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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2008 |

Fundbericht 2008

 

Archäologischer Jahresrückblick 2008

 

von Rolf Bärenfänger, Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2008, S. 33-37."

 

Der archäologische Rückblick auf das Jahr 2008 soll kurz die wichtigsten neuen ostfriesischen Ausgrabungen und Funde in Erinnerung bringen. Sie sind nach den Zeitstufen geordnet, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit.

 

In enger Kooperation mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden konnten wieder zahlreiche neue Erkenntnisse zur frühen Landesgeschichte gewonnen worden. Die Ausgrabungen mußten fast ausschließlich auf den Baustellen Ostfrieslands, in der Regel vor Beginn von Baumaßnahmen, angesetzt werden. Auch einzelne Gemeinden oder öffentliche und private Bauträger und Stiftungen unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsverwaltungen, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen hätten wertvolle Informationen über die Frühzeit Ostfrieslands nur unzureichend oder überhaupt nicht dokumentiert werden können. So aber konnte es auch wieder gelingen, einige spektakuläre Fundstücke zu bergen und der Nachwelt zu erhalten.

Einschneidende Veränderungen gab es im personellen Bereich des Archäologischen Dienstes: Durch die Berufung von Dr. Bärenfänger zum Landschaftsdirektor und durch die Pensionierung von Dr. Schwarz wurden beide Stellen neu besetzt. Nun vertreten Frau Dr. Sonja König und Dr. Jan Kegler die Belange der ostfriesischen Archäologie.

 

 

Steinzeit / Bronzezeit / Eisenzeit

 

Bereits in der Mitte der achtziger Jahre soll beim Tiefumbruch einer Wiese in Holtland ein Steingerät gefunden worden sein, das, vorläufig verwahrt, erst jetzt der Ostfriesischen Landschaft übergeben wurde. Es handelt sich um ein Gerät aus Feuerstein mit einer geraden, stabilen, scharfen Arbeitskante sowie einer bogenförmigen Kante und einer Spitze; ein Werkzeug zum Schneiden und Schaben also, das für vielfältige Zwecke taugte. Fachleute datieren das Stück in das jüngere Mittelpaläolithikum, also in die Weichseleiszeit. Es ist demnach dem späten Neandertaler zuzuordnen, dessen Anwesenheit in Ostfriesland damit erstmalig belegt wäre.

Eine schöne Flintsichel der Bronzezeit wurde vor einigen Jahren in Logabirum gefunden und im Berichtsjahr gemeldet. Auf einem Acker im Bereich der Logabirumer Gaste wurden außerdem bei Feldbegehungen eine Pfeilspitze sowie eine Flintklinge gefunden, die in die mittlere Steinzeit datieren.

Die Ausgrabungen am Hohen Weg in Loga wurden fortgesetzt und abgeschlossen. U.a. wurde dabei der Kreisgraben eines weiteren ehemaligen Grabhügels mit 14 m Durchmesser entdeckt. In ihm muß in wesentlich späterer Zeit eine nachträgliche Bestattung erfolgt sein, von der noch eine annähernd Süd-Nord gerichtete Grube erhalten war, in der sich zwei Fibeln (Gewandspangen) fanden. Sie müssen nach vorläufiger Auswertung in das 3. oder 4. Jahrhundert datiert werden. Am Rande einer Sandgrube in Upstede wurden erneut Befunde der vorrömischen Eisenzeit dokumentiert.

 

 

Römische Kaiserzeit / Völkerwanderungszeit

 

In der Gemarkung Holtgaste wurden im Zuge des geplanten Gaskavernenbaues der Firmen Wingas und EWE die umfangreichen Prospektionsgrabungen fortgesetzt. Auf dem Areal nördlich des Geiseweges wurde der ehemals zwischen Bentumersiel und der Wurt Jemgumkloster verlaufende Priel ausführlich untersucht, wobei u.a. wieder hölzerne Uferbefestigungen festgestellt und ein mit Hölzern befestigter Übergang gefunden wurden, unter dem ein zum Rohr ausgehöhlter Baumstamm lag. In einem Teil des Areals wurden zudem mehrere große Gruben und Gräben des frühen bis hohen Mittelalters aufgedeckt.

In der Hagermarsch wurden am nördlichen Rand der Wurt Süderhaus baubegleitende Untersuchungen bei der Verlegung einer Kabeltrasse nötig. Der Grabungsschnitt erbrachte schwerpunktmäßig Befunde der Römischen Kaiserzeit, darunter eine Ofenplatte und ein Brunnen mit einer massiven hölzernen Kastenkonstruktion.

In dem bekannten Fundgebiet im Westerhammrich am nordwestlichen Stadtrand von Leer wurden zahlreiche Suchschnitte in bisher noch nicht untersuchten Bereichen am Rande der Geestkuppe angelegt. Es wurden drei Areale ermittelt, in denen noch Flächengrabungen nötig sind, bevor mit der Bebauung begonnen werden kann.

Auf dem Gastland in Weener sind bei Erschließungsarbeiten Siedlungsreste der älteren Römischen Kaiserzeit dokumentiert worden. Zu nennen sind Pfostensetzungen als letzte Reste wohl zweier Häuser und mehrere Erntespeicher.

Die Ausgrabungen in dem Baugebiet „An der Mühle" in Westerholt wurden fortgeführt, wobei sich das bekannte Befundspektrum des Siedlungsplatzes mit Pfostenreihen, Gräben, Gruben und Brunnen fortsetzte. Ein 2,80 m tiefer Brunnen enthielt bemerkenswertes Fundgut: Außer einer großen Menge von Keramik des 2./3. Jahrhunderts kamen hölzerne Artefakte zutage, darunter der schiffsförmige Deckel eines Kästchens sowie der sehr fein gedrechselte Fuß eines Möbels, wohl eines Tischchens oder Schemels. Es handelt sich um das bisher älteste Möbelteil Ostfrieslands.

 

 

Mittelalter

 

In der Gemarkung Uttel wurden in Hattersum erneut Funde der Besiedlung des 9. Jahrhunderts gemacht. Die Ausgrabungen im Vorwege der Erstellung eines Supermarktes in Remels gestalteten sich bis zum Schluß sehr umfänglich und erkenntnisreich. Nun liegen ein großer Grabungsplan und eine große Menge an Funden vor, die nach ihrer Auswertung über ein Teil der Remelser Geschichte zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert Auskunft geben werden.

Auf der Insel Borkum wurde neben dem Alten Leuchtturm eine archäologische Untersuchung nötig, weil die Umfassungsmauer des ehemaligen Friedhofes saniert werden soll. Wie erwartet kamen Hinweise auf mehrere Bauphasen der früher dort stehenden Inselkirche ans Tageslicht. Sie reichen bis in das späte Mittelalter zurück. Zu den herausragenden Fundstücken gehört ein Longcross Penny des englischen Königs Henry III. aus der Mitte des 13. Jahrhunderts.

Die Ausgrabungen am ehemaligen Zisterzienserkloster Ihlow wurden fortgesetzt, um den Standort des Ostflügels des Klausurgebäudes aufzufinden. Es wurden mehrere Bauphasen festgestellt, außerdem wurde inmitten des ehemaligen Gebäudes ein Einbau aus Backsteinen gefunden, der vielleicht den Überrest einer Heizungsanlage darstellt. Aus dem östlich des Gebäudes verlaufenden ehemaligen Graben stammt das z.T. vergoldete Bruchstück einer kleinen Tonfigur, die als Hl. Margareta anzusehen ist, weil sie auf dem Drachen steht.

Die Arbeiten auf der Trasse der Umgehungsstraße bei Norden wurden planmäßig im Frühjahr beendet. Die Befunde der flachen Wurt 30 und ihres Umfeldes belegen die mittelalterliche Verhüttung von Raseneisenerz in der Norder Marsch. In Wittmund wurde auf Wunsch der Schützengilde und der Stadt Wittmund am Standort der ehemaligen Burg ein Prospektionsschnitt angelegt, um die Erhaltungsbedingungen zu prüfen und um Erkenntnisse über die genaue Lage des Gebäudes zu erlangen. Außer entsprechenden Fundamentresten aus Backsteinen wurden einige Gruben und Gräbchen gefunden, in denen wesentlich ältere Keramikscherben lagen. Sie belegen, dass das spätere Burggelände bereits in der Zeit um 800 genutzt worden ist.

 

 

Neuzeit

 

In Emden kam bei Ausschachtungsarbeiten in der Osterstraße unter der Straßenoberfläche ein gemauertes Brückengewölbe zutage. Es handelt sich um Überreste der 1609 errichteten Osterpiepe (Osterbrücke oder Oster-Bollwerk). Überreste eines Hauses wohl aus dem 19. Jahrhunderts wurden bei Bauarbeiten am nördlichen Rand der Wurt Hinte aufgefunden. Beim Abtragen eines Deiches in Heinitzpolder wurde eine kleine Engelsfigur aus Porzellan gefunden. Möglicherweise handelt es sich um eine Opfergabe aus der Zeit des Deichbaues am Ende des 18. Jahrhunderts. Am Westerende in Leer wurde der Bau einer Leitung betreut, die am Fuß des Friedhofshügels der Reformierten Gemeinde verlief. Es kamen lediglich neuzeitliche Funde aber keine Hinweise auf eine mittelalterliche Siedlungsschicht zutage.

 

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