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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2009 |

Fundbericht 2009

 

Archäologischer Jahresrückblick 2009

 

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2009, S. 30-35."

 

Dieser archäologische Rückblick möchte die Erinnerung  an die wichtigsten ostfriesischen Ausgrabungen und Funde des Jahres 2009 wachrufen.

Der Rückblick ist nach zeitlichen Epochen gegliedert. In Ostfriesland datiert man diese folgendermaßen:

Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit. Ein Schwerpunkt der archäologischen Ausgrabungen und Ergebnisse konzentrierte sich auf die römische Kaiserzeit.

Die archäologische Arbeit ist nur in enger Kooperation mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden möglich. Es konnten wieder zahlreiche neue Erkenntnisse zur frühen Landesgeschichte gewonnen worden. Der Archäologische Dienst und das Forschungsinstitut der Ostfriesischen Landschaft sind an 70 (!) Orten in Ostfriesland aktiv geworden. Zahlreiche Prospektionen haben Einblicke in die Landschafts- und Besiedlungsentwicklung gegeben. Einen weiteren großen Anteil an den Maßnahmen bilden die Baubetreuungen und selbstverständlich die Ausgrabungen. Die letzteren fanden fast ausschließlich auf neuen Baustellen in Ostfriesland und in der Regel vor Beginn von Baumaßnahmen statt. Unterstützt wurden die denkmalpflegerischen Maßnahmen von einzelnen Gemeinden oder den öffentlichen und privaten Bauträgern. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsagenturen, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen wäre es nicht möglich gewesen, die durch die Baumaßnahmen gefährdeten Denkmäler der Ur-, Früh und Vorgeschichte Ostfriesland zu sichern. Puzzlesteine der Geschichte wären unwiederbringlich verloren gegangen.

 

 

Steinzeit / Bronzezeit / Eisenzeit

 

In Aurich-Sandhorst konnten bei Erschließungsmaßnahmen zwei große mit Pfosten eingefasste Hügel aus der Bronzezeit und drei Gräber mit Kreisgraben untersucht werden. Von der gleichen Fläche stammen auch vier Brandgräber der Eisenzeit. Sie sind sehr wahrscheinlich in Zusammenhang mit zwei Gehöften, ebenfalls aus der Eisenzeit, zu sehen. Diese Strukturen zeigen, wie räumlich dicht die prähistorische Nutzung des Bereiches von Aurich-Sandhorst war. Neben den prähistorischen Spuren wurden auch drei Bereiche mit einzelnen frühmittelalterlichen Gehöften entdeckt. Diese bestanden aus großen Häusern und den dazugehörenden Nebengebäuden, Speichern und Brunnen, aber auch Wegen.

 

 

Römische Kaiserzeit / Völkerwanderungszeit

 

In der Gemarkung Holtgaste wurden im Zuge des geplanten Gaskavernenbaues der Firmen Wingas und EWE die umfangreichen Prospektionsgrabungen fortgesetzt. Hier konnten Uferrandbefestigungen an den Nebenarmen des Ems dokumentiert werden. Besonders ist der Fund eines  Stammbootes. Dieses aus einem Baumstamm gefertigte Wasserfahrzeug wird auch als Einbaum bezeichnet. Es ist das bisher einzige erhaltene seiner Art aus Ostfriesland. An gleicher Stelle wurde etwa 1000 Jahre später ein mittelalterliches Gehöft errichtet. Zahlreiche Keramikfunde aus dem Rheinland sprechen für weitverzweigte Kontakte vom Rheinland bis in den Nordseeraum.

Die Sanierung einer Erdgasverteilerstation machte einen Bodeneingriff auf der Wurt Jemgumkloster notwendig. Hier gelang der Nachweis von Fundschichten der älteren Kaiserzeit am Fuß der Wurt. Somit lässt nun auch der Beginn der Wurt Jemgumkloster an den Beginn der römischen Kaiser datieren.

Die Ausgrabungen in dem bekannten Fundgebiet im Westerhammrich am nordwestlichen Stadtrand von Leer wurden abgeschlossen. Hier konnten weitere Reste einer kaiserzeitlichen Ansiedlung gefunden werden. Hervorzuheben ist eine enorm große Brunnenanlage. Sie wurde mehrfach instand gesetzt. So wurden im Laufe der Zeit etwa 3 qm Holz verarbeitet. Auch einige Gräber waren dort vorhanden. Allerdings sind alle Knochen im Laufe der Jahrhunderte vergangen. Sehr schlecht erhaltene Metallfunde sprechen aber für eine reiche Ausstattung der Toten.

In unmittelbarer Nähe zum Leeraner Westerhammrich wurde in Leer-Hohegaste eine kaiserzeitliche Siedlung auf einer Geestkuppe ausgegraben. Grundrisse von Wohnhäusern konnten noch nicht sicher nachgewiesen werden. Als Besonderheit kann ein Brunnen mit erhaltener Holzkonstruktion gelten. Angespitzte Birkenhölzer von ca. 8 cm Durchmesser waren zu einem viereckigen Kasten in den Sandboden geschlagen worden. Eine erste Durchsicht des Fundmaterials zeigt einen deutlichen Schwerpunkt bei den Funden der römischen Kaiserzeit des 2. bis 3. Jahrhunderts

Die Ausgrabungen im Baugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden fortgeführt, wobei sich das bekannte Befundspektrum des Siedlungsplatzes mit Pfostenreihen, Gräben, Gruben und Brunnen fortsetzte. Anhand der Befunde lässt sich nun eine Siedlung aus mehreren Hofplätzen rekonstruieren.

 

 

Mittelalter

 

In der Stadt Aurich wurden südlich des Schlosses zwischen den beiden ehemaligen Gräben Funde einer Besiedlung aus dem 9. Jahrhunderts gemacht. Dies sind die ältesten Spuren einer Siedlungstätigkeit im Bereich der Stadt Aurich.  Auf dem Wall, zwischen den Gräben, wurde auch ein Eiskeller angetroffen. Dieser datiert allerding in das 18. Jahrhundert. Bei der letzten Befüllung des Kellers mit Reisig zur Isolierung verlor jemand seine Tonpfeife, so dass das Ereignis nun in die 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts datiert werden kann. Wie an der gestempelten Marke zu erkennen ist, wurde die Tonpfeife von Johann Heinrich Iser in Hildesheim hergestellt.

Die Ausgrabungen im Steinhaus Bunderhee haben gezeigt, wie häufig bereits seit dem Mittelalter in diesem Gebäude umgebaut wurde. Nach der Zeit, in der der Schutz hinter massiven Wänden im Vordergrund stand, kam mehr und mehr der Wunsch nach Repräsentation hinzu, bis schließlich auch wirtschaftliche bzw. hauswirtschaftliche Belange zur Umgestaltung führten.

Untersuchungen im Gulfhof „Hayungs-Hof“ in Dunum haben Gräben und Schichten von Geländeaufträgen erbracht. Diese stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den Strukturen des Kirchareals und den Zugängen zur Kirche. Bereits lange Zeit vor dem Bestehen des heutigen Gulfhofes gab es somit einen Bezug zwischen der Kirche und dieser Hausstelle.

Auf einer Stadtparzelle nahe der Kirche in Wittmund konnte die Aufsiedlung des Stadtkernes und die Bebauung einer Hausparzelle vom Mittelalter bis in die Neuzeit untersucht werden. Neben Planierungen und Fundamentierungen zeichnet sich die Struktur durch Gräben bzw. Stadtgräben, Abfallgruben und Brunnen aus.

In Rahmen des Neubaus des Erdgasspeichers bei Jemgum konnte die zweite Hälfte eines mittelalterlichen Werkplatzes ausgegraben werden, der bereits 2008 Ziel archäologischer Tätigkeiten war. Der Eindruck eines intensiv genutzten handwerklichen Areals wurde aufgrund von zahlreichen Überresten handwerklicher Tätigkeiten, insbesondere der Textilherstellung, ergänzt. Funde ganz ähnlicher Art kamen auch im Bereich des Jemgumer Sportplatzes zu Tage.

Bei der archäologischen Begleitung der Soleleitung in Riepsterhammrich wurde unterhalb des Torfes eine fast vollständig erhaltene Holzschale gefunden. Dies spiegelt die exzellenten Erhaltungsbedingungen für organische Befunde und Funde in großen Teilen Ostfriesland wider.

 

 

Neuzeit

 

Im Bereich des Lambertshofes in Aurich konnte neben bis in das Mittelalter zurückreichenden Schichten ein Bereich lokalisiert werden, in welchem um 1826 das alte Dach der zu diesem Zeitpunkt abgerissenen Lambertikirche entsorgt wurde. Auch Teile des in den 1850er Jahren aufgegebenen Kirchfriedhofs konnten erfasst werden.

Durch Untersuchungen am 1648 erbauten und 1764 abgebrochenen Lustschloss in Aurich-Sandhorst konnte die Form und Größe des Westflügels der ehemals dreiflügeligen Anlage festgestellt werden. Der heutige Bau befindet sich an der Stelle des Südflügels.

Auf die Tischkultur des 16. bis 18. Jahrhunderts weisen Bruchstücke eines kleinen bronzenen Glöckchens aus Berum hin, welches aufgrund der Fundstelle am Rande des Fürstenwaldes vermutlich mit der Burg Berum in Verbindung gebracht werden kann. Auf der Schulter des Glöckchens ist eine Kreuzigungsdarstellung mitgegossen. Derartige Glockchen fanden Verwendung als Altar-, Sakristei-, Schlitten-, Sitzungs- und Tischglocke.

Bei Baggerarbeiten wurden im Park der Evenburg in Leer Reste von Wasserführungen sowie Teile eines Springbrunnenbeckens geborgen.

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