Grundriß des Steinhauses in Wirdum
 in der Rekonstruktion nach den Grabungsbefunden.


 

 

 

 

 


Bretterkonstruktion.

 



     
Kleines Goldartefakt.


Langzinkenkamm aus Rinderknochen.

 

Wirdum (2000)
FStNr. 2509/1:10 u. 11, Gemeinde Wirdum, Ldkr. Aurich

Hoch- und spätmittelalterliche Häuptlingsburg

Die im Vorjahr begonnenen Untersuchungen der Beningaburg bei Wirdum wurden fortgesetzt und abgeschlossen. Dabei gelang es, die Fundamentgräben eines aus zwei Teilen bestehenden Nordwest-Südost ausgerichteten Gebäudes zum großen Teil freizulegen. Der Komplex mißt 21,40 m in der Länge und 11,40 m in der Breite gemessen von den Außenrändern der bis zu 3,3 m breiten und bis zu 1,50 m tiefen Fundamentgräben. Er ist offenbar zweiphasig, denn der Fundamentgraben des östlichen 11,40 x 10,10 m großen Gebäudeteils, eines massiven Backsteinturms, überschneidet den Graben des westlichen Gebäudeteils. Die identische Flucht und gleiche Breite beider Bauteile sowie die exzentrische Lage des Turmfundamentes am ostsüdöstlichen Rand des Warftenplateaus macht es wahrscheinlich, daß der Turm als östlicher Anbau eines etwas älteren Gebäudes anzusehen ist. Dabei wurde zumindest der Ostgiebel, wenn nicht gar das gesamte ältere Bauwerk, abgerissen und wahrscheinlich an gleicher Stelle zusammen mit dem Turm neu errichtet.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Art der Fundamentierung und die unterschiedliche Füllung der Fundamentgräben. Wie problematisch die Konstruktion massiver Steingebäude besonders im Marschengebiet Ostfrieslands war, zeigen viele mittelalterliche Kirchen, deren Wände zum großen Teil stark deformiert oder regelrecht auseinander gebrochen sind. Die Kirche von Suurhusen nördlich von Emden ist eines der markantesten Beispiele. Dort hat sich das Gebäude durch Senkungen oder Bodenfließen derart geneigt, daß es ohne weiteres mit dem schiefen Turm von Pisa mithalten kann. Die Erbauer der Beningaburg dürften dieses Problem gekannt haben. Dennoch haben sie, offenbar um Kosten zu sparen, kein unterirdisches Steinfundament angelegt, sondern lediglich durch einen breiten Sohlgraben, der wieder verfüllt und verdichtet wurde, das Schichtgefüge der Warft durchbrochen. Damit sollte offenbar verhindert werden, daß es unter dem gewaltigen Druck der bis zu 1,40 m starken Mauern zu einem seitlichen Ausweichen der Auftragsschichten unter dem Mauerwerk kam, was über kurz oder lang zum Auseinanderbrechen der Wände geführt hätte.

Die Verfüllung der Fundamentgräben zeigte einen markanten Unterschied zwischen dem älteren und dem jüngeren Bauteil. Während in dem älteren Graben kaum Backsteinfragmente vorhanden waren, sind sie besonders in den Ecken des jüngeren Fundamentgrabens zahlreich gewesen. Da sich unter diesen Steinen auffällig viele Fehlbrände und nur sehr wenige ganze Exemplare fanden, sind diese Fragmente wohl als der nicht wiederverwertbare Bauschutt des älteren Gebäudes anzusehen. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, daß an den Backsteinfragmenten im jüngeren Graben keine Mörtelspuren beobachtet wurden. Ob das als Hinweis auf ein mit Lehm gemauertes Vorgängergebäude gelten kann, sei dahingestellt, immerhin würde dies eine plausible Erklärung für dessen Baufälligkeit und den folgenden Abriß liefern.

 Bei der Anlage eines Großprofils in der Mittelachse des Gebäudekomplexes wurde wie schon an anderen Stellen auf der Warft eine ältere Siedlungsoberfläche erfaßt, die unter der Sohle der Fundamentgräben lag bzw. von diesen geschnitten wurde. Ein Holz aus einer liegenden oder umgefallenen Bretterkonstruktion in dieser Schicht konnte von der Fa. DELAG, Göttingen, dendrochronologisch “nach 1175” datiert werden. Stratigraphisch davon zu trennen war eine etwas jüngere Holzbauphase, die ebenfalls vor dem Bau des östlichen Backsteingebäudes liegen muß, denn die Pfostengruben wurden von dessen Fundamentgraben überschnitten, die Pfosten evtl. im Zuge der Anlage des Grabens gezogen. Ein bei diesem Versuch offenbar abgebrochener rechteckiger Eichenpfosten datiert “nach 1238” und liefert einen terminus post quem für den Bau des Turmes.

In einem Schnitt westlich der Backsteinbauten erbrachte eine ovale, ca. 6,00 m x 4,00 m große, schräg geböschte noch 2,60 m tiefe Grube (Bef. 290) mit ebener Sohle umfangreiches keramisches Material. Daneben fanden sich zahlreiche Tierknochen, Knochenartefakte, bearbeitete Hölzer sowie pflanzliche Makroreste (u.a. verkohlte Getreidekörner). Aus den oberen Verfüllschichten dieses Befundes stammt auch ein kleines Schmuckstück aus dünnem Goldblech. Das kaum fingerkuppengroße, kalottenförmige Objekt war vermutlich mit Perldraht belegt diente wahrscheinlich als Knopf oder Trachtbesatz. Zu den besonderen Funden aus dieser Grube zählt auch ein geometrisch verzierter Langzinkenkamm aus dem Metatarsus eines Rindes (Abb.: Zeichnung links). Trotz dieser Einzelobjekte macht das geborgene Fundmaterial insgesamt nicht den Eindruck, als ob ihre ehemaligen Besitzer in großem Reichtum gelebt hätten. Die importierte Keramik für den gehobenen Anspruch (Andenne-Ware und plastisch floral dekorierte, grünglasierte Rotirdenware, sogenannte hochdekorierte Ware) macht nur einen verschwindend geringen Anteil an der Gesamtmenge der Keramik aus und dürfte nach erster Durchsicht deutlich unter einem Prozent liegen.

Mit den Arbeiten im Mai und Juni 2000 wurden die Voruntersuchungen auf der Beningaburg erfolgreich abgeschlossen. Zukünftige Untersuchungen sollten sich insbesondere auf den Bereich nördlich der Hauptgrabungsfläche konzentrieren, denn der Grabungsplan zeigt hier weitere Bebauungsspuren, die vermutlich zu Nebengebäuden gehören. Die großflächige Freilegung der ältesten bäuerlichen (?) Siedlungshorizonte mit Holzbebauung des späten 12. Jhs. böte die einmalige Möglichkeit, die bauliche und damit eng verbunden die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu beleuchten, die Mitte des 14. Jhs. im gesamten ostfriesischen Raum zur Häuptlingsherrschaft führte.

Lit.: Peters, E., Eine alte Burg am verschwundenen Meer, Archäologie in Niedersachsen 4, 2001, 105-108.

E. Peters

Grabung Wirdum 1999

 

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