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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2013 |

Fundbericht 2013

 

Archäologischer Jahresrückblick 2013

 

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2013, S. 52-59."

 

Der Kernaufgabenbereich des Archäologischen Dienstes und des Forschungsinstituts liegt in der archäologischen Denkmalpflege, in der wissenschaftlichen Dokumentation sowie in Sicherung und Auswertung der Befunde der durch Baumaßnahmen/Bauleitplanung gefährdeten oder zerstörten Fundstellen. Das vergangene archäologische Jahr war durch 15 Ausgrabungen sowie 22 Prospektionen und 41 Baubegleitungen, verteilt über ganz Ostfriesland, geprägt. In 900 Fällen fand eine Beteiligung am Bauleitverfahren statt. Bei den Verfahren handelt es sich um Bebauungs- und Flächennutzungspläne (807), Bodenabbau (32), Flurbereinigungen (11), Planfeststellungsverfahren (12) und sonstige Verfahren (38).

Auch 2013 nahmen zahlreiche Ehrenamtliche und Praktikanten an Ausgrabungen teil. Dabei wurde der Beruf des Archäologen bzw. des Grabungstechnikers vermittelt, bzw. die Umsetzung von universitärer Ausbildung in ein reales Berufsbild nahe gebracht.

 

 

Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit

 

Nach einem Herbststurm meldete ein Besucher der Insel Norderney den Fund einer Geweihaxt, die an den Inselstrand angespült worden ist. Solche Objekte datieren oft in einen steinzeitlichen Kontext (Mittel- oder Jungsteinzeit), sie lassen sich allerdings ohne naturwissenschaftliche Untersuchungen nicht näher bestimmen. Ein bronzezeitlicher Baumsarg wurde in der Nähe von Timmel aufgedeckt. Der nur noch als Bodenverfärbung erkennbare Befund enthielt leider keine Beigaben. Siedlungsspuren der Eisenzeit konnten in Hesel, Burhafe, Hage und Stedesdorf dokumentiert werden. In Hesel wurden auf einer Flugsandkuppe die Reste einer ältereisenzeitlichen Siedlung erfasst, darunter ein Wohn-Stall-Haus, wie es sonst nur vom Emsuferwall bekannt ist. In Burhafe-Upstede kamen neben Siedlungsspuren zusätzlich einige Urnen zu Tage. Darunter befand sich ein großes Vorratsgefäß, das eine Zweitverwendung als Bestattungsgefäß fand. Schließlich wurde in Stedesdorf die Erschließung eines Neubaugebietes fortgesetzt. Im gesamten Areal konnten locker gestreute Einzelhöfe der Vorrömischen Eisenzeit mit ein- oder zweiphasiger Bebauung nachgewiesen werden. Wegen der sukzessiven Untersuchung der einzelnen Baugrundstücke wird erst nach Abschluss aller Ausgrabungsflächen ein Gesamtbild vorliegen. Aus Hage meldeten ehrenamtliche Sammler einige Scherben, die sich als eisenzeitlich herausstellten. Überraschender jedoch war der Fund einiger Scherben der Völkerwanderungszeit auf derselben Fundstelle. Die Scherben sind mit Kanneluren und stilisierten solaren und floralen Stempelungen verziert, die dem 4. und 5. Jahrhundert zugeordnet werden können. Möglicherweise ist der Fundkomplex als Hinweis auf eine zerstörte Flachsiedlung zu sehen.

 

 

Römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit

 

Die Ausgrabungen im Neubaugebiet „An der Mühle“ in Westerholt gehören zu den langjährig von der Ostfriesischen Landschaft betreuten Projekten. Die Grabungen haben 2001 begonnen und lieferten seitdem immer wieder überraschende Erkenntnisse aus der Römischen Kaiserzeit. 2013 wurde am Ende einer Grube eine Ansammlung von kleinen eisernen Nägeln in mehreren Ebenen gefunden. Sie könnten entweder zu einem mit Eisennägeln beschlagenen römischen Lederschuh oder einem mit Nägeln verzierten Holzgefäß gehört haben. Die restauratorischen Untersuchungen werden hierzu Aufschluss geben. Eine bisher unbekannte Siedlung der Römischen Kaiserzeit wurde in Utgast beim Bau einer Windenergieanlage erfasst. Über Art und Ausdehnung der Siedlung lassen sich aber in diesem räumlich begrenzten Ausschnitt nur wenige Erkenntnisse gewinnen.

 

 

Mittelalter

 

Zahlreiche archäologische Maßnahmen haben die Informationen zur Besiedlung des ländlichen Raums im Mittelalter verdichtet. Im Landkreis Wittmund wurden die Ausgrabungen im Handwerksareal der frühmittelalterlichen Siedlung Uttel-Hattersum abgeschlossen. Neben den bereits im Vorjahr vorgestellten technischen Anlagen mit Feuereinwirkung in Form von Rinnen und Flächen sowie Schmiedearealen bzw. Schmiedeschlackenabwurf standen Brunnen im Mittelpunkt. Deren Unterbauten waren in je einem Fall aus Teilen einer hölzernen Egge, eines Wagenrades und zwei Schiffsspanten gefertigt.

Im Zuge der Neuerschließung des Neubaugebietes „Dick Flint“ in Utgast wurden im Frühjahr und Sommer 2013 Baggerprospektionen und Ausgrabungen durchgeführt. Dabei wurde auf einer Fläche von fast 4 000 m² ein Siedlungsplatz des frühen bis späten Mittelalters erfasst. Ungewöhnlich ist die hohe Anzahl von 12 Brunnen, deren Unterkonstruktionen ebenfalls aus Holz gebaut waren. Darunter befinden sich Teile einer hölzernen Radfelge, einer Egge, ein Wagenrad mit Nabe und Speichen sowie mehrere umgearbeitete Bauhölzer.

In Holtgast sind bei Prospektionen aufgrund eines geplanten Neubaugebietes in der Flur „Lederne Lampe“ mittelalterliche Siedlungsbefunde festgestellt worden.

In einem geplanten Neubaugebiet in Wallinghausen wurden bei Baubegleitung und Prospektion mittelalterliche und frühneuzeitliche Relikte einer Weidenutzung bestehend aus Unterständen und Brunnen angetroffen.

In Brinkum wurden die Arbeiten in dem geplanten Neubaugebiet im zentralen Bereich der Siedlung abgeschlossen. Der im letzten Jahr dort entdeckte einmalige Komplex von Holzgefäßen wurde mit Hilfe der Gemeinde und der Sparkasse Leer-Wittmund konserviert.

Bei Stapelmoor wurde schließlich eine annähernd viereckige Anlage mit einer äußeren Seitenlänge von gut 50 m in einem Grabungsschnitt erfasst. Massiver Bauschutt in Form von Backsteinen im Klosterformat, Holzkohle sowie vereinzelt Kalkmörtelresten in der unteren Grabenfüllung zeigen, dass es sich offenbar um den ehemaligen Wassergraben eines spätmittelalterlichen Steinhauses handelt. Nach den Keramikfunden ist das Steinhaus im Verlauf des 15. Jahrhunderts, möglicherweise auch erst im 16. Jahrhundert abgebrochen worden.

In Emden und Esens wurden im Rahmen von baubegleitenden Untersuchungen Schichten der mittelalterlichen Besiedlung entdeckt. Ein hochmittelalterlicher Darr- oder Backofen von der ursprünglichen Emder Stadtwurt gibt Hinweise auf handwerkliche Betriebe in der Altstadt. Fragmente importierter rheinischer Keramik sprechen für eine Nutzung im 14. Jahrhundert. In Esens wurden im Baugebiet Falkenhamm zwei einzelne quadratische Gebäude mit Eingrabungen und einem trennenden Graben des beginnenden Frühmittelalters freigelegt. Untersuchungen zur Funktion der Gebäude und möglicher Gründe für die Niederlegung vollständiger Gefäße stehen aus. Im Bereich der Altstadt von Esens wurden erste Untersuchungen zur Stratigraphie einer Stadtparzelle zwischen Schafmarkt und Stadtbefestigung durchgeführt. Die Nutzung und Bebauung des Areals lässt sich dort vom Hochmittelalter bis in die Gegenwart nachvollziehen.

 

 

Neuzeit

 

Die großflächigen Sanierungen der Wasserleitungen sowie die Neugestaltung des ehemaligen Hafenbeckens am Georgswall in der Auricher Altstadt sind durch ein Team des Archäologischen Dienstes baubegleitend untersucht worden. Dabei kamen Teile der ehemaligen Hafenanlage sowie einer Brücke über den Hafen am „Pingelhus“, dem ehemaligen Hafenwärterhaus, zu Tage. Der Hafen entstand zwischen 1798 und 1800 mit dem Bau des Treckfahrtkanals, der eine erste Verbindung zwischen Aurich und Emden herstellte. Etwa um das Jahr 1930 wurden das Hafenbecken und das am Lindenwall (dem heutigen Georgswall) gelegene Kanalteilstück verfüllt. Sehr gut erhalten war das südliche Widerlager der Brücke, die am „Pingelhus“ verlief. Ergänzende Informationen zur Marktstraße lieferte ein ostwestlich verlaufender Graben, der mit Eichenpfählen befestigt war und in das erste Viertel des 18. Jahrhunderts zu datieren ist. Die ursprüngliche Auricher Wallanlage war nur in sehr kleinen Bereichen erhalten geblieben, da das Areal stark überprägt worden ist.

Weniger fundreich als im Vorjahr präsentierte sich eine Untersuchung im Stadtteil Groß-Faldern in Emden. Bei Sanierungsarbeiten an den Schmutz- und Frischwasserleitungen konnten dennoch zahlreiche Metall- und Keramikgegenstände des 16. bis 18. Jahrhunderts geborgen werden. Dazu gehören wiederum Musketenkugeln und Trachtbestandteile sowie viele Keramikfragmente, die aus rheinischen und niederländischen Werkstätten stammen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zahlreiche Tuchplomben, die den regen Handel mit diesem Wirtschaftsgut in dieser Zeit illustrieren. Aus der gleichen Epoche stammen Funde, die bei der Verlegung von Gasrohren zwischen der Abdenastraße über den Emder Stadtgraben zur historischen Wallanlage entdeckt wurden. Hier wurde ein großes Aschepaket dokumentiert, das Pfeifenköpfe und Keramikgegenstände niederländischer und rheinischer Herkunft enthielt. Die Zusammensetzung des Fundspektrums gemeinsam mit Schlachtabfällen und Muschelschalen in Kombination mit dem mächtigen Aschepaket deutet auf eine Anhäufung von Hausabfall hin.

Der beim Kleiabbau in Widdelswehr-Jarßum im Vorjahr entdeckte Stackdeich aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts konnte mit Unterstützung des NIhK und finanzieller Beteiligung des Nds. Ministeriums für Wissenschaft und Kultur sowie zahlreicher weiterer Förderer in einem anderen Bereich untersucht werden. Es wurden genauere Erkenntnisse zu den einzelnen Bauphasen des Stackdeiches gewonnen. Die Herkunft der Hölzer wurde ermittelt: sie stammen aus dem Oslofjord. Darüber hinaus wurde unter dem Stackdeich ein deutlich älterer Ringdeich angetroffen. Diese Deichform geht den geschlossenen Deichlinien des 12. Jahrhunderts voraus. Bei der Archivrecherche im Auricher Staatsarchiv wurden umfangreiche Aktenbestände zum Stackdeich gefunden.

 

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