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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2005 |

Fundbericht 2005

 

Archäologischer Jahresrückblick 2005

 

Der archäologische Rückblick auf das Jahr 2005 soll kurz die wichtigsten neuen ostfriesischen Ausgrabungen und Funde in Erinnerung bringen. Sie sind nach den Zeitstufen geordnet, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit.

Wieder liegen aus verschiedenen Teilen unserer Region neue Ergebnisse zur Siedlungsgeschichte in den schriftlosen Zeiten vor, die nun wissenschaftlich bearbeitet werden. Diese neuen Erkenntnisse sind in erster Linie anläßlich der archäologischen Betreuung von Baugebieten und bei Rettungsgrabungen zutage gekommen sind. Dies konnte nur im Einvernehmen und mit der Unterstützung verschiedener Institutionen durchgeführt werden: Zu danken ist den beteiligten Gemeinden und den einzelnen Bauträgern ebenso wie den Landkreisen als untere Denkmalschutzbehörden, außerdem den Arbeitsagenturen, die verschiedentlich für die Bereitstellung von Personal gesorgt haben, und den Stiftungen, die Einzelprojekte förderten. Gleichfalls ist den Mitbürgern zu danken, die einzelne Funde meldeten oder auf Bauarbeiten aufmerksam machten.

 

 

Neolithikum (Jungsteinzeit)

 

In Bagband wurden bei einer Feldbegehung am südlichen Hang des Bagbander Tiefs zahlreiche Flintartefakte gefunden. Bruchstücke u.a. von Schabern und Klingen belegen erneut die frühe Besiedlung in diesem Bereich. In Meerhausen bei Brinkum sind vor 1980 beim Sandabbau die Reste eines Großsteingrabes zerstört worden. Um die genaue Lage des Grabes zu ermitteln, wurde mit Freiwilligen die Böschungskante des damals entstandenen Weges freigelegt. Es fanden sich Tonscherben von tiefstichverzierten Gefäßen, einzelne Steinartefakte und faustgroße Feldsteine, die wohl von der ehemaligen Grabkammer stammen. In Marx wurde im Sommer in einem Lesesteinhaufen ein Feuersteilbeil entdeckt. Sowohl die braune Moorpatina als auch die ungeschliffene Rohform deuten darauf hin, dass die Beilklinge in der ausgehenden Jungsteinzeit im Moor deponiert worden ist.

 

 

Bronzezeit / Vorrömische Eisenzeit

 

Da das Gewerbegebiet in Nortmoor als ausgedehntes urgeschichtliches Siedlungsgebiet bekannt ist, wurde eine größere Baumaßnahme begleitet. Dabei kamen Siedlungsgruben mit Keramik der späten Bronze- / frühen Vorrömischen Eisenzeit zutage. Suchschnitte in einem geplanten Neubaugebiet in Remels erbrachten Hinweise auf bronzezeitliche Grabanlagen und die wohl dazugehörige Siedlung. Dort sind jetzt großflächige Ausgrabungen vonnöten. Im Neubaugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurde inmitten der spätkaiserzeitlichen Siedlung ein bronzezeitliches Grab entdeckt. Es war wie eine Erdbestattung angelegt, enthielt aber fast ein Pfund verbrannter menschlicher Knochen und Reste einer Bernsteinperle als Beigabe. Im Gewerbegebiet „Terheide-Ost“ in Westerholt wurden bei der Bebauung eines weiteren Grundstücks einige Pfostengruben dokumentiert, aus denen sich jedoch keine Baustruktur ablesen ließ. Die Keramikfunde datieren die Anlage in die Vorrömische Eisenzeit.

 

 

Römische Kaiserzeit

 

Auf einem Hofgelände in Nettelburg wurden unter einer Kleischicht zahlreiche Gefäßscherben der Älteren Römischen Kaiserzeit entdeckt. Da von dort bereits der Fund einer Urnenbestattung bekannt ist, sollen nähere Untersuchungen die frühgeschichtliche Entwicklung des niedrig gelegenen Gebietes südlich der Leda klären. Nachdem Suchschnitte Hinweise auf ein ausgedehntes frühgeschichtliches Siedlungsgebiet erbracht hatten, wurde in dem geplanten Wohnbaugebiet „An't Breetland“ in Schweindorf eine Vorabausgrabung aufgenommen. In der Fläche wurden bisher fünf rechteckige Grundrisse von dreischiffigen Häusern freigelegt, die aufgrund ihrer mehr oder weniger isolierten Lage und der nicht allzu tief reichenden Störung durch die Beackerung gut zu identifizieren waren. Die Häuser verfügten in der Regel über sieben Innenpfostenpaare, die Wände waren seltener durch Wandgräbchen, sondern meist durch enger stehende Pfostenreihen erkennbar. Die Eingänge lagen sich zumeist auf der Mitte der Längsseiten gegenüber. Das kürzeste Haus war ca. 12,30 m lang und 6,50 m breit, das längste 24 m lang und 6 m breit. Außerdem sind hausbegleitende Traufgräben und Zaungräbchen zur Eingrenzung der Gehöfte sowie Entwässerungsgräbchen festgestellt worden. Weitere Baulichkeiten sind ein noch nicht näher untersuchtes Grubenhaus, drei kleine Speicher vom Sechs- und Achtpfostentyp sowie eine mit Lehm ausgekleidete Werkgrube. Nach den Keramikfunden ist der jetzt untersuchte Teil der Siedlung an den Beginn der Römischen Kaiserzeit zu setzen. Aus zwei Gruben mit solcher Keramik in der Nähe zweier Häuser stammen bemerkenswerte Ziegelbruchstücke, die einen Falz aufweisen. Die Gesteinsmagerung und die Brennart dieser Stücke unterscheidet sich deutlich von der einheimischer mittelalterlicher Dachziegel. Da ungefähr zeitgleich auch im benachbarten Westerholt ein solches Fundstück zutage kam, erhärtete sich der Verdacht, daß römische tegulae nach Ostfriesland gelangt sein könnten. Naturwissenschaftliche Untersuchungen sollen jetzt das Alter und die genaue Herkunft der Fundstücke bestimmen.

In dem geplanten Wohnbaugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden die noch übrigen Befunde der letztjährigen Grabungsfläche abschließend untersucht. Darunter war auch die große Wasserstelle (Feting), die oben einen Durchmesser von 8 m und eine Tiefe von 2,60 m besaß. Südlich angrenzend wurde ein neues Areal von 3150 qm Größe freigelegt. Mit Gehöft- und Wassergräbchen, Siedlungs- und Werkgruben sowie Verfärbungen von Zäunen setzte sich das bekannte Spektrum der Befunde fort, deren Gesamtzahl jetzt 3500 übersteigt. Wenigstens drei neue Wohnstallhäuser wurden erfaßt, hinzu kommen vier Grubenhäuser und ein kleiner Brunnen. Erwähnenswert ist eine rechteckige, Süd-Nord gerichtete Grube, bei der es sich aber wohl nicht um ein Grab handelt: In ihrer südwestlichen Ecke steckten dicht beieinander und mit der Mündung nach unten zwei Miniaturgefäße, direkt daneben lagen stark verdrückte Scherben eines nur wenig größeren dritten Gefäßes. In einer weiteren Grube wurde das Oberteil eines Henkelkruges gefunden, der zu den Importfunden aus dem Römischen Imperium zu rechnen ist.

 

 

Mittelalter

 

Östlich des Ortskernes des Geestdorfes Filsum ist 300 m von der spätromanischen Backsteinkirche entfernt ein Neubaugebiet erschlossen worden. Im Zuge der Erschließungsarbeiten wurden in der Straßentrasse zwei annähernd West-Ost verlaufende, rund 2,30 m tiefe und oben etwa 6,30 m breite Gräben entdeckt. In dem südlichen Graben lag auf der Sohle massiver Backsteinschutt, darunter auch Bruchstücke von Mönch-Nonne-Dachziegeln. Die daraufhin angelegte Grabungsfläche erbrachte nicht nur ein verstürztes Mauerstück erhalten, sondern auch eine hellsandige Einfüllung, die eine Breite von gut 3 m und einen äußeren Umfang von bis zu 11,50 x 12, 00 m besaß. So läßt sich schon jetzt mit einiger Sicherheit sagen, daß die Rettungsgrabung den spätmittelalterlichen Häuptlingssitz von Filsum erfaßt hat. Da die Grabungen noch nicht abgeschlossen sind, läßt sich vorläufig eine etwa 60 x 60 m große Grabenanlage beschreiben, in deren Südostecke ein Steinhaus gestanden hat, das in den Ausmaßen etwa denen des noch bestehenden in Bunderhee entsprochen hat.

Um Platz für den Neubau einer Bank und einer Polizeiwache zu schaffen, wurde am östlichen Rand des alten Ortskerns von Hesel, Ldkr. Leer, ein etwa 60 Jahre altes, parallel zur B 72 ausgerichtetes Gulfhaus abgerissen. Die Ausgrabung vor Baubeginn sollte untersuchen, ob sich die frühmittelalterliche Besiedlung bis in diesen Bereich des heutigen Ortes erstreckt hat und ob hier Hinweise auf das dazugehörige Gräberfeld zu gewinnen seien. Unter dem abgerissenen Haus wurden vier Brunnen in unterschiedlicher Bauweise aufgedeckt, die allesamt älter als das Bauwerk gewesen sind und sogar bis in das Mittelalter zurückreichen. Am westlichen Rand der Grabungsfläche wurde ein Kreisgraben aufgedeckt, der anscheinend einmal erneuert worden ist und dem im Südosten ein weiteres Gräbchen vorgelagert war. Die Gräben könnten als Hinweis auf ein weiteres frühmittelalterliches Gehöft gewertet werden, was in Ermangelung von dazugehörigen Funden aber nicht bewiesen werden kann.

In Horsten wurde in dem Baugebiet „Horsten-Mitte“ im Bereich der bereits im Jahre 2002 prospektierten Befunde eine 920 qm große Flächengrabung freigelegt. Es wurden zahlreiche Befunde, vor allem Pfostengruben und ein Brunnen des Hohen Mittelalters dokumentiert, aber es konnten keine Baulichkeiten erkannt werden. Wahrscheinlich handelt es sich um Spuren einer saisonalen landwirtschaftlichen Nutzung in dem niedrigen Gelände, das wohl immer wieder von Überschwemmungen bedroht worden ist.

Im Park der Evenburg in Loga wurden die Untersuchungen westlich der Vorburg fortgesetzt und abgeschlossen. Während die barockzeitlichen Überreste von Gebäuden mit einem Vlies überdeckt und von dem Parkplatz überbaut wurden, konnten die spätmittelalterlichen Befunde weiter untersucht werden. Verschiedene Pfostenreihen von Holzgebäuden, ein einmal erneuerter breiter Graben und ein Brunnen wurden untersucht. Die Besiedlung in diesem Bereich reicht wenigstens bis in das 12./13. Jahrhundert zurück.

Auch die Ausgrabungen im Bereich der Klosterkirche Ihlow im Vorwege der Erstellung der geplanten Teilrekonstruktion der Kirche wurden fortgesetzt. In den Erweiterungen wurden die Fundamente der Apsis sowie die angrenzenden Bereiche des Klosterfriedhofs erfaßt. Im nördlichen Querhaus fand sich ein Torfsodenbrunnen, der während des Bestehens der Klosterkirche angelegt worden ist. Innerhalb der Klosterkirche wurde zudem ein Skelett in einem auf der Seite liegenden Faß gefunden. In einem Grab auf dem Friedhof lagen 13 Münzen aus der Zeit vor 1300 zusammenkorrodiert zwischen den Oberschenkeln des Skeletts. Eine weitere Bestattung enthielt eine bronzene Gürtelschnalle, in die aufwendig ein vierfüßiges Fabelwesen eingraviert und mit Grubenemail ausgefüllt ist. Ihr Besitzer muß hinterrücks mit einem Schwert erschlagen worden sein, wie vier Hiebspuren am Schädel belegen.

Weiter erfaßten die Grabungen den nordöstlichen Rand eines älteren künstlichen Hügel, in den ebenfalls Gräber eingetieft waren. Sie müssen früher als die Backsteinkirche angelegt worden sein, da deren Fundamente mehrere der Gräber zerstörten. Die Gräber beziehen sich daher auf einen wohl hölzernen Vorgängerbau der mächtigen Backsteinkirche. Im weiteren wurde die Nordostecke des Westflügels der Klausur erfaßt, dessen Lage noch nicht bekannt war. Dieses Gebäude hat noch länger als die Kirche gestanden. Das bestätigt auch der Fund einer größeren Menge grün glasierter Ofenkacheln in einer Grube, die in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts einzuordnen sind. Sie belegen die Nutzung des Geländes durch das ostfriesische Grafenhaus. Zudem wurden mit Unterstützung der Stiftung Niedersachsen großflächige geomagnetische Untersuchungen in der Immunität des ehemaligen Klosters durchgeführt. Dabei zeigten sich zahlreiche Strukturen, die sich z.T. als ehemalige Gebäude erkennen lassen.

Im Bereich des 1264 gestifteten ehemaligen Dominikanerklosters in Norden wurde die Rettungsgrabung in der Baugrube hinter dem Alten Kreishaus fortgeführt und abgeschlossen. Durch die Aufdeckung von Fundamentgräben und Bestattungen wurden Teile des südlichen und des westlichen Kreuzganges und auch der Nordwand der Kirche erstmalig lokalisiert. Am nördlichen Rand der Baugrube konnten z.T. noch im Aufgehenden erhaltene Wände eines Kellers oder Halbkellers im Nordflügel der Klausur dokumentiert werden. In dem darin liegenden Bau- und Brandschutt ist ein reichhaltiges Fundensemble erhalten geblieben, besonders bemerkenswert sind mehr als 3000 Scherben von mittelalterlichem Fensterglas, etwa die Hälfte dieser Scherben trägt eine Bemalung. Neben interessanten Kleinfunden, die das tägliche Leben erhellen, wurden kiloweise Tierknochen geborgen, darunter auch Fischgräten und –wirbel, deren zoologische Untersuchung Aufschluß über die Ernährung im 15. Jahrhundert erbringen soll.

Am ehemaligen Klostervorwerk Ihlows in Timmel wurden Ausgrabungen begonnen, um nähere Erkenntnisse über diesen frühen zisterziensischen Besitz zu erlangen. Zunächst wurden neuzeitliche Baureste angetroffen, aber auch mittelalterliche Keramikscherben kamen schon zutage. In der Gemarkung Uttel wurde östlich des bekannten frühmittelalterlichen Siedlungsgebietes von Hattersum bei Bauarbeiten eine breiter Graben angeschnitten, der ein Areal von etwa 12,50 m Breite umgab. Welchen Zweck er im 9. Jahrhundert zu erfüllen hatte, konnte nicht ermittelt werden.

 

 

Neuzeit

 

Auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Aland wurden ebenfalls baubegleitende Untersuchungen erforderlich. Sie erbrachten u.a. einen 17 m langen Weg aus Backsteinbruchstücken. Wahrscheinlich handelt es sich um Teile eines Kirchpfades aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Im Garten des alten Pfarrhauses am Rand der Kirchwurt von Thunum wurden Überreste eines Kellers freigelegt, der einem Vorgängerbau des Pfarrhauses zuzurechnen ist. Schließlich sind zwei Sohlen eines Kinderschuhes zu nennen, die in Neßmersiel unmittelbar am Fuß des 1570 errichteten Deich in der Erde lagen.

 

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