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Landschaft von Ostfriesland
Fundchronik 1995 |

Fundchronik 1995

 

Ostfriesische Fundchronik
Emder Jahrbuch Bd. 75, 1995

Von Rolf Bärenfänger, Wolfgang Schwarz und Renate Stutzke

 

Die Ostfriesische Fundchronik berichtet über Untersuchungen und bedeutende Funde, die von der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft in dem genannten Zeitraum bearbeitet wurden und die neue Hinweise auf die Besiedlung in der Ur- und Frühgeschichte, im Mittelalter und in der Neuzeit geben. Die Fundstellen sind in alphabethischer Reihenfolge der Gemarkungen Ostfrieslands geordnet. Um auch die Fundstellen einer bestimmten Zeitstufe zu finden, ist der Fundchronik eine Zeitstufenliste angefügt. Sofern nicht die Ostfriesische Landschaft die Funde entdeckte und magazinierte, sind Fundmelder und Verbleib der Funde extra genannt.

 

A. Ausgrabungen und Funde in Ostfriesland  

 

1. Bensersiel 2311/4:78, Gemeinde Esens, Landkreis Wittmund
Lesefunde der Römischen Kaiserzeit  

Scherben der frühen Römischen Kaiserzeit wurden von Herrn Zeiger, Oldendorf, gefunden und von Herrn Heinze, Esens, gemeldet. Sie wurden von einem Acker im sandigen Klei aufgelesen. Unter den Funden befanden sich Randscherben mit Fingertupfenverzierung, eine mit einer Knubbe auf der Schulter sowie ein Reib-/Klopfstein und Schlackestücke.  

 

2. Diele 2810/7:9, Gemeinde Stadt Weener, Landkreis Leer
Spätneolithische Funde  

Im Zuge des Straßenneubaues der K 27 wurde eine spätneolithische Siedlung auf einer flachen Geestkuppe von mehr als +2,00 m NN angeschnitten. Aufgrund der verspäteten Anzeige des Beginns der Erdarbeiten konnte keine angemessene Untersuchung stattfinden. Befunde, darunter einige in Reihe liegende Pfostengruben, wurden nur noch in den flankierenden Gräben erfaßt. Hervorzuheben sind verzierte Gefäßbruchstücke der späten Einzelgrabkultur, womit erneut ein Hinweis auf eine Siedlung dieser Zeitstellung in Ostfriesland gegeben ist. Als Einzelfund ist das Bruchstück einer frühbronzezeitlichen Steinaxt zu nennen.  

 

3. Emden 2609/l:35-1-0, kreisfreie Stadt Emden
Spätmittelalterliche Burg  

Im südlichen Weg der Stadtparkanlage am ”Burgplatz” wurde bei Gasrohrverlegungsarbeiten an drei Stellen Mauerwerk durchbrochen. Diese Baumaßnahme wurde allerdings nicht von der Denkmalbehörde der Stadtverwaltung, sondern von Frau I. Wagner gemeldet. Eine sofort eingeleitete archäologische Untersuchung konnte das Mauerwerk dokumentieren und durch Vergleiche mit historischen Grundrißplänen eindeutig der Emsmauer und einem im Burgbereich gelegenen Gebäude zuweisen. Damit ist es nun möglich, auch die restliche Burganlage im Bereich des Parkgeländes genauer zu lokalisieren.

 

4. Ems (Fluß) 2710/0:1, Landkreis Leer
Einzelfund einer Geweihaxt  

Eine Geweihaxt von schwarzbrauner Farbe mit Gebrauchsglanz auf dem gesamten Axtkörper sowie Zuricht- und Gebrauchsspuren an Schneide, Schaftloch und Nacken, fand H. Willms, Leer, im Baggergut, das bei der Emsvertiefung zwischen Papenburg und Emden anfiel und im Gewerbegebiet „Leer Nord” auf einem Spülfeld gelagert wurde. Die Geweihaxt ist 17,4 cm lang, 5,1 cm breit und 4,8 cm dick. In ihren Poren befindet sich graubrauner Sand. Da dieser Typ der Geweihaxt zeitlich nicht näher festzulegen ist, kommen neben einer Datierung in die Steinzeit auch jüngere Zeitstellungen in Frage.  

 

5. Hesel 2711/2:136, Gemeinde Hesel, Landkreis Leer
Frühmittelalterliches Gehöft  

Im Gewerbegebiet ”Wehrden” wurde bauvorbereitend die südlich an das im Vorjahr untersuchte Grundstück grenzende Fläche bearbeitet. Von besonderem Interesse war dabei der weitere Verlauf eines Systems von Gruben und Gräbchen, das östlich eines frühmittelalterlichen Hausgrundrisses angeschnitten worden war. Am südlichen Rand des Grundstücks kamen vier größere Gruben zutage, von denen die ausgedehnteste bei rundovaler Form 4,00 x 2,30 m maß und 1,60 m tief war; sie wurde randlich von einer Feuerstelle überlagert. Nördlich davon wurden vier kleinere, eng hintereinander liegende Gruben aufgedeckt, von denen sich die südliche aufgrund von verziegelten Lehmstücken als Ofenrest ansprechen ließ. Muschelgrusgemagerte Ware sowie eine granitgrusgemagerte, mit Gitterstempeleindrücken verzierte Randscherbe datieren den Fundkomplex in das 9./10. Jahrhundert.  

 

6. Hesel 2611/9:10-8-0, Gemeinde Hesel, Landkreis Leer
Wüstung Kloster Barthe  

Im Zuge der in den Jahren 1988-1992 durchgeführten Grabungen auf dem ehemaligen Klostergelände wurden u.a. sechs Gruben dokumentiert, die aufgrund ihres Erscheinungsbildes als vorgeschichtliche Feuerstellen angesprochen, jedoch in Ermangelung von Funden nicht näher datiert werden konnten. Eine davon enthielt Reste verkohlter Äste, drei andere lieferten Holzkohlebrocken. 14C-Analysen der Holzkohleproben, die von Prof. Dr. Geyh, Hannover, durchgeführt wurden, ergaben mit 7 500 bis 6 500 v. Chr. G. die bisher ältesten archäologischen Daten Ostfrieslands. Sie stellen diese Befunde in die Gruppe der mesolithischen Feuerstellen und Kochgruben. Solche sind auch andernorts in der Region bekannt geworden, eine Datierung (Menstede-Coldinne 2410/l:13, Landkreis Aurich, cal BC 5573-5443) reichte nur in die Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. zurück. Auch hinsichtlich der Baugeschichte des Klosters wurden 14C-Untersuchungen angestellt. In guter Übereinstimmung mit dem archäologischen Befund befindet sich die Analyse von verkohlten Resten des Reet- oder Strohdaches der ersten Holzkirche, die ein Altersintervall von cal AD 1175-1285 (Hv 20475) erbrachte. Die bisherige, auf der Basis der Keramikfunde erfolgte Einschätzung, daß nach einer länger währenden Holzbauperiode die Errichtung der Backsteinkirche erst nach der Mitte des 13. Jahrhunderts erfolgt sein kann, hat damit ihre Bestätigung gefunden. Für einen verkohlten Schwellbalken eines der ersten Wohngebäude liegt zudem ein Datum von cal AD 1030-1245 (Hv 20476) vor.  

 

7. Holte 2811/l:31, Gemeinde Rhauderfehn, Landkreis Leer
Gräberfeld der Bronze- und Eisenzeit  

Die Erdarbeiten zur Erstellung der BEB-Ferngasleitung von Holte nach Wardenburg wurden im Gebiet des Landkreises Leer flächendeckend beobachtet. Am westlichen Rand der Gemarkung Holte kamen dabei auf einer Geestkuppe Überreste eines Gräberfeldes der späten Bronze- und frühen Eisenzeit zutage. Als weiter hangabwärts ein Siedlungsareal angeschnitten wurde, setzte finanzielle und personelle Unterstützung durch den Bauträger ein. Insgesamt wurden auf der 20 m breiten Trasse über 600 Befunde dokumentiert. Die Erhaltungsbedingungen für größere Zusammenhänge waren aufgrund starker ackerbaulicher Nutzung des Geländes eher mäßig. Dies betraf vor allem den Bereich der Siedlung, wo zahlreiche Pfostengruben, z.T. in deutlicher Reihe, z.T. als Doppelpfosten, erfaßt worden sind, wo sich jedoch nach vorläufiger Beurteilung kein eindeutiger Gebäudegrundriß rekonstruieren ließ. Während die Menge der Befunde in die späte Bronze- bzw. frühe Eisenzeit zu datieren ist, muß auch ein neolithischer Siedlungshorizont existiert haben, auf den einige in der Färbung deutlich verschiedene Pfostengruben sowie Einzelfunde hinwiesen.  

Zehn Bestattungen konzentrierten sich nordwestlich der Siedlung auf dem SW-NO gerichteten Kamm der Geesterhebung (über +3,50 m NN), zwei lagen etwa 50 m weiter hangabwärts. In einem Teil des Areals waren in tieferliegenden Gruben Urnen zur Gänze erhalten, während andere im oberen Bereich schon vor dem Trassenbau dem Pflug zum Opfer gefallen sein müssen. Erstmalig für Ostfriesland gelang der Nachweis von schlüssellochförmigen Grabeinfassungen als letzte Überreste von flachen Überhügelungen. Da das Areal von Meliorations- und Sandentnahmelöchern stark gestört war, ließ sich von sieben solcher Anlagen nur eine vollständig erfassen. Sie besaß eine Länge von gut 7 m. Die verhältnismäßig große Bestattungsgrube im Westen des Gräbchens enthielt im Gegensatz zu den anderen Gräbern keine Urne, sondern ein zerscherbtes Gefäß und nur wenig Leichenbrand. Auffällig waren zwei konzentrisch verlaufende Gräbchenreste, die zwei dicht nebeneinander niedergelegte Urnengräber umgaben. Hier ist wohl von einer Erweiterung des ersten Hügels, also von einem zeitlichen Nacheinander der Bestattungen auszugehen. Außer einem kleinen Gefäß in einer der Urnen kamen keine Beigaben zutage. Da das Gräberfeld beidseitig außerhalb der Trasse seine Fortsetzung findet, sollten angesichts der Gefährdung durch intensive landwirtschaftliche Nutzung zügig weitere Rettungsgrabungen an diesem Platz angesetzt werden.  

 

8. Holtgast 2311/8:126, Gemeinde Esens, Landkreis Wittmund
Ur- und frühgeschichtlicher Siedlungsplatz  

In einem geplanten Wohngebiet meldete Herr Heinze Keramikscherben, die beim Abschieben der Straßentrassen gefunden worden waren. Die kurzfristig angesetzte Rettungsgrabung legte einen Fundplatz am unmittelbaren Geestrand des Küstengebietes auf pleistozänem Sand frei, der schwerpunktmäßig in der Römischen Kaiserzeit besiedelt war. Es fanden sich Pfosten- und Werkgruben, letztere z.T. von rundlichen Gräbchen umgeben, sowie Wandgräbchen von gröBeren Häusern. Die Wohnplätze scheinen sich um eine kleine, ehemals mit Wald bestandene Senke gruppiert zu haben. Da das Gelände vormals nicht intensiv genutzt wurde, bestehen gute Erhaltungsbedingungen.  

 

9. Juist 2307/2:3-1-0, Gemeinde Juist, Landkreis Aurich
Neuzeitlicher Brunnen

An der Nordseite der Insel, östlich der Domäne Bill, entdeckte Herr van Oosten vor den Dünen am Strand einen freigespülten Brunnen. Er gehört zu einem bekannten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Siedlungsplatz. Mit Hilfe des Bauamtes für Küstenschutz wurde der Befund freigelegt und untersucht. Der Brunnendurchmesser beträgt außen 1,70 m und innen 1,20 m. Die Brunnenwand besteht aus übereinandergeschichteten Kleisoden von 0,20 bzw. 0,30 m Länge, 0,17 m Breite und 0,08 m Höhe. 1,24 m unter der vorgefundenen Oberkante (1,82 m NN) konnte ein Holzunterbau dokumentiert werden, der wahrscheinlich die Brunnensohle bildete. Eindringender Treibsand und Wasserdruck verhinderten eine weitere Dokumentation.

 

10. Loga 2710/6:47, Gemeinde Stadt Leer, Landkreis Leer
Siedlung der Völkerwanderungszeit und des Mittelalters

Auf der im Vorjahr bei Straßenbauarbeiten entdeckten frühgeschichtlichen und spätmittelalterlichen Siedlung am Leegkamp wurde die in Kooperation mit der Stadt Leer aufgenommene Bauvoruntersuchung fortgesetzt. Zunächst wurde im südlichen Teil des kleinen Wohnbaugebietes ein Areal von l 500 qm Größe abgeschoben. In erstaunlicher Dichte präsentierten sich vor allem völkerwanderungszeitliche Pfostengruben und Wandgräbchen, die sich nach weiterer Bearbeitung zu wenigstens zwei Hausgrundrissen zusammenfassen lassen werden. Bemerkenswert ist die für Ostfriesland erstmalige Auffindung eines Brunnens dieser Zeitstellung. Er war 1,45 m in den Sandboden eingetieft; im unteren Teil hatte sich eine Einfassung von vertikalen, ins Rund gesetzten Spaltbohlen erhalten. Neun Holzproben dieses Einbaues ließen sich dendrochronologisch auswerten, sechs davon gehören zu einem Stamm, der im Zeitraum 416 /+8 bzw. 416 /+8 gefällt worden ist; die übrigen gehören zu einem Stamm mit dem Datum 417 /+8. Die zeitliche Nähe dieser Daten läßt vermuten, daß kein sekundär verwendetes, sondern frisches Holz verbaut worden ist, wodurch der terminus post quem für den Brunnen entsprechend eng zu fassen ist. Damit liegt gleichzeitig ein Datierungsansatz vor, der für die absolutchronologische Beurteilung des umfangreichen KeramikRndus der Siedlung von Bedeutung ist. So stammen u.a. aus dem Brunnen neben glatter eihheimischer Ware auch Fragmente der sogenannten sächsischen Buckelkeramik.

Ein spätmittelalterlicher Siedlungshorizont überlagert nach dem jetzigen Grabungstand den völkerwanderungszeitlichen flächendeckend, wobei z.T. erhebliche Störungen der älteren Befunde zu verzeichnen sind. Bisher wurden zwei Hausgrundrisse mit mächtigen Pfostengruben und Wandgräbchen dokumentiert, die dem niederländischen Typ Gasselte nahestehen. Eines davon scheint durch einen Brand sein Ende gefunden zu haben, denn zahlreiche Stücke vom Wandbewurf wurden in den südlich des Hauses verlaufenden Graben planiert. Außerdem sind ein noch nicht näher zu charakterisierender Werkkomplex mit eingegrabenem Vorratsgefäß, ein großer Rutenberg sowie zwei Brunnen zu nennen. Einer der Brunnen war unten mit Flechtwerk ausgekleidet, auf seiner Sohle steckte der noch 0,70 m hohe Rest einer hölzernen Sprossenleiter, seine Füllung enthielt neben zahlreichen Keramikfunden das Bruchstück einer Holzschale von etwa 0,40 m oberem Durchmesser. Der zweite Brunnen wartete mit einer weitaus solideren Konstruktionsweise auf. In einer Tiefe von 2,60 m (+2,70 m NN) setzte ein 0,90 m hoher quadratischer Kasten aus massiven Kanthölzern an, darauf saß ein 0,80 m hoher, ausgehöhlter Baumstamm von 1,10 m Durchmesser. Zwischen Kasten und Baumstamm war an einer Stelle das Felgensegment eines Rades eingeschoben, der Übergangsbereich zwischen den beiden Bauelementen war von filternden Torfsoden umpackt. Da die dendrochronologische Untersuchung dieser Hölzer noch nicht eingeleitet ist, kann aufgrund der Keramikfunde die Datierung der Siedlung erst allgemein in das 13. Jahrhundert erfolgen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das bisher völlige Ausbleiben rheinischer Importware, das in gewissem Gegensatz zum aus der Größe der Häuser erschließbaren wirtschaftlichen Potential der Siedlung zu stehen scheint. Auch hierzu werden sich vielleicht noch Anhaltspunkte ergeben, denn im kommenden Jahr werden die Grabungen in der nördlichen Hälfte des Baugebietes fortgesetzt.

 

11. Nortmoor 2711/4:136, Gemeinde Nortmoor, Landkreis Leer
Gräber und Gruben der Bronze- und Eisenzeit

Bei den Erschließungsarbeiten zur Erweiterung des Gewerbegebietes wurden zwei Brandbestattungen und einige Gruben der späten Bronze- und frühen Eisenzeit dokumentiert. Außerdem ist ein rundovaler, bis 0,80 m breiter Kreisgraben von gut 6,00 m Durchmesser zu erwähnen, der in Ermangelung von Funden jedoch nicht datiert werden konnte. Bei einer der Bestattungen handelte es sich um den Überrest eines kleinen, kaum in den gewachsenen Boden eingetieften Leichenbrandlagers ohne Beifunde. Der Leichenbrand der anderen war in einer größtenteils zerstörten Urne niedergelegt, dabei fanden sich Bronzereste. Die Urne muß im Zentrum eines Totenhauses von 1,70 x 1,15 bzw. 1,30 m Seitenlängen deponiert worden sein, auf das vier Gruben mit zwischen 0,32 und 0,57 m tiefen Pfostenstandspuren, Durchmesser bis 0,20 m, hindeuteten. Möglicherweise existierte auch ein flacher Hügel, entsprechende Hinweise in Form eines Umfassungsgrabens konnten jedoch nicht mit letzter Sicherheit dem Grabplatz zugeordnet werden.

 

12. Nortmoor 2711/8:2, Gemeinde Nortmoor, Landkreis Leer
Ur- und frühgeschichtlicher Siedlungsplatz  

Südlich des am unmittelbaren Geestrand gelegenen Straßendorfes Nortmoor erstreckt sich der gleichnamige Hammrich als niedrig gelegenes, ebenes Gebiet. Mächtige Torfschichten und Kleiablagerungen späterer Überschwemmungen haben hier den nördlichen Teil des Urstromtals der Jümme aufsedimentiert. Gut 300 m nördlich des heutigen Fluß1aufes ragt ein West-Ost verlaufender Dünenzug auf, an dessen Flanken die Torf- und knapp unterhalb der Scheitellinie auch die Kleischichten ausstreichen, so daß die höchsten Bereiche als Geländekuppen (+1,30 m NN) sichtbar geblieben sind. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre wurde mehr als die Hälfte des Dünenzuges bedenkenlos ausgesandet, lediglich die westlichste und der Rand der benachbarten Kuppe blieben größtenteils unversehrt. Sporadisch sind Fundaufsammlungen erfolgt, die zeigen, daß hier ein unvergleichlich reichhaltiges Siedlungsgebiet größtenteils vernichtet worden ist. Von den weit mehr als zweitausend Keramikscherben stammt die Mehrzahl aus der Römischen Kaiserzeit, darunter römisches Glas, auf ältere Perioden deutet das Bruchstück einer Flintsichel. In das frühe Mittelalter datiert muschelgrusgemagerte Ware. Ebenso vertreten sind hoch- und spätmittelalterliche Waren mit einem nennenswerten Anteil pingsdorfartiger Stücke als Import.

 

13. Potshausen 2711/9:3, 12; 2811/2:14, 15; 2811/3:2,
Gemeinde Ostrhauderfehn, Landkreis Leer
Mittelalterliche Siedlungen  

Als ”Jümmiger Hammrich” wird das von den Flüssen Leda und Jümme eingeschlossene, niedrig gelegene Gebiet bezeichnet, das von Torf- und Kleiablagerungen aufsedimentiert worden ist. Im Rahmen eines Untersuchungsprojektes zur Geschichte dieser Siedlungskammer wurden systematische Bohrungen im Bereich zweier mittelalterlicher Dorfwüstungen niedergebracht. Ein Großteil dieser Areale ist im Rahmen von Flurbereinigungen und Tiefumbruchmaßnahmen bereits zerstört worden, weshalb zunächst zu klären war, in welchem Umfang noch intakte Denkmalsubstanz erhalten ist. Außerdem war zu fragen, ob es sich bei den erhalten gebliebenen erhöhten Plätzen um ehemals besiedelte Sanddurchragungen oder um anthropogen angelegte Warften handelt.  

Dem wüsten Ort ”Alt-Potshausen” werden der ”Olde Karkhoff’ (2811/2:14), die ”Fockenbörg” (2811/2:15) und die ”Otjenbörg” (2811/3:2) zugeschrieben. Während der ”Olde Karkhoff’ auf einem schmalen Sandrücken liegt, handelt es sich bei den beiden anderen Plätzen um künstliche Aufträge aus sandigem Humus auf Torfgrund. Keramikscherben einheimischer Kugeltopfware datieren in das 12./13. Jahrhundert.  

Die Wüstung ”Alt-Filsum” ist durch Meliorationsmaßnahmen besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Von den 1975 noch festgestellten Lehmdielen und flachen Hofplätzen fehlt heute fast jede Spur. Nur der mutmaß1iche Standort der ehemaligen Kirche, der etwa 60 x 30 m große, bis zu 2,50 m hohe ”Alte Kirchhof’ (2711/9:3) erhebt sich noch über die flache Landschaft. Die Bohrungen konnten zeigen, daß es sich um eine Warft handelt, die auf einer bis zu 1,50 m mächtigen Torfschicht angelegt worden ist. In östlicher Richtung befindet sich ein weiterer Fundplatz auf einer flachen Sandkuppe (2711/9:12). Wie beim ”Alten Kirchhof’ wurden dort Backsteinreste im Klosterformat gefunden. Durch kleine Sondierungsschnitte sollen im kommenden Jahr die Stratigraphie ausgewählter Plätze sowie die Fragen nach Beginn und Ende der Besiedlung geklärt werden.

 

14. Rahe 2510/5:18, Stadt Aurich, Landkreis Aurich
Spätmittelalterliche und neuzeitliche Einzelfunde  

In der Nähe des Upstalsboom-Hügels befindet sich ein Kesselmoor, das für eine pollenanalytische Untersuchung des Institutes für Historische Küstenforschung zur Klärung der regionalen Klimageschichte beprobt wurde. Zur Renaturierung der Moorfläche wurden 1995 Erdarbeiten vorgenommen, wobei die oberen Moorschichten partiell bis zu einer Tiefe von einem Meter unter heutiger Oberfläche abgetragen wurden. Im Aushub wurden steinzeitliche Flintabschläge, früh- bis spätmittelalterliche und neuzeitliche Keramik sowie eine Bernsteinperle von J. Saathoff und anderen entdeckt. Die Funde sind nicht eindeutig der oberen, 20 cm dicken Kulturschicht oder der darunterliegenden, 30 cm dicken Weißtorfschicht zuzuordnen. Nur die durchbohrte und bearbeitete Holzscheibe lag an der Schichtgrenze zum stark zersetzten Torf in etwa 50 cm Tiefe, so da0 sie durch das Pollenprofil vermutlich datiert werden kann.

 

15. Reepsholt 2512/3:61, Gemeinde Friedeburg, Landkreis Wittmund
Lesefunde der Jungsteinzeit  

Am Südhang einer Geestkuppe hat Herr J. Müller Wandungsscherben der Trichterbecherkultur sowie steinzeitliche Flintartefakte aufgelesen: 108 Abschläge, 8 Kerne, 33 Klingen, 15 Schaber, 1 querschneidige Pfeilspitze. An diesem Südhang befand sich auch mindestens ein Grabhügel, der bereits abgetragen worden ist.

 

16. Reepsholt 2513/l:6, Gemeinde Friedeburg, Landkreis Wittmund
Mittelalterlicher Backsteinbrennofen  

Durch eine Fundamentuntersuchung nördlich am Chor der Mauritiuskirche von Reepsholt hat Herr Haiduck 2 m unter der Oberfläche eine Anhäufung von überbrannten Backsteinen festgestellt. Im Herbst 1995 öffnete und erweiterte er den alten Schacht und konnte dadurch Teilbereiche eines Brennofens freigelegen. Erhalten waren drei (von ursprünglich noch weiteren) Stapelbänke, die in Abständen von ca. 20 cm angelegt worden waren. Sie verliefen parallel und waren einsteinig breit gemauert. Eine Rollschicht schloß sie oben in einer Höhe von ca. 70 cm Höhe ab. Außerdem wurde die über 1 m breite Ostwand des Ofens angeschnitten, durch die rechtwinklig ein Feuerungstunnel von ca. 90 cm Breite ging, der an den Stapelbänken mit Radialbindern überbrückt wurde. In der Vdrlängerung nach außen (Osten) schloß sich an dem Bogendurchgang der Wand ursprünglich ein schräg ansteigender Tunnel für den Nachschub von Brennmaterial an. Die Lage der nördlichen Außenwand war durch Sondierung festzustellen. Die Wandungsbreite der Seitenwände ist noch zu ermitteln. Nach der grob durch Bohrungen eingegrenzten Ausdehnung des Ofens und der Lage des Feuerungstunnels, sind zwei Feuerungseingänge in der Art eines Doppelofens anzunehmen. Der Anschnitt durch das jüngere Chorfundament ermöglicht keine Aussage über die Tiefe des Ofens mehr, beweist aber die Einordnung der Anlage in die Zeit vor dem Bau des Polygonalchores um 1300. Der Ofen wurde wahrscheinlich für den älteren Kirchenbau mit Saal, Querschiff und halbrunder Apsis in der Zeit um 1200 benutzt. Die ungewöhnlich gut erhaltenen Befunde wurden nach der Untersuchung mit Füllsand überdeckt und so für die Nachwelt erhalten. Für ihre Hilfe bei der Untersuchung ist der Kirchengemeinde, der Ostfriesischen Landschaft und Herrn S. Iken, Horsten, zu danken.

 

17. Rhaudermoor 2811/5:10, Gemeinde Rhauderfehn, Landkreis Leer
Steinzeitlicher Lesefund  

Auf dem abgetorften Moor, in der Gartenerde, fand Herr Düring eine Axt vom Typ ”Rössener Keil” aus porösem, graugrünem, schiefrigem Felsgestein mit stark verwitterter Oberfläche. Der Nacken der Axt ist durch Schläge teilweise abgesplittert. In den Klüften des Gesteins befinden sich graubraune Sandreste. Die Steinaxt ist 14,2 cm lang, 5,7 cm breit und 3,5 cm dick. Der Durchmesser des Schaftloches beträgt 2,4 cm. Der Fund eines Rössener Keiles im Landkreis Leer ist für die Siedlungsgeschichte des Raumes von großer Bedeutung, weil er die Verbindungen der einheimischen Wildbeuter des späten Mesolithikums zu den südlich lebenden Neolithikern zeigt.

 

18. Sandhorst 2510/3:93, Stadt Aurich, Landkreis Aurich
Eisenzeitlicher Siedlungsplatz  

Im Sommer 1995 kamen auf einer Anhöhe bei der Besichtigung eines Bauplatzes Verfärbungen und Tongefäßscherben zutage, die auf eine Siedlung der frühen Eisenzeit am Rande eines Nebenlaufs der Sandhorster Ehe hinwiesen. Das untersuchte Grundstück liegt auf einer Höhe von 8,0 bis 8,5 m über NN am Hang, der sanft zur Niederung nach Südwesten hin abfällt. Auf über 2 200 qm konnten zahlreiche Siedlungsspuren, vor allem Pfosten- und Siedlungsgruben, dokumentiert werden. Drei Anhäufungen von Pfostenspuren wurden freigelegt, die an diesen Stellen auf ehemalige Hausplätze hinweisen. Leider kann die Bauweise der Häuser nicht bestimmt werden, weil die Spuren durch die Beackerung des Landes sehr lückenhaft sind. Vorläufig kann nur mitgeteilt werden, daß die Häuser etwa 5 bis 6 m breit und 12 bis 15 m lang waren. Gut sichtbar war allerdings ein Vier-Pfosten-Speicher, dessen Pfosten im Quadrat in einem Abstand von 2,3 m standen. Neben zwei Feuerstellen sind vor allem Siedlungsgruben von Bedeutung, die teilweise viel Keramik enthielten. In einer Grube (322) mit 1,3 m Durchmesser lag ein großer, schwerer Findling aus Granit, dessen eine Seite Gletscherschliff zeigt, während die andere Seite aus einer Spaltfläche besteht. Daher muß der Stein von einem größeren ’abgetrennt und zudem mit weiteren Schlägen zu seiner endgültigen Form zugerichtet worden sein. Unter dem Stein lagen Reste mehrerer früheisenzeitlicher Tongefäße.  

 

B. Veröffentlichungen von Funden und Untersuchungsergebnissen der Archäologischen Forschungsstelle 1995  

1. Bärenfänger, R.: Die Stadt und ihr Berg: Neues vom Plytenberg in Leer/Ostfriesland.– Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Jg. 15, Heft 1/1995: 26-29.  

2. Bärenfänger, R.: Kindergrab im Wattenmeer.- Archäologie in Deutschland, Heft 2/1995: 50.  

3. Bärenfänger, R.: Die ostfriesischen Klöster aus archäologischer Sicht.– In: Behre, K.-E. u. van Lengen, H. (Hrsg.): Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft, Aurich 1995: 241-255.  

4. Bärenfänger, R.: Gehöfte frühmittelalterlicher Geestbauern in Hesel.- Kiek mal rin! Nachrichten aus Museen und Sammlungen in Ostfriesland, Nr. 37, Juli 1995: 8-9.  

5. Bärenfänger, R: Pütt und Sod. Mittelalterliche Brunnen in Ostfriesland als Geschichtsquelle.– In: van Lengen, H. (Hrsg.): Collectanea Frisica. Beiträge zur historischen Landeskunde Ostfrieslands. W. Deeters zum 65. Geburtstag. Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 74, Aurich 1995: 11-43.  

6. Bärenfänger, R. u. Fiks, N. (Hrsg.): Der Plytenberg in Leer. Ein rätselhaftes Denkmal, Fragen und Antworten. Verlag Schuster, Leer 1995.  

7. Bärenfänger, R., Schwarz, W. u. Stutzke, R.: Archäologische Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft. Ostfriesische Fundchronik 1992-1994.– Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden 73/74, 1993/1994, 1995: 196-217.  

8. Schwarz, W.: Ein Siedlungsplatz der Bronze- und Eisenzeit in Weener.- Kiek mal rin! Nachrichten aus Museen und Sammlungen in Ostfriesland, Nr. 36, Dezember 1994: 9.  

9. Schwarz, W.: Siedlungsspuren aus der älteren Eisenzeit in Sandhorst.– Kiek mal rin! Nachrichten aus Museen und Sammlungen in Ostfriesland, Nr. 38, Dezember 1995: 14-15.  

10. Schwarz, W.: Ur- und Frühgeschichte.– In: Behre, K.-E. u. van Lengen, H. (Hrsg.): Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft, Aurich 1995: 39-74.  

11. Schwarz, W.: Archäologische Quellen zur Besiedlung Ostfrieslands im frühen und hohen Mittelalter.– In: Behre, K.-E. u. van Lengen, H. (Hrsg.): Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft, Aurich 1995: 75-92.  

12. Schwarz, W.: Die Relief- und Prägefliesen des Zisterzienserklosters Ihlow.– In: van Lengen, H. (Hrsg.): Collectanea Frisica. Beiträge zur historischen Landeskunde Ostfrieslands. W. Deeters zum 65. Geburtstag. Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 74, Aurich 1995: 45-73.  

13. Schwarz, W.: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Verlag Schuster, Leer 1995.  

14. Stilke, H.: Die früh- bis spätmittelalterliche Keramik von Emden.– Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 22, 1995: 9-200.  

15. Stilke, H.: Siedlungsbefunde der Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit aus Holtgaste, Stadt Leer.– Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet 22, 1995: 203-219.  

 

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