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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2003 |

Fundbericht 2003

Ausgrabungen am Upstalsboom in Rahe begleiteten die Ausstellung "Friesische Freiheit des Mittelalters".

 

Archäologischer Jahresrückblick 2003

 

Der archäologische Rückblick für das Jahr 2003 bringt in Kurzform die wichtigsten neuen ostfriesischen Ausgrabungen und Funde in Erinnerung. Sie sind nach den Zeitstufen gegliedert, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit. Steinzeitliche Funde kamen 2003 nur sehr vereinzelt zutage, auch Bronze- und Eisenzeit waren gegenüber den Vorjahren deutlich unterrepräsentiert, weshalb der Schwerpunkt des Berichtes auf der Frühgeschichte und vor allem dem Mittelalter liegen muß.

Zahlreiche neue Erkenntnisse zur Landesgeschichte wurden wieder fast ausschließlich auf den Baustellen Ostfrieslands gewonnen, wo in der Regel vor Beginn von Baumaßnahmen Ausgrabungen angesetzt werden mußten. Dies war nur durch die enge Zusammenarbeit mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden möglich. Auch einzelne Gemeinden oder öffentliche und private Bauträger unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsämtern, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen hätten wertvolle Informationen über die Frühzeit Ostfrieslands nur unzureichend oder überhaupt nicht dokumentiert werden können.

 

 

Bronzezeit/Eisenzeit

 

Bei den archäologischen Voruntersuchungen, die im Zuge der Erweiterung des Gewerbegebietes Schirum bei Aurich fortgesetzt wurden, konnte eine größere Fläche dokumentiert werden. Dabei wurden weitere urgeschichtliche Siedlungsreste erfaßt, so daß hier von der Existenz einer bäuerlichen Hofstelle der späten Bronze- oder frühen Eisenzeit ausgegangen werden kann. Die Erhaltungsbedingungen für die schwachen Verfärbungen von Holzpfosten waren allerdings weiterhin sehr ungünstig, auch das Fundaufkommen blieb spärlich. Eine Siedlungsstelle entsprechender Zeitstellung wurde am Rande einer Sandgrube bei Upstede nahe Wittmund untersucht. Reihen von Pfosten deuten dort auf mindestens einen Hausgrundriß hin, was im Rahmen der weiteren Bearbeitung näher geklärt werden wird. In Hesel, Ldkr. Leer, wurde die im Jahr 2002 begonnene Dokumentation der Reste eines Grabhügels auf dem Baugelände eines Supermarktes abgeschlossen.

 

 

Römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit

 

Die Ausgrabungen in der Dorfwurt Westeraccum wurden fortgesetzt und abgeschlossen. Unterhalb der Siedlungsschichten des 4./5. Jahrhunderts wurden weitere Auftragungen festgestellt, die zeitlich in die Römische Kaiserzeit gehören. Knapp 4,50 m unter der Oberfläche wurde der gewachsene Boden in Form von eiszeitlichem Sand erreicht. In ihn eingegraben fanden sich Verfärbungen von Holzpfosten eines Hauses sowie die dazugehörige, mit Scherben zerbrochener Gefäße ausgelegte Feuerstelle. Damit ist bewiesen, daß die Besiedlung an dieser Stelle vor rund 2000 Jahren zu ebener Erde auf einem flachen, natürlichen Sandbuckel begonnen hat und die Hausplätze erst mit dem Einsetzen höherer Flutpegel Schicht für Schicht aufgehöht worden sind. Die weitere Auswertung wird noch nähere Einzelheiten dieser Prozesse erkennbar werden lassen.

In dem Baugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden die Untersuchungen ebenfalls fortgesetzt und auf einer Reihe von Grundstücken abgeschlossen. Erneut ist eine erstaunliche Fülle von Befunden und Funde vor allem des 4./5. Jahrhunderts zutage gekommen, wobei das besondere Interesse zahlreichen Werkgruben mit Hinweisen auf Eisenverarbeitung galt. Wie im Vorjahr in Westeraccum zeigt sich damit nun auch am Rande der Geest, daß die Landwirtschaft nicht die einzige Lebensgrundlage der frühgeschichtlichen Menschen in Ostfriesland gewesen sein kann. Diesen wichtigen Aspekt der Siedlungsgeschichte näher zu untersuchen wird vorrangiges Ziel weiterer Grabungen in Westerholt sein, denn die zur Bebauung vorgesehene Fläche ist erst zu einem kleinen Teil untersucht.

In Eppingawehr wurden beim Radwegebau Keramikscherben der älteren Kaiserzeit gefunden, was erneut auf die damals dichte Besiedlung des Emsuferwalles im Reiderland hinweist.

 

 

Mittelalter

 

Völlig überraschend kam eine kurzfristig anzusetzende Rettungsgrabung in der Wurt Upleward in der Krummhörn. Bei bis zu 3 m tiefen Ausschachtungsarbeiten wurden u.a. die hölzernen Überreste zweier frühmittelalterlicher Bauernhäuser angeschnitten. Bei einem davon waren Wände aus Flechtwerk bis in 0,70 m Höhe erhalten. Die ausgegrabene Herdstelle wirkte wie erst gestern verloschen, obwohl das Haus nach den dendrochronologischen Daten (Baumringdatierung) um das Jahr 670 erbaut worden sein muß. In größerer Tiefe waren noch ältere Siedlungsschichten vorhanden, die jedoch nicht abschließend untersucht werden konnten.

Die Ausgrabungen in der Kirchstraße in Emden konnten abgeschlossen werden, nachdem bei etwa –1,50 m NN der natürlich gewachsene Kleiboden erreicht worden war. Auffällig ist, daß sich die noch in der Neuzeit gültige Parzellengrenze bis in die untersten Schichten verfolgen ließ. Die ältesten Funde aus diesem Bereich zwischen Stadt- und Kirchwurt lassen sich nach erster Einschätzung in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts datieren, was die bisherigen Vorstellungen von der Siedlungsentwicklung bestätigt und ergänzt. Danach ist in etwa diesem Zeitraum der Baugrund für die erste hölzerne Kirche westlich der frühen Ansiedlung, die bis in die Zeit um 800 zurückreicht, bereitet worden.

Die Geschichte des sog. „Oll Karkhoff“, einem Hügel in Holtrop, reicht anscheinend noch weiter zurück. Dort wurde die Gelegenheit der Neupflanzung einer Dorflinde für eine kleinräumige Sondage genutzt. Es scheint sich nicht um einen Grabhügel gehandelt zu haben, denn in gut 1 m Tiefe kamen ein Lehmestrich und Hinweise auf eine Feuerstelle zutage, was eher für eine frühere Siedlungsstelle spricht. Funde von Keramikscherben datieren diese in das 7./8. Jahrhundert.

In dieselbe Zeit gehören die Siedlungs- und Grabfunde am Upstalsboom, dem historischen Versammlungsort der Friesen in der Gemarkung Rahe. Begleitend zur Ausstellung über die „Friesische Freiheit des Mittelalters“ konnte durch die dankenswerte finanzielle Unterstützung der Stadt Aurich eine dreimonatige Ausgrabung durchgeführt werden. Auf dem östlich angrenzenden Gelände wurde eine Kulturschicht des 7./8. Jahrhunderts untersucht, am Hügel selbst wurde nach seiner Entstehungsgeschichte geforscht, wobei u.a. Reste einer Urnenbestattung gefunden wurden. Außerdem weisen 90 Glasperlen und drei eiserne Messer auf eine durch Tierbauten zerstörte Frauenbestattung aus der Zeit um 800 hin. Unter anderem damit ist erwiesen, daß es sich im Anfang um den flachen Grabhügel einer wohl gut situierten Familie gehandelt hat. Sie muß eine besondere Rolle gespielt haben, da die Erinnerung an den Begräbnisplatz bis in die Zeit der friesischen Landtage ab dem 12. Jahrhundert wach geblieben sein muß.

Nordöstlich der Stadt Norden wurden archäologische Sondagen im Zuge der Planung einer Straßentrasse im teils mit Klei bedeckten Sietland des Süder Hookers notwendig. Es zeigte sich, daß die durch Auftragsschichten wie eine flache Wurt erhöhte Stelle auf einer Sandanhöhe lag, die mit einem Graben umgeben war. Die ersten menschlichen Aktivitäten können auf Grund zahlreicher Keramikfunde der sog. Muschelgrusware in das 9. bis frühe 10. Jahrhundert datiert werden. Ein ebenso alter Siedlungsplatz wurde bei den Erschließungsarbeiten für das Wohngebiet am Ihlower Weg in Schirum entdeckt. Zahlreiche Pfostenspuren von Bauernhäusern, Zaungräbchen und flache Brunnen wurden dort dokumentiert. Wenn die Grabungen abgeschlossen sind, wird ein interessanter Teilplan aus der Frühzeit dieses Geestortes vorliegen.

Schon in das späte Mittelalter gehören Funde, die u.a. in den Gemarkungen Böhmerwold und Bunderhee im Zuge der Begleitung der Verlegung einer Erdgasleitung durch das Reiderland gemacht wurden. Besonders im 14. Jahrhundert hatten die Menschen dort mit schweren Überschwemmungen zu kämpfen, wie die beobachteten Kleischichten zeigten. In Oldeborg wurden Bohrungen durchgeführt, um Hinweise auf die mutmaßliche erste Burgstelle der tom Brok zu gewinnen. Im Watt vor Seriem konnten Reste der Holzkonstruktion eines ehemaligen Siels, ca. 200 m vor der heutigen Deichlinie, dokumentiert werden. Nach der Baumringdatierung ist es in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (nach 1464) erbaut worden. In das 14./15. Jahrhundert und in die Neuzeit datieren Funde in Marienchor, die bei baubegleitenden Untersuchungen während der Restaurierung des ehemaligen Pfarrhauses gemacht wurden. Auch Mauerreste des Vorgängerbaues wurden erfaßt, sie gestatten die Rekonstruktion des Grundrisses.

Hinzuweisen ist im weiteren auf eine kleine baubegleitende Sondage in der Kirche zu Arle, wo am Übergang zum Chorraum eine Mauerung aus Tuffsteinen zutage kam, die wohl als Unterlager des 1798 entfernten Apsisgewölbes gedient hat. In Leerhafe wurden westlich des Kirchhügels in einem Suchschnitt Hinweise auf einen wohl mittelalterlichen Backstein- oder Kalkbrennofen gefunden, der vor der Überbauung noch untersucht werden muß. An der Kirche von Tergast konnten anläßlich von Bauarbeiten die beiden am Mauerwerk des Ostgiebels ansetzenden Überreste der früheren Apsis dokumentiert werden.

 

 

Neuzeit

 

Von mehreren Fundstellen in Ostfriesland wurden Keramikscherben und andere Funde der frühen Neuzeit eingeliefert und registriert. Spektakulär ist die Auffindung von inzwischen mehr als 900 tönernen Spielkugeln an der im Vorjahr entdeckten Stelle in Leer-Heisfelde. Schließlich sei der Beginn einer neuen Ausgrabung in Ihlow erwähnt, die Fragen der nachklösterlichen Nutzung des Areals, in der Hauptsache am gräflichen „Jagdschloß“, klären soll.

R. Bärenfänger

 

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