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Landschaft von Ostfriesland
Fundchronik 1992-1994 |

Fundchronik 1992-1994

 

Ostfriesische Fundchronik
Emder Jahrbuch Bd. 73/74, 1993/94

von Rolf Bärenfänger und Wolfgang Schwarz

 

1. Ausgrabungen und Fundbergungen

Die Tätigkeit der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft wurde in den vergangenen drei Jahren von Arbeiten auf verschiedenen Erdgastrassen und anderen Großbaustellen bestimmt. Aus der Fülle der Fundbergungen werden hier die wichtigsten Funde und Befunde in alphabethischer Reihenfolge der Gemarkungen mitgeteilt.

 

1.1 Ein urgeschichtlicher und mittelalterlicher Siedlungsplatz

Brill, Landkreis Wittmund (FStNr. 2411/3:110-04)

In siedlungsgünstiger Lage am Nordhang des Langholter Tiefs wurde 1994 in einer Sandgrube eine Fläche von gut 1800 qm abgeschoben und untersucht. Erwartungsgemäß kamen zahlreiche Befunde zutage, die Siedlungsrelikte verschiedener Zeitstufen repräsentieren.

Ein jungsteinzeitlicher Gebäuderest war durch eine flache, rechteckig eingetiefte Grube gekennzeichnet. Parallele Reihen von Doppelpfosten zeigten den Standort zweier bronzezeitlicher Gehöfte. Sie wurden noch mit einer Länge von 15 m und einer Breite von 6,5 m höchstens zur Hälfte erfaßt. Pfostenspuren markierten weitere urgeschichtliche Gebäude, sie können aber vorläufig noch nicht näher angesprochen werden.

Ein mittelalterlicher Gebäudegrundriß war zweischiffig, 15 m lang und 6 m breit. Wie die vorgeschichtlichen Häuser war er fast exakt West-Ost ausgerichtet. An der Südseite war ein Wandgräbchen auf der kompletten Länge erhalten. Aufgrund der geringen Größe und der engen Positionen der Pfosten ist unklar, ob sich der Befund als Wohngebäude ansprechen läßt. Es scheint sich vielmehr um ein Nebengebäude, vielleicht um einen Stall zu handeln.

 

1.2 Ein mittelsteinzeitlicher Siedlungsplatz des Atlantikums

Bunderneuland, Landkreis Leer (FStNr. 2809/2:29)

Beim Bau der Autobahntrasse westlich des Sandrückens von Bunde wurde 1993 ein etwa 60 zu 30 m großes Baggerloch für einen Schwimmbagger ausgehoben. Dort stand unter Klei und Torf der gewachsene Sandboden in einer Tiefe von etwa 0,90 bis 1,50 m unter NN an. Er bildete früher eine kleine Sandkuppe mit einem bis zu 20 cm starken Bleichsandhorizont, in dem sich Flintartefakte fanden. Um die Sandkuppe herum hatte sich ein Moor ausgebreitet, das später auch auf der Kuppe einen etwa 10 cm dicken Torfhorizont hinterlassen hatte. Den Torf überdeckte schließlich eine etwa 1,50 m dicke Kleischicht, die in mehreren Phasen abgelagert worden war.

Die Flintartefakte fanden sich auf der sandigen Geländehöhe im Nordwesten der Baugrube in der humosen Sandschicht und in dem darunterliegenden Bleichsand. Abgesehen von einer Kochgrube wurden keine Spuren von Eingriffen in den Sandboden entdeckt. Die Flintartefakte bestehen zum größten Teil aus Klingen, die zusammen mit den anderen Artefakten der Klingenproduktion (Kernen und Kernpräparationsabschlägen) 42% des Fundkomplexes ausmachen. Drei Flintspitzen und drei Trapeze stellen den Fundplatz in den jüngeren Abschnitt des Mesolithikums.

 

1.3 Grabung in der Großen Kirche

Emden, Stadt Emden (FStNr. 2609/1:22)

Nach Abschluß der Ausgrabung in der Emder Großen Kirche 1990/91 wurden ergänzend zu diesen Ergebnissen 1993 weitere interessante Entdeckungen gemacht, die neue Aspekte zur Baugeschichte der Großen Kirche lieferten.

Der vierte Holzpfosten der Holzkirche wurde an der erwarteten Stelle gefunden. Von zwei Pfosten dieser Kirche konnte ein jahrgenaues Fälldatum von 966 ermittelt werden. In der südlichen Verlängerung der beiden östlichen Holzpfosten stand, in etwa gleichem Abstand wie die Pfosten zueinander, ein angespitzter, 1,95 m langer Pfahl mit einem Querschnitt von 16 x 17 cm. Sicherlich gehörte er zur Konstruktion der Holzkirche und könnte eine bereits vorher vermutete Dreischiffigkeit bestätigen. Leider konnte er dendrochronologisch nicht datiert werden.

Im südlichen Bereich der Ausschachtung für den Neubau wurde das südliche Querschiff der Kreuzkirche freigelegt. Hier befand sich, wie auf der anderen Seite, ein Portal, das zudem mit einem Vorbau versehen war. Im östlichen Chorbereich wurden Fundamentreste des Abschlusses des Ulrichchores gefunden. Er endete polygonal, besaß wie der heutige Chorabschluß Strebepfeiler an den äußeren Ecken und war länger als bisher angenommen. Außerdem konnte die östliche Außenmauer des alten Trauchores dokumentiert werden.

 

1.4 Gräber der Einzelgrabkultur, der Bronzezeit und des frühen Mittelalters

Filsum, Landkreis Leer (FStNr. 2711/6:49)

Bei der archäologischen Beobachtung der Erdarbeiten 1992 auf der bis zu 30 m breiten Trasse der "MIDAL"-Erdgasleitung wurden zunächst einige durch die Bagger zerstörte jungbronzezeitliche Urnengräber entdeckt. Leider waren allein die Gefäßböden mit Leichenbrand erhalten, nur einmal fanden sich als Beigaben eine Pinzette und ein Rasiermesser aus Bronze. Westlich davon zeugte ein Kreisgraben von 7,9 bis 8,9 m Durchmesser von einem älterbronzezeitlichen Grabhügel. Die zentrale Bestattungsgrube enthielt einen Halbrundschaber aus Flint. Von der weiteren Nutzung des Grabhügels zeugen zwei Brandgräber, die aus Anhäufungen von Leichenbrand bestanden. Eines enthielt zudem eine zweiflügelige Pfeilspitze aus Zahnbein.

Westlich des Kreisgrabens wurde ein weiterer, kleinerer von nur 3,3 m Durchmesser aufgedeckt. In der Verfärbung der zentralen Grabgrube lagen ein Einzelgrabbecher, ein Steinbeil und eine Flintklinge als Beigaben. Außerdem fanden sich in der Umgebung der Gräber tiefstichverzierte Scherben der Trichterbecherkultur.

Die Anhöhe der Geest wurde im frühen Mittelalter wieder als Begräbnisplatz genutzt. Eine südnördlich ausgerichtete Grabgrube barg ein Tongefäß sowie einige Perlen von einer Halskette. Eine Millefioriperle stammt von dem aufgeschobenen Abraum und belegt die Zerstörung weiterer Gräber.

 

1.5 Urgeschichtliche und frühmittelalterliche Gehöfte auf der Geest 

Hesel, Landkreis Leer (FStNr. 2611/8:30) (2611/8:44) (2711/2:122) (2711/2:135) (2711/2:136).

In den Jahren 1993 und 1994 kamen auf dem hohen Sandrücken in der Gemarkung Hesel etliche frühmittelalterliche Gehöfte unter der spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Gaste zutage.

Auf dem Flurstück "Meeräcker" (FStNr. 2611/8:30) wurden 1993 neben neolithischen, bronze- und eisenzeitlichen Funden zwei Gehöfte aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts entdeckt, die am östlichen Rand einer natürlichen Senke lagen. Das eine war von einem Kreisgraben umschlossenen und bestand aus mehreren Speichern, einem Sodenbrunnen sowie einer Werkhütte mit Feuerstelle. Südlich davon lag ein weiteres Gehöft ohne (erkennbaren) Umfassungsgraben ebenfalls mit Speichern, Sodenbrunnen und großer Grube, die über 700 Scherben muschelgrusgemagerter Tonware enthielt. Ein Teil davon war stark deformiert. Es handelt sich um Fehlbrände von Tongefäßen, die hier gebrannt worden sein müssen und damit erstmalig die lokale Herstellung dieser Ware auf der hohen Geest bezeugen.

Auf dem Flurstück "Brink" (2611/8:44) wurden 1994 mesolithische Feuersteinartefakte und neolithische Gruben gefunden, außerdem wurden die Standorte dreier frühmittelalterlicher Gehöfte lokalisiert. Auf zwei dieser Anlagen wiesen nur die östlichen Ansätze der Umfassungsgräben sowie einzelne Pfostenspuren hin, aber vom dritten Gehöft konnten Reste der Bebauung und Hinweise auf mindestens zwei Nutzungsphasen gesichert werden. Zur ersten Phase sind ein nur fragmentarisch überlieferter Rechteckspeicher und zwei östlich davon gelegene Feuerstellen zu rechnen. Danach wurde ein Umfassungsgraben und in paralleler Ausrichtung ein 12,5 x 5 m großer 15-Pfostenspeicher angelegt. Ob eine 1,65 m tiefe Wasserentnahmestelle ohne Sodenschacht zu dieser Phase gehört, ist ebenso unsicher wie die Zuordnung eines Dreieckspeichers. An der Nordostecke des Umfassungsgrabens wurde ein umfängliches System verschiedener Gruben erfaßt, das ebenfalls als typisch für die Heseler Gehöftanlagen bezeichnet werden kann. Da der Fundplatz fast ausschließlich muschelgrusgemagerte Ware lieferte, datiert er ebenfalls schwerpunktmäßig in das 9. Jahrhundert.

Im Gewerbegebiet "Im Wehrden" (2711/2:122) wurden 1993 zwei nebeneinanderliegende Gehöftanlagen dokumentiert, die von Gräben eingefaßt waren. Ausschließlich wurden muschelgrusgemagerte Keramikscherben gefunden, darunter auch ein mit Gitterstempel verziertes Stück, so daß die Gehöfte wahrscheinlich zeitgleich im 9. Jahrhundert bestanden. Die beiden Gehöfte waren zusätzlich durch einen breiteren, gerade verlaufenden Graben voneinander abgegrenzt. Das südliche Gehöft wies zwei Bauphasen auf, das ältere war abgebrannt. Das umgebende Gräbchen wurde in der zweiten Phase an der Nordwestseite erheblich erweitert und mit einer torartigen Anlage an der Nordostseite versehen. Am besten fundamentiert war ein 12-Pfostenspeicher von etwa 10 x 5 m Seitenlängen. Eine kleine Hütte(?) mit Feuerstelle lag südlich, eine Wasserentnahmestelle südwestlich von ihm. Zuzüglich eines Rutenberges entspricht dieses Gebäudeensemble dem Befund des Gehöftes auf dem Flurstück "Meeräcker". Zusätzlich wurden jedoch Reste von Wandgräbchen und Pfostenspuren aufgedeckt, die als Wohnhaus anzusprechen sind. Es lag mit Abmessungen von mindestens 15 x 7,50 m südöstlich der Speicher, der Rutenberg grenzte unmittelbar daran. Das nördliche Gehöft zeigte eine nahezu identische Anordnung der Gebäude. An der höchsten Stelle stand ein 12-Pfostenspeicher von ca. 9 x 5 m Größe, südöstlich davon fanden sich Rutenberg und Wohnhaus, dessen Breite 6 m und dessen Länge mindestens 18 m betrug. Eine Wasserentnahmestelle lag auf der Westseite.

Im Gewerbegebiet "Am großen Stein", westlich der B 436 (früher B 75) (2711/2:135), kamen überwiegend urgeschichtliche Siedlungsspuren zutage. 1994 konnten erstmals spätneolithische oder frühbronzezeitliche Häuser entdeckt werden. Ein annähernd westöstlich ausgerichteter Hausgrundriß maß mindestens 28 m in der Länge und 4,5 m in der Breite. Kräftigere Firstpfosten im Abstand von 2,5 m belegten eine Zweischiffigkeit, die Wände waren durch eng nebeneinandergesetzte Wandpfosten gekennzeichnet. Etwa auf der Mitte war die Nordwand des Hauses innenseitig von vier großen Gruben flankiert. In einer fanden sich Scherben eines spätneolithischen Riesenbechers, in der benachbarten ein mächtiger Mahlsteinunterlieger. Knapp 20 m weiter nördlich lag ein entsprechender Grundriß in fast paralleler Position. Er war nur noch durch die Firstpfostenreihe zu identifizieren.

In die ältere und mittlere Bronzezeit sind drei weitere, fast vollständig erfaßte Hausgrundrisse zu setzen. Das älteste Haus besaß eine Länge von 34 m und war 6 m breit, es war wie die spätneolithischen zweischiffig. Zusätzliche Innenpfosten deuteten Viehboxen im Ostteil des Hauses an. Die Außenwände waren durch kräftige, im Abstand von meist 3 m stehende Doppelpfosten gekennzeichnet. Beide Schmalseiten waren halbrund ausgebildet, also abgewalmt. Die beiden anderen bronzezeitlichen Häuser besaßen als besonderes Merkmal ebenfalls Außenwände aus Doppelpfosten und waren in einer Mischform von zwei- zu dreischiffiger Konstruktion errichtet. Von der Aufstallung des Großviehs zeugten Hausteile mit kleinen Wandgräbchen, die offenbar Viehboxen abteilten.

Im frühen Mittelalter, datiert durch muschelgrusgemagerte Tonware des 9./10. Jahrhunderts, wurde die leicht erhöhte Sandkuppe erneut besiedelt. Auf eine erste Phase wiesen Reste eines größeren Hauses, das in der Bauweise dem der Fundstelle 2711/2:136 zu entsprechen schien, sowie der Rest eines Rechteckspeichers. Danach wurden anscheinend zwei neue Gehöfte gleichzeitig angelegt, denn die Umfassungsgräben gingen mit rechtwinkligem Absatz ineinander über. Mit dem Graben des südlichen Gehöftes lief innen ein schmalerer parallel, so daß hier an einen von zwei Seiten aufgehöhten Umfassungswall gedacht werden kann. Diese Anlage hat ein Areal von mindestens 1600 qm Größe umspannt, von den Baulichkeiten waren lediglich Pfostengruben eines 12-Pfostenspeichers und eine Wasserentnahmestelle erhalten. Von dem nördlichen Gehöft wurden erst die Wasserstelle und eine 4-Pfostenhütte mit zwei vorgelagerten Feuerstellen ergraben, im Zuge weiterer Baumaßnahmen wird es vielleicht vollständig erfaßt.

Im Gewerbegebiet "Wehrden" (2711/2:136) kamen 1994 im östlichen Bereich wenige urgeschichtliche Gruben zutage, westlich davon wurden Reste eines frühmittelalterlichen Gehöftes angeschnitten. Es verfügte über ein annähernd westöstlich ausgerichtetes, etwa 22,8 x 7,4 m großes Haus, womit dieser Bautyp erstmalig in Hesel in ganzer Länge erfaßt werden konnte. Die nur flach erhaltenen Pfosten- bzw. Wandgräbchenreste legen in Zusammenhang mit zahlreichen verziegelten Lehmbröckchen eine Flechtwandkonstruktion nahe. Das Haus war offenbar einschiffig, wahrscheinlich standen die dachtragenden Wandpfosten im Abstand von 4 m, im östlichen Drittel des Haus von 2,3 m. Dieser Haustyp ist durch Pfostenpaare an den Giebelseiten gekennzeichnet. Weitere Pfostengruben wurden etwa 12 m nordwestlich des Hauses in der Baustellenzuwegung aufgedeckt. Mit z.T. regelmäßigen Abständen von knapp 3 m deuten sie auf den Standort eines größeren Rechteckspeichers. Östlich des Hauses wurde ein umfangreiches Gräbchen- und Grubensystem angeschnitten, das bisher nicht näher gedeutet werden konnte. In dieser Ausprägung handelte es sich nicht um Umfassungsgräben, wie sie sonst für die Heseler Gehöfte des 9./10. Jahrhunderts typisch waren.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß sich durch die Untersuchung eines großen Gebietes südlich von Hesel die frühmittelalterliche Siedlungstruktur deutlich abzeichnet. In dieser Zeit wurden einzeln liegende Gehöfte errichtet, die aus einem einschiffigen Bauernhaus mit mehreren unterschiedlichen Speichern, einem Brunnen und einem Werkplatz bestanden. Diese Gehöfte lagen auf einem Streifen von gut einem Kilometer Länge auf dem dortigen hohen Sandrücken.

 

1.6 Siedlung der Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit

Hohegaste, Landkreis Leer (FStNr. 2710/5:17)

Die Verlegung der MIDAL-Gaspipeline führte 1992 über den Sandrücken von Hohegaste, der sich am östlichen Emsufer aus der Emsmarsch bis auf 2,1 m über NN erhebt. Der Trassenverlauf berührte nur den nördlichen Randbereich der Geestkuppe.

Nach der Abdeckung der Humusschicht kam die Nordecke eines rechtwinkelig angelegten Grabensystems zutage, das ursprünglich ein größeren Areal eingefaßt hat. Innerhalb dieses Winkels befanden sich zwei Neun- und ein Sechspfostenspeicher mit 3,5 bis 4,3 m Seitenlänge. Die weitere Bebauung des Areals blieb unerschlossen. Überwiegend außerhalb der Grabeneinfassung lagen mehrere runde Gruben von 2 bis 4 m Durchmesser und 1 bis 1,5 m Tiefe. In drei Fällen konnte dank der guten Erhaltungsbedingungen eine Holzkonstruktion - ein rechteckiger Kasten, eine ovale Stakettenreihe und ein geflochtener Weidenkorb - in der Grube beobachtet werden. Es handelte sich wahrscheinlich um Wasserstellen. Bemerkenswert sind zwei Halbfabrikate von Holzschüsseln, die in dem feuchten Boden der Gruben erhalten geblieben waren.

 

1.7 Eisenverhüttungsplatz der Römischen Kaiserzeit

Holtland, Landkreis Leer (FStNr. 2711/2:131)

Im Verlauf der "MIDAL"-Trasse kam 1992 auf dem Südosthang der Holtlander Gaste ein Eisenverhüttungsplatz der Römischen Kaiserzeit zutage. Insgesamt wurden die Überreste von 19 kleinen Öfen erfaßt, sieben davon konnten ausführlich dokumentiert werden. Es waren meist rundliche, nur flach in den pleistozänen Sand eingetiefte Schlackenkonzentrationen (Ofensau) von 0,40 bis 0,60 m Durchmesser. Da metallurgische Untersuchungen noch nicht eingeleitet sind, können die Befunde erst vorläufig eingeschätzt werden. Im wesentlichen handelte es sich wohl um Ausheizanlagen, in denen bereits stark eisenhaltige Luppen weiterverarbeitet wurden. Lediglich eine größere Ofenanlage wurde gefunden, die anscheinend unmittelbar frisches Raseneisenerz aufgenommen hat. Sie maß etwa 2,50 x 1,35 m bei annähernd rechteckiger Form und 0,35 m erfaßter Tiefe. Verziegelte Lehmreste deuten auf einen kuppelförmigen Überbau oder zumindest auf in dieser Weise ausgekleidete Wandungen der Grube hin. Nach Südwesten schloß sich eine längliche, stark eisenhaltige Schlackenkonzentration an, die wie ein Abstichkanal aussah. Am Rande des Verhüttungskomplexes wurden zudem zwei flache, meilerartige Gruben dokumentiert, die auf der Sohle und an den Kanten starke Holzkohlekonzentrationen aufwiesen, während die innere Füllung aus einem Holzkohle-Sandgemisch bestand. Daraus kann geschlossen werden, daß die zur Verhüttung benötigte Holzkohle vor Ort hergestellt worden ist, indem die Holzstöße mit Sand überdeckt und angezündet wurden.

 

1.8 Gräber der Stein- und Eisenzeit sowie Siedlungsspuren der Römischen Kaiserzeit

Leer, Stadt Leer (FStNr. 2710/5:10)

Anfang der sechziger Jahre wurde am nordwestlichen Stadtrand eine in die Emsmarsch vorgeschobene Geestkuppe, die den Flurnamen Westerhammrich trägt, in ihrem Zentrum bedenkenlos ausgesandet. Hier befanden sich der Standort eines Megalithgrabes, Gräber der Einzelgrabkultur und Reste einer kaiserzeitliche Besiedlung. Da nun ein gut 16,5 ha großes Gelände zur Bebauuung freigegeben werden soll, wurde 1992 und 1993 kleinräumig eine archäologische Voruntersuchung im Umfeld des zerstörten Bereiches durchgeführt. Vor allem der nördliche Rand der Geestkuppe, wo ein Wasserlauf in die Ems mündete, war in den verschiedenen Zeitstufen besiedelt.

Insgesamt wurden sechs Körperbestattungen der Einzelgrabkultur aufgedeckt. Zwei Flachgräber maßen 1,55 x 0,80 m bzw. 1,75 x 1,15 m, sie lagen 5,20 m voneinander entfernt in paralleler W-O-Ausrichtung. Das nördliche Grab enthielt einen Becher sowie einen kleinen Topf mit abgesetztem Standboden. In dem südlichen Grab befanden sich als Beigaben ein dünnackiges Felsgesteinbeil und ein Klingenbruchstück aus Feuerstein. Bei zwei weiteren Gräbern handelte es sich wiederum um westöstlich ausgerichtete Grabgruben mit Becher-, Beil- und Klingenbeigabe. Ein weiteres war von einem Kreisgraben mit 4,50 m Durchmesser umgeben und enthielt zwei Beile und zwei Klingen. Möglicherweise darf deshalb auf eine Doppelbestattung geschlossen werden.

Am Rande des Wasserlaufes, z. T. von Klei überdeckt, kamen die Befunde der Eisenzeit zutage. Hier wurden Pfostengruben, ein Graben und eine tümpelartige Wasserstelle mit zahlreichen Holz- und Keramikfunden freigelegt. Für mehrere flache, höchstens 20 cm eingetiefte Leichenbrandlager kann aufgrund fehlender Beifunde kein exaktes Alter angegeben werden.

Weiter östlich am Rande eines ehemaligen und heute nahezu verlandeten Priels wurden Befunde der römischen Kaiserzeit freigelegt. Meilerartige Gruben und vor allem die Auffindung mehrerer kleiner Guß- bzw. Schmelztiegel im Bereich eines rechteckigen, etwa 10 x 5 m großen, von einem Wandgräbchen eingehegten Platzes mit Ofenanlage zeugen von metallverarbeitendem Handwerk an diesem Platz. Das zwei Ofenanlagen umschließende Gräbchen fand jedoch auf der Westseite keine Begrenzung, vielmehr wurden weitere große und kleine Gruben mit Brandabfällen, Keramikscherben sowie Guß- bzw. Schmelztiegelbruchstücke aufgedeckt. Bemerkenswert ist die Auffindung einer Scherbe römischen Glases, das zunächst nicht näher als in das 1. bis 3. Jahrhundert datiert werden kann.

 

1.9 Frühgeschichtliche und spätmittelalterliche Siedlung

Loga, Landkreis Leer (FStNr. 2710/6:47)

Bei Straßenbauarbeiten zur Erschließung eines Baugebietes am "Leegkamp" kamen 1994 Siedlungsreste zutage. Der Fundplatz liegt bei etwa +7,00 m NN am Rande der nach Osten in den Hammrich abfallenden Geest. Der ältere Siedlungshorizont datiert nach Keramikfunden in das 3. bis 5. Jahrhundert. Zu ihm gehörten Pfostenspuren zweier westöstlich ausgerichteter Häuser, die noch außerhalb der Trasse ihre Fortsetzung fanden. Eines zeigte aufgrund der Anordnung von Innenstützen Ähnlichkeiten mit dem niederländischen Typ Peeloo A. Zwischen den wahrscheinlich nicht gleichzeitigen Gebäuden lag ein Areal mit verschiedenen (Werk-) Gruben, darunter ein ehemals mit Lehm auf Flechtwerk überkuppelter Ofenrest. Im 13. Jahrhundert wurde das Gelände erneut genutzt, die großen Pfostengruben dieser Zeit lagen jedoch randlich in der Straßentrasse und konnten in keinen sicheren baulichen Zusammenhang gestellt werden. An Funden kamen wenige Keramikscherben sowie ein halbes Webgewicht zutage. Bemerkenswert sind darüber hinaus die große Anzahl völkerwanderungszeitlicher Keramikscherben sowie spätneolithische Scherben mit gewellter plastischer Leiste und Fingernagelkerben, so daß noch mit Befunden aus weiteren Epochen zu rechnen ist.

 

1.10 Früh- bis spätmittelalterlicher Werkplatz im Moor

Lütetsburg, Landkreis Aurich (FStNr. 2309/8:44)

Im Rahmen der archäologischen Prospektion auf der Europipe-Trasse 1994 wurde ein mittelalterlicher Fundplatz in Lütetsburg nördlich des Norder Tiefs entdeckt. Es handelt sich um einen Werkplatz, der direkt im Uferbereich eines ehemaligen vermoorten Seitenarms des Norder Tiefs auf dem anstehenden Sand lag. Hier oder im direkten Umland wurde Raseneisenerz abgebaut und verhüttet. Benachbart finden sich zwei, über Bohrungen und Lesefunde ermittelte, ebenfalls mittelalterliche Warften, von denen eine bereits 1974 vollständig abgetragen wurde.

Auf der ergrabenen ca. 70 x 40 m großen Fläche wurden verschiedene Befunde festgestellt: Scherbenpflaster und Keramikkonzentrationen, Eisenschlacken und Ofenmantelstücke sowie 23 in den anstehenden Sand eingetiefte Gruben von unterschiedlicher Form und Tiefe. Sie waren verfüllt mit großen Torfbrocken, gewürfeltem Klei, Holz und Schlacken. Neben den Funden, die als Abfälle der Eisenverhüttung gedeutet werden können, gab es solche, die das bäuerliche Hauswerk belegen: Muschelgruskeramik, harte Grauware, Webgewichte, ferner eine hölzerne Spindel mit Wirtel, ein Webschwert und Holzschalen. Den guten Erhaltungsbedingungen im Moor für hölzerne Artefakte verdanken wir diese ungewöhnlichen Funde aus dem Mittelalter. Wahrscheinlich wurde der Platz im Moor von 900 bis 1250 periodisch oder kontinuierlich genutzt, indem dort - vielleicht von den Wohnplätzen auf den benachbarten Warften ausgehend - Eisenverhüttung betrieben wurde.

 

1.11 Jungsteinzeitlicher Siedlungsplatz

Nortmoor, Ldkr. Leer (FStNr. 2711/4:136)

Südlich der Autobahn entstand in Nortmoor ein Gewerbegebiet auf einem hohen Sandplateau mit einem leichten Abhang nach Süden. In dieser Hanglage wurden 1992 und 1993 auf einer Fläche von mehr als einem halben Hektar Größe über fünfhundert Befunde der Steinzeit entdeckt. Im wesentlichen handelte es sich um Grubenkomplexe, die den Hang weiträumig bedeckten, und um Pfostenspuren, die aber nicht schlüssig zu Grundrissen geordnet werden konnten. Das keramische Fundmaterial belegt den Zeitraum der Jungsteinzeit: mit Furchenstich verzierte Scherben der Trichterbecherkultur, schnurverzierte Scherben der Einzelgrabkultur und mit Leisten und Fingerabdrücken verzierte Scherben des Spätneolithikums. Unter den Geräten aus Feuerstein befanden sich zahlreiche Rundschaber sowie ein querschneidiger Pfeilkopf, eine kantenretuschierte Großklinge und eine geflügelte Pfeilspitze. Außerdem kamen Kochsteine und ein Mahlsteinunterlieger aus Granit zutage. Der Gesamtbefund und das Fundmaterial belegen eine lang andauernde Besiedlung in verschiedenen Stufen der Jungsteinzeit.

 

1.12 Völkerwanderungszeitliche Körpergräber aus dem Watt

Ostbense, Landkreis Wittmund (FStNr. 2311/3:25)

Etwa 300 m außendeichs wurde 1993 im Watt von einem Arbeitskreis unter Leitung von Herrn Heinze ein Skelett im Schlick gefunden und umgehend geborgen. Soweit die Fundumstände dokumentiert wurden, handelte es sich um eine annähernd Süd(Kopf)-Nord ausgerichtete Bestattung mit leichter Seitenlage. Die Arme lagen über der Brust gekreuzt, die Beinknochen waren mit pflanzlichem Material überdeckt und unterlegt. Etwa mittig im Brustbereich lag eine silberne komponierte Schalenfibel vom Typ Rhenen, die in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts datiert. Die genaue Lage einer bronzenen Bügelfibel und eines schwarzen Basaltsteines (Probierstein?) ist nicht überliefert. Eine anthropologische Untersuchung ergab, daß es sich um ein weibliches Individuum von etwa 40 bis 50 Jahren handelte. Außerdem wurden interessante anatomische Details festgestellt.

1994 wurden erneut Funde menschlicher Skeletteile im Watt gemeldet. Eine Begehung konnte noch zwei Unterschenkelknochen sichern und damit die Existenz eines weiteren Körpergrabes wahrscheinlich machen. Unweit dieser Stelle ragte ein freigespültes Holzstück aus dem Wattsediment. Die Freilegung ergab, daß es sich um eine länglich-ovale, trogartige Holzschale von 0,90 m Länge und 0,50 m maximaler Breite handelte (Backmulde?). Darin fand sich das auf der rechten Körperseite liegende, z.T. verlagerte Skelett eines Säuglings. Es war auf eine Unterlage aus pflanzlichem Material gebettet und zum Teil auch davon bedeckt. Der Schädel lag am südlichen Ende der annähernd südnördlich ausgerichteten Schale. Außen, hart am östlichen Rand der Schale, stand in Höhe des Schädels ein kleines, rundum von Pflanzenresten umgebenes Tongefäß. Nach vorläufiger anthropologischer Bestimmung war der Säugling etwa drei Monate alt, weitere Analysen sollen die Todesursache ermitteln. Auch die botanische Auswertung ist noch nicht abgeschlossen, es steht aber schon fest, daß das Gefäß von Blüten der Eberesche umgeben war, während unter- und oberhalb des Troges u.a. verschiedene Gräser deponiert worden sind. Neben detaillierten Angaben zum Bestattungsbrauch kann also eine Aussage darüber erwartet werden, zu welcher Jahreszeit die Beisetzung erfolgt ist und wie lange davor das Kind zur Welt gekommen ist.

Die besondere Bedeutung der Skelette im Watt liegt zum einen in dem Nachweis eines Gräberfeldes, das zu einer bereits bekannten, unweit davon liegenden Siedlung gehören muß. Zum anderen ist der Befund ein Beleg für die Körperbestattungssitte, die zu dieser frühen Zeit im Küstengebiet erst vereinzelt praktiziert wurde. Generell stellen die Fundstellen im ostfriesischen Wattenmeer noch ein weitgehendes Desiderat der Forschung dar. Zudem besteht denkmalpflegerischer Handlungsbedarf, da einige von ihnen durch fortschreitende Erosion unmittelbar gefährdet sind.

 

1.13 Mittelalterliche Burgstelle

Remels, Landkreis Leer (FStNr. 2612/8:24)

Das Areal der durch Sagen tradierten "Hüntje-" oder "Hunte-Burg" wurde 1994 durch Bohrungen und einen kleinräumigen Suchschnitt mit Hilfe der Gemeinde Uplengen untersucht (Flurname Huntjeborgsmoorackers). Es liegt im Grenzbereich von Geest und Niederung am östlichen Hang einer zum Holtlander Ehetief abfallenden Geestkuppe. Auf der mit Mischwald bestandenen Parzelle sind ein z.T. noch wasserführender Graben und eine zentrale, flache Erhebung erhalten. Der ehemals 5 bis 6 m breite und höchstens 1,50 m tiefe Graben verlief in annähernd ovaler Form. Sein größter Durchmesser betrug 55 m, sein geringster 40 m. Innerhalb des Grabens erhebt sich heute eine in Relation zum Umland gut 0,60 m erhöhte Kuppe. In ihrem Zentrum wurde in 1 m Tiefe oberhalb einer ersten Auffüllschicht eine Lage verziegelten Lehms festgestellt, die als Hinweis auf eine abgebrannte Bebauung gewertet werden kann. Das darüber liegende Bodenmaterial, das z.T. auch seitlich in den Graben verlagert worden ist, scheint von einer verschliffenen Wallbefestigung zu stammen.

Im Bereich der mutmaßlichen Burganlage sowie auf den umliegenden Flurstücken wurden keinerlei Funde gemacht, weshalb der Befund nicht datiert werden kann. Jegliches Fehlen von Backsteinbruch und Kalkmörtel macht jedoch wahrscheinlich, daß die Errichtung der Anlage zeitlich vor das Aufkommen dieser Baumaterialien, vielleicht in das hohe Mittelalter, zu setzen ist.

 

1.14 Spätmittelalterliche Brunnen

Rysum, Landkreis Aurich (FStNr. 2608/1:5)

Bei den Voruntersuchungen zur Erdgastrasse "Europipe" wurde 1993 u.a. der Randbereich einer heute noch bebauten Warft "Rysumer Vorwerk" tangiert. Um die stratigraphischen Verhältnisse am westlichen Fuß der Warft zu klären, wurden verschiedene Schnitte angelegt. Dabei konnten z.T. im Mittelalter verfüllte Gräben mit verschiedenen Ausmaßen, mindestens eine planmäßig eingebrachte Kleischicht und diverse übereinander liegende Schuttschichten dokumentiert werden. 

Die Grabungsarbeiten legten im südwestlichen Randbereich einen quadratischen Brunnen frei, dessen Innenseiten mit sorgfältig zugerichteten, senkrecht gestellten und mit Querhölzern verzapften Holzbohlen gesichert worden waren. Dieser Brunnen reichte bis in eine Tiefe von -1,60m m NN. Ein anderer Brunnen bestand aus dem unteren Teil eines ausgehöhlten Eichenstammes (Höhe ca. 1,3 m, Durchmesser maximal 0,80 m). Er war senkrecht in zwei Hälften zerteilt und in der Brunnengrube auf einem rechteckigen Holzfundament (größte Ausmaße ca. 2,3 x 1,4 m) zusammengesetzt. Spalten und Löcher im Baumstamm verschlossen die Brunnenbauer mit Keilhölzern und zerbrochenen Radteilen. Das Fundament bestand aus Balken, Bohlen und verschlissenen, sekundär verwendeten Holzteilen, darunter ein zerbrochenes Rad. Eigens für den Brunnen angefertigt wurden nur vier an ihren Enden verzahnte Vierkanthölzer, die den unteren Teil des Fundaments bildeten und in der Aufsicht quadratisch angeordnet waren (Außenmaße ca. 1,4 m). Leider konnte auf dendrochronologischem Weg keine Datierung erzielt werden. Rückschlüsse erlauben nur einige Keramikbruchstücke eines Kugeltopfes des 13. Jahrhunderts, die zwischen den Fundamentbalken gefunden wurden. Aus der Verfüllung des Brunnes stammen ein Hundeskelett und Lederreste mit einer Naht von einem Schuh. Die Arbeitsgrube für den Brunnen war mit dünneren Ästen und Staken versteift, die z.T. mit Flechtwerk umwunden waren.

 

1.15 Spätmittelalterliche Burgstelle

Uttel, Landkreis Wittmund (FStNr. 2412/2:66)

Im Bereich der projektierten Umgehungstraße nördlich von Wittmund wurden 1993 archäologische Voruntersuchungen im Areal der Burgstelle Uttel durchgeführt. Der mutmaßliche Standort des ehemaligen Steinhauses war bereits 1989 ermittelt worden. Nun kamen auch nördlich der ersten Grabungsschnitte zahlreiche Befunde zutage. Die bekannte Stratigraphie wurde im wesentlichen bestätigt. lm 11. und 12. Jahrhundert existierte eine hölzerne Bebauung, die vorrangig durch zahlreiche (Wand-?) Gräbchen und eine aus Feldsteinen aufgesetzte Feuerstelle (4,30 x 0,80 m) belegt werden konnte. Im Gegensatz dazu ist die Bauphase des 13./14. Jahrhunderts durch Backsteinbauweise gekennzeichnet. Zu ihr gehörten Estrichreste sowie Hinweise auf zwei Mauerzüge. Anscheinend wurde nördlich der Bahngleise der Wirtschaftsbereich der Burg angeschnitten, denn es kam auch ein Brunnen zutage, der allerdings noch keiner der Bauphasen eindeutig zugeordnet werden kann. Der Brunnenschacht war in einer bisher in Ostfriesland unbekannten Bauart aus ungebrannten Lehmziegeln aufgesetzt. Sein Durchmesser betrug 0,82 m, in 1,84 m Tiefe ruhte er auf z.T. sekundär verbauten, ungeregelt liegenden Hölzern.

 

1.16 Bronze- und früheisenzeitliche Siedlung und Gräber

Weener, Landkreis Leer (FStNr. 2909/6: 39)

Das Gelände "Süder Hilgenholt" der Stadt Weener hat durch seine günstige Lage auf einem Geestrücken, westlich der Ems, die Menschen in der Stein-, Bronze- und frühen Eisenzeit zur Ansiedlung verlockt. Weite Teile des Höhenrückens, nördlich und westlich der Grabungsfläche, wurden bereits vor Jahren ausgesandet oder bebaut, so daß die Grabung 1991 bis 1993 nur einen kleinen Einblick in die Siedlungsstruktur des Geestrückens ermöglichte.

In dem untersuchten Grabungsareal (ca. 9350 qm) konnten fünf Hausgrundrisse der Elpkultur (1600 - 900 v. Chr.) dokumentiert werden. Obgleich sie nur schlecht und unvollständig erhalten waren, ist es wahrscheinlich, daß es sich um große (20 - 30 m lange) Gehöfte mit Viehställen und Speichern handelte. In den Siedlungsgruben fanden sich die Scherben der charakteristischen Tongefäße dieser Zeitstufe: einfache steilwandige Näpfe, die teilweise mit Fingerkniffen verziert sind, oder große, glattwandige doppelkonische Töpfe.

Das aufgefundene Gräberfeld schließt sich östlich an die Siedlungsspuren an. Es liegt dort, wo sich der Sandrücken zur Niederung eines Wasserlaufes senkt. Insgesamt wurden 34 rechteckige Gräbchen aufgedeckt, die Leichenbrandlager umfaßten. Durch die neuzeitliche Beackerung waren die Gräben größtenteils nur fragmentarisch erhalten, ihre Ausdehnungen betrugen u.a. 11,5 x 6,0, 7,5 x 4,0 oder 3,5 x 2,5 m. Diese Grabanlagen sind wahrscheinlich der jüngeren Bronzezeit zuzuordnen. Südöstlich dieser Anlagen konnten Siedlungsbefunde (Speicher) und ein Gräberfeld der frühen Eisenzeit dokumentiert werden. Letzteres erbrachte zwölf Urnenbestattungen sowie drei Leichenbrandlager, die bis auf eine Ausnahme größtenteils zerstört waren.

 

2. Veröffentlichungen aus der Tätigkeit der archäologischen Forschungsstelle

Verschiedene Publikationen informierten in den drei Berichtsjahren die Öffentlichkeit über die neuen Untersuchungsergebnisse der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft. Hier die wichtigsten Literaturhinweise:

Rolf Bärenfänger: Ein bemerkenswerter mittelalterlicher Hausbefund vom Kloster Barthe.- Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden 71, 1991, 5-15.

Rolf Bärenfänger: Einige Zwischenergebnisse von der Wüstungsgrabung "Kloster Barthe" im Heseler Wald, Ldkr. Leer.- Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 61, 1992, 157-171.

Rolf Bärenfänger: Befunde und Funde der älteren vorrömischen Eisenzeit aus Brinkum, Ldkr. Leer.- Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 15, 1992, 201-213.

Rolf Bärenfänger: Frühmittelalterliche Siedlungsfunde und hölzerne Eggenteile aus Hattersum, Ldkr. Wittmund.- Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 15, 1992, 215-229.

Rolf Bärenfänger: Der Westerhammrich bei Leer - Ein bedeutendes Fundgebiet an der unteren Ems.- Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 13. Jg., Heft 2/1993, 52-55.

Rolf Bärenfänger: Frühmittelalterliche Eggenbalken und weitere Holzfunde aus Hattersum, Kreis Wittmund/Ostfriesland.- Archäologisches Korrespondenzblatt, 23. Jg., 127-139.

Rolf Bärenfänger: Vier Gehöfte des 9. Jahrhunderts aus Hesel, Ldkr. Leer (mit einem Beitrag von H. Freund).- Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 63, 1994, 39-72.

Rolf Bärenfänger: Neue Holzfunde aus Hattersum, Gemarkung Uttel, Ldkr. Wittmund.- Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 17, 1994, 39-49.

Klaus Brandt und Wolfgang Schwarz: Abriss der Siedlungsgeschichte aus archäologischer Sicht.- Aeilt Risius: Weener (Ems) Geschichte der Stadt im Rheiderland, 1994, 11-32.

Henny A. Groenendijk und Wolfgang Schwarz: Mittelalterliche Besiedlung der Moore am Dollart-Rand.- Brood, Knottnerus u. a.: Rund um Ems und Dollart, 1992, 84-97.

Wolfgang Schwarz: Analyse der Feuersteinartefakte und Artefakttypen eines mesolithischen Fundplatzes in Utarp, Landkreis Wittmund.- Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 16, 1993, 5-21.

Henning Stilke: Spätmittelalterliche Siedlungsbefunde aus Holtgaste, Kr. Leer.- Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 16, 1993, 45-60.

 

 

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