OSTFRIESISCHE LANDSCHAFT - REGIONALVERBAND FÜR KULTUR, WISSENSCHAFT UND BILDUNG
IMPRESSUM | TELEFONZENTRALE: +49 (0)4941 17 99 0
Landschaft von Ostfriesland
Fundbericht 2010 |

Fundbericht 2010

 

Archäologischer Jahresrückblick 2010

von Jan F. Kegler und Sonja König

erschienen in: "Ostfriesische Landschaft, Jahresbericht 2010, S. 33-40."

 

Die archäologische Grundlagenarbeit des Forschungsinstitutes und des Archäologischen Dienstes wird in jedem Jahr durch zahlreiche archäologische Ausgrabungen, Prospektionen und baubegleitende Untersuchungen – sie bilden den Ausgangspunkt für die spätere wissenschaftliche Auswertung – in ganz Ostfriesland bestimmt. Ihre Häufigkeit und Verteilung in der Region lässt sich nicht beeinflussen, sondern wird vom Bauherren und der jeweiligen Bauleitplanung vorgegeben. Der Archäologische Dienst wird im Auftrag und in Zusammenarbeit mit den Unteren Denkmalschutzbehörden den betroffenen bodendenkmalpflegerischen Belangen entsprechend tätig. In Übereinstimmung mit dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz werden so der Schutz, der Erhalt und gegebenenfalls die sachgerechte Dokumentation und Bergung der archäologischen Bodendenkmäler sowie die Inventarisierung und Archivierung der Funde sichergestellt. Entsprechend der Vielfalt der einzelnen Baumaßnahmen sind auch die denkmalpflegerischen Maßnahmen vielgestaltig. So wurden im vergangenen Jahr neben zahlreichen z.T. zeitintensiven baubegleitenden Maßnahmen auch großflächige Ausgrabungen durchgeführt. Die zeitliche Tiefe der untersuchten Bodendenkmäler reicht vom späten Jungpaläolithikum (ca. 14.000 v. Chr.) bis in das 18. nachchristliche Jahrhundert.

 

Im abgelaufenen Jahr wurden 395 Vorgänge im Zuge von Planverfahren hinsichtlich der Belange der archäologischen Denkmalpflege geprüft. 235 Vorgänge betrafen Bebauungs- und Flächennutzungspläne, 46 Stellungnahmen ergingen für Bodenabbauanträge, 14 für Flurbereinigungen, 22 für Planfeststellungsverfahren und 74 für weitere Verfahren (Radwege und Versorgungsleitungen). 4 Vorgänge waren ohne Belang für die archäologische Denkmalpflege und konnten nach der Prüfung zu den Akten genommen werden. Daraus resultierend waren bei elf Bebauungsplanverfahren frühzeitige Bagger- und Bohrprospektionen notwendig (Hesel, Emden, Larrelt, Loga, Nortmoor, Oldendorp, Remels, Sandhorst und Wittmund). Aufgrund der negativen Befundlage oder einer Umplanung aufgrund der hohen Befunddichte ergaben sich aus diesen Untersuchungen bisher keine Ausgrabungen. Eine langfristige und zumeist zeitintensive baubegleitende archäologische Betreuung einschließlich Dokumentationsarbeiten war hingegen auf 27 Baustellen erforderlich (Flurbereinigung am Bagbander Tief, Borkum, Wymeer, Carolinensiel, Driever, Emden (Hof von Holland), Engerhafe (Gemeindehaus), Esens (Herrenwall), Esklum, Extum, Gandersum, Hattersum, Ludwigsdorf (Kloster Ihlow), Jemgum (Sportplatz), Leer (Schillerstraße), Leer (Schulstraße), Leer (Westerende), Loga (Fährstraße), Loga (Mettjeweg), Norden (Am Markt), Potshausen, Remels (Truglandweg), Rhauderfehn, Rorichum, Schirum, Spekendorf, Weener (Gastland).

Großflächige Ausgrabungen waren an 16 Orten notwendig (Böhmerwold, Brinkum, Diele, Leer, Remels, Sandhorst-Abelweg, Sandhorst - B 210, Sandhorst-Osterkamp, Sandhorst –Osterbusch, Nüttermoor, Schirum, Stapelmoor, Trasse Bunde – Etzel, Weener, Westerholt). Das Team des Archäologischen Dienstes wurde dabei zeitgleich von bis zu 40 externen Archäologen, Grabungstechnikern und Grabungshelfern unterstützt.

 

 

Steinzeit / Bronzezeit / Eisenzeit

 

In Sandhorst wurden im Bereich eines Siedlungsareals der vorrömischen Eisenzeit mehrere Feuersteinartefakte gefunden. Sie können anhand von typischen Geschossspitzen der jungpaläolithischen Hamburger Kultur zugewiesen werden. Eine Nachgrabung vor Ort ergab, dass hier Reste einer Fundstelle im anstehenden glazialen Sand angetroffen worden sind, deren genaue Ausdehnung noch untersucht wird. Bisher waren von der Hamburger Kultur nur einzelne Oberflächenfunde aus Berumbur bekannt, somit kann die Fundstelle bei Sandhorst augenblicklich als die älteste „in-situ“-Fundstelle Ostfrieslands bezeichnet werden.

In Loga wurde mit Unterstützung der Grundstücks- und Vermietungsgesellschaft Leer mbH auf einem Flugsandrücken eine Fundstelle wahrscheinlich mesolithischer Altersstellung dokumentiert. In den anstehenden Sand waren Gruben eingetieft, die mit Holzkohle und verbrannten Geröllen verfüllt waren. Erst eine naturwissenschaftliche Analyse wird genauere Auskunft über das Alter der Gruben geben können. Ein überregionaler Vergleich ähnlicher Befundsituationen macht aber eine mittelsteinzeitliche Datierung sehr wahrscheinlich.

Der seltene Nachweis der jungneolithischen Trichterbecherkultur gelang in Nortmoor. Bei Erschließungsarbeiten wurde mit Unterstützung der J. Bünting Beteiligungs AG eine lockere Befundstreuung aufgedeckt. Die Befunde enthielten Bruchstücke eines Gefäßes der Trichterbecherkultur, das in die Zeit um 3.000 v. Chr. datiert. Damit ist für Nortmoor eine in der Nähe gelegene TBK-Siedlung sehr wahrscheinlich. Siedlungen dieser Zeitstellung wurden im gesamten norddeutschen Raum selten aufgefunden.

Am Rande des Dorfteiches von Hollen wurde im Berichtsjahr bei Erdarbeiten eine Felsgesteinaxt gefunden. Bereits 1986 wurde hier bei einer Rettungsgrabung ein Siedlungsplatz des frühen und hohen Mittelalters dokumentiert. Urgeschichtliche Funde wurden seinerzeit nach dem bisherigen Stand der Auswertung nicht gemacht. Das besonders gut erhaltene Stück belegt nun auch eine Besiedlung Hollens während der Bronzezeit.

 

 

Römische Kaiserzeit / Völkerwanderungszeit

 

Im Watt nördlich von Ostbense wurden beim Wattlaufen einige Scherben entdeckt. Bei einer Nachuntersuchung stellte sich heraus, dass eine Siedlungsgrube der römischen Kaiserzeit freigespült worden war, die noch am gleichen Tage von A. Heinze und Mitarbeitern des Museums Leben am Meer in Esens ausgegraben wurde. Sie enthielt Fragmente vier größerer Vorratsgefäße, die sich fast gänzlich wieder zusammensetzen ließen.

Im Neubaugebiet „An der Mühle“ in Westerholt wurden die Arbeiten fortgesetzt und im zentralen Teil der Ausgrabungsfläche bisher noch nicht dokumentierte Bereiche geschlossen. Hier wurden drei nebeneinander liegende Brunnenanlagen untersucht. Ein Brunnen zeichnete sich durch seine massive Bauweise in Form zweier übereinander gesetzter Holzkästen aus. In die Mitte des Brunnens war ein ausgehöhlter Baumstamm als Filter eingesetzt. Das Fundmaterial, darunter Fragmente römischer Gebrauchskeramik, datiert den Brunnen in die römische Kaiserzeit.

Die in Kooperation mit der Grundstücks- und Vermietungsgesellschaft Leer mbH durchgeführten Ausgrabungen im Neubaugebiet Weener Gastland sind 2010 abgeschlossen worden. Westlich der 2008 ausgegrabenen Fläche wurde die Ausgrabungsfläche erweitert und es konnten wiederum Siedlungsreste der älteren römischen Kaiserzeit geborgen werden. Aus der lockeren Befundstreuung sind besonders zwei Speicher hervorzuheben.

 

 

Mittelalter

 

Die 2009 begonnenen Ausgrabungen im Bereich der frühmittelalterlichen Siedlung in Brinkum wurden fortgesetzt. Die im westlichen Bereich des Neubaugebietes abgeschlossenen Untersuchungen haben gezeigt, dass die frühmittelalterliche Bebauung deutlich über den heutigen Ortsrand hinausging und sich großflächig an einem windgeschützten Hang ausdehnte. Neben den üblichen Pfostengebäuden wurde ein Südwest-Nordost ausgerichtetes 20 m langes und 5 m breites Spaltbohlengebäude ausgegraben. Das Gebäude zählt zu einem Haustypus, der bei den Ausgrabungen der letzten Jahre in verschiedenen frühmittelalterlichen Siedlungen Ostfriesland vermehrt angetroffen wurde.

Im Ortskern von Remels wurde in einem Neubaugebiet ein Teil einer frühmittelalterlichen Siedlung ausgegraben. Das Gesamtareal zeigt einen relativ starken Geländeabfall nach Norden. Die angetroffenen Siedlungsstrukturen erstrecken sich ausschließlich auf der Geestkuppe und enden mit dem Beginn des Geländeabfalls. Von den drei freigelegten Gebäuden ist ein Haus des Typs Gasselte B hervorzuheben. Neben einheimischer Keramik wurden auch aus dem Rheinland importierte Gefäße angetroffen.

Die sehr groß dimensionierten Untersuchungen im Vorfeld von Baumaßnahmen in Sandhorst konnten weitergeführt werden. Ca. ein Zehntel der Gesamtfläche steht noch aus, so dass der Abschluss der Geländetätigkeit erst im Jahr 2011 erfolgen wird. Bisher konnten 600.000 m² prospektiert werden. Aus den Erkenntnissen resultierend mussten 133.000 m² ausgegraben werden, die übrige Fläche war ohne archäologischen Befund. Die Ausgrabungsflächen im Jahr 2010 erbrachten Siedlungsstrukturen der Vorrömischen Eisenzeit sowie des frühen und des hohen Mittelalters.

 

Ein im Jahr 2003 zur Restaurierung gegebenes stark korrodiertes Stück Metall aus der Wurt Upleward wurde fertiggestellt. Die zuvor unscheinbare Rostkonkretion zeigt sich nach der mühevollen Arbeit des Restaurators als hervorragend erhaltener Nierendolch. Der 36 cm lange eiserne Dolch weist neben dem hölzernen Griff eine Zierhülse aus Messing mit Inschrift auf. Aufgrund seiner Form gehört der Dolch in die Zeit um 1450. Die ebenfalls restaurierten römisch-kaiserzeitlichen Fundstücke von den Fundstellen Jemgumkloster und Westerholt befinden sich noch zur abschließenden fotografischen und röntgentechnischen Dokumentation in den Restaurierungswerkstätten.

Ein bereits 1989/90 im südöstlichen Uferbereich des Großen Meeres bei Forlitz-Blaukirchen gefundener Schlüssel wurde zur Archivierung übergeben. Bei dem 11,3 cm langen Fundstück aus einer Kupferlegierung handelt es sich um einen Steckschlüssel. Mit einem solchen Schlüssel wurde kein Riegel bewegt, sondern eine Spreizfeder zum Öffnen zusammengedrückt. Aufgrund des gerade stehenden Bartes ist zudem auf eine bekannte Sonderform des Vorhängeschlosses zu schließen. Anhand von Vergleichsfunden ist eine Datierung in das 9. bis 13. Jahrhundert möglich.

 

Im Berichtsjahr wurde die etwa 70 Kilometer lange Erdgaspipeline von Bunde nach Etzel begleitet. Drei Fundstellen des Mittelalters bei Nüttermoor, nahe dem ehemaligen Kloster Thedinga, und bei Böhmerwold wiesen jeweils Gruben und Fundmaterial des ausgehenden Mittelalters auf. Die lückenlose Begleitung der Pipeline-Trasse verdeutlichte nochmals aus denkmalpflegerischer Sicht die großen Zerstörungen der gewachsenen Bodenschichten durch den Tiefumbruch in den Landkreisen Aurich und Wittmund.

 

 

Neuzeit

 

Südlich von Diele befinden sich in der Emsniederung die Dieler Schanzen. Die 1580 errichte Wehranlage ist ein Bestandteil einer ca. 2 km langen Grenzbefestigung zwischen Ostfriesland und dem Münsterland. Nach einer wechselvollen Geschichte und einigen Umbauphasen wurde die Anlage zwischen 1663 und 1672 geschleift. Die Untersuchungen im Berichtsjahr umfassten im Bereich der Hauptschanze sowohl geophysikalische Prospektionen als auch archäologische Ausgrabungen. Die im Kernbereich geomagnetisch nachgewiesenen Gebäudereste wurden als Backsteingebäude identifiziert. Durch die Anlage eines Profils von der zentralen Bebauung ausgehend durch die beiden Verteidigungsgräben nach außen wurden sowohl die Bau- und Nutzungsphasen als auch die Schleifung der Anlage dokumentiert sowie die jeweilige formale Ausprägung der Befestigung geklärt. Der innere der beiden Wassergräben war besonders fundreich. Neben Keramik in größerer Menge wurden Tonpfeifenfragmente, ein Fass- bzw. Eimerboden, Tierknochen, Muschelschalen und eine große Menge Steinobstkerne geborgen. Besonders hervorzuheben sind gut erhaltene Lederschuhe sowie ein intaktes Mörsergeschoss von 30 cm Durchmesser.

Nahe der Fundstelle des Steckschlüssels (s.o.) wurde im flachen Uferbereich des Großen Meeres bei Forlitz-Blaukirchen im Berichtsjahr ein Satz frühneuzeitlicher Zinnteller gefunden. Bei sechs Stücken handelt es sich um flache Teller mit breiter Fahne von 29 bis 41 cm Durchmesser, dazu tritt ein tiefer Teller mit breitem Rand von 16 cm Durchmesser. Die Stücke sind stark korrodiert und lassen im unrestaurierten Zustand keine Marken erkennen. Vor den weiteren Untersuchungen ist eine Datierung in die frühe Neuzeit möglich.

 

Im Stadtgebiet vom Emden wurden jeweils mit Unterstützung der Vorhabenträger Bohrsondagen zur Klärung der stratigraphischen Verhältnisse durchgeführt. Am Katergang wurde für den Neubau eines Gebäudes im Innenstadtbereich ein bodenkundliches Gutachten erstellt. Aus der 6 m langen erbohrten Profilsäule sind grob drei Phasen der Stadtentwicklung abzulesen. Unter einer mächtigen neuzeitlichen Schuttlage folgen die Schichten des Hochmittelalters, die wiederum von den älteren Auftragsschichten der ehemaligen Stadtwurt Emden unterlagert werden. Die Bohrungen im Stadtzentrum von Emden stellen nochmals den unschätzbaren Wert der Schichtenfolge als Bodenarchiv unter Beweis. Im Emder Stadtteil Larrelt wurden ebenfalls zwei Kernbohrungen durchgeführt. Hier konnte eine vollständige, etwa fünf Meter mächtige Schichtenfolge dokumentiert werden, die die vielphasige Entwicklung der Wurt Larrelt mit mehreren Laufhorizonten unterstreicht. Diese Schichtenfolge ist ein archäologisches Denkmal, das unbedingt erhaltenswert ist.

 

zum Seitenanfang
KALENDER
Events