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Landschaft von Ostfriesland
Fundchronik 1970 |

Fundchronik 1970

 

Ostfriesische Fundchronik
Emder Jahrbuch Bd. 51, 1971

Zusammengestellt von Reinhard Maier und Hans Schwarz,
mit Beiträgen von Klaus Brandt und Peter Schmid

 

Abkürzungen:

F = Finder; FM = Fundmeldung; FSt = Fundstelle; FV gef. = gefunden; Meßtischbl. = Meßtischblatt (Topographische Karte 1:25 000)
R. = Rechts, H. = Hoch (Koordinaten der Fundstelle im Meridianstreifen-System);
OL = Ostfriesische Landschaft; AL = Archäologische Landesaufnahme (Abteilung bei der OL);
B = Breite; D = Dicke; H = Höhe; L = Länge; Æ  = Durchmesser

 

A. Ausgewählte Neufunde

Steinzeit (vgl. auch Nr. 19)

 

1) Aurich, Kr. Aurich
FSt. 2: Grundstück Hammerkeweg 3;
Funde aus dem Aushub eines ca. 1,5 m tiefen Fundamentgrabens im Sand:
Feuerstein: Klingen, Abschläge, gebranntes Stück ohne Bearbeitung
F, FM: Gustav A. Wassmann, Aurich
FV: AL

 

2) Bedekaspel, Kr. Aurich
FST 1: Baugelände für Ferienhäuser am Nordrand des Großen Meeres
Flur 4, Flurstück 1/6, Fläche 19.
Oberflächenfund:
Feuersteinbeil mit annähernd spitzovalem Querschnitt. L 9,0; B 4,3;
D 2,1 cm. 
F, FM: Gewerbelehrer Helmut Ketzscher, Emden
FV: Ostfriesisches Landesmuseum, Emden

 

3) Dunum, Kr. Wittmund
FSt 72: ca. 300 m südwestlich des Radbodsberges, an der Gemarkungsgrenze.
Lesefunde vom Abraum einer Sandgrube:
Feuerstein: Abschläge, gebrannte Stücke. – Keramik: Scherben, vorgeschichtlich und mittelalterlich.
F, FM: Hans Schwarz,
OL FV: AL 

 

4) Logabirum, Kr. Leer
FSt 80 und 80 a: Siebenbergen; im Bereich des abgetragenen Hügelgräberfeldes.
Oberflächenfunde an Wallresten und in einer Weide:
Feuerstein: atypische Abschläge. – Keramik:
1 atypische Scherbe.
F, FM: Landwirtschaftsoberrat i. R. Eilt Post, Leer-Heisfelde
FV: AL

 

5) Ostochtersum, Kr. Wittmund
FSt 29: ca. 150 m ostnordöstlich des Barkholter Berges.
Oberflächenfunde im Acker: Feuerstein:
1 Nukleus, Abschläge, gebrannte Stücke. – Keramik: Gefäßscherben, unbestimmt vorgeschichtlich und mittelalterlich. – Schlacke.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

6) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 1: Acker westlich des Dorfes.
Oberflächenfunde:
Keramik: 1 Randscherbe, vorgeschichtlich. – Feuerstein: Klingen und Klingenbruchstücke, Kratzer, Schaber, Mikrolithen, Abschläge, gebrannte Stücke. – Quarzit: 1 rundlicher Klopf- oder Reibstein, ca. 8 x 6 cm. – Sandstein: 1 Bruchstück mit Reibfläche. – Felsgestein: 1 Bruchstück mit geglätteten Flächen (Gerätbruchstück), 9 x 6 x 3,5 cm. – Knochen: 4 kalzinierte Stückchen. (Vgl. auch: Ostfriesische Fundchronik 1969, in: Friesisches Jahrbuch 1970, 346, Nr. 11)
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

7) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 3: Acker westlich des Dorfes, etwa 200 m nördlich des Weges Reepsholt – Wiesedermeer.
Oberflächenfunde:
Feuerstein: zahlreiche Geräte (Kratzer, Schaber, Messer, retuschierte Klingen, Mikrolithen), Klingen, Abschläge, Kernsteine und gebrannte Stücke. – Sandstein bzw. Quarzit: 2 rundliche Klopf- oder Reibsteine; 2 Bruchstücke mit Reibflächen.
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

8) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 10: Acker westlich des Dorfes.
Oberflächenfunde: Feuerstein: 1 Klinge, Klingenbruchstücke, Abschläge und gebrannte Stücke. (Vgl. auch: Ostfriesische Fundchronik 1969, in: Friesisches Jahrbuch 1970, 364, Nr. 12. Dort falsche Rechts- und Hochwerte angegeben!).
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

9) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 11: Acker westlich des Dorfes, südlich an FSt 1 anschließend.
Oberflächenfunde:
Feuerstein: 1 Klinge mit retuschiertem Konvexende, 1 Kratzer, Abschläge und gebrannte Stücke (Vgl. auch: Ostfriesische Fundchronik 1969, in: Friesisches Jahrbuch 1970, 364, Nr. 13.) F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

10) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 15: Acker westlich des Dorfes, zwischen FSt 16 und 19 gelegen.
Oberflächenfunde:
Feuerstein: Abschläge, 1 kleiner Kernstein, gebrannte Stücke.
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

11) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 17: Acker südwestlich des Dorfs, ca. 250 m nördlich des Ems-Jade-Kanals.
Oberflächenfunde:
1 Feuersteinklinge, 2 gebrannte Flintstücke.
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

12) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt. 18: Acker westlich des Dorfes, südlich an FSt 3 anschließend.
Oberflächenfunde:
Feuerstein: Abschläge, 1 Kratzer, 1 Klinge, 2 gebrannte Klingenbruchstücke, gebrannte Stücke.
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

13) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 19: Acker westlich des Dorfes, zwischen FSt 11 und 15.
Oberflächenfunde:
Feuerstein: Abschläge, gebrannte Stücke.
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

14) Reepsholt, Kr. Wittmund
FSt 22: Priemelsfehn, Acker nördlich der Straße nach Wiesedermeer.
Oberflächenfunde:
Feuerstein: Kratzer, Klingen, Abschläge, gebrannte Stücke.
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt
FV: AL

 

Eisenzeit

15) Burhafe, Kr. Wittmund
FSt 41: Warf ca. 1400 m südöstlich von Buttforde.
Oberflächenfunde im Acker:
Siedlungsreste (?) der Römischen Kaiserzeit: Zahlreiche Tongefäßscherben. – 1 flachrunder Klopf- oder Reibstein aus Quarzit. – Anhäufungen von Steinen bis zu 70 cm Æ.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL 

 

16) Critzum, Kr. Leer
FSt 4: Südöstlich von Coldeborgersiel.
Zu den Siedlungsresten der Römischen Kaiserzeit und des frühen Mittelalters vgl. nachstehenden Beitrag von K. Brandt, S. 206.

 

17) Holtgaste, Kr. Leer
FSt 2 und 2a: Jemgumkloster.
Zu den Siedlungsfunden der Römischen Kaiserzeit und des Mittelalters vgl. nachstehenden Beitrag von K. Brandt, S. 206.

 

18) Midlum, Kr. Leer
FSt 1a: Garten nordöstlich der ehem. Schule Midlum.
Funde beim Ausheben einer Kompostgrube: Es wurden mehrere Siedlungshorizonte mit Keramik der Römischen Kaiserzeit angeschnitten.
F, FM: Lehrer Manno Tammena, Midlum
FV: Niedersächsisches Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung, Wilhelmshaven

 

19) Moorweg, Kr. Wittmund
FSt 70: Acker an der nordwestlichen Gemarkungsgrenze (”Alte Ehe”).
Oberflächenfunde in dichter Streuung:
Keramik der Spätlatene- und Römischen Kaiserzeit: zahlreiche Gefäßscherben. – Feuerstein: 1 querschneidige Pfeilspitze; 1 flächig retuschiertes Pfeilspitzenbruchstück. 
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

20) Moorweg, Kr. Wittmund
FSt 91: Acker im Norden der Gemarkung.
Oberflächenfunde:
3 hochgepflügte Urnenbestattungen? (Gefäßscherben mit Leichenbrand). – 2 Leichenbrandhaufen (Brandgruben?).
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

21) Ardorf, Kr. Wittmund
FSt 10: Sandgrube auf einem Acker westlich des Dorfes.
Bei der Sandgewinnung angeschnittene Siedlungsreste: 1 Sodenbrunnen, 1 Graben, 1 trichterförmige Grube, 1 Pfostenloch. Im Graben wenige Scherben (Zeitstellung fraglich). F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

22) Blersum, Kr. Wittmund
FSt 1B: Garten von Haus Nr. 5 (etwa Dorfmitte auf der Warf Blersum).
Oberflächenfund: Muschelgruskeramik: 1 Randscherbe.
F, FM: Lehrer Rudolf Ueberschär, Blersum
FV: AL

 

23) Blersum, Kr. Wittmund
FSt 1 C: Auf der Dorfwarf Blersum, östlich der Kirche.
Oberflächenfund:
Muschelgruskeramik: 1 Randscherbe.
F, FM: Lehrer Rudolf Ueberschär, Blersum
FV: AL 

 

24) Brill, Kr. Wittmund
FSt 17: Süd-Dunum. Ca. 700 m südwestlich des Radbodsberges.
Bei Baggerarbeiten (Sandgewinnung) angeschnittene und zum Teil untersuchte Siedlungsreste:
18 Gräben unterschiedlicher Länge, 3 fast ovale Gruben, 5 Sodenbrunnen und 3 Pfostenlöcher. Es wurden u. a. zahlreiche Tongefäßscherben gef. (Ausführlicher Bericht von R. Maier und H. Schwarz in: Nachr. aus Niedersachs. Urgesch. 40, 1971; im Druck).
F: W. Rohlfs, Burhafe
FM: Hauptlehrer W. Heinken, Dunum
FV: AL

 

25) Buttforde, Kr. Wittmund
FSt 2: Warf östlich des Dorfes, direkt nördlich der Straße nach Pockens.
Lesefunde aus dem Aushub eines Grabens:
Keramik: Scherben, u. a. von Kugeltöpfen.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL 

 

26) Dunum, Kr. Wittmund
FSt 70: Nord-Dunum, ”Alte Warfe”.
Bei Sandgewinnung wurden erneut gef.:
Siedlungsreste, darunter 1 Sodenbrunnen. (Zu den Funden des Vorjahres vg1. P. Schmid in: Nachr. aus Niedersachs. Urgesch. 39, 1970, 283 ff. und Friesisches Jahrbuch 1970, 372 ff.)
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL 

 

27) Dunum, Kr. Wittmund
FSt 1: Südöstlich der Schule.
Zu den Ausgrabungen auf dem frühmittelalterlichen Gräberfeld vgl. den Beitrag von P. Schmid, S. 207.

 

28) Großwolde, Kr. Leer
FSt 1: Ca. 450 m westlich der Bahnlinie Rheine – Leer in der Niederung gelegene Anhöhe.
Oberflächenfunde:
Keramik: Gefäßscherben.
F, FM: Dr. Wolfgang Meibeyer, Braunschweig
FV: AL

 

29) Hohegaste, Kr. Leer
FSt 2: Etwa 300 m nordöstlich vom Heisfeldersiel in der Emsmarsch.
Bei Baggerarbeiten wurden Grubenverfärbungen angeschnitten. Darin wurden gef.: Keramik (zahlreiche Gefäßscherben, u. a. von Kugeltöpfen), Tierknochen, Holzkohle, gebrannte Steine. F, FM: Tobias Goemann, Hohegaste
FV: AL 

 

30) Woquard, Kr. Norden
FSt 1: Ca. 1800 m nördlich des Dorfes gelegene Warf.
Funde aus Grabenböschung:
Siedlungsschicht mit Tongefäßscherben, Backsteinbrocken, Knochen, Holzkohle.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL 

 

31) Woquard, Kr. Norden
FSt 2: Warf, ca. 80 m nördlich der Warf FSt 1.
Funde aus Grabenböschung:
Siedlungsschicht mit Tongefäßscherben, Backsteinbrocken, Knochen, Holzkohle.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

32) Ostochtersum, Kr. Wittmund
FSt 30: 450 m östlich des Barkholter Berges.
Oberflächenfunde im Acker:
Tongefäßscherben, unbestimmt; gebrannter Feuerstein.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

33) Walle, Kr. Aurich
FSt 2: 75 m nördlich der Straße Walle – Sandhorst ( Waller lange Äcker”).
Funde aus der Böschung eines Entwässerungsgrabens:
Keramik: Gefäßscherben, darunter 1 mittelalterliche Randscherbe.
F, FM: Hans Schwarz, OL
FV: AL

 

 

B. Grabungsberichte

 

1) K. Brandt: Siedlungsarchäologische Untersuchungen im nördlichen Rheiderland

Aufgabe der Untersuchungen im nördlichen Rheiderland ist es, die Abfolge der Siedlungsperioden, die Bedeutung der verschiedenen Siedlungsformen und den Wandel der Wirtschaftsformen von der frühen Eisenzeit bis zum Mittelalter zu klären. Die vorliegenden Altfunde und die Ergebnisse der Siedlungsgrabungen bei Jemgum (1953-54) und bei Boomborg/Hatzum (1963 – 1969) sollen in den Rahmen der Siedlungsentwicklung ihres Umlandes eingebaut werden. Angestrebt wird damit die siedlungsarchäologische Aufarbeitung eines Marschengebietes der südlichen Nordseeküste. Dabei werden die natürlichen Bedingungen für die Besiedlung in die Untersuchung einbezogen: Der Anstieg des Meereswasserspiegels und die Veränderungen der Wasserläufe, vor allem der Ems.

Die Verteilung der Siedlungen in der älteren vorrömischen Eisenzeit, in der Spätlatenezeit und römischen Kaiserzeit sowie im Mittelalter wurde durch die Kartierung bekannter und neu hinzugekommener Funde ermittelt. Die genauen Fundorte einiger Altfunde, für die in der Literatur und in den Museen nur unzureichende Angaben vorlagen, wurden durch Befragen der einheimischen Bevölkerung festgestellt. Die Funde von (Jemgumkloster-)Bentumersiel, die in den Jahren 1928 – 1930 beim Abbau von Ziegelton zutage kamen und unter denen sich eine beträchtliche Menge römischen Imports der augusteischen Zeit fand, stammen von dem etwa 4,4 ha großen Gelände, das unmittelbar nördlich von Bentumersiel zwischen Landstraße und Emsdeich liegt. Es erscheint sinnvoll, zur Unterscheidung von dem unten erwähnten Fundplatz ”Jemgumkloster” den Fundplatz von 1928 – 1930 in Zukunft einfach ”Bentumersiel” zu nennen. Ebenso wurde der Fundplatz der frühmittelalterlichen Funde von Wischenborg und der Römermünzen von Bingum-Soltborg lokalisiert.

Bei Jemgumkloster/Bentumersiel wurden auf einer etwa 20 ha großen Fläche ungefähr 300 Bohrungen durchgeführt, um Lage und Größe der prähistorischen Siedlungen und die geologische Entwicklung dieses Gebietes zu untersuchen. Eine Suchgrabung von 4 x 20 m Größe sollte datierendes Material und genauere Aufschlüsse zur vor- und frühgeschichtlichen Siedlungsentwicklung liefern. Ein bis in die römische Kaiserzeit offener Priel verband die Siedlung bei Bentumersiel mit einer zweiten bei Jemgumkloster und mündete nordöstlich davon in die damals wahrscheinlich weiter östlich verlaufende Ems. Der Platz Jemgumkloster war in der älteren vorrömischen Eisenzeit, dann seit etwa 100 v. Chr. Geb. bis in das 2./3. Jh. n. Chr. Geb. und schließ1ich seit dem 8./9. Jh. n. Chr. Geb. besiedelt. Einige wenige Gefäßreste des 4J5. Jhs. und 7./8. Jhs. n. Chr. Geb. lassen vermuten, daß die Unterbrechung der Besiedlung zwischen der römischen Kaiserzeit und dem frühen Mittelalter nur wenige Jahrhunderte dauerte. Transgressionen führten zur Aufgabe der Siedlungen der älteren vorrömischen Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit. Während bei Jemgumkloster der Warftenbau bereits zu Anfang des 1. Jhs. v. Chr. Geb. begann und auch die Anfänge der Warften Critzum (Bohruntersuchungen des Jahres 1970) und Pogum (Notgrabung 1964) in die römische Kaiserzeit zurückreichen, wurde bei Bentumersiel wie an anderen Stellen des nördlichen Rheiderlandes während der gesamten römischen Kaiserzeit zu ebener Erde gesiedelt. Das Nebeneinander von Warftsiedlungen und Flachsiedlungen könnte u. a. darauf zurückzuführen sein, daß die Überflutungsgefahr auf dem linken Emsufer auf kurze Entfernung verschieden groß war, je nach der Lage zur Ems und zu den Prielen. Vielleicht sind die beiden Siedlungsformen auch durch Unterschiede im wirtschaftlichen Charakter der Siedlungen mit bedingt. So erbrachte die Suchgrabung Jemgumkloster bei reicher Fundausbeute keinen römischen Import, während aus der 700 m entfernten Flachsiedlung Bentumersiel die bekannten römischen Funde stammen. Anscheinend hatten die Bewohner der Warft Jemgumkloster erheblich geringeren Anteil am Handelsverkehr als die der Flachsiedlung Bentumersiel. Nach einer Unterbrechung der Besiedlung in der ausgehenden römischen Kaiserzeit erfolgte eine neue Landnahme im frühen Mittelalter. Vorhandene prähistorische Warften nahm man wieder in Besitz (Jemgumkloster, wahrscheinlich auch Critzum und Pogum). An einigen Stellen wurden im Laufe des Mittelalters auch neue Warften errichtet, darunter Langwarften, von denen im Rheiderland zwei Beispiele festgestellt wurden. Jemgum besteht aus zwei Langwarften, in Hatzum liegt eine Langwarft neben einer Warft mit ”Burg”, Kirche und Pfarrhof. Im nördlich angrenzenden Gebiet erwiesen sich solche Langwarften (Emden, Groothusen) als Handelssiedlungen. Da in Jemgum seit dem späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit reger Handel und blühendes Gewerbe überliefert sind und Hatzum Sitz eines Propstes war, liegt es nahe zu vermuten, daß die nichtagrarische Komponente im Wirtschaftsleben beider Plätze auf eine frühmittelalterliche Handelssiedlung zurückgeht. Sichere Aussagen über den Beginn der beiden Siedlungen und über die Art ihrer Wirtschaftsform sind allerdings erst nach weiteren Untersuchungen möglich. Neben den beiden Alterstypen der vorgeschichtlichen und der mittelalterlichen Warft stehen die frühmittelalterlichen Flachsiedlungen, wie sie durch Bohrungen und Schürfgrabungen des Jahres 1970 südlich von Jemgum und bei Coldeborgersiel (Gem. Critzum) festgestellt wurden. Sie bezeugen, daß es im frühen Mittelalter möglich war, zu ebener Erde zu siedeln, damals also eine längere Ruhepause im Wasserspiegelanstieg eingetreten war. Die frühmittelalterlichen Siedlungsreste südlich von Jemgum, bei Coldeborgersiel (Gem. Critzum) und nördlich der Hatzumer Warften liegen über einem verlandeten Emsufer und datieren dadurch eine Verlagerung der Ems nach Osten und Norden. Da auf den Verlandungsschichten bisher nur frühmittelalterliche und keine kaiserzeitlichen Siedlungsspuren angetroffen wurden, dürfte die Verlagerung des Emslaufes und die Verlandung des älteren West- oder Südufers der Ems zwischen römischer Kaiserzeit und frühem Mittelalter anzunehmen sein. Mit noch stärkeren Veränderungen im Gewässernetz ist im Gebiet von Jemgum zu rechnen. Dort zeigten die Bohrungen, daß die Rekonstruktion einer ehemaligen Emsschleife, wie sie Wildvang (1920) vornahm, mancher Korrekturen bedarf. Den Verlauf der älteren Gewässer bei Jemgum zu klären, ist um so dringender, als die Ergebnisse aller archäologischer Untersuchungen bisher in das von Wildvang entworfene Bild der natürlichen Landschaft projiziert wurden.

 

2) Peter Schmid: Die Untersuchungen auf dem frühmittelalterlichen Gräberfeld von Dunum im Jahre 1970

Auf dem frühmittelalterlichen Gräberfeld von Dunum wurde nach einer 1966 erfolgten Probegrabung in den Jahren 1967, 1968 und 1970 eine Gesamtfläche von etwa 2500 qm untersucht. Im Grabungsabschnitt 1970 konnten nach den bisher vorliegenden 424 Gräbern 213 weitere Bestattungen freigelegt werden, so daß sich die Zahl der untersuchten Grabanlagen von Dunum auf 637 erhöht.

Dabei ergaben sich mit der größeren Gesamtübersicht für die Beantwortung der Fragen nach Anlage und Gruppierung der Bestattungen neue Gesichtspunkte.

Zeigte sich auch im Grabungsabschnitt 1970 nach den stratigraphischen Untersuchungen wiederum die relativ-chronologische Abfolge von Brandbestattungen und SN-Gräbern, die von SW/NO- und später von WO-Bestattungen abgelöst wurden, so läßt andererseits die jetzige Gesamtübersicht eine Aufgliederung der Belegung des Friedhofes in kleinere Grabgruppen erkennen. Zu diesen gehören in der ältesten Phase eng zusammenliegende Gruppen von jeweils 2 bis 4 von Kreisgräben eingefaßte Brandbestattungen mit einzelnen angrenzenden oder überschneidenden SN- Gräbern. Wiederum nach Gruppen getrennt rücken in der zweiten Belegungsphase überwiegend SW/NO-orientierte Bestattungen dicht an die älteren Gräber heran, wobei es oft zu mehrfachen Überschneidungen älterer Grabgruppen kommt. Dabei bleibt jedoch der zentrale Bereich der Brandbestattungen mit Kreisgraben ungestört erhalten, d. h. die Körpergräber gruppieren sich z. T. unter Aufgabe der sonst vorherrschenden SW/NO-Richtung um die Kreisgräben, so daß besonders im Grabungsabschnitt 1970 in einigen Fällen eine fast radiale Anordnung der ältesten Körpergräber um die Kreisgräben der Brandbestattungen erkennbar wird. Erst in der jüngsten Belegungsphase wird offenbar nicht mehr an der Gruppierung der Gräber festgehalten, denn die beigabenlosen WO-Gräber werden entweder in den noch bestehenden freien Zonen zwischen den einzelnen Grabgruppen angelegt oder füllen zum überwiegenden Teil die randlichen Zonen des gesamten Gräberfeldes aus.

Für die Gruppierung innerhalb des Gräberfeldes ist bemerkenswert, daß nach den bisher vorliegenden Untersuchungen zu den einzelnen Gruppen jeweils 1 oder 2 reich ausgestattete Frauen- oder Männergräber gehören. Abweichend von den sonst üblichen Beigaben kommen in den betreffenden Frauengräbern Ketten mit Millefiori- Perlen vor, ferner Silbernadeln oder verzierte Bronzeschlüssel. Die entsprechenden Männergräber enthalten Sporen oder Lanzenschuhe. Vereinzelt kommen bei den Bestattungsgruppen auch Kammergräber mit einer sorgfältig gesetzten Bohlenverkleidung vor, während im allgemeinen die Gräber aus einfachen Bohlen- oder Kastensärgen bestehen. Außerdem wurden Körperbestattungen ohne Särge oder auf Totenbrettern vorgenommen.

Sowohl die stratigraphischen Befunde als auch die vergleichenden Untersuchungen der datierenden Funde aus dem Grabungsabschnitt 1970 geben eine Bestätigung für die zeitliche Einordnung der bisher in Dunum erfaßten Grabgruppen. So zeigen die aus Brandbestattungen und aus SN-Gräbern vorliegenden Funde, insbesondere die Keramik (eiförmige Gefäße und importierte Drehscheibenware), daß die Belegung des Friedhofes mit Sicherheit in der 1. Hälfte des 8., vielleicht aber schon im 7. Jh. begann. Während der 2. Hälfte des 8. Jhs setzte mit dem Auftreten von SW/NO- und WO-Gräbern eine allmähliche Änderung der Grabrichtung ein, die zu einer teilweisen Überschneidung älterer Grabanlagen führte. Dennoch blieb der Grabbrauch der Brandbestattung noch in dieser jüngeren Phase eine Zeitlang weiterbestehen, wie z. B. die auch 1970 unter den Urnen vereinzelt vorkommenden frühen Kugeltöpfe oder die 1966 gefundene Waffenausstattung eines Brandgrabes zeigen. Während des 9. Jhs. begann eine allmähliche Ablösung beigabenführender SW/NO- und WO-Gräber durch beigabenlose WO-Bestattungen, die sich vor allem in den randlichen Teilen des Friedhofes konzentrierten. Die Grabungsbefunde der Vorjahre deuteten bereits darauf hin, daß dann im Verlaufe des 10. Jhs. die Aufgabe des Gräberfeldes erfolgte.

 

C. Archäologische Landesaufnahme

Die planmäßige Geländebegehung wurde in allen vier ostfriesischen Landkreisen durchgeführt.

 

Kreis Aurich

1) Holtrop: 17 FSt, darunter 2 Siedlungen
2) Sandhorst: 13 FSt, darunter 5 Siedlungen
3) Schirum: 8 FSt, darunter 2 Siedlungen
4) Wiesens: 23 FSt, darunter 6 Hügelgräber

 

Kreis Leer

5) Brinkum (Nachtrag): 1 FSt
6) Hesel: 96 Hügelgräber (Gräberfeld)
7) Neuemoor: 1 FSt

 

Kreis Norden

8) Groothusen (Nachtrag): 2 Warfen
9) Manslagt (Nachtrag): 1 Warf
10) Pilsum (Nachtrag): 2 FSt, darunter 1 Warf
11) Visquard (Nachtrag): 1 Warf
12) Woquard (Nachtrag): 2 Warfen (siehe unter A. Ausgewählte Neufunde, Nr. 29 und 30)

 

Kreis Wittmund

13) Blomberg: 7 FSt
14) Brill (Nachtrag): 3 FSt
15) Burhafe: 50 FSt, darunter 6 Warfen und 13 Flachsiedlungen
16) Moorweg: 64 FSt
17) Ostochtersum (Nachtrag): 2 FSt (siehe unter A. Ausgewählte Neufunde, Nr. 5 und 32)
18) Sterbur (Nachtrag): 1 FSt
19) Utarp (Nachtrag): 7 FSt

Die Ordnungsarbeiten im Fundmagazin des Ostfriesischen Landesmuseums zu Emden wurden fortgeführt und stehen vor dem Abschluß.

 

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