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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2001 |

Fundbericht 2001

Zu Füßen der Großen Kirche in Emden kamen die Grundmauern vergangener Epochen ans Tageslicht.

 

Archäologie in Ostfriesland 2001

 

Nachstehend sind die wichtigsten Ausgrabungen und Funde des Jahres 2001 aufgeführt. Sie sind nach den Zeitstufen gegliedert, die in Ostfriesland folgendermaßen datiert werden: Bronzezeit etwa 2000 bis 800 v. Chr., Eisenzeit etwa 800 v. Chr. bis Chr. Geburt, Römische Kaiserzeit bis etwa 375, Völkerwanderungszeit bis etwa 550, frühes Mittelalter bis 1000, hohes und spätes Mittelalter bis 1500, danach frühe Neuzeit. Steinzeitliche Funde kamen 2001 nur wenige und einzeln zutage, weshalb auf ihre Darstellung verzichtet wird.

 

Die neuen Erkenntnisse zur Landesgeschichte wurden wieder fast ausschließlich auf den Baustellen Ostfrieslands gewonnen. In der Regel wurden vor Beginn von Baumaßnahmen Ausgrabungen angesetzt, wenn nach vorheriger Begutachtung zu erwarten stand, daß sich Funde im Boden erhalten haben. Dies konnte nur in enger Kooperation mit den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden geschehen. Aber auch einzelne Gemeinden oder private Bauträger unterstützten die denkmalpflegerische Arbeit. Besonderer Dank gebührt den Arbeitsämtern, die für verschiedene Projekte die Aufstellung von Grabungsteams ermöglichten. Ohne diese Hilfen wären manche Altertümer aus der Frühzeit Ostfrieslands ohne ausreichende Dokumentation zerstört worden.

 

 

Bronzezeit/Eisenzeit

 

Im Baugebiet „Siedisk“ in Detern wurden zwei größere Flächen dokumentiert. In lockerer Streuung fanden sich spätbronze-/ früheisenzeitliche Pfostengruben, Feuerstellen und Gruben mit zahlreichen Keramikfunden. Reste von Häusern waren wahrscheinlich schon verschwunden, weil das Gebiet ehemals wesentlich stärker durch kleine sandige Anhöhen gekennzeichnet gewesen ist, die seit dem Mittelalter durch die Eingriffe der Menschen immer mehr geschlichtet worden sind. In Hesel, Ldkr. Leer, wurde anläßlich des Neubaues eines Supermarktes ein Kreisgraben von 10 m Durchmesser aufgedeckt. Es scheint sich um die letzten Überreste eines ehemaligen Grabhügels zu handeln. Auf den Hügel zog von Osten eine 35 m lange Reihe von Einzel- und Doppelpfosten zu, die exakt West-Ost ausgerichtet gewesen ist. Damit wird diese Anlage den Befunden aus Westerholt und Wiesens vergleichbar, die als Heiligtümer bzw. Kultanlagen Eingang in die Literatur gefunden haben. Allerdings wurden bisher keine Gräber gefunden; sie sind vielleicht auf der Nachbarparzelle vorhanden, die ebenfalls bebaut werden soll.

In dem geplanten Industriegebiet in Westerholt wurde die Untersuchung des schon im Vorjahr freigelegten Kreisgrabens abgeschlossen. In seinem Umfeld fanden sich eine kleine Pfostensetzung sowie mehrfach Bruchstücke verbrannter menschlicher Knochen, die als letzte Überreste von spätbronze- oder früheisenzeitlichen Gräbern angesehen werden müssen. Im Gewerbegebiet von Westerholt mußte ebenfalls eine weitere Rettungsgrabung stattfinden, bei der im Anschluß an die früher hier aufgedeckten steinzeitlichen Gräber Siedlungsgruben zutage kamen.

 

 

Römische Kaiserzeit / Völkerwanderungszeit

 

In Rorichum kamen zahlreiche Keramikfunde der Römischen Kaiserzeit, des Früh- bis Spätmittelalters sowie der Neuzeit zutage, als am nordöstlichen Ende des Dorfes ein großes Bauernhaus abgerissen wurde. Die Anlage eines kleinen Suchschnittes konnten die Herkunft der Funde nicht abschließend klären. Wahrscheinlich ist bereits zur Vorbereitung des Baugrundes für das nun abgerissene Hofgebäude der Untergrund teilweise abgetragen und eingeebnet worden, wodurch randliche Warftschichten tangiert worden sein müssen, aus denen die Fundstücke herrührten.

Westlich von Westerholt begann die Erschließung des ca. 8 Hektar großen Wohnbaugebietes „An der Mühle“. Schon im Verlauf der östlichen Planstraße kam eine solche Fülle von Befunden zutage, daß eine umfangreiche kaiserzeitliche Siedlung zu erwarten ist. Hierzu zählen in erster Linie Pfostengruben, die z.T. West-Ost gerichteten, jedoch noch nicht vollständig erfaßten Häusern zuzurechnen sind. Weiter sind ein Flachbrunnen sowie zahlreiche Gräbchen, Gruben und eine Ofenanlage zu nennen. Das hohe Fundaufkommen an Keramikscherben ist typisch für die Siedlungsplätze dieser Zeitstufe, besonders größere Gruben enthalten nur grob zerscherbte Gefäße

 

 

Mittelalter / Neuzeit

 

In Backemoor wurde die Flächengrabung im Vorwege der Bebauung südöstlich der Kirche fortgeführt und abgeschlossen. Bei dem schon im Vorjahr entdeckten und nun vollständig erfaßten Grundriß hat es sich um ein 18,00 m langes und maximal 8,50 m breites Gebäude mit leicht gebogenen Längswänden gehandelt, das dem spätmittelalterlichen Haustyp „Gasselte“ zugerechnet werden kann. Die Kanalisationsarbeiten auf der Dorfwarft Eilsum wurden begleitet, dabei wurden an zahlreichen Stellen die Siedlungsschichten, die über die Aufhöhungsphasen der Warft Auskunft geben, dokumentiert. Zahlreich waren die Keramikfunde aus der Zeit um 800 bis zur Neuzeit. Auch ein Daubenfaß wurde ausgegraben. Ungewöhnlich war die Bestattung eines wohl noch jugendlichen Individuums im Verlauf einer heutigen Straße.

Umfangreiche baubegleitende Maßnahmen wurden in Emden nötig, wo anläßlich von Kanalisationsarbeiten nicht nur der fast komplette Grundriß des ehemaligen Hauses Kirchstraße 11, sondern südlich davon eine komplette Häuserflucht zutage kam, die den Standort von wohl drei Gebäuden nebst Überresten ihrer Innenaufteilung und Fußböden erkennen ließ. Nur wenig tiefer begannen sich Reste hölzerner Vorgängerbauten abzuzeichnen, die z.T. schon dem Spätmittelalter zuzurechnen sind. Das umfangreiche Fundgut, darunter hölzerne Löffel, ein Kreisel, ein Knochenkamm, Keramikscherben, bemalte Fliesen u.s.w., gibt Auskunft über das städtische Leben an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Voruntersuchungen in Lütetsburg im Bereich der geplanten Umgehungsstraße wurden abgeschlossen. Die Zahl der dort freigelegten mittelalterlichen Brunnen hat sich auf 15 erhöht, Hinweise auf Wohnbauten wurden nicht gefunden. Sie könnten im höchsten Bereich der Geländekuppe und damit außerhalb des jetzt untersuchten Areals gesucht werden. Die große Anzahl der Brunnen ist vielleicht Ausdruck eines noch nicht identifizierten Gewerbezweiges, der hier mit hohem Wasserbedarf produzierte. Die Anzahl ist angesichts der langen Nutzungsdauer des Platzes allerdings relativiert zu betrachten, denn nach Ausweis der Keramikfunde sind die Menschen hier vom 9. bis zum 13. Jahrhundert anwesend gewesen.

Bei der Anlage eines Teiches in Rahe im Bereich der historischen Tagungsstätte der Friesen, des Upstalsbooms, wurde eine Brandschicht angeschnitten, die auch gebrannte Knochen und Tonscherben enthielt. Bisher ist ungewiß, ob es sich bei diesem Befund um Scheiterhaufenreste frühmittelalterlicher Gräber, um frühmittelalterliche Siedlungs- und Rodungsreste oder um Kochfeuer der Landtage am Upstalsboom gehandelt hat. Ein Zusammenhang mit den frühmittelalterlichen Brandgräbern, die in 80 m Entfernung beim Bau der Upstalsboom-Pyramide im 19. Jahrhundert zu Tage kamen, läßt sich höchstens durch eine zeittypische Randscherbe herstellen. In der Dorfwarft Westeraccum wurden die Untersuchungen im Vorwege der Anlage eines Friedhofes fortgeführt und Standort eines frühmittelalterlichen Hauses entdeckt. U.a. waren dies Reste einer Süd-Nord verlaufenden Flechtwand, die sich auf 5,20 m Länge verfolgen ließ und die bis zu 0,15 m Höhe erhalten war. Bemerkenswert ist die Auffindung größerer Mengen von Schlacke, besonders westlich außerhalb des Hauses sind bisher fast 70 kg davon geborgen worden. Aber außer dem Metallhandwerk scheint an diesem Platz auch die Verarbeitung von Bernstein eine Rolle gespielt zu haben, wie zwei Rohstücke zeigen. Funde von bearbeiteten Knochen runden das Bild der einheimischen Produktion ab, während Importe sich bisher auf Mahlsteinbruchstücke aus rheinischer Basaltlava beschränken.

In Aurich wurden im Marstall des Schlosses baubegleitende Untersuchungen im östlichen Teil des Gebäudes durchgeführt. Dabei wurden zahlreiche Hinweise auf frühere Gebäude entdeckt. Besonders interessant ist, daß der Verlauf des Alten Fahnster Tiefs nachvollzogen werden konnte, und zwar recht exakt dort, wo ihn der frühere Landschaftsdirektor Dr. Ramm bereits vermutet hatte. Auf Baltrum wurde bei einem der ältesten Häuser auf der Insel eine Glasflasche gefunden. Es handelt es sich um eine sog. Rosole, ein Flaschentyp, in dem bis etwa 1820 Eau de Cologne vertrieben worden ist – für die damals noch sehr arme Insel sicher ein bemerkenswerter Fund! Auf Juist wurde am Nordstrand ein frühneuzeitlicher Faßbrunnen entdeckt und dokumentiert. Er zeugt, wie frühere Funde in dieser Gegend, von der ehemaligen Besiedlung, die durch die Verlagerung der Insel aufgegeben werden mußte.

 

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