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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2002 |

Fundbericht 2002

Germanischer Schuh aus Westerholt.

 

Archäologischer Jahresrückblick 2002

 

Der Rückblick richtet sich auf die wichtigsten ostfriesischen Ausgrabungen und Funde des Jahres 2002. Sie sind nach den Zeitstufen gegliedert, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Mittlere Steinzeit etwa 9000 bis 5000 v. Chr., Jungsteinzeit etwa 5000 bis 2000 v. Chr., Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit.

In enger Zusammenarbeit mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden wurden auf den Baustellen der Region wieder interessante neue Erkenntnisse zur Landesgeschichte gewonnen. Auch einzelne Gemeinden oder private Bauträger unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Dank gebührt darüber hinaus den Arbeitsämtern, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Zahlreiche Altertümer aus der Frühzeit Ostfrieslands konnten so vor der Zerstörung dokumentiert und wertvolle Funde geborgen werden.

Steinzeit Aus der Steinzeit, dem ältesten Abschnitt der Geschichte Ostfrieslands, kamen im Jahr 2002 nur wenige Funde zutage. Sie wurden nicht im Zuge von Ausgrabungen geborgen, sondern von verschiedenen Ackerflächen aufgesammelt. So wurde eine mittelsteinzeitliche Geröllkeule aus Sandstein in Kleinoldendorf gefunden. Weitere mesolithische als auch jungsteinzeitliche Feuersteinartefakte wurden bei Middels-Westerloog, Plaggenburg, Popens, Sandhorst, Schirum, Walle und Wallinghausen aufgelesen. Außerdem ist der Fund eines Feuersteinbeiles der Einzelgrabkultur vom Ende der Jungsteinzeit aus Felde zu nennen.

 

 

Bronzezeit

 

Auch in der Bronzezeit sind in Ostfriesland noch überwiegend Steinwerkzeuge verwendet worden, wie wieder einige bemerkenswerte Neufunde belegen. Z.B. wurden in Hollen eine Steinaxt gefunden, in Schirum eine Pfeilspitze sowie in Wrisse eine Flintsichel.

In Hesel, Ldkr. Leer, mußte wegen bevorstehender Baumaßnahmen eine weitere Ausgrabung vorgenommen werden. Sie schloß an die im Jahre 2001 untersuchte Fläche an, in der West-Ost ausgerichtete Reihen von Einzel- und Doppelpfosten gefunden worden waren, weshalb diese Anlage zu den wenigen bekannten urgeschichtlichen Heiligtümern gerechnet werden muß. Auch kann eine Funktion als astronomische Beobachtungsstation nicht ausgeschlossen werden. Da zu solchen Anlagen in der Regel auch menschliche Bestattungen gehört haben, war es nicht überraschend, in der neuen Fläche Überreste eines großen Grabhügels aufzudecken. Von ihm war der ehemalige, bis zu 1,30 m breite Umfassungsgraben mit einem Durchmesser von 12 m erhalten. Nach dem Zufüllen dieses Grabens scheint eine hölzerne Palisade den Hügel umgeben zu haben. Auf der Südseite fand sich eine mehr als 2 m lange Grabgrube, auf deren Sohle die schwache Verfärbung eines Baumsarges sichtbar wurde. Der oder die Tote ist ohne Beigaben bestattet worden.

Bei Schirum machten Planungen zur großräumigen Erweiterung des Gewerbegebietes archäologische Voruntersuchungen nötig. Durch zahlreiche Suchschnitte wurden drei Bereiche ermittelt, in denen sich urgeschichtliche Siedlungsreste erhalten haben. Gruben und Pfostengruben lassen die Standorte zweier ehemaliger Häuser vermuten, die sich jedoch nicht näher bestimmen lassen werden, da eine Reihung von Pfostengruben nur sehr lückenhaft erhalten war. Es scheint, als seien durch die langfristige Beackerung des Geländes nur die tief reichenden Befunde erhalten, während die flacheren längst aufgearbeitet sind. Die Erhaltungsbedingungen werden weiter nördlich etwas besser sein, wo in einem Suchschnitt bereits ein Sechspfostenspeicher erkannt werden konnte. Die bisher untersuchten Befunde haben erst recht spärliches Fundmaterial geliefert, weshalb als Zeitstellung unter Vorbehalt die späte Bronze- und frühe Eisenzeit angegeben werden kann. Der Übergang zwischen beiden Epochen ist in Ostfriesland ohnehin sehr fließend, da kein Bruch in der Besiedlung oder im Fundmaterial festgestellt werden kann.

 

 

Vorrömische Eisenzeit

 

Im Rheiderland wurde nördlich von Jemgum in der Gemarkung Midlum ein Kleiabbau begonnen und aufgrund der zahlreichen archäologischen Befunde und Funde wieder eingestellt. Schon bei den ersten Erdarbeiten kam eine Bestattung zutage. Es handelte sich um eine 1,80 x 0,70 m große Scheiterhaufenfläche, auf der der Tote verbrannt worden ist. Anschließend sind etliche Knochenstücke aufgesammelt und in einem kleinen rundlichen Leichenbrandlager beigesetzt worden. Beigaben wurden nicht gefunden. Eine Datierung dieses in der Marsch bisher einzigartigen Grabes wurde durch die Radiokarbonuntersuchung (14C-Methode) von Knochenmaterial erzielt. Danach erfolgte die Bestattung in der Zeit zwischen 760 und 410 v. Chr. Dieser Zeitansatz entspricht der ältereisenzeitlichen Besiedlungsphase der Emsmarsch, die schon an mehreren Fundplätzen im Rheiderland nachgewiesen worden ist.

 

Römische Kaiserzeit / Völkerwanderungszeit Bei dem Kleiabbau in Midlum wurden zahlreiche Funde der Römischen Kaiserzeit aufgelesen. Sie zeigen an, daß der Platz auch in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung besiedelt gewesen ist. Das Bruchstück eines Gefäßes aus dem Römischen Reich gibt in diesem Zusammenhang einen Hinweis auf die Handelsbeziehungen. Aus Nordwerdum wurden ebenfalls zahlreiche Keramikscherben der Römischen Kaiserzeit eingeliefert. Dort war eine Baumaßnahme auf der Wurt nicht mit den Denkmalbehörden abgestimmt, so daß keine archäologische Untersuchung möglich war. Ein Teil der Ortsgeschichte ist auf diese Weise unwiederbringlich verloren gegangen. In Horsten wurden im Vorwege der Ausweisung eines Baugebietes Suchschnitte angelegt. Ob die dabei entdeckten Gruben noch der Kaiserzeit oder schon dem Mittelalter angehören, müssen weitere Freilegungen zeigen. Im Rahmen von Begehungen im Ostfriesischen Wattenmeer ist vor Seriem eine Baustruktur aus Weichhölzern entdeckt worden. Der Befund besteht aus mindestens einer Pfostenreihe, die sich noch auf einer Länge von 15 m und einer Breite von maximal 3 m fassen ließ. Auch hier deutet sich anhand der Keramikfunde eine Datierung in die Römische Kaiserzeit an. Solche Scherben wurden auch auf dem Gelände der Osterburg in Groothusen aufgelesen. Bei Geländebegehungen in Völlen wurde das Bruchstück einer Gewandspange (Fibel) des 4. Jahrhunderts gefunden, womit erstmalig die Völkerwanderungszeit in dieser Region belegt werden kann.

Die archäologischen Untersuchungen in dem Baugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden fortgesetzt. Zunächst wurde die Dokumentation der Befunde in der Straßentrasse und zwei kleinen Stichstraßen abgeschlossen, danach wurde die östlich anschließende Fläche bearbeitet, um rasch die Bebauung der Grundstücke zu ermöglichen. Die Fülle und Vielfalt der Siedlungsspuren der Jüngeren Römischen Kaiserzeit setzten sich dort unvermindert dort, weshalb nun von dem Standort mehrerer Gehöfte gesprochen werden kann. Neben großen dreischiffigen Häusern sind Zäune, Brunnen, Werkgruben, Gräben und Gräbchen sowie flach eingetiefte Arbeitshütten (Grubenhäuser) zu nennen. Außerdem liegen Hinweise auf Eisenverarbeitung vor. Für die überregionale Bekanntheit der Ausgrabung sorgte die Auffindung eines reich verzierten Bundschuhs von 28 cm Länge, was etwa der Schuhgröße 42 entspricht. Mit einigen Holz- und Keramikfunden stammt er aus einer Grube, die in das 4./5. Jahrhundert, also bereits in die Völkerwanderungszeit zu datieren ist. Es steht also zu hoffen, daß hier erstmalig auf dem Rand der ostfriesischen Geest eine Siedlung dieser Zeitstellung untersucht werden kann.

 

Mittelalter Die Ausgrabungen in der Dorfwurt Westeraccum wurden fortgesetzt. Für die im Vorjahr freigelegte Flechtwerkwand eines Wohnstallhauses konnte durch die Jahrringzählung an Hölzern (Dendrochronologie) ein sehr exaktes Baudatum im Jahr 775 festgestellt werden. In den Schichten darunter kamen wider Erwarten keine weiteren Holzreste zutage. Im Fundgut dominierten Scherben von sog. Eitöpfen des 7. und vielleicht auch des 6. Jahrhunderts. Erst in der Höhe von +3,70 m NN, also rund 1 m tiefer als die genannte Hauswand, zeichnete sich eine Reihe von Pfostengruben auf einer erhaltenen Gesamtlänge von 8,80 m ab. Das Haus, zu dem diese Pfostenreihe gehört hat, muß in etwa den gleichen Standort wie der Bau von 775 gehabt haben. Es scheint allerdings erheblich älter gewesen zu sein, wie nach Ausweis der Keramikfunde geurteilt werden kann, da die Schicht, in die die Pfosten eingegraben waren, zahlreiche Scherben sächsischer Machart des 4./5. Jahrhunderts enthielt. Entsprechendes galt für die darüber liegenden Auftragsschichten, die auch die Pfostengruben abdeckten.

Siedlungsreste des 8./9. Jahrhunderts wurden bei der Erschließung eines Baugebietes in Großoldendorf entdeckt. In der kleinen Fläche wurden Spuren eines Wohnhauses, zwei Speicherbauten sowie zwei Brunnen dokumentiert. Bei entsprechendem Anlaß wurden ähnliche Befunde in Holtgast freigelegt, sie waren jedoch so schlecht erhalten, daß sich keine konkreten Hinweise auf die Baustruktur ergaben. Der schon genannte Bodeneingriff in die Wurt Nordwerdum ergab zahlreiche Keramikfunde auch des frühen bis späten Mittelalters, woraus zu schließen ist, daß auch solche Schichten zerstört worden sind.

In einer ganzen Anzahl ostfriesischer Ortschaften sind Funde von mittelalterlichen Keramikscherben gemacht und gemeldet worden. Solches trägt jeweils zur Verbesserung der Kenntnis von der Geschichte dieser Dörfer bei und es belegt das Engagement der Bürger, die den unscheinbaren Zeugen der Vergangenheit den ihnen zukommenden Wert beimessen. Stellvertretend sei nur die planmäßige Begehung von Ackerflächen bei Völlen genannt, die auf Privatinitiative hin erfolgte. In diesem Zusammenhang wurden die Denkmalbehörden auf das Schicksal der Eppingaburg aufmerksam. Diese ehemals ostfriesische Grenzburg liegt heute auf emsländischer Seite und ist von einem Papenburger Industriegebiet überplant. Derzeit sieht es so aus, als könnten die Überreste dieser Anlage der Nachwelt erhalten bleiben.

Wie im Vorjahr sind 2002 auch in Emden wieder zahlreiche archäologische Aktivitäten nötig gewesen, da die Sanierung des Abwassersystems in der Altstadt fortgesetzt wurde. So konnte in der Burgstraße auf 69 m Länge die Holzfundamentierung der ehemaligen Bebauung dokumentiert werden. Anscheinend gehören alle Fundamentreste als nördliche Giebel der gleichen Bebauungsphase des spätmittelalterlichen Straßenzuges an. Eine dendrochronologische Datierung der Hölzer gelang trotz der Untersuchung zahlreicher Proben bisher leider nicht. In der Emsstraße wurden ebenfalls zahlreiche Überreste der ehemaligen Bebauung erfaßt, das Spektrum der Befunde reichte von kompletten Hausfundamenten über einen aus Klosterformatziegeln errichteten Unterbau eines Ofen oder Kamins bis hin zu eingegrabenen Fässern und dem sehr gut erhaltenen Skelett einer noch nicht ausgewachsenen Kuh. In der Holzsägerstraße waren die Beobachtungsbedingungen wegen jüngerer Bodeneingriffe sehr eingeschränkt, es wurden nur neuzeitliche Befunde erfaßt. Die Hauptausgrabungsfläche in der Kirchstraße wurde stark verkleinert, gleichzeitig konnte die Finanzierung weiterer Untersuchungen an dieser Stelle sicher gestellt werden. Eine Jahrringdatierung der im Vorjahr freigelegten Balken ergab, daß der letzte Holzbau an der Ecke Kirch- und Schulstraße in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet worden ist. Darunter kamen jetzt die Überreste zweier älterer, abgebrannter Häuser zutage, in einem waren noch die Ansätze einer Innenwand aus Brettern erhalten. Im Südteil der Fläche wurde ein Brunnen entdeckt, der nur mit Wasser vollgelaufen und nicht zugeworfen war. Nur notdürftig mit Klei und Brettern überdeckt ist über ihn jahrzehntelang der Verkehr in der Kirchstraße gerollt. Der Brunnen reicht etwa 4 m tief bis auf ein Niveau von ca. -1,65 m NN hinab und erreicht damit die Basis der Wurt. Die Ausgrabungen in Emden haben wieder unzählige Fundstücke erbracht, darunter erneut Geräte aus Knochen wie Kämme, eine kleine Nadel, einen Knebel mit Einritzungen und sogar eine Flöte.

Weitere einmalige mittelalterliche Befunde wurden in Detern nördlich der Molkerei beim Bau der Umgehungsstraße dokumentiert. Dort wurde der 3,50 m tiefe und bis zu 19 m breite Graben der ehemaligen Schlüsselburg erfaßt, die als Grenzburg den Übergang ins Oldenburgische gesichert hat, in ihrer genauen Lage aber nach wie vor unbekannt ist. In dem südlichen Graben wurden jetzt Rammpfähle und liegende Balken als Überreste der Burgbrücke gefunden, die jedoch nicht auf geradem Weg, sondern erst nach Umrundung eines weiteren Grabenkopfes erreichbar gewesen sein muß. Sehr instruktiv sind in diesem Zusammenhang die Kleinfunde aus der Grabenfüllung, also quasi unter der Brücke: Zum einen ist ein Bootshaken zu nennen, der die Schiffbarkeit des Grabens belegt, zum anderen ein Armbrustbolzen, der am Wehrcharakter der Anlage keinen Zweifel mehr läßt. Weiter wurden ein Löffelbohrerbruchstück als Hinweis auf die Anwesenheit von Handwerkern gefunden, schließlich Scherben von importiertem Steinzeug, die ebenfalls in einer Burganlage erwartbar sind.

 

 

Neuzeit

 

Die zahlreich eingelieferten neuzeitlichen Fundstücke geben Auskunft über die jüngere Vergangenheit. Hervorzuheben ist die Entdeckung von einem Dutzend glasierter, aus dem Rheinland stammenden Tonkugeln auf einem Grundstück am nördlichen Stadtrand von Leer. Sie belegen anscheinend ein dem Boccia nicht unähnliches Gesellschaftsspiel des 16./17. Jahrhunderts. In Norden wurden die Sanierungsarbeiten im Haus Westerstraße 89 archäologisch begleitet. Dabei wurden verschiedene Auftragsschichten erfaßt und Hinweise auf mindestens einen Vorgängerbau gewonnen. Weiter ist die Dokumentation der Überreste eines kleinen Landarbeiterhauses auf einer Gehöftwurt in der Gemarkung Seriem zu nennen, die nötig wurde, weil dort der Campingplatz erweitert werden sollte. Nach der archäologischen Arbeit wurde der Platz mit Sand überdeckt und bleibt damit der Nachwelt erhalten. Schließlich wurde untersucht, was es mit einem großen Findling auf sich hat, der mitten in dem Sanddünengebiet von Hollesand aus dem Boden ragt. Da die Dünen vom Wind geschaffen worden sind, kann er nur von Menschenhand an diesen Platz gelangt sein. Funde von Kronkorken und Staniolpapier in seiner Einbringungsgrube zeigten rasch, daß dies erst im 20. Jahrhundert geschehen sein kann.

 

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