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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2015 |

Fundbericht 2015

 

Archäologischer Jahresrückblick 2015

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2015, S. 47-57."


 

Archäologische Landesaufnahme und Denkmalpflege

 

Bei zahlreichen Ausgrabungen in Ostfriesland 2015 wurden Metallobjekte gefunden, die in konservatorischer Hinsicht komplexe Anforderungen stellen, insbesondere solche, die aus einem Metallobjekt und zugehörigem Textil bestehen. Hierbei waren umfangreiche, z.T. auch kostenintensive Bearbeitungen durch Restauratoren notwendig. Hinzu kommen neue verbesserte Dokumentationsmethoden, wie z.B. Objektlaserscans. Zu den so dokumentierten und konservierten Stücken zählen z.B. eiserne römische Schuhnägel aus Westerholt, Fibeln aus Upleward und Westerholt, Gürtelschnallen, aber auch ein Helm des 12. Jahrhunderts aus Hollen.

 

Als sehr zeitaufwendig gestaltet sich die Betreuung der sogenannten Metallsondengänger. Neue gesetzliche Maßgaben haben hier zu einem enormen Anstieg an Nachfragen zur Detektorgenehmigung. Zurzeit werden 12 lizenzierte Sondengänger betreut, wodurch ein erheblicher Mehraufwand für die Bewertung, Dokumentation und Konservierung der an die Finder zurückgehenden Funde zu verzeichnen ist.

Im Bereich des ehemaligen Klosters Marienkamp bei Esens wurde ein Grünlandumbruch durchgeführt. Da somit ein fortschreitendes Abpflügen begonnen hat, wurde der aktuelle Zustand des in der Niedersächsischen Denkmalkartei eingetragenen Bodendenkmals überprüft und festgehalten. Zudem wird mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege geprüft, ob eine Rückführung in Grünland möglich ist. Auch andere Bodendenkmäler wurden im Berichtsjahr zerstört oder beeinträchtigt, zumeist durch Umbruch in Ackerflächen oder vorsätzliches Abpflügen, hier sind einige Verfahren noch anhängig.

 

Andererseits ist aber auch deutlich wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung der Vorgeschichte und großes Interesse an Bodendenkmälern zu verspüren. Daher gab es mehrere Veranstaltungen, bei denen Vereine oder Gemeinden über die Möglichkeiten, aktiv an ihren Denkmälern zu forschen informiert wurden. Vermehrt wird an die Archäologen auch die Bitte herangetragen, die Gemeinden bei der Präsentation ihre Vorgeschichte auf Internetseiten zu unterstützen.

 

Bei den Notbergungen vor Baumaßnahmen konnten verstärkt Phosphatanalysen durchgeführt werden. Damit ließen sich Fundstellen eindeutig als Gräberfelder identifizieren, deren Befundsituation sonst nicht für eine klare Ansprache ausgereicht hätte, so z.B. in Westerholt-Terheide.

 

Durch Ostfriesland verlaufen die Transportachsen für den in den Offshore-Windparks gewonnenen Strom. Dieser wird über Trassenkorridore zu den Umspannwerken in Emden-Ost, Diele und Dörpen transportiert. Ostfriesland ist damit eine wesentliche Drehscheibe für die Energiewende. 2015 wurde die Betreuung der Offshore-Stromkabelleitung BorWin 3 abgeschlossen.

 

Im Zuge der Beurteilung des Zustandes der bereits konservierten archäologischen Holzfunde musste ein großer Teil der sowohl mit PEG als auch mit Zucker gefestigten Hölzer aufgrund ihres schlechten Zustandes aus dem bestehenden Magazin entnommen und neu gelagert werden. Auch bei diesen Hölzern werden erneut restauratorische Maßnahmen notwendig.

 

Der Kernaufgabenbereich des Archäologischen Dienstes und des Forschungsinstituts liegt weiterhin in der archäologischen Denkmalpflege, der wissenschaftlichen Dokumentation sowie der Sicherung und Auswertung der Befunde der durch Baumaßnahmen/Bauleitplanung gefährdeten oder zerstörten Fundstellen. Das vergangene archäologische Jahr war durch 77 Aktivitäten geprägt, dies waren im einzelnen 5 Ausgrabungen sowie 28 Prospektionen und 16 Baubegleitungen, 4 Begehungen mit und ohne Metallsonde sowie 21 Einzelmeldungen verteilt über ganz Ostfriesland. In 894 Fällen fand eine Beteiligung am Bauleitverfahren statt. Bei den Verfahren handelt es sich um Bebauungspläne (686), Flächennutzungspläne (56), Bodenabbau (11), Windparks/Windenergieanlagen (70), Trassen und Leitungen (4), Flurbereinigungen (4), Planfeststellungs- und Raumordnungsverfahren (14) und sonstige Verfahren (49).

 

 

Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit

Im Zuge der Erweiterung eines Firmengeländes in Westerholt-Terheide konnte eine mehrphasige Fundstelle dokumentiert werden. Die Fläche grenzt an das 1983 untersuchte bronzezeitliche Heiligtum von Terheide an. Neben Befunden mit Keramikfragmenten und Flintartefakten der neolithischen Trichterbecherkultur fand sich eine Bestattung der spätneolithischen Einzelgrabkultur. Die Grabungsfläche lieferte weiterhin zahlreiche Pfostenspuren von mindestens 20 meist einfachen Vier-, Sechs- oder Achtpfostenbauten. Sie befinden sich konzentriert auf einem kleinen Geländerücken innerhalb der Untersuchungsfläche. Gruben in deren Umfeld enthielten Keramik der älteren bis mittleren Vorrömischen Eisenzeit. Die 14C-Datierung von Getreide aus diesen Befunden lieferte ein Datum von 695-541BC (Ältere Eisenzeit).

Zwei der Hausgrundrisse wurden einer Phosphatuntersuchung unterzogen, deren Ergebnisse auf Totenhäuser hindeuten. Eindeutige Wohnhäuser fehlen. Einige Gruben lieferten stark verschlackte Knochenfragmente (Clinker), die als Rückstände von Leichenverbrennungen zu deuten sind. In einer größeren Grube wurden neben Keramik auch ein Buntmetallring sowie ein natürlich durchlochter Feuerstein, eine Tonperle, eine Bernsteinperle und ein durchlochtes Stück Lavastein gefunden, die offenbar ein kleines Schmuckensemble darstellen. Östlich dieser Strukturen wurde ein Teil eines Grabhügels dokumentiert. Der Hügel war einst von drei Ringen aus relativ dicht stehenden Pfosten eingehegt. Der äußere Durchmesser beträgt gut 12 m. Die Pfostenkreise lassen aufgrund der Befunderhaltung und der Verfärbungen eine Zweiphasigkeit vermuten. Im Osten war offenbar ein schmaler Zugang vorhanden. Etwas dezentral innerhalb des inneren Pfostenkreises wurde ein stark gestörter und fundleerer Grubenrest vorgefunden, der als Grab gedeutet werden darf. Die 14C-Datierung in die Bronzezeit mit 1528 bis 1401 BC schließt eine Gleichzeitigkeit mit dem Heiligtum nicht aus.

Im Frühjahr wurde am Spülsaum der Insel Norderney ein Flintdolch gefunden. Das Stück mit einer Länge von 13,2, einer Breite von 3,8 und einer Dicke von nur 1,0 cm ist allseitig sorgfältig flächig retuschiert und zeigt keine wesentlichen Veränderungen durch Nachschärfungen auf. Nach der dänischen Terminologie handelt es sich um einen Flintdolch vom Typ VIb und damit um einen in Dänemark und im nördlichen Schleswig-Holstein weit verbreiteten Typ, der in einen endneolithisch-frühbronzezeitlichen Kontext gehört.

 

 

Römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit

Im Rahmen einer Prospektion wurden im Areal eines geplanten Neubaugebietes in Utarp Siedlungsbefunde der Römischen Kaiserzeit festgestellt.

Die seit 2001 andauernden Ausgrabungen im Neubaugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden auch 2015 weitergeführt. In der Ausgrabungsfläche überwogen Gruben und Gräben, die Zahl der Häuser und Hausphasen war niedriger als in den anderen ausgegrabenen Arealen.

 

 

Mittelalter

Der archäologische Regionalforscher Theo Mindrup beobachtete den Abriss und Neubau eines Gebäudes in Venneplatz bei Rorichum. Ein reiches Spektrum an Keramik und Baumaterialien hauptsächlich der frühen Neuzeit lag danach zur Beurteilung vor. Im Gegensatz zu der unweit gelegenen und 2011 von Theo Mindrup beobachteten Fundstelle Buschplatz setzt die Besiedlung hier nicht bereits in der Vorrömischen Eisenzeit und Römischen Kaiserzeit ein, sondern erst im frühen Mittelalter.

 

Die Ausgrabungen im Bereich der frühmittelalterlichen Siedlung in Brinkum wurden fortgesetzt. Die Dichte der Bebauung nimmt in diesem westlichen Areal stark ab, so dass der Rand des Weilers vermutlich bald erreicht wird, ausgenommen sind technische Anlagen und Wirtschaftsgebäude. Vor dem Neubau eines auf Bohrkernen errichteten Gebäudes wurde ein flächiges Bohrkataster über das angefragte Areal gezogen.

 

In Loga wurden bei einer Baubegleitung Strukturen einer frühmittelalterlichen Siedlung bestehend aus Gruben, Gräben, zahlreichen Rutenbergen, Speichern und Teilen von Wohngebäuden dokumentiert.

 

Am historischen Steinhaus in Bunderhee wurden während des Abrisses eines Hofgebäudes und der Errichtung einer Parkplatzanlage zahlreiche Befunde entdeckt. Enge Zeitplanungen erlaubten keine flächige Ausgrabung, sondern nur eine Erfassung der Befunde im ersten Planum. Entgegen bisheriger Vorstellungen war das System von Umfassungsgräben um das Steinhaus deutlich komplexer. In Teilen waren ältere Gräben mit Backsteinschutt aus Klosterformatsteinen gefüllt, die möglicherweise Hinweise auf weitere Gebäude aus Backsteinen geben könnten. Die dichte Befundsituation um das Steinhaus herum unterstreicht die Interpretation, dass das eigentliche Siedlungsgeschehen um das Steinhaus herum stattfand und das massive Gebäude ursprünglich weniger einen Wohncharakter hatte. Im Anschluss an die Flächendokumentation wurden die Befunde mit Sand abgedeckt und so für die zukünftige Forschung erhalten.

 

Durch Bohrprofile konnte der Beginn der frühmittelalterlichen Besiedlung sowie die Ausdehnung zweier Brände im hohen und späten Mittelalter im Bereich der Neustädter Straße innerhalb des Walls in Esens dokumentiert werden. Diese Untersuchung zeigt, dass zum einen vor der Zerstörung durch die Pfahlgründungen Informationen gesichert werden können und dass auch aus diesen relativ kleinen Proben datierte und stratifizierte sowie flächige Aussagen zur Siedlungsentwicklung in einem gewissen Rahmen getroffen werden können. Bei einer Baubegleitung für Streifenfundamente in der Osterstraße in Wittmund wurden Siedlungsstraten [?] des Mittelalters angetroffen. Bei Abrissarbeiten im Bereich der Süderkreuzstraße in Leer kamen mittelalterliche und neuzeitliche Siedlungsstrukturen und ein Brunnen zu Tage. Am Hauptstrand von Juist wurde von Urlaubern ein Long-Cross Penny der Herrschaft Heinrich III. (1216-1272) mit der Umschrift HENRICUS REX III und RIC/ARD/ONL/UND (Ricard on London/Richard Münzmeister in London), der somit zwischen 1251 und 1253 geprägt worden ist, gefunden. Durch Oberflächenbegehungen auf dem umgebrochenen Areal des Klosters Marienkamp bei Esens wurden neben Formsteinen, Dachschiefer und mittelalterlicher Keramik durch Sondeneinsatz auch zahlreiche Dachnägel und wenige Buntmetallobjekte geborgen.

 

Für den Neubau eines Hauses im Emder Stadtteil Borssum war ein Bodenaushub notwendig. Das Baugrundstück liegt am nördlichen Randbereich der ursprünglich eine eigene Herrlichkeit bildenden Wurtensiedlung Klein-Borssum. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass an dieser Stelle die Besiedlung zumindest bis in das 11., wahrscheinlich bis in das 9./10. Jahrhundert zurückreicht. Wohl zwischen der Mitte des 12. und der Mitte des 13. Jahrhunderts fanden intensive Erhöhungen des Randbereiches der Wurt statt. Es ging darum, den Siedlungsbereich auf der Wurtenkuppe in der Fläche zu vergrößern. Mit dem Ende des Ausbaus im 13. Jahrhundert sind offenbar auch die Parzellengrenzen festgeschrieben worden.

 

Weitere mittelalterliche und neuzeitliche Siedlungsstrukturen wurden bei Baubegleitungen in Borssum, Bunde, Bunderhee, Dornum, Grotegaste, Oldersum, Timmel, Weener und Wolthusen untersucht und dokumentiert.

 

 

Neuzeit

Bei der Prospektion einer Parzelle am Roten Siel in Emden wurde neben massiven Siedlungsschichten ein Graben angetroffen, der unter anderer neuzeitlicher Keramik einen Bauerntanzkrug mit der Datierung 1587 enthielt. Vor einer Bebauung sind hier weitere Ausgrabungen notwendig. Bei der Aufnahme eines Fußbodens entdeckte ein Bauherr in Greetsiel vor der Türschwelle der Küche einen Topf mit leicht abgesetztem Standboden, Henkel und quer zum Henkel stehender Schneppe. Das Gefäß ist innen hell und außen im oberen Teil grün glasiert. Das als Bauopfer anzusprechende Gefäß entspricht mit einer Datierung in das 17. Jahrhundert jener des Gebäudes, dem man sein Alter aufgrund einer modernen Verklinkerung nicht mehr ansieht. Bei Rohrleitungsarbeiten im Bereich des Georgswalles in Aurich wurde eine neuzeitliche Zisterne angetroffen. Bei einer Baubegleitung wurde das Fundament der neuzeitlichen Ausbauphase des Nordertores in Emden erfasst und dokumentiert.

 

Im Zuge der Sanierung der Uferböschungen der Schlossgracht der Evenburg in Loga konnten einige Fundstücke aus dem Gewässer geborgen werden. Dabei kamen auch einige größere Bruchstücke von Hochofenschlacken zu Tage. Diese wurden auch zur Gestaltung von natürlich wirkenden Fels-, Gebirgs- und Grottenformationen verwendet, Gestaltungselemente in historischen Gärten im norddeutschen Tiefland. Auch im Schlosspark der Evenburg hat es eine Grotte gegeben. Reste lassen sich heute noch im Park südöstlich des Schlosses erkennen. Im Berichtsjahr wurden zwei weitere Standorte von Grotten dieser Art gemeldet, zum einen im Philippsburger Park, zum anderen an der Hauptstraße in Loga.

Bei den im Bereich des Ostflügels der Evenburg durchgeführten Ausgrabungen konnten Mauerzüge aus unterschiedlichen Phasen des Ostflügels sowie der angrenzenden barocken Orangerie erfasst und mit Plänen der Ostfriesischen Landschaftlichen Brandkasse abgeglichen werden.

 

Bei einem Strandspaziergang am westlichen Inselstrand von Borkum fand eine Urlauberin eine große Silbermünze. Es handelt sich um einen im Bistum Regensburg geprägten Guldiner aus dem Jahr 1547. Bereits 1985 wurden auf Borkum 10 silberne Münzen der Prägezeit 1535 bis 1546 gefunden.

 

Erstmals wurden die Grabungstechniker auch zur Dokumentation vonBefunden und Funden des Zweiten Weltkrieges herangezogen, so in Leer und Sandhorst. In der Krummhörn wurde das Profil des Hagenpolderdeiches dokumentiert.

 

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