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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2004 |

Fundbericht 2004

 

Archäologischer Jahresrückblick 2004

 

Der archäologische Rückblick auf das Jahr 2004 soll kurz die wichtigsten neuen ostfriesischen Ausgrabungen und Funde in Erinnerung bringen. Sie sind nach den Zeitstufen geordnet, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit.

In enger Kooperation mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden sind wieder zahlreiche neue Erkenntnisse zur Landesgeschichte gewonnen worden. Die Ausgrabungen mußten fast ausschließlich auf den Baustellen Ostfrieslands, in der Regel vor Beginn von Baumaßnahmen, angesetzt werden. Auch einzelne Gemeinden oder öffentliche und private Bauträger unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsämtern, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen hätten wertvolle Informationen über die Frühzeit Ostfrieslands nur unzureichend oder überhaupt nicht dokumentiert werden können.

 

 

Steinzeit

 

Ein für die Jungsteinzeit bedeutender Fund wurde in einem Torfabbaugebiet bei Berumerfehn gemacht: In dem Moor hatte sich eine 70 cm lange Holzkeule erhalten, die einen rundlichen Kopf und am Griff eine Ledermanschette besitzt. Durch eine Radiokarbon-Datierung kann das Alter dieses vielleicht als Waffe gebrauchten Gegenstandes mit etwa 4700 Jahren angegeben werden.

 

 

Bronzezeit/Eisenzeit

 

Die archäologischen Voruntersuchungen im Zuge der Erweiterung des Gewerbegebietes Schirum wurden abgeschlossen, wobei von den Häusern, die vor etwa 3000 Jahren dort gestanden haben, kaum noch Hinweise erhalten waren, während sich Grundrisse von drei Speicherbauten noch gut abzeichneten. Am Rande einer Sandgrube bei Upstede (Gemarkung Burhafe) nahe Wittmund befand sich eine Siedlungsstelle ungefähr derselben Zeit, auf der einige größere Gruben mit zahlreichen Keramikfunden untersucht werden konnten. Im Gewerbegebiet Terheide-West in Westerholt, in dessen Umfeld im 19. Jahrhundert die jungbronzezeitlichen Goldschalen gefunden worden sein müssen, wurde bei Erdarbeiten ein weiterer Kreisgraben als letzter Überrest eines Grabhügels entdeckt.

Römische Kaiserzeit/ Völkerwanderungszeit

In dem Baugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden die Untersuchungen auf einer Reihe von Grundstücken abgeschlossen und auf weitere Bauflächen ausgedehnt. Dabei kam der Grundriß eines weiteren Bauernhauses wohl des 4./5. Jahrhunderts zutage, zu dem u.a. eine große und tiefe Wasserentnahmestelle gehört hat, die aufgrund der z.T. schlechten Witterungsbedingungen mit hohen Wasserständen noch nicht eingehend untersucht werden konnte.

 

 

Mittelalter

 

Auch im Jahre 2004 war die überwiegende Zahl der neuen Fundstellen und Funde wieder dem Mittelalter zuzuordnen. So konnte in einem kleinen Baugebiet in Engerhafe zwar nicht die erwartete frühmittelalterliche Siedlung ergraben werden, es wurde aber ein mehr als 50 m langer, hochmittelalterlicher Graben aufgedeckt, der als ehemalige Gemarkungsgrenze zwischen Engerhafe und Fehnhusen oder aber als Markierung zwischen den Besitzungen zweier bäuerlicher Gehöfte gedient haben muß. Auf dem Friedhof in Forlitz kam ein halber Sarkophagdeckel aus Bentheimer Sandstein ans Tageslicht. Der Typ des Steins mit geschäftetem Keulenkreuz findet sich in mehreren Exemplaren in Ostfriesland, er datiert in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. In Großoldendorf wurden bei der Anlage eines Dorfplatzes mittelalterliche Pfostengruben angeschnitten, die belegen, daß die 2003 entdeckte Siedlung des 8./9. Jahrhunderts im 10./11. Jahrhundert etwas weiter nördlich fortbestanden hat. Die Ausgrabungen einer etwa zeitgleichen Siedlung in dem Wohnbaugebiet in Schirum wurde mit der Dokumentation eines weiteren Torfsodenbrunnens abgeschlossen.

Am Fuße des Kirchhügels von Leerhafe wurde ein kompletter Kugeltopf des 13./14. Jahrhunderts ausgegraben, der das Skelett eines Säuglings, der wohl schon bei der Geburt gestorben ist, enthielt. Es scheint sich um eine Sonderbestattung zu handeln, wahrscheinlich um die heimliche Niederlegung eines ungetauften Kleinkindes außerhalb des Friedhofes in ungeweihter Erde.

Besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit finden stets die Ausgrabungen an ostfriesischen Klosterplätzen, deren landesgeschichtliche Bedeutung anscheinend immer noch nachwirkt. Im Jahr 2004 traten gleich drei dieser ehemals etwa 28 Ordenshäuser archäologisch in Erscheinung: In Ihlow wurde zunächst nach Überresten des gräflichen Jagdschlosses geforscht, wobei sogar Hinweise auf einen klosterzeitlichen Vorgängerbau gefunden wurden. Im Bereich der Klosterkirche wurde im Zuge der Bestrebungen der Gemeinde, einen Teil dieses ehemaligen Bauwerkes oberirdisch zu visualisieren, ein größerer Grabungsschnitt geöffnet, um Fragen zum Grundriß und zur Baugeschichte zu klären. Dabei kamen einige Bestattungen zutage, bei denen es sich aufgrund ihrer besonderen Lage um Angehörige bedeutender Familien gehandelt haben muß. In der Stadt Norden wurden Untersuchungen auf dem Gebiet des Klosters Marienthal erforderlich, weil ein unterkellerter Neubau geplant wurde. Auch dort kamen Bestattungen, z.T. in Backsteinkisten, zutage, außerdem Fundamentgräben, die den Verlauf ehemaliger Wände anzeigen. Es kann wohl behauptet werden, daß auch dort ein Teil der ehemaligen Kirche erfaßt worden ist, was durch weitere Untersuchungen im Zuge der Bauarbeiten noch erhärtet werden muß. Bei Bauarbeiten an der Norddeicher Straße in Norden wurden Skelettreste gefunden, die zu zwei Bestattungen am ehemaligen Dominikaner- oder Prediger-Kloster gehören. Unweit davon wurde kurz vor Jahresende ein Teil des alten Kreishauses abgerissen, damit das Gymnasium erweitert werden kann. Knapp unter der Oberfläche zeigten sich auch dort Bestattungen und Hinweise auf frühere Klostergebäude, die nun umgehend dokumentiert werden sollen.

Schließlich wurden im Park der Evenburg in Loga gleich zwei Untersuchungen nötig: Bei Wegebauarbeiten wurden Überreste des sog. Eishauses, das früher zur Einlagerung von Jagdwild gedient hat, entdeckt und anschließend dokumentiert. Im Zuge der Verlegung des Parkplatzes wurde eine große Grabungsfläche an der Vorburg geöffnet, in der sich zahlreiche Überreste von bisher z.T. unbekannten Bauwerken fanden. Wesentlich für die Geschichte Logas ist aber, daß darunter Verfärbungen von hölzernen Gebäuden und auch ein Brunnen zutage kamen, die der frühen Ortsgeschichte des 12./13. Jahrhunderts zugerechnet werden müssen.

 

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