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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2006 |

Fundbericht 2006

 

Archäologischer Jahresrückblick 2006

 

Der archäologische Rückblick auf das Jahr 2006 soll kurz die wichtigsten neuen ostfriesischen Ausgrabungen und Funde in Erinnerung bringen. Sie sind nach den Zeitstufen geordnet, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit.

In enger Kooperation mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden sind wieder zahlreiche neue Erkenntnisse zur Landesgeschichte gewonnen worden. Die Ausgrabungen mußten fast ausschließlich auf den Baustellen Ostfrieslands, in der Regel vor Beginn von Baumaßnahmen, angesetzt werden. Auch einzelne Gemeinden oder öffentliche und private Bauträger und Stiftungen unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsverwaltungen, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen hätten wertvolle Informationen über die Frühzeit Ostfrieslands nur unzureichend oder überhaupt nicht dokumentiert werden können.

Das besondere öffentliche und das überregional fachliche Interesse an der archäologischen Arbeit in Ostfriesland wurde 2006 durch zwei Veranstaltungen dokumentiert: Die archäologische Vortragsreihe zum Oll Mai in Emden fand ihren Höhepunkt in dem Beitrag von Dr. Harald Meller, Halle, über die neuesten Erkenntnisse zur Himmelsscheibe von Nebra. Im Oktober wurde in Aurich ein dreitägiges Symposion zur Klosterarchäologie unter Beteiligung von 20 Wissenschaftlern aus allen Teilen Deutschlands und des Auslandes mit Unterstützung der Stiftung Niedersachsen abgehalten.
Schließlich sei auf zwei neue Publikationen hingewiesen, die jeweils regionale Ergebnisse zusammenfassen: „Zwischen Kirche und Emsmauer – Ausgrabungen in der Kirchstraße in Emden“ sowie „Archäologie im Park des Schlosses Evenburg in Loga“. Beide Hefte erschienen in der Reihe der „Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens“.

 

 

Steinzeit/Bronzezeit

 

Ein schon in den Vorjahren beobachteter Trend fand auch 2006 seine Fortsetzung: Es kommen kaum noch neue urgeschichtliche Fundstellen zutage. Lediglich in dem Neubaugebiet „Feldkamp“ in Remels wurden zahlreiche Pfostenlöcher und Gruben einer Siedlung sowie ein Kreisgraben als letzter Überrest eines Grabhügels aufgedeckt. Keramikscherben eines kleinen schnurverzierten Bechers der jungsteinzeitlichen Einzelgrabkultur zeigten, dass hier durch die Beackerung im Lauf der Jahrhunderte viele Gräber zerstört worden sein müssen. Ein weiterer Kreisgraben und angrenzende Pfostensetzungen wurden in Schweindorf gefunden, sie sind aber noch nicht abschließend untersucht.

 

 

Römische Kaiserzeit

 

In dem Wohnbaugebiet „An't Breetland“ in Schweindorf wurden die Ausgrabungen des Vorjahres fortgesetzt. Zahlreiche Gräben und Gruben sowie ein weiteres Langhaus und ein Grubenhaus wurden dokumentiert. Die im Vorjahr geborgenen Backsteinbruchstücke, die wie römische tegulae anmuteten, sind zwischenzeitlich vom Rathgen-Forschungslabor in Berlin einer Lumineszenzdatierung unterzogen worden. Sie erbrachte in der Tat ein spätantikes Alter dieser Fundstücke. Damit ist die Frage aufgeworfen, zu welchem Zweck und für welche Gegenleistung sie wohl im 4. Jahrhundert nach Ostfriesland importiert worden sind. Entsprechendes gilt für den Fund im benachbarten Westerholt, der vergleichbar datiert werden konnte. Dort wurden 2006 in dem Wohnbaugebiet „An der Mühle“ erstmals zwei Hausgrundrisse der älteren Kaiserzeit, d.h. des 1./2. Jahrhunderts erfaßt. Nahe des Hausplatzes befand sich eine bemerkenswerte flache Grube, die ein trichterförmiges Keramikgefäß und ein knappes Dutzend schön gerundeter Natursteine enthielt. Vielleicht handelt es sich um die Werkgrube eines Handwerkers.

 

 

Frühes Mittelalter

 

In Timmel liefen die Vorarbeiten zum Bau eines Reit- und Sportzentrums an. Suchschnitte erbrachten frühmittelalterliche Siedlungsfunde, weshalb beschlossen wurde, die etwa 1,7 ha große Fläche schon vor Baubeginn vollständig vom Humus zu räumen. Da die Untersuchungen noch andauern, kann zunächst nur von zahlreichen, weitläufig über das Gelände verlaufenden Gräbchen berichtet werden, die teils der Entwässerung, teils der Abgrenzung bestimmter Areale gedient haben werden. Weiter sind zahlreiche Gruben, darunter eine Feuerstelle, und mehrere Flachbrunnen zu nennen. Im Bereich der größten Befunddichte liegen mindestens zwei größere Hausgrundrisse. Nach den bisherigen Keramikfunden wird die Siedlung im 9. Jahrhundert begonnen und an dieser Stelle bis in das 10./11. Jahrhundert bestanden haben.

 

 

Hohes und spätes Mittelalter

 

In Esens wurde auf einem Grundstück „Im Burggrund“ mit Hilfe von Schülern des Niedersächsischen Internatsgymnasiums Esens und Mitarbeitern des Museums Leben am Meer archäologische Untersuchungen an der ehemaligen Burganlage durchgeführt. Festgestellt wurden eine massive Schuttschicht aus mittelalterlichen Backsteinen und eine Wasserleitung, die aus einem ausgehöhlten Baumstamm hergestellt worden war. In Etzel befinden sich zwischen dem Friedeburger Tief im Süden und einem alten Wasserlauf im Norden 12 wüstgefallene Wurten. Auf einer davon wurden Keramikscherben des späten Mittelalters aufgelesen, was einen ersten Hinweis auf das Alter der Besiedlung darstellt. Die im Vorjahr begonnene Untersuchung in Filsum wurde fortgesetzt und abgeschlossen. Dort hat ein Burggraben ein etwa 60 x 60 m großes Areal umgeben, in dessen südwestlicher Ecke ein Steinhaus aus der Zeit um 1400 gestanden hat.

Durch den Bau eines Fahrradweges wurde in der Gemarkung Holtgaste der Standort des ehemaligen Johanniterklosters angeschnitten. Es soll kurz vor 1500 aus Jemgum hierher verlegt worden sein. Wahrscheinlich hat dort schon vorher ein Vorwerk mit Kapelle existiert, denn bei den Bauarbeiten kamen etwa 40 Skelette zutage, die auf einen über einen längeren Zeitraum belegten Friedhof hindeuten. Ungewöhnlich war eine Doppelbestattung, die zunächst für eine Mutter mit ihrem Kind gehalten wurde, da das Kind im rechten Arm des erwachsenen Individuums lag. Nach der anthropologischen Diagnose von Frau Dr. A. Burkhardt, Braunschweig, handelte es sich jedoch um einen Mann, dessen Sterbealter mit „um 55 Jahre“ angegeben werden kann. Das Kind war ein ca. sechs Jahre alter Junge. Beide Individuen litten unter starken entzündlichen Erscheinungen am Schädel bzw. der Wirbelsäule. Angesichts des Alters des Mannes könnte es sich um den Großvater des Kindes gehandelt haben, beide sind vielleicht gleichzeitig von einem schweren Infekt dahingerafft worden. Am ehemaligen Zisterzienserkloster Ihlow wurden die Untersuchungen an der Südwestecke der Kirche abgeschlossen. Außer den erhofften Informationen zur Anbindung der Klausur an die Kirche wurden auch in diesem Bereich einige mit Bohlen abgedeckte Bestattungen gefunden, die in den ersten künstlichen Kirchhügel eingebracht waren und die deshalb aus der Zeit vor der Backsteinkirche stammen. Die Datierung der Hölzer wird hoffentlich zu einer noch präziseren Einordnung des Baubeginns der Klosterkirche beitragen. Südlich der Kirche konnten in einem neuen Grabungsschnitt umfangreiche Reste des Westflügels der Klausur dokumentiert werden. An den mit einfachen quadratischen Fliesen gepflasterten Kreuzgang schloß westlich anscheinend ein Küchentrakt an, wie Reste von Ofenanlagen zeigten. Die Klausur wies in diesem Bereich wenigstens zwei Bauphasen auf.

Baumaßnahmen im ehemaligen Chor der Kirche in Rysum machten eine archäologische Begleitung nötig, um Hinweise auf die Baugeschichte zu gewinnen. Die bestehende Kirche hat mit großer Wahrscheinlichkeit einen Vorgängerbau aus Tuffsteinen besessen, der in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datieren wäre. Bis auf eine ältere Süd-Nord verlaufende Mauer aus Backsteinen und Teile einer Pflasterung kamen Überreste von einigen Bestattungen und diverse bereits früher verlagerte Knochen zutage. Unmittelbar westlich der ehemaligen Chorschranke wurde das Grab eines acht Jahre alten Mädchens freigelegt, das nach Untersuchung von Frau Dr. Burkhardt an starker Mastoiditis/Otitis (Mittelohrentzündung) gelitten hat. Ursache der schweren entzündlichen Erscheinungen, denen ein kindliches Individuum kaum aus eigener Kraft begegnen konnte, war wohl chronischer Vitamin-C-Mangel. Die geringe Grabtiefe und die Position an dieser Stelle in der Kirche läßt wohl auf eine nachreformatorische, frühneuzeitliche Niederlegung schließen. Fortgesetzt wurden die Ausgrabungen am ehemaligen Klostervorwerk in Timmel. Trotz zahlreicher mittelalterlicher Funde, die aus den untersten Schichten stammen, konnten keine Baureste gefunden werden, die eindeutig dieser Zeit zuzuordnen wären. Die Gebäude des Vorwerkes haben wahrscheinlich näher an und unter dem heute bestehenden Haus gestanden. In Zusammenhang mit der Entdeckung des frühmittelalterlichen Timmel, nur einen Steinwurf vom Vorwerk entfernt, rücken nun interessante Fragen in den Vordergrund: Welche Verbindungen haben zwischen dem frühen Besitz des Klosters Werden a.d. Ruhr, dem Timmel die Erwähnung als „timberlae“ um 900 verdankt, und dem späteren zisterziensischen, zu Klaarkamp gehörigen Vorwerk bestanden?

 

 

Neuzeit

 

Eine der wenigen Darstellungen frühneuzeitlicher ostfriesischer Burgstellen betrifft Middelstewehr in der Gemarkung Eilsum. Ein Kupferstich von 1649 zeigt dort ein zweigeschossiges Haus mit Flügelanbau und zentralem Turm, das von einem Wassergraben umgeben war. Der Besitzer stieß an dieser Stelle bei Erdarbeiten knapp unter der Grasnarbe auf Backsteinfundamente und Pflasterungen. Diese Befunde wurden oberflächennah teilweise freigelegt und dokumentiert. Auf einer Seite kam eine Eingangssituation mit Treppenstufe zutage. Es handelt sich also wohl um die Überreste des Untergeschosses oder eines wenig eingetieften Halbkellers. Es sind zwar auch mittelalterliche Backsteine verbaut worden, aber ob das Gebäude zeitlich so weit zurückreicht, kann noch nicht gesagt werden. Denn es wurden hauptsächlich frühneuzeitliche Funde, darunter auch glasierte, mit Wappen und Engeln verzierte Fliesen, gemacht. Auch eine Kupfermünze mit der Aufschrift TRAIECTUM 1637, also eine Prägung aus Utrecht, bestätigt die frühneuzeitliche Stellung der Baubefunde.

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Fundbericht 2006

 

Archäologischer Jahresrückblick 2006


Der archäologische Rückblick auf das Jahr 2006 soll kurz die wichtigsten neuen ostfriesischen Ausgrabungen und Funde in Erinnerung bringen. Sie sind nach den Zeitstufen geordnet, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit.

In enger Kooperation mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden sind wieder zahlreiche neue Erkenntnisse zur Landesgeschichte gewonnen worden. Die Ausgrabungen mußten fast ausschließlich auf den Baustellen Ostfrieslands, in der Regel vor Beginn von Baumaßnahmen, angesetzt werden. Auch einzelne Gemeinden oder öffentliche und private Bauträger und Stiftungen unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsverwaltungen, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen hätten wertvolle Informationen über die Frühzeit Ostfrieslands nur unzureichend oder überhaupt nicht dokumentiert werden können.

Das besondere öffentliche und das überregional fachliche Interesse an der archäologischen Arbeit in Ostfriesland wurde 2006 durch zwei Veranstaltungen dokumentiert: Die archäologische Vortragsreihe zum Oll Mai in Emden fand ihren Höhepunkt in dem Beitrag von Dr. Harald Meller, Halle, über die neuesten Erkenntnisse zur Himmelsscheibe von Nebra. Im Oktober wurde in Aurich ein dreitägiges Symposion zur Klosterarchäologie unter Beteiligung von 20 Wissenschaftlern aus allen Teilen Deutschlands und des Auslandes mit Unterstützung der Stiftung Niedersachsen abgehalten.
Schließlich sei auf zwei neue Publikationen hingewiesen, die jeweils regionale Ergebnisse zusammenfassen: „Zwischen Kirche und Emsmauer – Ausgrabungen in der Kirchstraße in Emden“ sowie „Archäologie im Park des Schlosses Evenburg in Loga“. Beide Hefte erschienen in der Reihe der „Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens“.



Steinzeit /Bronzezeit

Ein schon in den Vorjahren beobachteter Trend fand auch 2006 seine Fortsetzung: Es kommen kaum noch neue urgeschichtliche Fundstellen zutage. Lediglich in dem Neubaugebiet „Feldkamp“ in Remels wurden zahlreiche Pfostenlöcher und Gruben einer Siedlung sowie ein Kreisgraben als letzter Überrest eines Grabhügels aufgedeckt. Keramikscherben eines kleinen schnurverzierten Bechers der jungsteinzeitlichen Einzelgrabkultur zeigten, dass hier durch die Beackerung im Lauf der Jahrhunderte viele Gräber zerstört worden sein müssen. Ein weiterer Kreisgraben und angrenzende Pfostensetzungen wurden in Schweindorf gefunden, sie sind aber noch nicht abschließend untersucht.



Römische Kaiserzeit

In dem Wohnbaugebiet „An´t Breetland“ in Schweindorf wurden die Ausgrabungen des Vorjahres fortgesetzt. Zahlreiche Gräben und Gruben sowie ein weiteres Langhaus und ein Grubenhaus wurden dokumentiert. Die im Vorjahr geborgenen Backsteinbruchstücke, die wie römische tegulae anmuteten, sind zwischenzeitlich vom Rathgen-Forschungslabor in Berlin einer Lumineszenzdatierung unterzogen worden. Sie erbrachte in der Tat ein spätantikes Alter dieser Fundstücke. Damit ist die Frage aufgeworfen, zu welchem Zweck und für welche Gegenleistung sie wohl im 4. Jahrhundert nach Ostfriesland importiert worden sind. Entsprechendes gilt für den Fund im benachbarten Westerholt, der vergleichbar datiert werden konnte. Dort wurden 2006 in dem Wohnbaugebiet „An der Mühle“ erstmals zwei Hausgrundrisse der älteren Kaiserzeit, d.h. des 1./2. Jahrhunderts erfaßt. Nahe des Hausplatzes befand sich eine bemerkenswerte flache Grube, die ein trichterförmiges Keramikgefäß und ein knappes Dutzend schön gerundeter Natursteine enthielt. Vielleicht handelt es sich um die Werkgrube eines Handwerkers.



Frühes Mittelalter

In Timmel liefen die Vorarbeiten zum Bau eines Reit- und Sportzentrums an. Suchschnitte erbrachten frühmittelalterliche Siedlungsfunde, weshalb beschlossen wurde, die etwa 1,7 ha große Fläche schon vor Baubeginn vollständig vom Humus zu räumen. Da die Untersuchungen noch andauern, kann zunächst nur von zahlreichen, weitläufig über das Gelände verlaufenden Gräbchen berichtet werden, die teils der Entwässerung, teils der Abgrenzung bestimmter Areale gedient haben werden. Weiter sind zahlreiche Gruben, darunter eine Feuerstelle, und mehrere Flachbrunnen zu nennen. Im Bereich der größten Befunddichte liegen mindestens zwei größere Hausgrundrisse. Nach den bisherigen Keramikfunden wird die Siedlung im 9. Jahrhundert begonnen und an dieser Stelle bis in das 10./11. Jahrhundert bestanden haben.



Hohes und spätes Mittelalter

In Esens wurde auf einem Grundstück „Im Burggrund“ mit Hilfe von Schülern des Niedersächsischen Internatsgymnasiums Esens und Mitarbeitern des Museums Leben am Meer archäologische Untersuchungen an der ehemaligen Burganlage durchgeführt. Festgestellt wurden eine massive Schuttschicht aus mittelalterlichen Backsteinen und eine Wasserleitung, die aus einem ausgehöhlten Baumstamm hergestellt worden war. In Etzel befinden sich zwischen dem Friedeburger Tief im Süden und einem alten Wasserlauf im Norden 12 wüstgefallene Wurten. Auf einer davon wurden Keramikscherben des späten Mittelalters aufgelesen, was einen ersten Hinweis auf das Alter der Besiedlung darstellt. Die im Vorjahr begonnene Untersuchung in Filsum wurde fortgesetzt und abgeschlossen. Dort hat ein Burggraben ein etwa 60 x 60 m großes Areal umgeben, in dessen südwestlicher Ecke ein Steinhaus aus der Zeit um 1400 gestanden hat.

Durch den Bau eines Fahrradweges wurde in der Gemarkung Holtgaste der Standort des ehemaligen Johanniterklosters angeschnitten. Es soll kurz vor 1500 aus Jemgum hierher verlegt worden sein. Wahrscheinlich hat dort schon vorher ein Vorwerk mit Kapelle existiert, denn bei den Bauarbeiten kamen etwa 40 Skelette zutage, die auf einen über einen längeren Zeitraum belegten Friedhof hindeuten. Ungewöhnlich war eine Doppelbestattung, die zunächst für eine Mutter mit ihrem Kind gehalten wurde, da das Kind im rechten Arm des erwachsenen Individuums lag. Nach der anthropologischen Diagnose von Frau Dr. A. Burkhardt, Braunschweig, handelte es sich jedoch um einen Mann, dessen Sterbealter mit „um 55 Jahre“ angegeben werden kann. Das Kind war ein ca. sechs Jahre alter Junge. Beide Individuen litten unter starken entzündlichen Erscheinungen am Schädel bzw. der Wirbelsäule. Angesichts des Alters des Mannes könnte es sich um den Großvater des Kindes gehandelt haben, beide sind vielleicht gleichzeitig von einem schweren Infekt dahingerafft worden. Am ehemaligen Zisterzienserkloster Ihlow wurden die Untersuchungen an der Südwestecke der Kirche abgeschlossen. Außer den erhofften Informationen zur Anbindung der Klausur an die Kirche wurden auch in diesem Bereich einige mit Bohlen abgedeckte Bestattungen gefunden, die in den ersten künstlichen Kirchhügel eingebracht waren und die deshalb aus der Zeit vor der Backsteinkirche stammen. Die Datierung der Hölzer wird hoffentlich zu einer noch präziseren Einordnung des Baubeginns der Klosterkirche beitragen. Südlich der Kirche konnten in einem neuen Grabungsschnitt umfangreiche Reste des Westflügels der Klausur dokumentiert werden. An den mit einfachen quadratischen Fliesen gepflasterten Kreuzgang schloß westlich anscheinend ein Küchentrakt an, wie Reste von Ofenanlagen zeigten. Die Klausur wies in diesem Bereich wenigstens zwei Bauphasen auf.

Baumaßnahmen im ehemaligen Chor der Kirche in Rysum machten eine archäologische Begleitung nötig, um Hinweise auf die Baugeschichte zu gewinnen. Die bestehende Kirche hat mit großer Wahrscheinlichkeit einen Vorgängerbau aus Tuffsteinen besessen, der in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datieren wäre. Bis auf eine ältere Süd-Nord verlaufende Mauer aus Backsteinen und Teile einer Pflasterung kamen Überreste von einigen Bestattungen und diverse bereits früher verlagerte Knochen zutage. Unmittelbar westlich der ehemaligen Chorschranke wurde das Grab eines acht Jahre alten Mädchens freigelegt, das nach Untersuchung von Frau Dr. Burkhardt an starker Mastoiditis/Otitis (Mittelohrentzündung) gelitten hat. Ursache der schweren entzündlichen Erscheinungen, denen ein kindliches Individuum kaum aus eigener Kraft begegnen konnte, war wohl chronischer Vitamin-C-Mangel. Die geringe Grabtiefe und die Position an dieser Stelle in der Kirche läßt wohl auf eine nachreformatorische, frühneuzeitliche Niederlegung schließen. Fortgesetzt wurden die Ausgrabungen am ehemaligen Klostervorwerk in Timmel. Trotz zahlreicher mittelalterlicher Funde, die aus den untersten Schichten stammen, konnten keine Baureste gefunden werden, die eindeutig dieser Zeit zuzuordnen wären. Die Gebäude des Vorwerkes haben wahrscheinlich näher an und unter dem heute bestehenden Haus gestanden. In Zusammenhang mit der Entdeckung des frühmittelalterlichen Timmel, nur einen Steinwurf vom Vorwerk entfernt, rücken nun interessante Fragen in den Vordergrund: Welche Verbindungen haben zwischen dem frühen Besitz des Klosters Werden a.d. Ruhr, dem Timmel die Erwähnung als „timberlae“ um 900 verdankt, und dem späteren zisterziensischen, zu Klaarkamp gehörigen Vorwerk bestanden?



Neuzeit

Eine der wenigen Darstellungen frühneuzeitlicher ostfriesischer Burgstellen betrifft Middelstewehr in der Gemarkung Eilsum. Ein Kupferstich von 1649 zeigt dort ein zweigeschossiges Haus mit Flügelanbau und zentralem Turm, das von einem Wassergraben umgeben war. Der Besitzer stieß an dieser Stelle bei Erdarbeiten knapp unter der Grasnarbe auf Backsteinfundamente und Pflasterungen. Diese Befunde wurden oberflächennah teilweise freigelegt und dokumentiert. Auf einer Seite kam eine Eingangssituation mit Treppenstufe zutage. Es handelt sich also wohl um die Überreste des Untergeschosses oder eines wenig eingetieften Halbkellers. Es sind zwar auch mittelalterliche Backsteine verbaut worden, aber ob das Gebäude zeitlich so weit zurückreicht, kann noch nicht gesagt werden. Denn es wurden hauptsächlich frühneuzeitliche Funde, darunter auch glasierte, mit Wappen und Engeln verzierte Fliesen, gemacht. Auch eine Kupfermünze mit der Aufschrift TRAIECTUM 1637, also eine Prägung aus Utrecht, bestätigt die frühneuzeitliche Stellung der Baubefunde.

 

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