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Lütetsburg
(2000)
FStNr. 2309/8:34, Gemeinde Hage, Ldkr. Aurich Mittelalterliche Moorsiedlung Südlich des Alten Norder Tiefs erhebt sich ein Süd-Nord verlaufender, zungenförmiger Geländestreifen bis zu einer Höhe von +1,00 m NN über das vermoorte Umland, das bis zu +0,40 m NN tief liegt. An seinem nördlichen Ende, unmittelbar vor dem Tief, ragt bis zu +1,70 m NN eine rundliche Erhebung von ca. 50 m Durchmesser auf. Im Zuge der Planungen für eine Umgehungsstraße wurde festgestellt, daß die Trasse über diese ausgewiesene Fundstelle – möglicherweise eine Warft (Wurt) – führen soll und in diesem Bereich keine Verlegung möglich werden wird. Mit Unterstützung des Landkreises Aurich, der Gemeinde sowie dem Arbeitsamt wurde deshalb eine Vorabausgrabung begonnen, um die Denkmalsubstanz zu dokumentieren. In der ersten, halbjährigen Kampagne wurde eine gut 1000 qm große Fläche mit mehr als 100 Befunden im nordöstlichen Randbereich der Geländekuppe untersucht. Es zeigte sich rasch, daß die Grundform der Kuppe durch wohl äolisch abgelagerte, pleistozäne Feinsande gebildet worden war. Auf dem Sand lagerte über einer dünnen Bleichsandschicht eine alte Oberfläche in Gestalt eines torfig-humosen Substrats. Diese Torfschicht war durchschnittlich weniger als ein Dezimeter mächtig. Sie scheint durch Oxidation und Entwässerung als auch durch die Last der auflagernden Schichten auf diese Stärke reduziert worden zu sein. Gleichzeitig kamen zahlreiche Hinweise auf anthropogene Eingriffe zutage, so Spuren von Spateneinstichen im gewachsenen Boden, die Torfabbau belegen. Darüber setzten Aufbringungsschichten an, die überwiegend aus grob oder fein gewürfeltem, sandigen Material bestanden, das zum überwiegenden Teil aus vor Ort vorgenommenen Eingrabungen, z.B. Brunnenbaugruben, stammt. Zusammengenommen handelt es sich bei dem Fundplatz also nicht um eine Warft, sondern um eine im Zuge der mittelalterlichen Nutzung sukzessive erhöhte Sandkuppe im Moor. Während sich am nördlichen Hang der Kuppe dutzende von kleineren Sandentnahmegruben fanden, die in Ermangelung von Fundstücken nicht näher zu datieren sind, wurde etwas weiter südlich der Randbereich eines hochmittelalterlichen Befundkomplexes erfaßt. Untersucht wurden bisher drei Brunnen in weit ausladenden Baugruben, deren Schächte sehr massiv aus z.T. spiralig gepackten Torfsoden konstruiert waren. In der Tiefe von ca. 2,50 m sorgten hölzerne Unterbauten für weitere Stabilität. In einem Fall war diese Substruktion als ein ansonsten ungewöhnliches Hexagon aus Weichholz angelegt (Abb. 1), in einem anderen Fall waren sekundär verwendete Bauhölzer, darunter angekohlte Stücke, zu einem Quadrat zusammengefügt. Derart dicht beieinander liegende Brunnen deuten, selbst wenn sie z.T. nacheinander in Funktion gewesen sein sollten, auf einen Wasserbedarf, der über das Maß der Versorgung eines rein bäuerlichen Gehöftes hinauszugehen scheint, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Platz unmittelbar an einem offenen Wasserlauf positioniert gewesen ist. Ein weiteres Indiz für deshalb hier zu erwartende Hinweise auf die Ausübung handwerklicher Verrichtungen sind zwei aufwendig gebaute Abwasserleitungen, die bisher auf einer Länge von ca. 10 m verfolgt werden konnten, wobei Anfang und Ende noch außerhalb des Grabungsschnittes liegen (Abb. 2): Die Leitungen entwässerten anscheinend vom Zentrum der Kuppe hangabwärts nach Nordosten, sie führten direkt westlich an den genannten Brunnen vorbei. Zu ihrer Erstellung waren bis zu über 1 m breite Gräben in dem anstehenden Sand ausgehoben worden, die bis auf eine ca. 0,30 m breite Mittelrinne sehr sorgfältig mit Torfsoden ausgekleidet wurden. Über die Rinnen waren in regelmäßigen Abständen kurze Querhölzer gelegt, auf denen abdeckende Längshölzer geruht haben. Stratigraphisch konnte eindeutig ein zeitliches Nacheinander der beiden unterirdischen Leitungen festgestellt werden, woraus auf eine längerfristig notwendige Funktion der Entwässerung zu schließen ist. Der zeitliche Schwerpunkt des bisherigen Fundmaterials, einheimische harte Grauware und pingsdorfartige Ware, sei vorläufig mit 11./12. Jh. angegeben, während einzelne Funde von Scherben der Muschelgrusware einen Beginn des Platzes schon in der ersten Hälfte des 10. Jh. für möglich erscheinen lassen. Dendrochronologische Datierungen werden später ein genaueres Bild vermitteln. Die beiden Leitungen sind in diesem hochmittelalterlichen Kontext als in der Tat außergewöhnlich anzusehen, da solche Installationen in Ostfriesland bisher unbekannt waren und als technologischer Fortschritt den spätmittelalterlichen Klöstern zugeschrieben wurden, in denen Abwasserleitungen aus Backsteinen oder Dachziegeln ergraben werden konnten. So werden die weiteren Grabungen zu klären haben, ob die Menschen an diesem Platz ihr Auskommen durch die Ausübung besonderer Handwerks- oder Herstellungstechniken gefunden haben. Aus Lütetsburg ist durch frühere Grabungen ein weiterer Platz im Moor bekannt, der durch die saisonale Nutzung zur Raseneisenerzverhüttung durchaus als Sonderwirtschaftsbereich abseits der Landwirtschaft bezeichnet werden kann. Nun sind weitere neue Erkenntnisse zu den Vorgängen der mittelalterlichen Moorkolonisation zu erwarten, zu deren wirtschaftlichen Grundlagen noch die meisten Fragen offen sind. R. Bärenfänger
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