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Biographisches Lexikon für Ostfriesland
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BOURIGNON, Antoinette de

geb. 13.1.1616 Lille
gest. 31.10.1680 Franeker
kath
Mystikerin

Antoinette de Bourignon wurde als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns (Jean B. und seiner Ehefrau Marguerite Becquart) in Lille (niederländ.: Ryssel) geboren. Eine Mißbildung - die Oberlippe war an die Nase angewachsen - konnte durch eine Operation beseitigt werden. Wohl mit verursacht durch eine fehlende Zuwendung der Mutter las das Kind früh Heiligenviten und in Übereinstimmung mit dem Interesse vieler Frommer des 17. Jahrhunderts Bilder aus der Geschichte der frühen Kirche. Antoinettes Eintritt ins Karmeliterkloster in Lille mit etwa 16 Jahren scheiterte an der verweigerten Zustimmung des Vaters und einer mangelnden Mitgift. Einer von diesem geplanten Hochzeit entzog sich die Tochter 1636 durch Flucht, mußte zwar ins Elternhaus zurück, erreichte aber bei einer zweiten Flucht die Aufnahme in die jesuitisch geleitete "Maison Notre Dame", ein Zufluchtsort, den sie wie auch andere wegen Kritik an der üblichen Frömmigkeit, auch in dem Orden, wieder verlassen mußte.Nach dem Tod der Mutter 1642 kehrte sie für kurze Zeit in das Elternhaus zurück, wo sie aber nach Wiederverheiratung des Vaters wegen eines schlechten Verhältnisses zur Stiefmutter nicht bleiben konnte. Beim Tod des Vaters 1648 fiel ihr ein reiches Erbe zu, wenn sie auch mehr erhofft hatte. Mit eigenen Mitteln unterhielt und leitete sie ein Waisenhaus "Notre Dame des Sept Douleurs", das sie später in ein Kloster umwandelte und dem Augustinerorden unterstellte. Vorwürfe oder Verleumdungen wegen der Behandlung der Kinder (angebliche Dämonenaustreibungen) zwangen Antoinette de Bourignon zu häufigem Ortswechsel. Sie lebte in Gent, von 1662 bis 1664 in Malines (flämisch: Mecheln). Mit dem Oratorianer-Pater Christian de Cort als Vertrautem kam sie 1667 nach Amsterdam in der Absicht, auf der neu eingedeichten Insel Nordstrand eine Gemeinschaft der vollkommenen Christen nach dem vermeintlichen Vorbild der Urgemeinde zu gründen. Ihre Anhänger in Amsterdam setzten sich aus Konfessionsverfolgten (Calvinisten, Lutheraner, Mennoniten, Quäker und Labadisten) zusammen. Von 1671 an konnte sie in Schleswig eine Gemeinde sammeln, als deren geistliche Mutter sie sich betrachtete. In Husum verschaffte sie Anhängern auf eigene Kosten für kurze Zeit eine Bleibe. Diese entrannen zwar dem Konfessionalismus, waren aber nun zu absolutem Gehorsam Bourignon gegenüber verpflichtet. Verfolgungen durch lutherische Pfarrer blieben nicht aus und führten zur Konfiskation ihrer Druckerei und Werke. Sie floh nach Hamburg, wo sie den späteren eifrigen Verwalter und Propagandisten ihres geistigen Erbes traf: Pierre Poiret. Vor weiteren zu erwartenden Anschuldigungen fand sie 1677 im ostfriesischen Lütetsburg im Schutze des dortigen Freiherrn Dodo zu Inn- und Knyphausen für drei Jahre die Möglichkeit zur Leitung eines Hospitals und Zeit zum Schreiben. Aber 1680 verließ sie dieses ostfriesische Refugium als eine der Hexerei Angeklagte. Sie starb am 31. Oktober 1680 in Franeker, ohne ihr neues Ziel Amsterdam erreicht zu haben.Es ist bezeichnend für das frömmigkeitliche Wollen Bourignons, daß sie radikale Forderungen des Evangeliums bzw. Jesu zusammenstellte und fragte, wo man denn heute dementsprechend lebe. Bei dieser Methode waren natürlich Defizite des Glaubens leicht aufweisbar, ebenso eine Geschichte des Abfalls und die Konstatierung eines in sein Gegenteil verkehrten Christentums. Solchen verkehrten Christen drohe ein schlimmeres Gericht als den Juden. Bei dessen Beschreibung geht Bourignon trotz etlicher berichteter Visionen nicht über das hinaus, was in der Bibel - im Alten Testament z.B. Jes. 24 - an Vorzeichen des Weltendes genannt ist, deren Eintreffen in der eigenen Gegenwart gesehen oder geglaubt wird. Bourignon empfindet sich in dieser Lage als prophetische Bußpredigerin.In ihren Schriften findet sich viel traditionelles mystisches Gedankengut, speziell quietistisches, auch reichlich spekulatives, etwa hinsichtlich der Beschaffenheit Adams. Von ihm weiß die Seherin: "Er war etwas länger und gröser als die jetzigen Menschen. Er hatte ein kurtzes, geringeltes oder gekräusseltes Haar, das sich nach der schwartzen Farbe zu neigte. Die Oberlippe war mit einem zarten Haar bedeckt." Der glänzenden Welt der Schöpfung vor dem Fall entsprechen die Erwartungen für das Jenseits.Gerade die eschatologischen Vorstellungen - mit Anklängen an Hesiods und Ovids "Goldenes Zeitalter" - zeigen auch eine starke Selbstüberschätzung Bourignons, insofern ihr bei der erwarteten Wiederkunft Christi eine Vorzugsstellung zukommen soll. Eine "Vision" beschreibt den in verklärtem Leib vom Himmel kommenden Christus, begleitet von Heiligen "wie eine unendliche Menge stralender Füncklein um seine Licht=helle Gegenwart" (gnostisches Gedankengut). Die Menschen "unter dem Geleit einer kleinen Jungfrauen" knien in weißen Kleidern vor dem Herrn, "da er die Jungfrau umhalsete, und ein jeder der verherrlichten Heiligen eben also auch einen von ihrer Gesellschafft".Mit vielen ihrer Ansichten, auch mit ihrem Geschichtsbild vom Abfall entsprach Bourignon den Überzeugungen und Bestrebungen des Pietismus, weswegen die pietistische Zeitschrift "Geistliche Fama" zustimmend Auszüge aus ihren Werken abdruckte, z.B. aus "Gezeugnis der Wahrheit", "Licht der Welt", "Von der letzten Barmherzigkeit Gottes", "Das Wort Gottes", ein Gespräch zwischen Gott und der Seele (vgl. Seuse), "Erneuerung des Evangelischen Geistes", "In der Finsternis scheinendes Licht", "Der neue Himmel und die neue Erde", "Die hohe Schul der Gottes-Gelehrten", "Ausgeführtes Leben".Werke: Toutes les oeuvres (Gesamtausgabe in 19 Bänden hrsg. von Pierre Poiret), Amsterdam 1679-1686; die Autobiographie La vie ext‚rieure und La vie int‚rieur ou la Parole de Dieu (bis 1663), von Pierre Poiret überarbeitet und zu Ende geführt, liegt auch in deutscher Übers. vor; [mit Auszügen aus den Werken in:] Gottfried A r n o l d, Unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historie, 4 Tle in 2 Bänden, 3. Aufl. Frankfurt 1729 (Neudruck Hildesheim 1967), T. 3, S. 153-168; T. 4, S. 1065-1089; Geistliche Fama, XIV. Stück, 1734, S. 87-117; XVIII. Stück, 1735, S. 32-57; XX. Stück, 1736, S. 65-72; Zweyter Band, 1736ff., XIII. Stück, S. 22-40 [Ex.: UB Erlangen].Literatur: DBA; BA Benelux; TRE 7, S. 93-97 (Gerhard Philipp W o l f); BBKL 1, Sp. 721; RGG 1, Sp. 1373 (M. S c h m i d t); Schleswig-holsteinisches biographisches Lexikon 5, S. 48-50 (Rudolf M o h r); Gottfried A r n o l d (s. unter "Werke"); Antonius von der L i n d e, Antoinette Bourignon. Das Licht der Welt, Leiden 1895 (Portr.); Ernst B e n z, Adam. Der Mythus des Urmenschen, München-Planegg 1955 [das Buch behandelt den Mythos des Androgynen bis zu Berdjajew, übergeht aber Antoinette de Bourignon]; Ernst S c h e r i n g, Adam und die Schlange. Androgyner Mythos und Moralismus bei A. Bourignon, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 10, 1958, S. 97-124; Leszek K o l a k o w s k i, Chr‚tiens sans glise. La conscience religieuse et le lieu confessionnel au XVIIe siÜcle, Paris 1969, S. 640-718; Marthe van der D o e s, Antoinette de Bourignon. Sa vie , son oeuvre, Amsterdam 1974 (Portr.); Gustav A. K r i e g, Der mystische Kreis. Wesen und Werden der Theologie Pierre Poirets (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, 17), Göttingen 1979.

 
Rudolf Mohr