|
|
Spätes Mittelalter / Frühe NeuzeitHoltgaste-Jemgumkloster (2006) FdStNr. 2710/4:9-4, Gde. Jemgum, Ldkr. Leer
Mit dem Toponym
„Jemgumkloster“ wird in der archäologischen Literatur eine frühgeschichtliche
Wurt am linken Emsufer südlich von Jemgum bezeichnet (s. Brandt
1972, 147). Es hat seinen Ursprung wohl aber in der Benennung einer
weiteren anthropogenen Aufhöhung, die 200 m westlich davon liegt. Sie
besitzt eine Größe von ehemals ca. 150 x 150 m und im Zentrum eine Höhe
von +2 m NN. Der Name „Clooster“ auf einer Karte von 1781 und
„Klos.“ auf der Karte „Frisia Orientalis“ von Ubbo Emmius
(1547-1625) scheint sich auf diesen Platz zu beziehen, der als ehemaliges
Vorwerk der in Jemgum belegenen Johanniterkommende angesehen werden kann.
1496 (um 1500) soll das Kloster auf das Vorwerk verlegt und 1533
während der ersten Jemgumer Schlacht zerstört worden sein. Bereits
1861 oder 1863, als die Landstraße über den westlichen Teil der Wurt geführt
wurde, stießen Arbeiter beim Ausheben der Straßengräben auf eine große
Anzahl von Skeletten. 1959 wurden wiederum Skelette und eine 2 m lange
Eichenbohle entdeckt, außerdem wurde ein Gewölbe aus Klostersteinen
angeschnitten. Zuletzt wurden 1997 bei Erdarbeiten Klosterformatbruchstücke,
Dachziegel- und Holzstücke sowie Skeletteile beobachtet. Diese
Fundmeldungen liefern hinreichende Belege für die ehemalige Existenz des
Vorwerks und Klosters an diesem Ort. Im März 2006
konnte erstmalig eine planmäßige Ausgrabung stattfinden, weil die Trasse
eines geplanten Radweges am westlichen Straßenrand vor Baubeginn
untersucht werden konnte. In der langgestreckten, nur 12 x 3 m großen Fläche
kamen bis in eine Tiefe von 1,5 m mehr oder weniger vollständige Überreste
von etwa 40 menschlichen Individuen zu Tage (Abb. links unten). Die Skelette lagen
zwischen -0,15 m und + 0,55 m NN in dem Aufschüttungsmaterial der Wurt.
Backsteinmaterial konnte bis in eine Tiefe von ±0,0 m NN nachgewiesen
werden (Steinformat 32 x 15,5 x 9 cm). Die große Anzahl der Skelette
innerhalb des kleinen Schnittes und die mehrfachen Überlagerungen von Gräbern
zeugen von einer relativ dichten Belegung. In Hinblick auf die früher
bereits zerstörten Gräber ist also von einem umfänglichen
Friedhofsareal an dieser Stelle auszugehen, das wohl nicht allein in den
drei Jahrzehnten des hierher verlegten Klosters, sondern bereits vorher in
den Zeiten des Vorwerks entstanden ist. Die wenigen aufgefundenen
Keramikscherben reichen zwar in das späte Mittelalter zurück, geben aber
zu dieser Frage keine hinreichende Auskunft. Unter den Bestatteten befanden sich mit Sicherheit nicht nur Angehörige des Konvents, wie die Aufdeckung eines Kindergrabes zeigt. Bemerkenswert ist ein Doppelgrab, das bereits anthropologisch untersucht werden konnte (Abb. links oben): Nach der Diagnose von Frau Dr. A. Burkhardt, Braunschweig, handelt es sich um einen Mann mit einer Körperhöhe von 1,72 m, dessen Sterbealter mit „um 55 Jahre“ angegeben werden kann. An seiner rechten Seite lag ein Kind, ein ca. sechs Jahre alter Junge von 1,09 m Größe. Am Skelett des Mannes wurde seine starke körperliche Beanspruchung zu Lebzeiten deutlich, wobei möglicherweise auch der Kiefer und Zähne einbezogen waren. Beide Individuen litten unter starken entzündlichen Erscheinungen, an Mastoiditis/Otitis sowie an Osteomyelitis am Schädel bzw. der Wirbelsäule. Die Körperhaltung der Bestatteten zeigt eine enge, vielleicht verwandtschaftliche Beziehung an: Dem Mann ist der rechte Arm um die rechte Schulter des ihm zugewandten Kindes gelegt worden. Seine rechte Hand faßte die vor die Brust gezogenen Unterarme bzw. Hände des Kindes. Angesichts des Alters des Mannes könnte es sich um den Großvater des Kindes gehandelt haben, beide sind vielleicht gleichzeitig von einem schweren Infekt dahingerafft worden. Lit.: Brandt, K. 1972: Untersuchungen zur kaiserzeitlichen Besiedlung bei Jemgumkloster und Bentumersiel (Gem. Holtgaste, Kreis Leer) im Jahre 1970. Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 7, 1972, 145-163. R. Bärenfänger / G. Kronsweide
|
|
| Fundchroniken |
|
|