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Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2012 |

Fundbericht 2012

 

Archäologischer Jahresrückblick 2012

 

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2012, S. 40-45."

 

Die Aufgabenbereiche des Archäologischen Dienstes und des Forschungsinstitutes sind sehr vielfältig. Der Archäologische Dienst widmet sich der Erfassung von Bodendenkmälern, der Bauleitplanung, der Organisation, Durchführung und Überprüfung von Ausgrabungen sowie der Sicherung von Bodendenkmälern. Die Aufgaben der archäologischen Forschung liegen in der Betreuung von Forschungsarbeiten und Examenskandidaten sowie bei der Publikation, Präsentation und Öffentlichkeitsarbeit für Fachwissenschaftler, Schüler und interessierte Laien. Während in den Anfängen des Forschungsinstitutes die Auffindung und flächige Erfassung der Bodendenkmäler als Grundlagenarbeit im Vordergrund stand, verschob sich der Aufgabenbereich stark zur im Denkmalschutzgesetz verankerten Pflichtaufgabe der Bauleitplanung, die einen großen Arbeitsanteil in der Verwaltung und Archivierung darstellt. Daraus resultierend ergaben sich zahlreiche archäologische Ausgrabungen, Prospektionen und baubegleitende Untersuchungen in ganz Ostfriesland.

 

Der Kernaufgabenbereich des Archäologischen Dienstes und des Forschungsinstituts liegt weiterhin in der Archäologischen Denkmalpflege und wissenschaftlichen Dokumentation und der Fundsicherung und Auswertung der Befunde der durch Baumaßnahmen/Bauleitplanung gefährdeten oder zerstörten Fundstellen. Das vergangene archäologische Jahr in Ostfriesland war durch 17 Ausgrabungen sowie 11 Prospektionen, 5 Bohrprospektionen und 22 Baubegleitungen, verteilt über ganz Ostfriesland, geprägt. In 739 Fällen fand eine Beteiligung am Bauleitverfahren statt. Bei den Verfahren handelt es sich um Bebauungs- und Flächennutzungspläne (624), Bodenabbau (37), Flurbereinigungen (16), Planfeststellungsverfahren (18) und sonstige Verfahren (44).

Auch 2012 nahmen zahlreiche Ehrenamtliche und Praktikanten an Ausgrabungen teil. Dabei wurde der Beruf des Archäologen bzw. des Grabungstechnikers vermittelt, bzw. die Umsetzung von universitärer Ausbildung und realem Berufsbild nahe gebracht.

 

 

Steinzeit/Bronzezeit/Eisenzeit

 

Im Umfeld der Stadt Esens wurden in mehreren Neubaugebieten Prospektionen durchgeführt. In Osteraccum und Stedesdorf wurden dabei Siedlungsspuren der Vorrömischen Eisenzeit aufgedeckt. Während die Ausgrabungen in Stedesdorf bereits laufen, werden jene in den anderen Orten 2013 durchgeführt. In Osteraccum ist nicht nur eine eisenzeitliche, sondern auch eine frühmittelalterliche Besiedlung vorhanden.

Die Untersuchungen in Aurich Sandhorst sind nach dreieinhalb Jahren Geländetätigkeit abgeschlossen worden. Auf einem zusammenhängenden Areal von 120 ha wurde eine der größten Flächengrabungen Niedersachsens durchgeführt. Die bisherigen Ergebnisse sind für die Geschichte Nordwestdeutschlands von herausragender Bedeutung: In dieser Siedlungskammer können Einblicke in die Besiedlungsgeschichte von der jüngeren Altsteinzeit (vor rund 15.000 Jahren) bis in die Gegenwart gewonnen werden. Neben einem Rastplatz von Rentierjägern wurden drei Gräber der Jungsteinzeit, ein Grabhügel der Bronzezeit, elf Bestattungen und drei Siedlungen der Vorrömischen Eisenzeit, fünf frühmittelalterliche Weiler sowie einzelne Gehöfte des Hochmittelalters angetroffen. Diese landwirtschaftlich geprägte Besiedlung bildete die Grundlage für eine Siedlungsverdichtung im hohen und späten Mittelalter.

 

 

Römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit

 

Die mit Unterstützung der Samtgemeinde Westerholt seit 2001 kontinuierlich durchgeführten Ausgrabungen im Neubaugebiet „An der Mühle“ wurden fortgesetzt. Im zentralen Bereich der über 4.000 m² umfassenden Fläche der römisch-kaiserzeitlichen Siedlung kam ein Flachgrab zu Tage. Der hölzerne Sarg war im Sandboden noch als Bodenverfärbung zu erkennen. Am östlichen Ende der exakt West-Ost ausgerichteten Grabgrube lag ein fast vollständiges schalenförmiges Gefäß. Es zeigt umlaufende Dellen- und Riefenmuster sowie Bänder aus Rillen und Fingernageleindrücken. Solche Schalen sind für Bestattungen typisch und datieren das Grab in das 4. oder 5. Jahrhundert.

In der Gemarkung Rorichum auf der Gehöftwurt Buschplatz wurde bei einer ungenehmigten Baumaßnahme tief in die Wurt eingegriffen. Hierbei wurden offensichtlich ältere fundführende Schichten angeschnitten. Aus dem Abraum lasen Mitarbeiter der Ostfriesischen Landschaft zahlreiche Keramikscherben auf. Unter den zumeist in die Vorrömische Eisenzeit und Römische Kaiserzeit datierenden Fundstücken sind auch einige Wandungsscherben mit typischer facettenartiger Verzierung, die in die Völkerwanderungszeit datieren. Das 7. und 8. Jahrhundert ist durch die zeittypischen Ränder von Eitöpfen nachweisbar, allerdings fehlt die nachfolgende frühmittelalterliche Muschelgrusware völlig. Dagegen ist das Spätmittelalter in Form von Harter Grauware vertreten. Auf der Wurt Buschplatz scheint somit eine beinahe vollständige Schichtenfolge angeschnitten worden zu sein. Umso bedauerlicher ist, dass diese nicht mit archäologischen Methoden untersucht werden konnte.

 

 

Mittelalter

 

Die Ausgrabungen im Handwerksareal der frühmittelalterlichen Siedlung Uttel-Hattersum wurden fortgesetzt. Der Schwerpunkt der Untersuchungen lag auf den ring- und rinnenartigen Ofenanlagen, deren exakte Ansprache immer noch Rätsel aufgibt.

 

Prospektionen deckten in Stapelmoor den Standort eines bisher unbekannten Steinhauses auf. Von den für Stapelmoor vermuteten sechs Steinhäusern sind vier im Baubestand überprägt erhalten und die beiden obertägig nicht mehr erhaltenen in den Jahren 2010 und 2012 archäologisch nachgewiesen. Das nun aufgedeckte Steinhaus liegt am nördlichen Rand der heutigen Siedlung. Die weiträumige Verteilung und die beachtliche Zahl der Steinhäuser weist auf die große Bedeutung des Ortes im Mittelalter hin.

Die frühmittelalterliche Siedlung von Brinkum wurde weiter untersucht. Besonders hervorzuheben ist der Fund eines Ensembles aus gedrechselten Holzgefäßen auf der Sohle eines ca. 2 m tiefen Brunnens. Um einen komplett erhaltenen Kugeltopf herum lagen verschiedene hölzerne Gefäße: ein kleiner Eimer, ein Trichterpokal sowie mindestens vier Schalen. Es handelt sich damit um den größten bisher in Ostfriesland geborgenen Komplex frühmittelalterlicher Holzgefäße.

  

 

 

Neuzeit

 

Am barocken Anbau des Steinhauses in Bunderhee wurde die Verlegung eines Stromkabels genutzt, um Details der Baugeschichte zu klären. In der Giebelwand ist seit jeher ein gemauerter Bogen sichtbar, dessen ehemalige Funktion nicht erklärbar war. Im Boden zeigte sich darunter ein schmaler Wanddurchlass aus schräg gestellten Backsteinen, darunter fand sich vor der Wand ein gemauertes und innen gefliestes Becken. Die Konstruktion kann wohl als Abtritt bezeichnet werden, der von innen beschickt und von außen geleert werden konnte.

 

Die Ausgrabungsarbeiten in der Festung Leerort lieferten die Lokalisierung und Klärung der Bauweise des 1501 erbauten gräflichen Schlosses sowie Hinweise auf die offenbar in der Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgte vorangegangene Gründung als Hamburger Blockhaus. Sehr umfangreiches Fundmaterial weist auf einen gewissen Luxus am Hofe des ostfriesischen Grafen hin. Pfähle und Balkenroste der Mauerfundamentierung des Schlosses wurden dendrochronologisch untersucht, wodurch sich klar zwei Bauphasen, um 1500 und um 1550, trennen lassen.

  

Die Ausgrabungen in der Dieler Schanze dienten der Überprüfung einer geomagnetisch gemessenen Anomalie auf der Südostbastion. Diese erwies sich in der Ausgrabung als mit Soden ausgesteifte Grube, die entweder als Gefechtsstellung oder als Munitionsdepot diente.

 

Beim Kleiabbau in Widdelswehr-Jarßum am Nordufer der Ems wurde eine hölzerne Struktur entdeckt, die sich als ein auf über 300 m erhaltener Stackdeich aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts herausstellte. Von dieser Deichform aus Erdkörper und vorgestellter senkrechter Palisade ist in Niedersachsen erst ein weiterer, jedoch kaum dokumentierter Befund aus Wilhelmshaven bekannt. Dank guter und enger Zusammenarbeit aller Beteiligten konnte der Deich nicht nur konventionell, sondern auch als Luftbild und terrestrischer Laserscan dokumentiert werden. Große Teile der hölzernen Konstruktion können erhalten werden.

  

Die mit Unterstützung der Reformierten Kirchengemeinde durchgeführten Sanierungsarbeiten in der Neuen Kirchen in Emden wurden im Laufe des Jahres 2012 abgeschlossen. Unter einer mächtigen Schuttschicht der 1944 zerstörten Kirche konnte ein teilweise zusammenhängender Fußboden aus stark fragmentierten Grabplatten des 16. und 17. Jahrhunderts dokumentiert werden. Die Grabsteine waren aus Aachener Blaustein gefertigt und zeigen neben Inschriften auch Familienwappen und die typischen floralen oder maritimen Motive dieser Zeit. Besonders herauszuheben sind die Grabplatten der Emder Familie de Pottere, die in der Kirche bestattet worden ist. Die Grabplattenfragmente wurden geborgen und vorerst zur weiteren Analyse in das Stadtmagazin verbracht.

 

Aus der Blütezeit der Emder Stadtgeschichte stammen zahlreiche Funde aus dem Stadtteil Klein-Faldern. Bei Sanierungsarbeiten an den Schmutz- und Frischwasserleitungen konnten hunderte von Metall- und Keramikgegenstände des 16. bis 18. Jahrhunderts geborgen werden. Dazu gehören Abfälle aus Buntmetallwerkstätten, aber auch Musketenkugeln, Schmuck- und Zieranhänger sowie zahllose Keramikfragmente, die aus rheinischen und niederländischen Werkstätten stammen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zahlreiche Tuchplomben, die den regen Handel mit diesem Wirtschaftsgut in dieser Zeit illustrieren.

 

In der Auricher Altstadt wurden die Sanierungsarbeiten fortgeführt. In der Marktstraße konnten mehrere Torfsodenbrunnen aus dem Übergang zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit geborgen werden. An der Basis eines Brunnes war ein hölzernes Speichenrad als Brunnenring sekundär verwendet worden. Erstmalig gelang im Auricher Stadtgebiet der Nachweis der Vorrömischen Eisenzeit. Im Bereich einer Geestkuppe wurden in einer Grube eine eisenzeitliche Urne sowie ein kleines Beigefäß geborgen. Die Urne enthielt wenige Reste von Leichenbrand. Die Spuren der eisenzeitlichen Besiedlung sind durch die spätere mittelalterliche Bebauung vollständig überprägt.

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