Fundamente Kirchstraße 11.


Kellertreppe Kirchstraße 11.


Mittelalterliche Holzkonstruktion unter 
dem Haus Kirchstraße 11.


Hölzerner Fußpfad z.T. aus Faßdauben 
vor der Großen Kirche.

 

 

Emden (2001)
FdStNr. 2609/1:57, Stadt Emden

Altstadtgrabung

Der Altstadtbereich von Emden ist für die archäologische Denkmalpflege ein besonders sensibles Areal, weil sich dort ein reicher Quellenbestand erhalten hat, der zu verschiedenen wichtigen Fragekomplexen Auskunft geben kann: Nach den ersten Grabungen von W. Haarnagel in den 1950er Jahren und punktuellen Aufschlüssen von W. Reinhardt handelt es sich um eine bis in die Zeit um 800 zurückzuverfolgende Warftensiedlung, die sich im Verlaufe des Mittelalters zu einer Stadt entwickelt hat (vgl. Brandt 1994). Soweit bisher bekannt, liegen die ältesten Schichten - vom höchsten Punkt gerechnet - in knapp 8 m Tiefe bei bis zu -1,45 m NN. Sie sind einer anscheinend parallel zum Emslauf ausgerichteten Flachsiedlung zuzurechnen, über der dann sukzessive die Warft (Wurt) aufgehöht und auch randlich ausgedehnt worden ist. Am westlichen Ende der Siedlung befand sich der Standort der Kirche, dort konnten eine Holzkirche des 10. Jahrhunderts (d 966) und mehrere Vorgänger bzw. Bauphasen der Großen Kirche archäologisch nachgewiesen werden. Zwischen der Kernwarft und der Kirche verläuft in süd-nördlicher Richtung die Kirchstraße, in die von Osten her u.a. die Pelzer-, die Schul- und früher auch die Rosenstraße münden. Die Kirchstraße ist als Nahtstelle zwischen Stadtwarft und Kirchort archäologisch sowie stadtgeschichtlich von besonderem Belang, weil hier maßgebliche Informationen zur Stadtentwicklung im Boden konserviert sind. Dies gilt sowohl für die mittelalterliche als auch noch für die frühneuzeitliche Situation, da originale Bausubstanz durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschwunden ist.

Durch Kanalisationsarbeiten und Neupflasterungen, die im Sommer 2001 in der Kirchstraße begannen, ist ein Teil dieser Denkmalsubstanz in Gefahr geraten. Nachdem erste Reste von Backsteinfundamenten und Holzbalken unkontrolliert zerstört worden waren, setzte in Abstimmung mit der Bezirksregierung Weser-Ems und der Stadt Emden eine archäologische Begleitung der Erdarbeiten ein. Ab der Hälfte der Strecke zwischen Burg- und ehemaliger Rosenstraße konnte bis in 2,50 m Tiefe ein Profil des Rohrgrabens dokumentiert werden (Oberfläche hier etwa +3,00 m NN). Südlich davon kam beim Entfernen des rezenten Straßenpflasters der fast komplette Grundriss des ehemaligen Hauses Kirchstraße 11 zu Tage (Abb. links oben). Mit einer Länge von gut 13 m erstreckte es sich zwischen der Einmündung der Schul- und der ehemaligen Rosenstraße; die Kirchstraße verlief vor dem Abriss des Hauses als lediglich schmaler Durchgang eng am Chor der Großen Kirche. Das Haus könnte in seinem älteren Teil durchaus noch dem Spätmittelalter zugerechnet waren, da seine 0,80 m breiten Fundamente aus Klosterformatsteinen aufgesetzt waren. Später scheint auf der Mitte des Hauses ein kleiner Flur im Eingangsbereich abgeteilt worden zu sein, außerdem ist ein Fußboden mit quadratischen, polychrom glasierten, frühneuzeitlichen Fliesen verlegt worden. Zu derselben Bauphase scheint auch die Einbringung eines wenigstens 4 x 5 m großen Halbkellers gehört zu haben. Der noch 0,95 m tief erhaltene Keller besaß einen Treppenzugang von Süden (Abb. links, 2. von oben) und ein später zugesetztes Fenster im Westen. Ebenfalls westlich befanden sich außerhalb des Hauses zwei gewölbte Zisternen, die unterhalb des ehemaligen Straßenverlaufs gelegen haben müssen.

Während der westliche Teil des Hausgrundrisses im Boden erhalten werden konnte, fiel der mittlere der Einbringung des gut 1,50 m breiten Rohrgrabens zum Opfer. Dabei zeigte sich, dass die Fundamente ohne weitere Unterfütterung den darunter folgenden Siedlungsschichten, die in erster Linie aus aufgebrachtem Klei (Marschensediment) bestanden, aufgesetzt worden sind. Am Ostprofil des Rohrgrabens wurde festgestellt, dass die Nordwand des Kellers eine ältere Holzkonstruktion als Auflager nutzte: Zwei massive, übereinander gepackte und auf Stützpfosten ruhende Holzbalken (Abb. links, 3. von oben) setzen dort an, deren südliches Ende durch eine kompakte Konstruktion von liegenden und eingerammten Hölzern fixiert gewesen ist. Die Balken besaßen eine Länge von 4,40 m, ihre Unterkante lag im Süden bei +0,84 m NN, nach Norden fielen sie auf +0,46 m NN ab. Dort waren sie nach Osten leicht aus ihrer Position verdrückt, was anscheinend einen Schwachpunkt der Konstruktion anzeigt, da das Einschieben eines Felgensegments eines hölzernen Wagenrades auf eine frühere Reparatur deutet. Im nördlichen Anschluss an diese Balken zeigten sich zwei weitere, so dass die Gesamtlänge der Konstruktion mit knapp 8 m angegeben werden kann. Ihre Tiefenlage nahm nach dort hin allerdings weiter zu, das Ende lag bei +0,20 m NN. Diese Neigung scheint einerseits dem Abfallen der Warftschichten nach Norden hin entsprochen zu haben, ist andererseits aber hinsichtlich des konstruktiven Zwecks erklärungsbedürftig, da am nördlichen Ende, wo der stärkste Schub aufzufangen gewesen ist, keinerlei Gegenmaßnahmen in Form einer weiteren Unterfütterung oder seitlichen Fixierung getroffen worden sind. So bleibt zunächst spekulativ, ob es sich bei den Balken um die Reste eines Hauses oder lediglich um eine Stützkonstruktion während einer Erhöhung der Warft gehandelt hat. Anhand der zahlreich geborgenen Funde kann eine Datierung in das 13./14. Jh. angenommen werden.

Im weiteren Verlauf der Baumaßnahmen wurde südlich der Einmündung Schulstraße der gesamte Platz zwischen dem Chorraum der Großen Kirche und dem östlich gegenüberstehenden Bunker bis über die Einmündung Pelzerstraße hinweg vom Straßenpflaster und seiner Bettung geräumt. Unmittelbar darunter kam auf fast 24 m Länge eine Häuserflucht zu Tage, die den Standort von wohl drei Gebäuden nebst Überresten ihrer Innenaufteilung und Fußböden erkennen ließ (Abb. Karte). Südlich der Einmündung Pelzerstraße zeigte sich ein in der Ausrichtung davon etwas abweichendes Fundament aus Klosterformatziegeln mit Resten der Fliesen eines frühneuzeitlichen Kamins. Westlich davon wurden Teile des Backsteinfußbodens oder Straßenpflasters dokumentiert.

Während sich für diese Gebäude, die z.T. erst in den 1930er Jahren abgerissen worden sind, über den Vergleich mit alten Ansichten und Karten sicher noch weitergehende Darstellung erarbeiten lassen werden, überraschte im Nordteil der Grabungsfläche die Erhaltung von spätmittelalterlichen Holzbefunden in annähernd derselben Höhenlage. Bei einer auf 7,70 m Länge erhaltenen, West-Ost gerichteten Doppelbalkenlage scheint es sich um Überreste eines Vorgängerbaues an der Ecke Kirch- und Schulstraße zu handeln. An der mutmaßlichen Giebelseite im Westen war diesem Gebäude ein bis zu 0,70 m breiter, aus Fassdauben verlegter und an den Seiten mit hochkantstehenden Brettern eingefasster Fußpfad vorgelagert (Abb. links unten). Im weiteren sind auf diesem Niveau eine große Anzahl von im Boden steckenden Balken und Pfosten zu registrieren, außerdem sind mehrere eingegrabene Fässer und andere Befunde zu nennen, die nun ausführlich untersucht werden müssen. Interessant ist zudem das umfängliche Spektrum an Funden aller Art, wozu ein Langzinkenkamm, Spinnwirtel, zwei kleine Goldbleche und vor allem Holzfunde (Löffel, Kreisel, Dauben) gehören.


 Übersichtsplan der Fundamente. 
Der Hölzerne Fußpfad befindet sich inmitten der Parzelle an der Ecke Kirchstraße/Schulstraße.

 

Lit.: Brandt, K.: Archäologische Quellen zur frühen Geschichte von Emden. Geschichte der Stadt Emden I (Ostfriesland im Schutze des Deiches 10), Pewsum 1994, 1-57. Bärenfänger, R. u. Kronsweide, G., Eine Rettungsgrabung in Emden. Archäologie in Niedersachsen 5, 2002, 91-94.

R. Bärenfänger / G. Kronsweide

Grabung Emden 2002

 

Fundchroniken Zeittafel Grabungen 2001