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Biographisches Lexikon für Ostfriesland BERGHAUS, Jann Janssen
geb. 19.8.1870 Schirum Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, konnte sich Berghaus seinen Wunsch, Lehrer zu werden, zunächst nicht erfüllen. Erst im Alter von 17 Jahren und durch die Unterstützung seiner Mutter gelang es ihm, am Auricher Lehrerseminar als Seminarist angenommen zu werden. Nach kurzer Lehrertätigkeit an den Schulen in Werdum und Oldeborg wurde er nach inzwischen nachgeholter Mittelschullehrerprüfung als Rektor an die Volksschule auf Norderney versetzt. Hier begann auch seine politische Karriere.Im Jahre 1908 kandidierte Berghaus für die liberale "Fortschrittliche Volkspartei" bei den Wahlen zum preußischen Landtag im Wahlkreis Leer-Weener, unterlag jedoch seinem konservativen Gegner. Zwei Jahre später wurde er als Vertreter der 3. Klasse in den Norderneyer Gemeindeausschuß gewählt und schließlich nach Kriegsende zum hauptamtlichen Bürgermeister der Insel berufen. Berghaus wechselte vom Lehrerberuf in den eines Verwaltungsbeamten. Ihm gelang es, die durch den Weltkrieg ausgelösten Folgen für das Nordseebad zu mildern und Norderney dank der vom preußischen Staat gewährten "Inselhilfe" und insbesondere auch durch die von ihm betriebene Pachtung des Seebades seitens der Gemeinde wieder zu einem der führenden deutschen Seebäder zu machen. Im Jahre 1919 wurde er für die neugegründete liberale "Deutsche Demokratische Partei" in die Preußische Landesversammlung gewählt, schied jedoch bereits in der nächsten Wahlperiode wieder aus. Seine etwas überraschende Ernennung zum Regierungspräsidenten in Aurich im Jahre 1922 erfolgte im Rahmen einer landesweiten Aktion zur Entfernung von undemokratischen Spitzenverwaltungsbeamten und muß sicher auch vor dem Hintergrund einer Ämteraufteilung unter den an der Regierung beteiligten Parteien SPD, Zentrum, Deutsche Volkspartei und DDP gesehen werden. Der kleinsten Regierungspartei, der Demokratischen Partei, fiel auch der kleinste hannoversche Regierungsbezirk, der von Aurich, zu. Dabei war es aber sicher auch ein kluger politischer Entschluß der preußischen Regierung, den Posten des Auricher Regierungspräsidenten endlich mit einem Einheimischen zu besetzen. Es mußte doch zwangsläufig am Selbstverständnis einer Region und ihrer Bewohner nagen, permanent Landesfremde an der Spitze der Landesverwaltung zu sehen.Der Dienstantritt von Berghaus fiel in das Jahr der größten Inflation, und auch die folgenden Jahre waren für Ostfriesland gekennzeichnet durch eine hohe Arbeitslosigkeit, Streiks, wirtschaftliche Stagnation und Rezession. Die von ihm geleitete Bezirksregierung fand kaum Mittel gegen die allgemeine Misere in der Industrie und Landwirtschaft in Ostfriesland. Selbst die nicht wenigen wasserwirtschaftlichen Maßnahmen im Bereich der Melioration, wie der Bau von mehreren Schöpfwerken, der Deich- und Landgewinnungsarbeit, etwa an der Leybucht, und der Moorkultivierung, so besonders im Bereich des heutigen Wiesmoors, blieben letztendlich ohne nachhaltige Wirkung und haben Ostfriesland kaum entscheidend vorangebracht. Auch auf die allgemeinen politischen Veränderungen vermochte Berghaus nicht einzuwirken. Den immer heftiger werdenden Auseinandersetzungen zwischen Links und Rechts und dem zunehmenden Terror der Nationalsozialisten stand er indes machtlos, ja mitunter hilflos gegenüber und konnte dem nichts entgegensetzen als die Integrität seiner Person. Über alle politischen Gegensätze hinweg versuchte er immer ausgleichend und versöhnend zu wirken. Er sah, geprägt durch seine tiefe Religiösität und christliche Weltanschauung, immer zuerst den Menschen und dann erst dessen politisches Bewußtsein.Zwangsläufig mußte er aber wegen dieser seiner Haltung in den Strudel des Kampfes zwischen den zunehmend aggressiver auftretenden Nationalsozialisten und dem kleiner werdenden Rest der Demokraten geraten. Von letzteren, etwa dem Auricher Bürgermeister Anklam, mußte er sich öfters vorwerfen lassen, nicht energisch genug gegen den braunen Terror vorzugehen. Nationalsozialisten und Deutschnationale andererseits feindeten ihn nicht nur wegen seiner Mitgliedschaft im 'Reichsbanner' an, sie warfen ihm auch anderweitig Parteinahme zugunsten ihrer Gegner vor. Gerade dieser von beiden politischen Seiten erhobene Vorwurf der mangelnden Ausgewogenheit traf ihn innerlich wohl besonders stark.Im Rahmen des sog. Preußenschlages wurde Berghaus dann am 27. Oktober 1932 nach zehnjähriger Dienstzeit seines Amtes als Regierungspräsident enthoben und in den Ruhestand versetzt. Daß ihm von Seiten der neuen Machthaber diese zehn Dienstjahre nicht bei seiner Pension angerechtet wurden, empfand er als Repressalie und tiefe Kränkung. Nach 1945 gab es von verschiedenen Seiten ernsthafte Bemühungen, ihn wieder für dieses Amt vorzuschlagen, sie scheiterten jedoch letztlich an seinem fortgeschrittenen Alter. Indes trat der Sohn Mimke in die Fußstapfen seines Vaters und führte von 1945 bis 1951 die Arbeit als Regierungspräsident von Aurich fort.Die Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verbrachte Berghaus zurückgezogen in seinem Hause in Aurich, ehe er noch im Dezember 1945 von dem damaligen Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Kopf, mit dem Neuaufbau der Ostfriesischen Landschaft beauftragt wurde. Auf Vorschlag der vier ostfriesischen Kreise und der Stadt Emden wurde Berghaus zunächst zum vorläufigen Vorsteher der Ostfriesischen Landschaft ernannt, später wurde ihm das Amt des Landschaftspräsidenten übertragen. Dem von der Militärregierung ernannten ersten niedersächsischen Landtag gehörte er als Mitglied und Vertreter der FDP an und eröffnete als Alterspräsident am 9. Dezember 1946 die erste Sitzung. Seine schon als Regierungspräsident gezeigte Haltung, sich allen Menschen verpflichtet zu fühlen, kam im besonderen Maße auch in seiner Funktion als Landschaftspräsident zum Tragen; ein Amt, das er noch bis zu seinem Tode ausübte.Berghaus war ein stets auf Ausgleich bedachter Mensch und wurde deshalb auch allgemein akzeptiert. Er war in breiten Schichten der Bevölkerung hoch geachtet und wurde von vielen geschätzt, sicher auch wegen seiner einfachen Herkunft und seiner Volkstümlichkeit, die er sich stets bewahrte. Er galt unter seinen Landsleuten als aufrechter, gerade denkender Ostfriese mit echten Tugenden. Die Schwäche von Berghaus in der Funktion als oberster politischer Beamter Ostfrieslands in der Zeit der Weimarer Republik resultierte möglicherweise aus seiner fehlenden juristischen Ausbildung und der verhältnismäßig geringen verwaltungstechnischen Erfahrung, sicher aber auch aus seiner übergroßen und etwas unkritischen Heimatliebe. Er vermochte es nicht, emotionslos und unvoreingenommen die Entwicklung Ostfrieslands zu analysieren und im Vergleich mit anderen Bezirken zu einer objektiven Einschätzung zu gelangen. Er glaubte Ostfriesland auf dem Weg in eine glückliche Zukunft und sah nicht die wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Defizite der Region. So ist auch seine Autobiographie ("Jann Berghaus erzählt", s. unter "Werke"), die er als einzigen schriftlichen Nachlaß hinterlassen hat, wohl mehr eine überzogen positive und leider etwas unkritische Lebenserinnerung, die der quellenmäßigen Überprüfung an vielen Stellen nicht standhält. Die Liebe zu seiner Heimat war aber auch gleichzeitig seine Stärke, denn an ihr wurde er von seinen Landsleuten gemessen und ließ sie seine Schwäche vergessen. Berghaus war für sie eine über Generationen vermißte Vaterfigur, sozusagen die personifizierte Integration aller Ostfriesen innerhalb und außerhalb der Grenzen der Region und der Verteidiger ihrer Traditionen. Seine Tätigkeit als Präsident der Ostfriesischen Landschaft war folglich auch weit stärker nach innen, auf Gesamt-Ostfriesland gerichtet. Nach außen verhalf er der Ostfriesischen Landschaft in der Nachkriegszeit durch seine Person zu hohem Ansehen und führte sie in der Umbruchzeit von einer Ständerepräsentanz zu einer modernen regionalen Kultureinrichtung, nicht zuletzt durch die von ihm maßgeblich beeinflußte neue Verfassung. Seine ungeheure Popularität zeigte sich dann auch bei seinem Tode am 19.Februar 1954, als sein Heimgang geradezu zu einer Manifestation der friesischen Bewegung wurde.WerkeDas Volksschulwesen Ostfrieslands in der Gegenwart, in: Ostfriesisches Schulblatt 46, 1906, S. 141-154; Wo sall de Toorn ansträken wordn?, in: Ostfreesland. Kalender für Jedermann 5, 1918, S. 67-76 [Erzählung]; Norderney. Zur Erinnerung an das 125jährige Bestehen des Bades, in: ebd. 10, 1923, S. 67-76; Wiesmoor, in: Norderneyer Jahrbuch, 1929, S. 15-19; Denkschrift über die Notwendigkeit der Beibehaltung des Verwaltungsbezirkes Ostfriesland, Aurich 1947; Ostfriesland und das Jahr 1848. Goethe und Ostfriesland. (Zwei Vorträge), Aurich 1949 (Schriften der Ostfriesischen Landschaft zu Aurich, 1); Jann Berghaus erzählt. Lebenserinnerungen von Jann Berghaus herausgegeben von Siever Johanna Meyer-Abich, Aurich 1967.LiteraturCarl W o e b c k e n, Landschaftspräsident Jann Berghaus 80 Jahre, in: Ostfriesland. Mitteilungsblatt der Ostfriesischen Landschaft 3, 1950, S. 2; Theodor R e h b e i n, "... soll es an mir nicht scheitern!" Jann Berghaus - ein Leben für Ostfriesland, in: Ostfreesland. Kalender für Jedermann 37, 1954, S. 117-121; Harm W i e m a n n, Jann Berghaus, in: Jahrbuch der Ges. für bildende Kunst und vaterländ. Altertümer zu Emden 34, 1954, S. 92 [Nachruf]; d e r s. Jann Berghaus, in: Niedersächsische Lebensbilder 3, Hildesheim 1957, S. 20-35 (Portr.); Stefan P ö t z s c h, Der Auricher Regierungspräsident Jann Berghaus : Leistung und Legende, in: Ostfriesland zwischen Republik und Diktatur, Aurich 1993 (im Druck).Porträt(tm)lbild, Büste und verschiedene Photographien in der Ostfriesischen Landschaft, Aurich. |
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