit der Ausbildung seiner satirischen Feder als Gegenwaffe reagierte. Schon 1842 findet sich ebenfalls ein Gedicht ("Frisia"), in dem Hektor seine demokratische Gesinnung ausdrückt; er sieht seine literarischen Vorbilder in den politisch engagierten Dichtern des Jungen Deutschland, und hier vor allem in Heinrich Heine und Ludwig Börne.Im Jahr der bürgerlichen Revolution von 1848 gab Hektor seine politisch-satirische Zeitschrift "Der Vagabund" heraus. Durch seine Mitarbeit in der Mäßigkeitsbewegung geachtet - allerdings nur außerhalb Dornums - und durch die Aufnahme in den Verlag Hoffmann tigkeit ermutigt, entschloß sich Hektor, seine Stelle als Schreiber aufzugeben und als freiberuflicher Autor sein Brot zu verdienen. Doch als engagierter Demokrat konnte er die bestehenden Presseorgane nicht akzeptieren, was namentlich mit dem "Evangelischen Kirchenblatt", der "Ostfriesischen Zeitung", dem "Friesenfreund" und sogar den "Ostfriesischen Zeitschwingen" einen scharf geführten publizistischen Streit heraufbeschwor und Hektor gesellschaftlich und politisch von allen Lagern isolierte. Mit seinen unkonventionellen Einfällen und zum Teil scharfen Attacken entpuppt sich der "Vagabund" als Bürgerschreck.Gesellschaftspolitisch sieht sich Hektor auf der Seite des Proletariats und tritt für dessen Anliegen ein. Als Satiriker sitzt er zwischen allen Stühlen und hat, was auf seine verschlossene Persönlichkeit zurückzuführen ist, wenig Freunde, so daß er später in Ostfriesland keine berufliche Perspektive mehr finden kann. Mit dem hohen Niveau seiner Zeitschrift und bei dem Bildungs- und Bewußtseinsstand in Ostfriesland wäre eine Leserschaft nur innerhalb des Bürgertums und der reichen bäuerlichen Schicht zu erwarten gewesen, so daß der "Vagabund" nach einem Jahr sein Erscheinen einstellte. Da Hektor kein Abitur hatte, konnte er keine intellektuell adäquate Stellung finden, und so entschloß er sich, im Herbst 1849 die Heimat zu verlassen, um zu studieren. Unterstützung für seine Pläne fand er bei dem Verleger Julius Campe und dem Auricher Advokaten Cirk Heinrich Stürenburg, die seine Begabung erkannt hatten und ihm eine solide Ausbildung verschaffen wollten. Zunächst ging Hektor nach Bonn, wo sein Dornumer Jugendfreund Ernst Warnebold und er zu einer Gruppe lebenslustiger Jurastudenten stießen. Hier besuchte er Vorlesungen Ernst Moritz Arndts. Doch ohne Abitur fehlten ihm die Voraussetzungen zum Studium, und er bezog Quartier in Dernau an der Ahr.Im Februar 1850 entstand in Dernau das bei erstem Lesen sentimental klingende Lied "Sehnsucht nach der Heimath", mit dem heute in erster Linie der Name Hektors verbunden wird. Das so genannte "Ostfrieslandlied" ist dagegen möglicherweise als Parodie des Deutschlandliedes zu verstehen. Im Oktober des Jahres traf Hektor in Nürnberg ein, wo er zwei Jahre verlebte und das Abitur nachholte; hier stürzte er in eine Krise, die in einem Selbstmordversuch gipfelte, und Hektor wechselte auf Anraten von Freunden den Wohnort. Im Mai 1852 kam er in München an und begann bald, altdeutsche und altnordische Sprachen zu studieren. Er befaßte sich eingehend mit dem ostfriesischen Dialekt und veröffentlichte als Produkt seiner literarischen Nebentätigkeit 1855 die schon ernstere "Düllwutteliade" von "Harm un d' dür' Tied". Seine Doktorprüfung im Fach Germanistik legte er im Jahr 1856 ab.1857 erhält Hektor aufgrund eines Beitrags in der Zeitschrift "Die deutschen Mundarten" eine feste Anstellung als Bibliothekar am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, die er bis zu seinem Tod innehat. Hier widmet er sich seiner Arbeit, treibt philologische Studien und wird wissenschaftlich in einigen Aufsätzen und Vorträgen aktiv.Privat lebte Hektor immer zurückgezogener - vielleicht auch eine Folge vergeblicher Liebesbeziehungen - und zählte wenige Personen zu seinem Freundeskreis; seit 1860 stand er mit dem Philosophen Ludwig Feuerbach in engerem Kontakt, mit dessen materialistischer Weltanschauung sich Hektor offenbar identifizieren konnte. Im Laufe der Jahre entwickelte sich hieraus ein enges Vertrauensverhältnis, und nachdem Feuerbach 1872 gestorben war, verschloß sich Hektor verstärkt vor der Außenwelt, so daß es verständlich wird, als nach seinem Tod am 31. Januar 1874 der "Fränkische Kurier" in einem Nachruf (6.2.1874) von einem "zuweilen verschlossenen, ja selbst abstoßend erscheinenden Charakter" sprach, "der jedoch in Wahrheit ein edler, tieffühlender und besonders treuer und wahrheitsliebender" Mensch war. Dieser Zug ist es, der in Hektors "Vagabund" und in den "Düllwutteliaden" zum Ausdruck kommt, wenn er die Mißstände seiner Zeit und der örtlichen ostfriesischen Verhältnisse aufgreift und sie zum Teil sehr scharf, aber auch humorvoll kritisiert.Hektor ist eine bedeutende literarische Persönlichkeit Ostfrieslands, die nicht mit einer Charakterisierung einzuordnen ist. Einmal ist er ein politisch-satirischer Schriftsteller und Herausgeber. Seine "Düllwutteliaden" schildern in volkstümlich-derber Weise das ländliche Leben seiner Harlinger Heimat, wobei Mentalität und Zeitkolorit gut getroffen werden; in Ostfriesland nimmt man sie begeistert auf, was die Auflagenhöhe bis Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert, während in wissenschaftlichen Kreisen vor allem die derben Späße kritisiert werden. Die Beliebtheit der "Düllwutteliaden" war auch in den Niederlanden beachtlich, da sie jeweils kurz nach ihrem Erscheinen im Groninger Dialekt herauskamen.In der Gestaltung der bäuerlichen Welt, die sich von den privilegierten Schichten durch seine Lebensenge, aber auch durch seine Sprache unterscheidet, hat Hektor literarhistorisch eine wichtige Leistung vollbracht. Dieser Volksbegriff und die Sozialkritik finden sich auch in den Werken Fritz Reuters. Eine intensive Beschäftigung mit der ostfriesischen Mundart belegen die Beiträge in den "Deutschen Mundarten". Der Dichter Hektor hat an Niederdeutschem verhältnismäßig wenig hinterlassen, und wenn heute der Name des Schriftstellers vor allem an dem "Ostfrieslandlied" haftet, reduziert man ihn auf einen Bereich, der Persönlichkeit und Schaffen in falschem Licht erscheinen läßt. Man mißversteht Hektor, wenn man ihn als romantischen Lyriker einschätzt, denn seine politisch engagierte Herausgebertätigkeit, seine hochdeutsch verfaßten satirischen Angriffe sowie seine niederdeutschen humorvollen Satiren weisen ihn als umfassender wirkende Persönlichkeit aus.WerkeApologie der Mässigkeits-Vereine in zwei Reden, Emden 1845; Eine Ballscene, in: Ostfriesisches Unterhaltungsbuch 3, 1846, S. 51-58; Harm auf Freiersfüssen. Ostfriesisches Landschafts-Bild, in: ebd. 4, 1847, S. 157-175; Lieder aus Schilda, Hamburg 1847 (Nachdruck: Leer 1978); Der Vagabund. Ein Mondblatt für alle Welt. Von Enno Hektor, Emden 1848 (Nachdruck: Leer 1978); Wat Jann Platt aver de Mässigkeit seggt. Moi in Rimen broggt, in: Ostfriesisches Unterhaltungsbuch 5, 1848, S. 68-74; Harm up't Dorn'mer Markt, Emden 1848; Harm Düllwuttel auf der Bürger-Versammlung. Politisches Glockenspiel, Emden 1849 (3. Aufl. Nebst einem Nachruf beim Absterben des Verfassers von Rector Gittermann, Emden 1874); Sehnsucht nach der Heimat, in: Leerer Anzeigenblatt vom 1. 11. 1856; Harm un d' dür' Tied. 'n Kummedistück, Aurich 1857; De Buurendochter in't Pension, of: dat har'k man eerder weeten must. Ein Bild aus dem Landleben von H. D. S., Emden 1857 (3. Aufl. 1889); Ostfriesische Mundart: 'n grot perammet um 'n pƒr drüp n...t. Mit Bemerkungen, in: Die deutschen Mundarten 4, 1857, S. 121-135; Ostfriesische Mundart, in: ebd., S. 274-278; Herzens- und Blutfreundschaft in der ostfriesischen Mundart, in: ebd., S. 347-361; Wie die ostfriesische Mundart das Unbestimmte und Ungefähre ausdrückt, in: ebd., S. 475-481; Nekrolog [auf C. H. Stürenburg], in: ebd. 5, 1858, S. 92-93; Gesang eines finnischen Landmädchens, in: ebd. 6, 1859, S. 525-526; Geschichte des germanischen Museums von seinem Ursprunge bis zum Jahre 1862. Festschrift zur Feier seines zehnjährigen Bestehens, Nürnberg 1863; Harm Düllwuttel un all, wat mehr is, hrsg. von W. van Ness [= Friedrich Sundermann], Emden 1905 (2. Aufl. ebd. 1906, Nachdruck: Leer 1972) (Portr.)NachlaßLandschaftsbibliothek, Aurich.LiteraturDBA; DBA N.F.; Albrecht J a n s s e n, Enno Hektor. Zum Gedächtnis seines 100jährigen Geburtstages, in: Die Tide 4, 1920, S. 330-335; Georg J a n s s e n, Eine Würdigung des friesischen Heimatdichters Enno Hektor, in: Emder Zeitung vom 16.11.1935; Johann M e i n e r s, Harm Düllwuttel. Ein Original und sein Biograph Enno Hektor, in: Ostfreesland. Kalender für Jedermann 53, 1970, S. 135-138; Hermann E v e r s, Vor 150 Jahren wurde Enno Wilhelm Hektor geboren, in: ebd. 54, 1971, S. 105-106 (Portr.); Heinrich S c h m i d t, Enno Hektor und sein "Vagabund", in: Der Vagabund. Ein Mondblatt für alle Welt. Von Enno Hektor, Nachdruck, Leer 1978, S. 199-214 ; Jürgen B y l, Der Dichter ohne eigenen Schatten, in: Ostfriesische Nachrichten vom 24.11.1990, S. 35 (Portr.); Joachim B ö g e r, Die niederdeutsche Literatur in Ostfriesland von 1600-1870, Frankfurt/M. 1991 (enthält eine Bibliographie der niederdeutschen Werke); Johannes D i e k h o f f, Zehn Jahre Arbeitskreis ostfriesischer Autoren. Mit einer "Grußbotschaft" gleichsam von Enno Hektor an seine schreibenden Landsleute heute, in: Ostfreesland. Kalender für Jedermann 76, 1993, S. 178-180; d e r s., Dag, min Fründ! Wu geit't denn noch? Aus Enno Hektors Briefwechsel mit der Familie Willrath vom Willrathshof bei Neßmersiel , in: Harlinger Heimatkalender 44, 1993, S. 76-80.

 
Joachim Böger