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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2014 |

Fundbericht 2014

 

Archäologischer Jahresrückblick 2014

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2014, S. 48-55."

 

In diesem Jahr war wiederum eine hohe Anzahl von zu beurteilenden, vor allem aber zu betreuenden Baumaßnahmen aller Art zu verzeichnen, die einen erheblichen Teil der Arbeitskraft in Anspruch nahm. Der fortschreitende Flächenverlust in Ostfriesland spiegelt sich somit auch in der Arbeit der archäologischen Abteilung wider, erstmals jedoch ist seit 2009 kein weiterer Anstieg zu verzeichnen.

Das Gelände um die jungsteinzeitlichen Großsteingräber in Aurich-Tannenhausen wurde durch die Stadt Aurich und das Forschungsinstitut im Berichtsjahr vollständig neugestaltet. In dieser neuen Form ist es für das Publikum seit Mitte des Jahres zugänglich.

 

Der Kernaufgabenbereich des Archäologischen Dienstes und des Forschungsinstituts liegt weiterhin in der archäologischen Denkmalpflege, der wissenschaftlichen Dokumentation sowie Sicherung und Auswertung der Befunde der durch Baumaßnahmen/Bauleitplanung gefährdeten oder zerstörten Fundstellen. Das vergangene archäologische Jahr war durch 28 Ausgrabungen sowie 44 Prospektionen und 23 Baubegleitungen, verteilt über ganz Ostfriesland, geprägt. In 868 Fällen fand eine Beteiligung am Bauleitverfahren statt. Bei den Verfahren handelt es sich um Bebauungs- und Flächennutzungspläne (758), Bodenabbau (24), Flurbereinigungen (4), Planfeststellungsverfahren (18) und sonstige Verfahren (64).

Auch 2014 nahmen zahlreiche Ehrenamtliche und Praktikanten an Ausgrabungen teil. Dabei wurde den Teilnehmern der Beruf des Archäologen bzw. des Grabungstechnikers vermittelt bzw. die Umsetzung von universitärer Ausbildung in ein reales Berufsbild nahe gebracht. 

 

 

Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit

 

Als Folge der Energiewende wurden in den letzten Jahren vermehrt Windenergieanlagen in der Nordsee, sog. Offshore-Windparks  errichtet. Die Anlagen müssen durch lange Kabelleitungen an die bestehenden Stromnetze angeschlossen werden. Beim Abtrag des Oberbodens für den Bau der Überlandleitung DolWin3 wurden südöstlich der Stadt Norden bei Halbemond-Nadörst einige Feuersteinartefakte geborgen. Steinzeitliche Befunde wurden nicht beobachtet. Das Fundspektrum deutet auf einen mesolithischen Rastplatz hin. Die Großsteingrabanlagen in Aurich-Tannenhausen wurden 2014 durch die Stadt Aurich wieder hergerichtet. Den Bauarbeiten gingen archäologische Prospektionen voraus. Durch geophysikalische Messungen wurde deutlich, dass auch nach den Ausgrabungen in den 1960er Jahren die Fundstelle noch vom Sandabbau betroffen wurde. Im Kernbereich sind die Grabanlagen jedoch noch intakt. Der ehrenamtliche Sammler Johann Müller entdeckte bei einer Oberflächenbegehung bei Reepsholt einen bronzezeitlichen Flintdolch. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um eine Grabbeigabe aus einem ehemaligen Grabhügel handelt, der bei der Preußischen Landesaufnahme (zwischen 1877 und 1912) noch im Gelände zu sehen war. Bereits im Vorjahr wurde in einer Sandgrube bei Burhafe eine flächige Untersuchung begonnen. Diese wurden 2014 vorläufig abgeschlossen. Hervorzuheben ist ein durch entsprechende Verfärbungen im anstehenden Sand nachweisbarer Grundriss eines mindestens 20 m langen und auf gut 6 m breit geschätzten, dreischiffigen Gebäudes, das in west-östlicher Richtung ausgerichtet ist. Die gefundene Keramik bestätigt die bereits im Vorjahr angenommene Datierung in den Übergang von der späten Bronze- zur frühen Vorrömischen Eisenzeit. In den Übergang von der Eisenzeit zur Römischen Kaiserzeit datieren dagegen die Keramikfunde aus einem Baugebiet in Stedesdorf. Auch hier wurde ein 19 m langes, dreischiffiges Haus entdeckt, das von Traufgräben umgeben war. Diese sind an den seitlichen Eingängen unterbrochen und stellen den typischen Haustyp dieser Zeit dar.

 

 

Römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit

 

Die seit 2001 andauernden Ausgrabungen im Neubaugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden auch 2014 weitergeführt. Auf Wunsch der Gemeinde wurden hierbei neue Erschließungsstraßen prospektiert. Es zeigt sich, dass sich die Siedlung auch noch weit nach Westen ausdehnte. Aufgrund einer Flurbereinigung in der Nähe von Hatzum wurden durch den Archäologischen Dienst Suchschnitte im Bereich zweier kleiner Wurten durchgeführt. Hierbei wurde eine Brandbestattung in einem Keramikgefäß entdeckt, die anhand einer 14C Datierung in die Römische Kaiserzeit (1.-2. Jahrhundert n. Chr.) datiert.

Dank guter Abstimmung mit dem Erschließungsträger konnte das Neubaugebiet „Ledern Lamp“ in Holtgast im Sommer 2014 bereits vor Beginn der Erschließung archäologisch untersucht werden. Die auf annähernd 1 ha angelegten flächigen Untersuchungen konnten eine mittelalterliche Besiedlung jedoch nicht bestätigen. Dafür wurde auf einem flachen Geländesporn ein Gräberfeld mit 10 Kreisgräben unterschiedlicher Größe freigelegt. Um den größten Hügel konzentrierten sich Befunde, die sowohl Leichenbrand als auch deutliche Holzkohlekonzentrationen aufwiesen. Einzig eine Körperbestattung ließ sich im Befundkomplex klar nachweisen. An der Sohle dieser südwestlich-nordöstlich ausgerichteten Grube wurden Reste eines Leichenschattens beobachtet. Eine Kette aus Glas-, Bernstein-, Quarzkeramik- und Metallperlen, darunter auch Schichtaugen- und Melonenperlen, befand sich vermutlich im Halsbereich der bestatteten Person, die demnach mit dem Kopf im Südwesten lag.

Wiederum bei der Baubegleitung der Energieleitung DolWin3 wurde eine bisher unbekannte Wurt bei Upleward entdeckt. Mit mehreren Bohrprofilen konnte ihre Ausdehnung bestimmt werden. Diese Bohrungen zeigten im unteren Bereich die charakteristischen Wechsellagen von Mist und Klei. Um das Bodendenkmal zu erhalten, wurde in Abstimmung mit der ausführenden Betreiberfirma das Kabel mittels Bohrverfahren etwa vier Meter unter der heutigen Oberfläche verlegt.    

 

 

Mittelalter

 

Bedingt durch sehr rege Bautätigkeiten in ganz Ostfriesland haben 2014 zahlreiche archäologische Maßnahmen zu einem Erkenntnisgewinn über die ländliche Besiedlung besonders im Mittelalter beigetragen:

 

Im Landkreis Aurich wurde in der Nähe von Lütetsburg beim Bau von Windenergieanlagen noch erhaltene Siedlungsschichten in einem Wurtenfuß dokumentiert. Nach der Einebnung der Wurt im Jahr 1974 waren Keramikscherben aus dem 12. und 13. Jahrhundert aufgelesen worden. Durch den Bau der Windanlage konnten nun die basalen Schichten der Wurt auf Grund der aus ihnen geborgenen Muschelgruskeramik in das frühe Mittelalter datiert werden. Bei Lütetsburg-Tidofeld wurden bei der Verlegung der bereits genannten Offshore-Energieleitung fünf Pfostensetzungen und vier Gruben dokumentiert. Sie enthielten Scherben des 12./13. Jahrhunderts. Von hier stammen auch Backsteinfragmente und Keramikfunde des 17. Jahrhunderts, die möglicherweise den bisher unbekannten Standort des Schlosses Tidofeld aus dem Jahr 1614 näher eingrenzen lassen.

Ein bereits 2012 bei der Anlage eines Offshore-Stromkabels entdeckter mittelalterlicher Fundplatz bei Upgant-Schott wurde bei der Anlage des parallelen Kabelstranges DolWin 2 der Tennet GmbH erneut angeschnitten. Es ließ sich nachweisen, dass der Fundplatz aus drei künstlich aufgetragenen Kleiplateaus – in den Niederlanden als Restheem bezeichnet – bestand, die auf einen Moorboden aufgeschüttet wurden. Die ausschließlich aus Fragmenten granitgrusgemagerter Kugeltöpfe bestehenden Funde legen eine Entstehung dieser Plateaus im 11./12. Jahrhundert nahe. Älter sind dagegen bei derselben Maßnahme westlich von Upgant-Schott aus dem Grabenprofil geborgene Muschelgrusscherben, die eine Nutzung des Moores im 9./10. Jahrhundert  belegen.

Nach einem ungenehmigten Bodeneingriff auf der zur Gemarkung Westdorf zählenden Wurt Ostdorf konnten leider keine archäologischen Befunde mehr erkannt werden. Hier zeigte sich der oberste Siedlungshorizont unter einer 30-40 cm mächtigen Humusschicht. Im Abraum fanden sich mittelalterliche und wenige frühneuzeitliche Keramikscherben.

 

Im zentralen Bereich der Stadtwurt Emden wurden bereits 2010 aufgrund eines Neubaus Bohrkerne abgeteuft. Dieser Bau wurde nun im Bereich Ecke Katergang/Zwischen beiden Märkten verwirklicht. In diesem Zuge wurden weitere Bohrungen durchgeführt und sämtliche Bohrkerne ausgewertet. Dieser Bereich der Stadt gehörte nach den Bohrprofilen wohl nicht zum frühmittelalterlichen Stadtkern, sondern wurde erst ab frühestens der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in die Stadtwurt einbezogen. In der Folge wurde dort eine ufernahe Bebauung angelegt.

 

Die von der Nordseeküste kommenden Energieleitungen werden im Bereich Petkum/Ditzum gebündelt. Dort unterqueren sie die Ems. Seit 2008 wurden wiederholt bei Ditzum Siedlungsgruben des frühen Mittelalters entdeckt. Ebenfalls ursprünglich im frühen Mittelalter besiedelt war das Neubaugebiet„Liddenweg“ in Brinkum. Hier wurde ein neuer Abschnitt im Vorfeld archäologisch untersucht. Mit Abschluss dieses Projektes endete auch ein dreijähriges Programm mit Bürgerarbeitern der Samtgemeinde Hesel. 2014 fanden im historischen Siedlungskern der Stadt Leer zwei Ausgrabungen statt. Zunächst konnte in der Nähe des Borromäus-Hospitals in einer Baugrube an der Straße Westerende eine ausgedehnte, fast 25 cm mächtige Brandschicht dokumentiert werden. Sekundär gebrannter Lehmbewurf weist auf ein Brandereignis hin, das nach Ausweis der granitgrusgemagerten Kugeltopfscherben im Mittelalter stattgefunden hat. An der Alten Markstraße, gegenüber der spätmittelalterlichen Harderwykenburg, ist eine große Wohnanlage geplant. Die Baugrube wurde im Vorfeld untersucht, hierbei wurden zahlreiche Befunde vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit entdeckt. Hervorzuheben sind alte Wagenspuren, die annähernd parallel zur heutigen Alten Marktstraße verlaufen. Bei diesem Wegeverlauf handelt es sich sehr wahrscheinlich um Spuren des alten friesischen Heerweges von Münster nach Emden, der bereits seit dem frühen Mittelalter schriftlich belegt ist. Die Funde mehrerer Scherben der Muschelgruskeramik zeigen eine Nutzung dieser Straße schon im 8./9. Jahrhundert.

Eine der aufwendigsten Ausgrabungen des Jahres folgte auf die Entdeckung einer spätmittelalterlichen Burganlage bei Neermoor und musste während der Erschließungsarbeiten für ein Neubaugebiet durchgeführt werden. Die gut 0,3 ha große zur Untersuchung zur Verfügung stehende Fläche zeigt den Burgbereich, der etwa 70 x 70 m groß und von einem 6 bis 7 m breiten Wassergraben umgeben ist. Von dem Graben konnten insgesamt drei Seiten erfasst werden; auf einem benachbarten Acker ließ sich der weitere Grabenverlauf mit Hilfe von Bohrungen nachweisen. Kern der Burg ist ein sogenanntes Steinhaus mit den Maßen 10 x 13 m. Das keramische Fundmaterial umfasst in erster Linie Kugeltöpfe der harten Grauware. Das Ende der Burg lässt sich in die Zeit um 1400 eingrenzen.

Die im Zuge der Neuerschließung des Neubaugebietes „Dick Flint“ in Utgast 2013 begonnen Ausgrabungen wurde auf einer benachbarten Parzelle abgeschlossen. Dabei wurde auf einer Fläche von weiteren fast 600 m² ein Siedlungsplatz des frühen bis späten Mittelalters erfasst. Ungewöhnlich ist wiederum die hohe Anzahl von sechs Brunnen, deren Unterkonstruktionen zum Teil aus Holz gebaut waren.

 

 

Neuzeit

 

Bei der Erneuerung einer Versorgungsleitung wurden in der Altstadt von Emden zwei massive Mauerzüge eines Kanals freigelegt. An beiden Mauern waren noch die Ansätze eines Tonnengewölbes erkennbar. Bei dem Befund handelt sich um die Wasserführung des so genannten Gasthaussiels. Es regulierte einst zusammen mit dem weiter westlich gelegen Neutorsiel den Wasserfluss vom Ratsdelft zum Stadtgraben („Alter Graben“) und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben.

Aufgrund von Renovierungsarbeiten in der Reformierten Kirche in Loga wurde die unter der Kirche befindliche Gruft der Familie von Wedel aus dem 17. Jahrhundert durch die Arbeitsgemeinschaft der „Forschungsstelle Gruft“ geräumt. Abgesehen von zwei kupfernen Sarkophagen ließen sich so gut wie keine Reste von Särgen oder der Toten mehr bergen. Da die Lage des ursprünglichen Eingangs unbekannt war, wurde eines der Tonnengewölbe seitlich geöffnet. Hierbei wurden auch die Schichten unterhalb der Kirche angeschnitten. Die Schichtenfolge konnte im Anschluss durch den Archäologischen Dienst dokumentiert werden. Offensichtlich wurde die Logaer Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert auf den Fundamenten einer älteren Holzkirche errichtet. Dabei wurden wohl auch Bereiche eines älteren Friedhofes mit überbaut. Eine Altersbestimmung der Schichten steht noch aus.

 

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