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Landschaft von Ostfriesland
Fundchronik 1969 |

Fundchronik 1969

 

Ostfriesische Fundchronik
Emder Jahrbuch Bd. 50, 1970

Zusammengestellt von Reinhard Maier und Hans Schwarz, mit Beiträgen von Peter Schmid und Karl-Ernst Behre 

 

Vorbemerkung

Mit der vorliegenden Fundchronik soll ein neuer Weg zur Funddokumentation und zur Information über die archäologische Tätigkeit in Ostfriesland beschritten werden. Es wird versucht, einen Überblick darüber zu vermitteln, was im Regierungsbezirk Aurich auf dem Gebiet der Vor- und Frühgeschichtsforschung, der staatlichen Bodendenkmalpflege und der archäologischen Landesaufnahme in einem Jahr geleistet wurde. Gewählt wurde eine knappe, stichwortartige Form der Mitteilung, die sich auf die wesentlichsten Angaben beschränkt. Lediglich die Grabungsberichte sind etwas ausführlicher gehalten. Der Bericht über den Fortgang der archäologischen Landesaufnahme ist summarisch abgefaßt, um einer späteren Gesamtpublikation nicht vorzugreifen. 

In Ostfriesland teilen sich zwei Institute in die archäologische Arbeit: das Niedersächsische Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung in Wilhelmshaven und die Ostfriesische Landschaft in Aurich. Das erstgenannte Institut betreibt im wesentlichen siedlungsarchäologische Forschungen mit entsprechenden Plangrabungen, während die Ostfriesische Landschaft außer der Durchführung der archäologischen Landesaufnahme auch die Aufgaben der Bodendenkmalpflege übernommen hat. 

Die Ergebnisse der Bodendenkmalpflege im Berichtsjahr nehmen sich noch recht bescheiden aus. Die Geländearbeit beschränkte sich im wesentlichen auf Fundbergungen und kleine Rettungsgrabungen. Dazu kam noch die planmäßige Beobachtung von Sandgruben und Baustellen. Ausgrabungen größeren Ausmaßes konnten im Rahmen der Bodendenkmalpflege aus personellen Gründen noch nicht durchgeführt werden. In einem Falle, als in Dunum, Kr. Wittmund, (FSt 70) eine mittelalterliche Siedlung durch Sandabbau gefährdet wurde, sprang das Niedersächsische Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung helfend durch eine großflächige Untersuchung ein. 

Um künftig die mit der Bodendenkmalpflege betrauten Personen (1 Wissenschaftler und 1 Techniker) von den Routinebeobachtungen der Sandgruben und Baustellen und von kleinen Fundbergungen zu entlasten, sollen neue ehrenamtliche Mitarbeiter aus interessierten Kreisen der Bevölkerung gewonnen werden. Deshalb führt die Arbeitsgruppe Vorgeschichte der Ostfriesischen Landschaft jetzt Einführungskurse und Lehrgrabungen durch, die einen Aufschwung in der bodendenkmalpflegerischen Arbeit in Ostfriesland erhoffen lassen. Dies alles gilt es auch bei der Beurteilung der vorliegenden Fundchronik zu berücksichtigen. Sie will nur als ein erster Schritt auf dem Wege zu einer intensiveren Bodendenkmalpflege gewertet werden.

 

Abkürzungen:

F = Finder, FM = Fundmeldung, FSt = Fundstelle, FV = Fundverbleib, gef. = gefunden;
OL = Ostfriesische Landschaft, AL = Archäologische Landesaufnahme (Abt. bei der OL); 
B = Breite, D = Dicke, H = Höhe, L = Länge,
Æ = Durchmesser. 

 

A. Ausgewählte Neufunde

 

Steinzeit 

1) Brill, Kr. Wittmund 
FSt 78: Acker nordöstlich vom Hof Eilert Gronewold, Neu-Brill. 
Oberflächenfunde: Feuersteinklinge, atypischer Feuersteinabschlag. 
F, FM: Eilert Gronewold, Neu-Brill 
FV: AL 

 

2) Dunum, Kr. Wittmund 
FSt 69: Sandgrube an der südlichen Gemarkungsgrenze; Flurname ”Totenacker”. 
Lesefund aus dem Abraum der Sandgrube: 
Feuersteinabschläge, -klingen und -geräte, darunter 1 Klingenkratzer und 1 Klinge mit Schrägendretusche; gebrannte Feuersteinstücke; 3 atypische Tongefäßscherben. 
F, FM: Hans Schwarz, OL 
FV: AL 

 

3) Dunum, Kr. Wittmund 
FSt 71: Sandgrube im Acker, ca. 100 m nordöstlich vom ”Totenacker”. 
Lesefunde im Abraum: 
Feuersteingeräte (Schaber, Kratzer) und -absch1äge; Gefäßscherben (mittelalterlich und unbestimmt). 
F, FM: Hans Schwarz, OL 
FV: AL 

 

4) Hesel, Kr. Leer 
FSt 68: Acker (früher Baumschule) westlich der Bundesstr.
75. 
Einzelfund, gef. bei Erdarbeiten, 30 – 40 cm tief: 
Axt mit zusammengekniffenem Nacken; dunkelgraues Felsgestein; L 12,5 cm. 
F, FM: Karl Epkes, Holtland 
FV: AL 

 

5) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 4: Sandgrube südlich von Rispel. 
Lesefunde im Abraum und im gestörten Sand: 
Zwei Feuersteinsicheln und 1 -sichelbruchstück (L 22,2 cm; 18,5 cm und 10,2 cm; 
Zahlreiche, meist atypische Gefäßscherben, darunter 1 fischgrätverzierte. Zahlreiche kleine Feuersteinabschläge, -klingen und -geräte (Kratzer, Schaber). 
F, FM: Dr. R. Maier und H. Schwarz, 
OL FV: AL 

 

6) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 5a: Sandgrubenkante, ca. 50 bis 100 m südwestlich von FSt 5. 
Lesefunde: 
2 Feuersteinabschläge; 2 unbestimmte urgeschichtliche Gefäßscherben. 
F, FM: H. Schwarz und Dr. R. Maier, 
OL FV: AL 

 

7) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 6: Sandgrube, 300 m nordwestlich vom ”Hundert-Diemat-Gut”. 
Lesefunde: 
Feuersteinklingenbruchstück. 
F, FM: H. Schwarz und Dr. R. Maier, 
OL FV: AL 

 

8) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 7: Rispel, Sandgrube, ca. 220 m westlich vom Irmenhof. 
Oberflächenfunde: 
Unbestimmte urgeschichtliche Scherben; Bruchstück einer Feuersteinklinge. 
F, FM: H. Schwarz und Dr. R. Maier, OL 
FV: AL 

 

9) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 8: Rispel; Ackerland (ausgesandete Fläche) 300 m südwestlich vom Irmenhof. 
Oberflächenfunde:
Unbestimmte urgeschichtliche Scherben; Feuersteinabschläge; gebrannter Feuerstein. 
F, FM: H. Schwarz und Dr. R. Maier, OL 
FV: AL 

 

10) Nüttermoor, Kr. Leer 
FSt 5: Nordrand des Dorfes; Baustelle für einen Turm der Bundespost. 
Einzelfund aus Grubenaushub: 
Plumpe Felsgesteinaxt, verwittert. L 13,6 cm, B 6,7 cm, H 6,9 cm. 
F, FM: Otto Winkelmann, Holtland-Nücke 
FV: AL 

 

11) Reepsholt, Kr. Wittmund 
FSt l: Acker westlich vom Dorf. 
Oberflächenfunde: 
Feuersteinabschläge, -klingen und -schaber; gebrannter Feuerstein. – Bereits 1968 wurde an dieser Stelle ein Rechteckbeil, gef. 
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt 
FV: AL 

 

12) Reepsholt, Kr. Wittmund 
FSt 10: Acker westlich des Dorfes. 
Oberflächenfunde: 
Feuerstein: Abschläge; 1 Mikroklinge; Klingenbruchstücke. Gebrannte Feuersteinstücke. – Atypische Gefäßscherbe, vorgeschichtlich. (Um 1900 soll nach Auskunft des F beim Torfgraben an dieser Stelle eine Moorleiche gef. worden sein.) 
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt 
FV: AL 

 

13) Reepsho1t, Kr. Wittmund 
FSt 11: Westlich des Dorfes. 
Oberflächenfund: 
Feuersteinklinge mit Frontalretusche. L 5 cm, B 2,5 cm. 
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt 
FV: AL 

 

14) Reepsholt, Kr. Wittmund 
FSt 12: Acker westlich des Dorfes. 
Oberflächenfunde: 
Feuersteinabsch1äge; gebrannter Feuerstein. 
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt 
FV: AL 

 

15) Reepsholt, Kr. Wittmund 
FSt 3: Acker westlich des Dorfes. 
Oberflächenfunde: 
Feuersteinabschläge; gebrannter Feuerstein. 
F, FM: Heinrich Heyen, Reepsholt 
FV: AL 

 

16) Wiesens, Kr. Aurich 
FSt 68: Sandgrube nordöstlich des Dorfes. 
Lesefunde aus dem Abraum der Sandgrube: 
Feuersteinschaber  und -kratzer; zahlreiche mittelalterliche und vorgeschichtliche, unbestimmbare Scherben; 1 halbe durchlochte Tonscheibe (Æ  5,6 cm; Loch-Æ 1 cm; D 1,6 cm). 
F, FM: Hans Schwarz, OL 
FV: AL 

Aus Ulbargen (FSt 1) und Wiesens (FSt 62) wurden im Berichtsjahr die Funde von Steinäxten bekannt, die aber bereits einige Zeit vorher gefunden worden sind. 

 

Bronzezeit 

17) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 9: Friedhof. 
Gef. beim Anlegen einer Grabstelle: 
Urnenreste mit Leichenbrand. 
F: Joh. Lürkens, Leerhafe 
FM: Rektor Th. Schmidt, Leerhafe 
FV: AL 

 

Vorrömische Eisenzeit 

18) Hatzum, Kr. Leer 
FSt 1: Boomborg. 
Siedlung: 
Zur Ausgrabungskampagne im Jahre 1969 vgl. den untenstehenden Bericht von Dr. K.-E. Behre. 

 

19) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 5: Rispel, Sandgrubenkante, ca. 300 m westlich des Irmenhofes, am Waldrand. 
Fundbergung durch AL: 
Urne mit Deckschale, Leichenbrandreste. Maße der Urne: Mündungs-Æ 20,3 cm, größter Æ 24,7 cm, Boden-Æ 12,7 cm, H 23,2 cm. Maße des Deckgefäßes: Mündungs-Æ 39,5 cm, H 14,8 cm. Die Urne stand frei im Sand, vom Deckgefäß war der Boden und ein Teil der Wandung nicht mehr erhalten. – Neben der Urne im Sand zwei atypische Feuersteinabschläge.
F: Dirk Cassens, Rispel 
FM: Rektor Th. Schmidt, Leerhafe 
FV: AL 

 

20) Westerholt, Kr. Wittmund 
FSt 17: Ergänzungsbau der Mittelpunktschule westlich der Schulgebäude. 
Siedlungsreste der Spätlatenezeit: 
In den Fundamentgräben des Schulneubaus wurden 6 Grubenverfärbungen festgestellt, von denen die Verfärbungen Nr. l bis 4 Gefäßscherben enthielten. Bauunternehmer Wilh. Hermers, Westerholt, ermöglichte vor dem Einbringen der Fundamente eine kurze Untersuchung der Gruben. – Mit einer Klasse des 9. Schuljahres der Schule Westerholt (Konrektor H. Frerichs) wurden in 9 und 16 m Entfernung westlich des Neubaues zwei Suchschnitte von je 10 x 2 m angelegt, die jedoch keine weiteren Spuren der Siedlung mehr erfaßten. 
F: Gerhard Gilbers, Westerholt 
FM: Architekt Hinr. Oltmanns, Nenndorf 
FV: AL 

 

Römische Kaiserzeit (vgl. auch Nr. 18) 

21) Brill, Kr. Wittmund 
FSt la: Ackerland südlich vom Hof Nr. 37 (Adde Hinrichs). Seit 1966 werde i auf diesem Gelände (FSt l und la) bei Sandgewinnungsarbeiten Siedlungsreste der Römischen Kaiserzeit und bisher undatierte Brandgräber gef. – 
Beim Sandabbau angeschnittene Siedlungsreste: Scherben aus einer Grabenverfärbung. 
F, FM: Hans Schwarz, OL 
FV: AL 

 

Mittelalter (vgl. auch Nr. 3, 16) 

22) Ardorf, Kr. Wittmund 
FSt 6: Acker von Onke Tjardes, westlich von dessen Hof, Ardorf Nr. 6. 
Siedlungsreste des 11. Jh., von einem ca. 50 cm mächtigen Eschauftrag überdeckt. Freigelegt bei Baggerarbeiten und z. T. durch die AL untersucht wurden. 
Grubenverfärbungen (Funde: Gefäßscherben, Lehmbrocken, Webgewicht) und 4 Torfsodenbrunnen mit Holzbalkenkonstruktion. 
F: Gerhard Janssen, Rispel 
FM: Hauptmann Wieck, Wittmund 
FV: AL 

 

23) Aurich, Kr. Aurich 
FSt 3: Burgstr./Ecke Schulwall. 
Bei Kanalisationsarbeiten freigelegt wurde der mittelalterliche Stadtgraben in seinem vor dem (abgebrochenen) Westtor, dem sog. Ley-Tor, gelegenen Abschnitt. 
Dabei wurden Gefäßscherben des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit gef. 
F, FM: Dr. H. Ramm, OL 
FV: AL 

 

24) Blersum, Kr. Wittmund 
FSt 1b: Auf der Dorfwarf, Haus Nr. 5. 
Gef. beim Bau des Hauses in 1,5 – 2 m Tiefe: 
Scherben des 9./10. Jh. 
F, FM: Lehrer Rudolf Überschär, Blersum 
FV: AL 

 

25) Dunum, Kr. Wittmund 
FSt 70: Nord-Dunum, Sandgrube auf dem Acker von Willi Renken, Moorweg. Flurname ”Alte Warfe”. 
Siedlungsreste des 8. bis 10. Jh., z. T. von einer bis 1 m mächtigen Eschauftragung überdeckt. Angeschnitten bei Baggerarbeiten zur Sandgewinnung. Vom Bagger freigelegt und nur z. T. durch die AL untersucht wurden 82 Verfärbungen und 8 Torfsodenbrunnen. 
Funde: Zahlreiche Tongefäßreste; Eisenschlacke; Holzkohle; Muscheln. – Weitere Siedlungsreste und Funde erbrachte eine größere Ausgrabung durch das Niedersächsische Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung, Wilhelmshaven (vgl. dazu den untenstehenden Bericht von Dr. P. Schmid). 
F, FM: H. Schwarz und Dr. R. Maier, OL 
FV: AL und Niedersächsisches Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung, Wilhelmshaven. 

 

26) Forlitz-Blaukirchen, Kr. Aurich 
FSt 1: Großes Meer. 
Gef. im Schlamm bei niedrigem Wasserstand: 
Gefäßscherben 12. – 14. Jh., Schlacken, Backsteine. 
F: Schülerinnen Almuth Ennen und Annegret Memmen, Schortens. 
FM: Heino Memmen, Schortens 
FV: AL 

 

27) Leer, Ortsteil Loga, Kr. Leer 
FSt 8: Gräfin-Julia-Str. l (Garten). 
Oberflächenfunde: 
Tongefäßscherben. 
F, FM: Rektor G. Löning, Loga 
FV: AL 

 

28) Leer, Ortsteil Loga, Kr. Leer 
FSt 9: Gräfin-Julia-Str. 2 (Garten). 
Oberflächenfunde: 
Scherben. F, FM: Dr. R. Maier und H. Schwarz, OL 
FV: AL

 

29) Leer, Ortsteil Loga, Kr. Leer 
FSt 10: Gräfin-Julia-Str. 2 (Garten). 
Oberflächenfunde: Scherben. 
F, FM: Dr. R. Maier und H. Schwarz, 
OL FV: AL 

 

30) Westerholt, Kr. Wittmund 
FSt 16: Acker, westlich vom Dorf. 
Oberflächenfunde: Zahlreiche Gefäßscherben des 9./10. Jh., lagen dichtgestreut im Acker. Beim Nachgraben mit dem Spaten auf ca. 1 qm wurde eine Scherbenlage festgestellt (untersucht bis 60 cm Tiefe). 
F, FM: Schüler einer Klasse des 9. Schuljahres der Schule Westerholt, zusammen mit H. Schwarz,
OL 
FV: AL 

 

31) Westerholt, Kr. Wittmund 
FSt 70: Im Dorf; Neubau an der Straße nach Dornum. 
Gef. beim Neubau eines Wohnhauses, im Abraum aus der Baugrube: 
Gefäßscherben des 11./12. Jh. 
F, FM: Helmut Ripken, Eversmeer 
FV: AL 

 

32) Wiesens, Kr. Aurich 
FSt 41: Sandgrube östlich des Dorfes. 
Lesefunde aus dem Abraum der Sandgrube: 
Gefäßscherben. 
F, FM: Hans Schwarz, OL 
FV: AL 

 

33) Leerhafe, Kr. Wittmund 
FSt 5c: Rispel; Ackerland (ausgesandete Fläche), ca. 150 m südwestlich von FSt 5. 
Oberflächenfunde: 
Urgeschichtliche Scherben. 
F, FM: H. Schwarz und Dr. R. Maier, OL 
FV: AL 

 

B. Grabungsberichte

1) Peter Schmid: Frühmittelalterliche Siedlungsfunde von der ”Alten Warfe” bei Dunum, Kr. Wittmund. 

 

Nach den bisherigen Untersuchungen auf dem frühmittelalterlichen Gräberfeld von Dunum erfolgte die Belegung des Friedhofes in der Zeit des 8. bis 10. Jhs. und zwar zunächst mit heidnischen Urnengräbern und SN-Körperbestattungen, die im Verlauf des 9. Jhs. von bereits christlich orientierten WO-Gräbern abgelöst wurden. Da bisher etwa die Hälfte der Grabanlagen (424 Gräber) untersucht werden konnte, d. h. am Dunumer Geestrand in einem Zeitraum von rd. 300 Jahren 1000 Beisetzungen erfolgten, ist in der Nähe des Gräberfeldes mit größeren Siedlungs- und Wirtschaftsflächen aus dieser Zeit zu rechnen. Die vollständige archäologische Untersuchung dieses Siedlungsgebietes würde für die Rekonstruktion der Wirtschafts- und Sozialstruktur im ostfriesischen Raum während des frühen Mittelalters wichtige Aufschlüsse bringen, zumal die reichen Grabfunde auf weitreichende Verbindungen der ansässigen Bevölkerung zum fränkischen Bereich hindeuten. Durch geographische Untersuchungen zur Siedlungs- und Flurgenese im Bereich der Dunumer Gaste ist es W. Reinhardt bereits gelungen, wichtige Anhaltspunkte für die Lokalisierung von abgegangenen Siedlungen und Wohnplätzen zu erhalten, die noch in älteren Flurkarten und dazugehörenden Besitzregistern aus der Zeit um 1670 (van Regemort) erkennbar sind. Archäologische Untersuchungen auf einem nach der Flurkarte von 1670 als ”Darpstette” bezeichneten Gebiet, das in unmittelbarer Nähe des Gräberfeldes liegt, bestätigten bereits, daß unter der heutigen mit Plaggenauftrag bedeckten Gastflur mittelalterliche Siedlungsspuren vorhanden sind. So konnten auf der ”Darpstette” in einem Suchgraben Pfostenverfärbungen, Gruben, Zaun- bzw. Wandgräbchen unter der Plaggenschicht im hellen Sandboden festgestellt werden, die auf Grund einiger Keramikfunde offenbar schon in die Zeit des frühmittelalterlichen Gräberfeldes gehören. Die nach der siedlungsgeographischen Auswertung des noch vorhandenen Karten- und Quellenmaterials aus dem 17. Jh. berechtigte Annahme, daß außer der ”Darpstette” noch weitere abgegangene Wohnplätze im Bereich der Gaste zumindest bis in das Mittelalter zurückreichen könnten, erfuhr 1969 durch einige überraschende Neufunde ihre Bestätigung. Da die ostfriesischen Gasten bevorzugte Sandentnahmestellen darstellen, richtet sich die besondere Aufmerksamkeit bei der Beobachtung von Bodenaufschlüssen im Rahmen der archäologischen Landesaufnahme auf diese Gebiete. Der systematischen Flurbegehung gefährdeter Geländestreifen ist es wie in vielen anderen Fällen zu verdanken, daß die Sachbearbeiter der Landesaufnahme in Ostfriesland, Dr. R. Maier und H. Schwarz, auf eine frühgeschichtliche Fundstelle aufmerksam wurden, die am Westrande der Dunumer Gaste liegt. 1969 erfolgten auf dem Gelände einer auf der Karte von 1670 als ”Alte Warfe” bezeichneten Flur großflächige Sandentnahmen. Bei der Beobachtung der Baustelle stellten die Sachbearbeiter der Landesaufnahme unter der ca. 1 m mächtigen Plaggenauflage Bodenverfärbungen sowie mittelalterliche Keramik fest und konnten bei einer Notbergung den Rest eines ca. 4 m tiefen Brunnenschachtes freilegen. Nach dieser Entdeckung konnte in dankenswerter Zusammenarbeit und mit freundlicher Unterstützung der Firma Oldewurtel, Utgast, eine kurzfristige Notgrabung durch das Niedersächsische Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung, Wilhelmshaven, durchgeführt werden. Nach dem Abräumen des Plaggenbodens zeichneten sich an mehreren Stellen auf einer ca. 3 m breiten und 60 m langen planierten Fläche im hellen Sand ca. 0,50 m breite parallellaufende Reste von humosen Streifen ab, bei denen es sich wahrscheinlich um Grabenbegrenzungen alter Ackerbeete handelt. An zwei Stellen überdeckten diese Verfärbungen Reste von Gruben mit Holzkohlebeimengungen sowie Pfostenlöcher. Mehrere reihenförmig angelegte Pfostengruben lassen darauf schließen, daß in dem angeschnittenen Gebiet Grundrisse von Großbauten (dreischiffige Hallenhäuser) zu erwarten sind. In fünf Fällen gelang es, Brunnen freizulegen, die bis zu 4 m im hellen Sand eingetieft waren. Die Wandungen bestanden aus sorgfältig gepackten Ringen aus Heidesoden, auf der Brunnensohle wurden quadratisch angelegte Holzrahmen aus verzapften Rundhölzern festgestellt. In der Nähe der Pfostengruben zeichnete sich die Ecke eines Grubenhauses im hellen Sand unmittelbar unter dem Plaggenboden ab. Es enthielt die Reste eines mit Steinen gepflasterten Herdes, dazu einige für die Datierung des bisher ältesten auf der ”Alten Warfe” festgestellten Siedlungsstadiums bemerkenswerte Gefäßscherben. Es handelt sich um Fragmente von frühen Kugeltöpfen mit verdicktem, schwach ausladendem, abgerundetem Randprofil und z. T. Ornamenten von Gitterstempeln. Zusammen mit dieser Tonware wurden rheinische Importscherben Badorfer Art, darunter das Bruchstück eines Knickwandtopfes gefunden, die zeigen, daß der angeschnittene älteste Siedlungsbereich in das 8. bis 9. Jh. n. Chr. zu datieren ist. Andere Keramikfunde aus Gruben und von der Sandoberfläche unter dem Plaggenboden weisen sehr deutlich auf eine kontinuierliche weitere Besiedlung an dieser Stelle bis in das 10./11. Jh. hin. So kommen unter der Tonware Scherben von Kugeltöpfen mit S-förmig ausschwingenden, abgesetzten, hohen Rändern vor, ferner dünnwandige, härter gebrannte Gefäße mit schärfer geknickten und außen abgeschrägten Randprofilen sowie in einigen Fällen schon beginnender Deckelfalzbildung. Alles in allem entspricht diese jüngere Keramik einer Tonware im Siedlungsbereich der Marsch, die z. B. auf der Wurt Hessens bei Wilhelmshaven in den Horizonten 3 und 2 vorkommt und in das 10. bis 11. Jh. datiert werden kann. Mit dieser zeitlichen Einordnung der Siedlung ”Alte Warfe” in das 8. bis 10./11. Jh. ist der Nachweis gelungen, daß im Bereich der Dunumer Gaste außer der ”Darpstette” im frühen Mittelalter weitere Siedlungs- und Wohnplätze vorhanden waren, von denen aus die Anlage der ältesten Gastfluren erfolgt ist, wie die Untersuchungen zur Flurgenese gezeigt haben. Diese Siedlergruppen besaßen offenbar einen großen, gemeinsamen Friedhof, der ebenfalls im 8. bis 10. Jh. bestand, und anscheinend nicht mehr belegt wurde, als die Aufgabe einzelner Wohnplätze und die Gründung der ältesten Kirche in Norddunum erfolgte. 

 

2) K.-E. Behre: Grabung Boomborg/Hatzum, Kr. Leer 1969 

 

Auf der unter der Leitung von Prof. Dr. Haarnagel vom Niedersächsischen Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung, Wilhelmshaven, durchgeführten Grabung bei der Boomborg wurde im Jahre 1969 die letzte große Flächenabdeckung abgeschlossen. Dabei kamen erneut mehrere gut erhaltene Häuser und Speicher aus der älteren Eisenzeit heraus. Eine Aufgliederung in fünf klar getrennte Wohnhorizonte vom 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr., die während der früheren Grabungskampagnen möglich war, konnte in dieser Differenziertheit nicht durchgeführt werden, da die Besiedlung nicht in allen Phasen bis in das jetzt untersuchte Randgebiet gereicht hat. Die Grabung zeigte, wie erwartet worden war, die Begrenzung der ältereisenzeitlichen Siedlung, die bis zu einer Senke, bzw. einem flachen Priel reichte. Die über der alten Siedlungsstelle liegende Schicht der römischen Kaiserzeit war im Jahre 1969 stellenweise gut faßbar. In ihr kamen ein dreischiffiges Hallenhaus und drei Speicher heraus. Die begrenzende Senke der älteren Eisenzeit wurde nach Chr. Geb. mit Mist angefüllt und an zwei Stellen von Holzbrücken überquert. Die kaiserzeitliche Siedlung reichte über sie hinweg bis zu einem tiefen Hauptpriel. In diesem fand der Schiffsverkehr von und zur Siedlung statt. Bis hin zum Priel führte ein befestigter Steg, der im Wasser mit einer solide konstruierten Anlegestelle endete. In einem tief hinabreichenden Schnitt wurde die Bildungs- und Verlandungsgeschichte des Hauptpriels ermittelt. Danach war er bereits vor der älteren Eisenzeit vorhanden und führte damals Süßwasser. Zahlreiche hineingefallene Hölzer, Blätter und Samen zeigten die Vegetation des an ihm wachsenden Auenwaldes. Eine deutliche Änderung dieser Verhältnisse trat in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten ein, als während des Höhepunktes der sogenannten Dünkirchen-I-Transgression der Priel mit kalkhaltigen Sedimenten angefüllt wurde. .An genau der gleichen Stelle schnitt sich dann während der römischen Kaiserzeit erneut ein freilich erheblich kleinerer Priel mit scharf begrenztem Bett ein. Dieser verlagerte sich mehrfach auf engstem Raum, konnte aber in seinen verschiedenen Phasen anhand der eingeschlossenen Keramik stets als kaiserzeitlich datiert werden. Endgültig geschlossen wurde dieser Priel erst durch die Sedimentdecken der mittelalterlichen Transgressionsphasen. Neben dieser grabungsmäßigen Prieluntersuchung wurde im vergangenen Jahr der Verlauf einzelner Priele bis ins rückwärtige Gebiet hinein durch Bohrungen verfolgt und dazu der Mündungstrichter des Hauptpriels in die Ems sowie der genaue Verlauf und Abfall des alten Emsufers festgelegt.

 

C. Archäologische Landesaufnahme

Die planmäßige Geländebegehung wurde in der Marsch des Kreises Norden in 13 Gemarkungen durchgeführt, im Kreis Aurich in 3 Gemarkungen: 

 

Kreis Norden 

1) Campen: 4 Warften; Deichreste 

2) Canum: 6 Warften; Deichreste 

3) Cirkwehrum: 6 Warften 

4) Freepsum: 4 Warften 

5) Groothusen: 5 Warften 

6) Groß-Midlum: 6 Warften 

7) Hamswehrum: 5 Warften; Deichreste 

8) Manslagt: 11 Warften; Deichreste 

9) Pewsum: 4 Warften 

10) Pilsum: 13 Warften; Deichreste 

11) Upleward: 2 Warften; Deichreste 

12) Woltzeten: 5 Warften 

13) Woquard: 4 Warften 

 

Kreis Aurich 

14) Egels: 25 FSt auf Acker, Wiese und Weide, davon 3 mit dichter Fundstreuung. 

 

15) Wiesens (Nachträge zu 1968): 11 FSt auf Wiese und Weide (FSt 68 siehe unter A. Ausgewählte Neufunde, Nr. 16). 

 

16) Schirum (Begehung noch nicht abgeschlossen): 94 FSt im Acker, davon 12 mit dichter Fundstreuung (z. T. Siedlungen). 
Die Aufarbeitung alter Museumsbestände im Rahmen der archäologischen Landesaufnahme kam wieder in Gang. Als notwendige Vorarbeit für eine lückenlose Erfassung aller Funde wurde mit der Neuordnung des Fundmagazins im Ostfriesischen Landesmuseum zu Emden begonnen.


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